Apokalypse Eis (2):
Kälteschock und Gefrierbrand

Teil 1 gibt es hier.
“Ice” wurde also praktisch ohne unser Zutun in Kanada gedreht. Circa zwei Monate nach Drehende bekamen wir den ersten Rohnschnitt.
Ich gebe es zu: Das fertige Produkt entsprach nicht ganz unseren Erwartungen. Die Effekte rangierten von „okay“ (bei den vereisten Studio-Sets) bis zu „ähem“ (bei digitalem Schneegestöber und einigen Matte Paintings). Kier musste komplett von einem Amerikaner nachsynchronisiert werden, weil sein Akzent dann doch ein wenig zu „blümerant“ (diplomatisch ausgedrückt) für einen Wissenschaftler klang. Wir bezweifelten stark, dass die von den Amerikanern versprochenen 4-5 Millionen Dollar (die ja die Basis unserer prozentualen Beteiligung gebildet hatten) wirklich investiert worden waren.
T
rotzdem fand ich „Ice“ zumindest in der Dramaturgie akzeptabel, und der Film hatte genügend Tempo, um den Zuschauer 90 Minuten lang zu fesseln. Niemand bei ProSieben war wirklich begeistert, aber zumindest konnte man das Produkt auf die Primetime loslassen, ohne sich in Grund und Boden schämen zu müssen. Ich erinnerte in diesen Tagen auch gerne daran, dass das Thema ein interessantes „Was wäre wenn…?“-Szenario darstellte, und allein dadurch genügend Zuschauer anziehen dürfte. Und es war ja keine Alternative, den Streifen im Archiv verschimmeln zu lassen.
Am 29.11.1998 war es dann soweit: Weltpremiere. Soweit ich mich erinnere, war das amerikanische Network, das „Eis – wenn die Welt erfriert“ in Auftrag gegeben hatte, nämlich ebenso skeptisch wie wir, und hatte die Erstausstrahlung verschoben. Damit wurde der Sonntag für uns zur Nagelprobe, auch für die ganze Abteilung: Triumph oder Tragödie?
Ich rechnete mit dem Schlimmsten, um zumindest die Möglichkeit zu einer positiven Überraschung zu haben. Sonderlich beworben hatte ProSieben den Film nicht, und die wenigen Vorabkritiken waren bestenfalls mau gewesen. Ich weiß nicht mehr, wer mich morgens aus dem Bett klingelte, aber im Halbschlaf hörte ich am Telefon irgendwas von „Wir haben die 6 geknackt!“. 6 Prozent? Das war aber eher peinlich. „Ach was – 6 Millionen!“.
Sechs. Millionen. Zuschauer. Es ist heute schwer vorstellbar, was das bedeutet. Aber man führe sich einfach mal vor Augen, dass „Eis“ damit zu den fünf erfolgreichsten Filmen des Jahres 1998 auf ProSieben gehörte – neben „Bodyguard“, „Jurassic Park“, und „Independence Day“. Der kleine kanadische TV-Film mit den Magermilch-Effekten hatte neben den größten Blockbustern der Generation bestanden!
V
erständlicherweise war man beim Sender ekstatisch, auch wenn ich zu bedenken gab: „Bei aller Begeisterung – BESSER wird der Film dadurch trotzdem nicht“. Ich wollte einfach vermeiden, dass „Eis“ zur Meßlatte gemacht wird, was man von einer Koproduktion erwarten kann. Aber am 30.11.1998 wollte sich niemand in die Suppe spucken lassen. Man hatte einen veritablen Sensationserfolg abgeliefert.
In den darauf folgenden Wochen geschah etwas, das ich nie verstehen werden, obwohl ich es immer wieder erlebe: nichts. Man sonnte sich in den Superquoten, aber damit hatte es sich in Unterföhring auch schon. Als von Hollywood gesäugter Filmfreak klopfte ich irgendwann bei meiner Chefin an die Tür und fragte vorsichtig: „Wäre es nicht angebracht, holterdipolter eine Fortsetzung in Auftrag zu geben? Den Schwung müssen wir doch nutzen“. Meine Chefin sah das auch so (sie kam ja schließlich ebenfalls aus dem US-System). Nur waren wir damit ziemlich allein. Jedes Meeting, das wir mit der Chefetage anstrengten, endete mit unverbindlichen „Ja, kann man sicher mal drüber nachdenken“-Floskeln.
Es half auch nicht, dass die US-Ausstrahlung noch ausstand, und die Unterstützung der Amerikaner damit ungewiss war. Ich schrieb in der Zeit schon mal einen allerersten Entwurf, wie wir uns die Story vorstellen konnten: Im direkten Anschluss an den ersten Film stellen unsere Helden fest, dass in der Eiswüste Europas noch Menschen ausharren, denen die Heizmittel und das Essen ausgehen. Robert Drake macht sich mit ein paar Leuten auf den Weg in die weiße Hölle. Arbeitstitel: „Ice 2 – Back into the Cold“. Natürlich hatte meine Entwurf keinerlei Legitimation: Ich war damals kein Drehbuchautor, und niemand hatte mich nach meiner Meinung gefragt. Ich wollte nur etwas in der Hand haben, weil mir ständig die Frage gestellt wurde: „Was soll denn da noch passieren?“
Im Jahr 1999 gab es größere Veränderungen bei ProSieben: Kirch kam erstmals ins Schwanken, Jan Körbelin wurde gegangen, die Budgets der Abteilungen wurden gekürzt – die fetten Jahre waren eindeutig vorbei. Die bis dahin entstandenen Koproduktionen (High Explosive, Boy meets Girl, Seventh Scroll) hatten sich als erfolgreich erwiesen, aber nicht erfolgreich genug, um eine eigene Abteilung zu rechtfertigen. Der Tenor im Haus war: Sowas kann man auch einkaufen. Rückblickend würde ich da nicht einmal widersprechen.
Rola (mittlerweile) Bauer entschied sich, die ganze Abteilung „Internationale Koproduktion“ in eine eigene Firma auszulagern, und auf eigene Verantwortung zu führen. So entstand Tandem Communications, und so bekam ich meinen Job als Entwicklungschef. Man gestattete uns, noch bei ProSieben angedachte Projekte wie „Der Ring der Nibelungen“ und „Der Wüstenplanet“ mitzunehmen, und extern weiter zu entwickeln.
Es verging einige Zeit – wenn ich das richtig nachrechne, ein bis zwei Jahre. Von Anfang an hatte ich auch die Fortsetzung von „Eis“ im Auge behalten. Es erschien mir einfach zu naheliegend, eine etablierte Franchise fortzusetzen, als mit neuen Stoffen wieder bei Null anzufangen. Während uns Alexander/Enright nach Kräften unterstützte, hatte man bei ProSieben genug mit internen Problemen zu kämpfen. Es kam kein Enthusiasmus auf, auch nicht, als „Eis“ in einer Wiederholung erneut sensationelle Einschaltquoten brachte, und damit bewies, dass das Konzept tragfähig war. Irgendwann sprach ich mit Rola über das Thema, und lehnte mich weit aus dem Fenster: „Wenn ProSieben den Film nicht will – dann sollen sie uns das wenigstens schriftlich geben!“. Da der Sender Koproduzent war, konnten wir nämlich mit der Idee nicht einfach zur Konkurrenz stiefeln. Zu unserer Überraschung hatte ProSieben in „Eis 2“ sowenig Vertrauen, dass man nicht nur keine Fortsetzung machen wollte – man reagierte auch nur mit einem müden Kopfnicken, als wir die Franchise vom Sender übertragen bekommen wollten. Man schenkte sie uns quasi. Ich weiß nicht, ob sich jemand bei ProSieben zu einem späteren Zeitpunkt deshalb noch einmal kräftig in den Hintern gebissen hat…
Nächste Station: RTL. Thema „Event-Stoffe“ mit deutschem Aufhänger. Mir war aufgefallen, dass es zwar Dutzende Filme gab, in denen New York zerstört wurde (angefangen mit dem Klassiker „Deluge“ von 1933), aber kaum welche, in denen deutsche Wahrzeichen dran glauben musste. Ich pitchte zwei Ideen: „Entweder sprengen wir das Schloss Neuschwanstein – oder wir legen das Brandenburger Tor in Eis“. Die Reaktion des Kölner Senders war deutlich: „Gib uns das Brandenburger Tor in Eis für den Trailer – und wir haben sechs Millionen Zuschauer“. Wir bekamen einen Entwicklungsvertrag. Ich brachte die Möglichkeit ins Spiel, „Eis 2“ zu produzieren. RTL sah das Potential einer Fortsetzung von „Eis“.

Einig waren wir uns aber darin, dass „Eis 2“ inhaltlich und formell deutlich höherwertiger sein müsse als der Vorgänger. Und das war ein Problem, denn wir konnten nicht versprechen, dass die Macher von „Eis“ in der Lage sein würden, die gehobenen Ansprüche zu erfüllen. Da CBS den Original-TV-Film immer noch nicht ausgestrahlt hatte, sprachen wir bei Alexander/Enright mit der Idee vor, das Konzept auszukaufen, um neue Partner zu suchen. Man war da auch durchaus offen, denn „Ice“ war anscheinend keine glückliche Produktion gewesen. Es sah also danach aus, als würden wir „Eis 2“ mit einer neuen Produktionsfirma (und evtl. MIR als Autor!) umsetzen können.
Bis Alexander/Enright sich die Verträge des Originals ansah.
In den USA haben die Autoren sehr viel Macht, und die Verträge oft genug die Dicke von Telefonbüchern. Dem Kleingedruckten zufolge hatten Bruce und Roderick Taylor eine „first option“, konnten also darauf bestehen, das Skript zu jedweder Fortsetzung selber zu schreiben. Außerdem mussten sie als Produzenten angeheuert werden, was einen hohen sechsstelligen Betrag verschlungen hätte. So oder so: „Eis 2“ wäre teurer als das Original geworden, ohne jegliche Aussicht, auch besser zu werden. Ziemlich kleinlaut liefen Rola und ich wieder bei RTL auf, und gestanden die Probleme: Ob es auch möglich wäre, den Film mit einer etwas abgewandelten Story (basierend auf meiner Idee mit dem Brandenburger Tor) zu drehen, und einen anderen Titel als „Eis 2“ zu verwenden? Wir rechneten damit, hochkant aus dem Gebäude geworfen zu werden, denn nur als direkte Fortsetzung konnte „Eis 2“ ja auf dem Erfolg des Originals aufbauen. Doch zu unserer Überraschung zeigte man sich in Köln lässig: „Ist uns egal, wie der Film letztlich heißt – wir finden ja das Konzept spannend“. Die Absprachen blieben also gültig.
Einwurf: Man mag kritisieren, dass ein Sender einen Film in Entwicklung gibt, von dem es nur eine einzige Szene gibt (das Brandenburger Tor in Eis). Aber das ist nicht ungewöhnlich, handelt es sich dabei doch um ein sogenanntes „key visual“. Diese „Schlüsselszene“ kommt auf die Poster, in die Trailer, und als Premium-Bild auch in die Pressemappe. Es ist die Szene, über die man schreiben wird, über die Leute reden sollen – und die letztlich den Zuschauer zum Film lockt. Eine Szene, die überrascht, vielleicht entsetzt, auf jeden Fall neugierig macht. Das war bei „Inferno – Flammen über Berlin“ der brennende Fernsehturm, bei „Harry & Sally“ war es die Szene mit dem Restaurant-Orgasmus, und in „American Pie“ der titelgebende Gag mit dem Apfelkuchen. Das heißt NICHT, dass dem Sender oder der Produktionsfirma der Rest des Films wurscht ist. Im Gegenteil: Je stärker das „key visual“, desto stärker muss auch die umgebende Story sein (was nicht immer gelingt). Aber es sei auch mal als Tipp für angehende Autoren bemerkt: Ein spektakuläres „key visual“ kann ein richtig guter Türöffner beim Sender sein.
Zurück zum Projekt: Wir waren also einen guten Schritt voran gekommen – und doch standen wir wieder bei null. Wir hatten einen Deal mit RTL in Vorbereitung über einen Katastrophen- Thriller, der nun aber KEINE (auch nur oberflächliche) Ähnlichkeit mit „Eis“ haben durfte. Wir wollten von den Amerikanern ja nicht in Grund und Boden geklagt werden. Also bekam ich den Auftrag, mir eine neue Geschichte auszudenken, neue Produktionspartner zu finden, und irgendwie dafür zu sorgen, dass der ganze Schmodder auch ohne amerikanisches Network finanzierbar blieb.
Das waren gleich drei Wünsche auf einmal.
Aus Robert Drake wurde Tom Parker, aus „Eis 2“ wurde „Apokalypse Berlin“ – und aus Torsten Dewi wurde ein Drehbuchautor.
ENDE TEIL 2