14
August 2007

Lotta in Love - Eine Story mit Folgen III

Lotta (c) ProSiebenHINWEIS: ERST DIE VORHERIGEN TEILE LESEN!

Weiter im Text: Den Sommer über ging es also nicht nur darum, ein Konzept zu erstellen, dem der Sender ein Produktionsbudget zugestand, sondern es musste auch eine Hauptdarstellerin gefunden werden. Die Ansprüche sind nicht gering, denn Telenovelas sind für die Hauptdarstellerin noch mal deutlich schwerer als normale Soaps – schließlich muss die Heldin in den allermeisten Szenen auftreten. Musikalische Begabung war außerdem ein Plus, denn die Musik der Serie sollte ja vermarktet werden.

Also schrieb ich ein paar Szenen, die den Charakter von „Lena“ und von „Isi“ deutlich machten, und in einem Studio in München wurden mehrere Dutzend hoffnungsvoller Darstellerinnen getestet. Ich darf keine Namen nennen, aber alles, was damals aus Soap- und DSDS-Kreisen verfügbar war, versuchte sich an dieser Rolle. Auch so ziemlich alle aktuellen Pop-Sternchen (die man nicht unterschätzen sollte). Einige waren gut, einige grausam schlecht – und manche schlicht und ergreifend ungeeignet für das, was wir suchten. Es gab ein, zwei Kandidatinnen, die wir zumindest mit „gut“ bewerten konnten, aber umgehauen hatte uns niemand.

Bis Janin Reinhardt kam.

Lotta (c) ProSiebenIhr Casting-Band war geradezu erschreckend perfekt, sie hatte beide Figuren bis ins Detail getroffen. Es war einer der seltenen Momente, in denen sich Sender, Produktionsfirma und Autor einig waren – Janin passte. Die Produktion heuerte noch eine Trainerin an, um Janins Gesangs- und Tanzkünste in wenigen Wochen auf Vordermann zu bringen. Wie toll das klappte, kann jeder bei der Konzert-Szene in der ersten Episode sehen. Ich war begeistert.

Weil die Frage manchmal gestellt wird: Ja, Janin hat in der Serie selber gesungen. Und die Band-Mitglieder konnten auch ihre Instrumente selber spielen. Was man in der Serie hört (etwa, wenn die Band im Probenraum übt), wurde nicht am Set aufgenommen, sondern professionell im Studio.

Janin kam allerdings mit bösem Ballast: Wir erfuhren vergleichs- weise spät, dass sie gerade für SAT.1 eine Sketch-Comedy namens "Paare" abgedreht hatte. Sollte die Serie erfolgreich sein, hatte sie eine vertragliche Verpflichtung, auch die zweite Staffel zu drehen. Das bedeutete: Unsere Hauptdarstellerin konnte nach sechs Monaten für zwei Monate komplett ausfallen!

Auch hier kann man schön sehen, wie Karma arbeitet, und warum man sich nicht immer im Vorfeld verrückt machen muss: "Paare" war kein Erfolg, es gab demnach keine zweite Staffel. "Lotta in Love" lief aber selber so schlecht, dass Janin selbst für den Fall der Fälle im August wieder frei gewesen wäre. Viel Rauch um nichts. Aber das konnten wir Ende 2005 natürlich nicht wissen.

Mit dem neuen, eher auf klassische Telenovela gestrickten Konzept mussten wir dann zu ProSieben. Hier ging es nicht mehr nur darum, den Senderchef zu überzeugen (damals noch Dejan Jocic), sondern gleich um die Konzernspitze. Wir saßen also Guillaume de Posch persönlich im edlen Konferenzsaal von ProSieben gegenüber (man kommt sich dort vor wie auf der Enterprise). Christian hatte ein paar Modelle der Sets bauen lassen, die zeigen sollten, dass „Lena“ auch optisch was hermachen würde.

Es war wie ein Verhör, das nach außen wie ein Gespräch wirkte – jedes Wort konnte falsch sein, jeder Nebensatz das Aus für die Serie bedeuten. Schließlich ging es um ein zweistelliges Millioneninvestment. Wir verkauften uns so gut wie möglich, und abschließend sagte ich: „Wir können nichts garantieren – außer der Tatsache, dass wir 110 Prozent geben werden.“

Wir bekamen das Greenlight für die Produktion.

Und damit sollte meine Beteiligung an „Lena“ eigentlich enden. Eigentlich. Leider arbeiteten mittlerweile so viele Firmen an so vielen neuen Telenovela-Konzepten, dass praktisch alle brauchbaren Autoren und Headwriter vom Markt waren. Eine Dramaturgin, die den Job übernehmen sollte, wurde nach nur einer Woche gefeuert, weil sie der Serie ihren Stempel aufdrücken wollte – und mal eben alles über Bord warf, was wir in monatelanger Kleinarbeit ausgefummelt hatten. Besonders hübsch: Mein Humor, der ProSieben von Anfang an so gut gefallen hatte, war in ihren Augen „bei einem täglichen Format gar nicht umsetzbar“. Mit solchen Sprüchen kann man kein Land gewinnen. Ihre Fassung eines Pilot-Drehbuchs war dann auch unter aller Würde.

In der Zwischenzeit gab es noch andere, mehr obskure als wirklich dramatische Probleme: Der Name „Lena“ war für den Titel nicht verwendbar, weil von einem Verlag geschützt. Man hätte die Figur „Lena“ nennen dürfen, aber den Namen nicht im Serientitel. Mir war das ganz recht, denn ich wollte sowieso lieber was in Richtung „Zwei von ganzem Herzen“ oder so. Traditionell müssen Schmachtfetzen-Protagonistinnen im Idealfall einfache, zweisilbige Namen ohne harte Konsonanten haben: Diana, Lena, Sarah, Anna, Bianca, Julia, Lisa, Susan, etc. – es war Aufgabe einer Namensfindungs-Agentur, das zu klären.

Der nächste Headautor wurde angeheuert. Auch er war der Meinung, wir hätten bisher so ziemlich alles falsch gemacht, und er konstruierte die ganze Geschichte von Grund auf neu. Aus Berlin kamen ein paar Dramaturgen dazu, die auch die ersten Bücher schreiben sollten. Bei ProSieben stand man gewaltig unter Druck, und ließ ihn erstmal gewähren. Er produzierte mit seinen Leuten die ersten drei Skript-Blöcke (fünf Folgen, die jeweils eine Sendewoche umfassen), und obwohl der Sender die Bücher abnahm, wurde schnell hinter den Kulissen gemunkelt, dass man sich massiv in eine Sackgasse schreibe, und die Serie auch überhaupt keinen Charme besitze.

Ich selber hatte mit diesem Headautor ein amüsantes Erlebnis. Er rief mich morgens um neun Uhr an, sagte nicht „Hallo“, stellte sich nicht vor, sondern begann gleich damit, mir zu erzählen, warum von meinem Konzept nun wirklich gar nichts umsetzbar sei. Ich gähnte ein wenig, und erklärte dem guten Mann, er möge mir verzeihen – als Nachtarbeiter sei es noch arg früh für mich, und er möge doch später noch mal anrufen. Auf die Idee, sich zu entschuldigen, kam er nicht, rief aber eine Stunde später noch mal an. Wieder erklärte er mir, ich müsse das alles noch mal neu strukturieren, und ich erklärte ihm freundlich, aber bestimmt, dass der Sender mein Konzept abgesegnet habe, und kaum glücklich sein würde, wenn das alles in Frage gestellt werde. Der Headautor ließ mich in triefend-herablassendem Ton wissen, dass er mich das Konzept so lange umschreiben lassen würde, bis ER es für richtig halte. Ich ließ ihn im Austausch dafür wissen, dass er mich mal ganz herzlich kreuzweise könne – und legte auf. Das war es, was ich in Teil 2 meiner Erzählung mit dem Begriff „freier“ Autor meinte – und warum ich diesen Status wirklich genieße.

Es dauerte ungefähr vier Wochen im Herbst 2005, bis auch Sender und Produktionsfirma einsahen, dass der vielgepriesene Headautor nur Unsinn fabrizierte. Ich bekam einen Anruf, der vielleicht erpresserisch klingt, aber angesichts der damaligen Situation durchaus nachvollziehbar ist: „Wenn du nicht wieder an Bord kommst, müssen wir das ganze Projekt kippen“. Ich wartete bei der Produktionsfirma in der Küche, bis man den aktuellen Headautor im Konferenzraum gefeuert hatte. Persönlich gesehen habe ich ihn nie.

In der Küche traf ich auch Daniela, die als Producerin das Projekt betreuen sollte, und die Rat Pack gerne auch als Storychefin wollte. Mit ihr kam ich spontan hervorragend klar, und mit ihr im Tandem konnte ich mir auch vorstellen, die Serie zumindest in der Anfangszeit zu stemmen.

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, war ich Headwriter und Story Editor meiner eigenen Telenovela – ein Job, den ich nie haben wollte. Aber es ging auf Dezember zu, im Februar sollte gedreht werden, und es war eine dieser „alles oder nichts“- Situationen. Ich mag vieles sein – ein Kneifer bin ich nicht.

Kein Kneifer zu sein, habe ich die folgenden acht Wochen so manches mal bereut. Die Drehbücher, die das Team des alten Headautors hatte entwickeln lassen, waren komplett unbrauchbar. Sie waren nicht nur schlecht geschrieben, sondern führten auch dramaturgisch nirgendwo hin. Mit dem hier präsentierten Potential wäre die Serie spätestens in Folge 30 zu Ende gewesen. Und die gesamte Backstory der Figuren passte überhaupt nicht mehr. Ich teilte Sender und Produktionsfirma mit, noch mal zum ursprünglichen Konzept zurückkehren zu müssen. Das wurde mit einer gewissen Erleichterung durchgewunken – man war offensichtlich mit der neuen Ausrichtung auch nicht glücklich gewesen. Allerdings erhöhte sich damit der Druck: Es mussten in sechs Wochen fast 40 Skripts von null zur Produktionsreife gebracht werden. Und Figuren, für die schon Darsteller angeheuert worden waren, konnte man auch nicht mehr rausnehmen.

Warum eigentlich der Druck, warum die Eile? Nun, 2006 war das Jahr der WM, und ProSieben hatte nur zwei Möglichkeiten: früh genug vor der WM einsteigen, um das Publikum so sehr an die Serie zu gewöhnen, dass es nach der WM wiederkam – oder bis nach der WM mit der Premiere warten. Da aber allerorten an neuen Telenovelas gearbeitet wurde, entschied sich ProSieben (korrekterweise, wie ich damals fand), auf Teufel komm raus am Sendestart im Frühjahr festzuhalten.

Kleine Zwischenbemerkung: Es gibt keinen Grund, jetzt zu denken: „Boah, läuft das alles scheiße und verquer ab!“. Gerade bei so aufwändigen und täglichen Formaten ist das eigentlich die Norm. Es müsse ALLE Abteilungen zufrieden gestellt werden (nicht zuletzt Marketing und Merchandising), keiner will sich eine Blöße geben, und alle arbeiten sehr stark „nach Schnauze“. „Lena“ war eine vergleichsweise normale Produktion. Es geht viel schlimmer.

Es klingt nach Melodrama, aber den Jahreswechsel 2005/06 verbrachte ich im tiefsten Schnee in einem kleinen Konferenzraum über der Kantine des Bavaria-Geländes. Mit den Dramaturgen zusammen arbeiteten wir gewöhnlich bis drei Uhr nachts, und der Hausmeister brachte ab und an einen Bottich Suppe, damit wir nicht zusammen klappten. Es waren die sechs härtesten Arbeitswochen meines Lebens, aber gerade die Intensität machte es leichter, den Fokus zu bewahren. Wir kamen wirklich voran.

Lotta SetImmer wieder gab es auch interessante Abwechslungen: Eine erste Konferenz mit allen Darstellern der Serie, oder die Begehung der Sets, die sich gerade im Aufbau befanden. Ich glaube, es war in der großen Halle 7 (in der derzeit „Karl Valentin“ gedreht wird), in der ich erstmals das Gefühl hatte: „Die machen das echt – die drehen meine Serie!“. Bis dahin hatte ich es immer für eine Fata Morgana gehalten, einen Traum, aus dem ich schweißgebadet irgendwann aufwachen würde...

Lesen Sie morgen: Die Kampagne geht los. Da ist Musik drin. Wie zum Teufel sieht ein Telenovela-Drehbuch aus?

Trackback-URL 11 Kommentare
  1. 1
    Luk@s

    Toll geschrieben - ich freue mich schon auf die nächsten Teile!

  2. 2
    Tyler

    Und was macht ein Headautor jetzt? Und wofür sind "Dramaturgen"?

  3. 3
    Christian H.

    Äußerst interessante Berichte. Spannend zu erfahren durch welche Höhen und Tiefen man als Autor gehen muss um "sein Baby" dann endlich entstehen zu sehen. Oder es in andere Hände zu geben und es dann verhunzen zu lassen...

  4. 4
    Torsten

    @ Tyler: Nicht so ungeduldig...

  5. 5
    Samira

    Ich hoffe das ist nicht indiskret gefragt, aber was hat dieser unmanierliche Headautor genau kritisiert? Ich meine, man kann doch nicht von einem von zig qualifizierten Leuten abgesegnetes Konzept sagen das alles Müll ist und von Grund auf verändern wollen. Vor allem doch nicht bei Hochdruck-Produktionsbedingungen.
    Und in welche Richtung ist/wollte er denn gegangen/gehen?

  6. 6
    Torsten

    @ Samira: Im Detail verläßt mich da auch die Erinnerung, aber er war der Meinung, dass die ganze Backstory (also der Grund, warum sich Alex und Lotta so ähnlich sind) nicht funktioniert, und wollte daraus mehr ein Murder Mystery machen. Das konnte aber nicht klappen, weil: Dadurch hätten sowohl Lottas Eltern als auch Alex' Mutter wissen müssen, dass die beiden Mädchen Schwestern sind. Und es gab keinen glaubwürdigen Grund, das nicht auszuplaudern. Aber soweit wollte Mr. Super-Headautor dann nicht denken - und spätestens bei Epsiode 20 hätte es massive Plausibilitätsprobleme gegeben. Mein Hauptproblem mit dem Mann war aber eher seine ganze Attitüde - der hatte selber nie wirklich was gelernt, wollte aber einen auf ganz dicke Hose machen. Und auf sowas reagiere ich ziemlich allergisch - war ja nicht so, als hätten die Sender SEIN grandioses Telenovela-Konzept gekauft...

  7. 7
    comicfreak

    @ Samira

    ..du glaubst ja gar nicht, wie viel herablassende Arroganz man braucht, um vom zur Schnecke gemachten Kunden richtig Kohle hinten rein geschoben zu bekommen..

    Deshalb habe ich auch noch keine Finca auf Mallorca, ich verströme nicht genug halbgöttliche Herablassung.

    Daher ist es dreifach schön mal zu lesen, dass die Tour nicht immer funktioniert.

    *diebisch_freu*

  8. 8
    Torsten

    Addendum: Der Mann wirbt heute noch damit, dass er "Lotta"-Headautor war - obwohl er schon vor Drehbeginn nach nur zwei Wochen abgeschossen wurde. Wer's nötig hat...

  9. 9
    Samira

    Danke für die rasche Info! :)
    Was mich so irritiert (deshalb das Nachhaken) ist die Tatsache dass jemand Qualifiziertes (also kein prätentiöser Kunde ohne Fachkenntnisse aber mit umso mehr Allmachtsphantasien) sich eher von seinen Eitelkeiten als von bestehenden Fakten wie Kohärenz und Plausibilität leiten lässt und das ganze dann auch noch mit dem Wörtchen „Head“ begründet.
    Damit zu werben ist dann auch nur noch symptomatisch für seine Arbeitseinstellung.

    (Außerdem ärgert mich der mangelnde Respekt vor der (kreativen) Arbeit eines anderen. So. Wollt ich noch gesagt wissen.)

    @comicfreak
    Andere haben wohl diese Arroganz auch nicht entwickelt und resignieren: http://www.beichthaus.com/index.php?h=index&c=00022320

    Bin seeeehr Gespannt auf morgen. :)

  10. 10
    comicfreak

    *rofl*

    @ Samira

    ..also, ich achte immer darauf, dass unsere Kunden gute Arbeit für gutes Geld erhalten.

    Was mich stört sind die Clowns, die noch vielvielviel mehr Geld für unsinnige, hässliche und einfach grottenschlechte Arbeit bekommen.

    Beispiel:
    Kunde hat eine Annonce im Hochformat 12cm Höhe x 4,5cm Breite gekauft.
    Sein Logo ist ein einzeiliger Schriftzug mit 34 Zeichen.
    Der Satz darf KEINESFALLS hochkant in die Annonce oder auf mehrere Zeilen getrennt werden, weil das CorporateIdentity-Skript, für das 12.000.-Euro beim Schicki-Micky-Grafiker hingeblättert wurden, das so vorschreibt!
    Fazit: Schrifthöhe anschlißend unter 3mm.

    *gnarf* *Tischkante_zernag*

  11. 11
    Exverlobter

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2654592/Markus-Lanz-vom-18.-Februar-2016#/beitrag/video/2654592/Markus-Lanz-vom-18.-Februar-2016

    Falls es den Wortvogel interessiert. Janin Reinhardt vor ein paar Tagen bei Markus Lanz und spricht auch kurz über Lotta.

Kommentar

Name und eMail-Adresse werden benötigt (die eMail-Adresse wird nicht angezeigt), die URL ist optional.

>