Der Mann, der die 70er war
Ich habe mich schon öfter zu den 70er und 80er Jahren geäußert. Es waren meine prägenden Jahrzehnte, Kindheit und Jugend, Bildung und erste Liebe, Elternhaus und Emanzipation. Auch wenn ich die Zeit stilistisch für fragwürdig erachte, erliege ich mit zunehmendem Alter der Versuchung, die Erinnerungen zu vergolden.
Würde ich es in Worte fassen, klänge es nach Phrasen und Klischees.
Wir hatten weniger, aber wir haben es zu schätzen gewusst. Es gab mehr Respekt, Transparenz, Spielraum zwischen den Meinungen, Gesetzen, und Lebenseinstellungen. Die Rollen klarer verteilt, die Wege erkennbarer. Weniger Stress mit der Vergangenheit, weniger Angst vor der Zukunft. Eine Zeit, in der viel umgekrempelt wurde, in der Wandel noch breite Diskussionen auslöste. Das Land als Ozeanriese, der sich nur langsam drehte. Aber er drehte sich. Für alle. Sentimentale Filme, sentimentale Lieder, Sehnsucht nach Nähe, nach Ferne, nach laut und nach leise.
Ja, alles Phrasen und Klischees. Damals noch nicht so ausgelutscht, immerhin.
Aus diesem Grund gehe ich das Thema heute anders an. Sprechen wir nicht über die 70er und 80er allgemein und unverbindlich, sondern über "Mr. 70er und 80er" himself – Udo Jürgens. Ein Schlagersänger, der den Schlager transzendierte. Ein Alphamännchen im ständigen Konflikt mit sich selbst. Der Chronist seiner Ära und ihres Lebensgefühls wie kein Zweiter. Außer vielleicht Suhlke.
Ich habe darüber nachgedacht, wer ein amerikanisches Äquivalent zu Udo Jürgens sein könnte. Barry Manilow? Ja, das Drama und das Pathos kommen hin, aber Manilow war nie ein Alphamännchen. Letztlich fällt mir nur der hier ein:
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Wer von den Nachgeborenen ernsthaft interessiert ist, das (klein)bürgerliche Deutschland zu verstehen, sollte sich in die Musik von Udo Jürgens einhören. Seine Songs sagen viel über unsere Befindlichkeiten. Sie sind Erinnerungen an oft nicht mal selbst erlebte, aber doch sattsam vertraute Zustände.
Kommt mit auf eine musikalische Zeitreise. Wieder so eine Phrase.
Zur Einordnung: Schon die frühen Erfolge von Udo Jürgens punkteten in der deutschen Schlagerszene, obwohl sie klar dem französischen Chanson verwandt waren. Man mag den Grand Prix-Siegersong "Mercie Chérie" für suppig und sentimental halten, aber er ist bereits "vintage Jürgens": der dominierende Mann, der sich für seine Fehler entschuldigt, ohne sich von ihnen freizusprechen oder gar Besserung zu geloben. Es schmerzt ihn, aber er ist halt, wie er ist:
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Auch die Vorliebe von Jürgens (und den Männern dieser Zeit – siehe Schulmädchen-Report und David Hamilton) für unangemessen junge Frauen war kein Geheimnis – aber wahrlich, musikalisch ist das eine Hymne, die gerechtfertigterweise in das "deutsche Songbook" Einzug gefunden hat:
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Es klingt widersprüchlich, aber auch das ist ein Merkmal der 70er – Jürgens war der millionenschwere Playboy und Superstar, der über die Rebellion gegen das Spießertum ansang, zu dem er gehörte und in dem er sein Publikum fand. Wer wissen will, wie es in den 70ern unter deutschen Dächern zuging, der findet hier die Antworten:
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So wie die Miniserien ROOTS und HOLOCAUST uns den Schrecken der Sklaverei und der Vernichtungslager näher brachten als alle Geschichtsbücher, so lehrte uns "Griechischer Wein" die Seelentiefe der billigen Arbeitskräfte aus Südeuropa, die wir in den 60ern ins Land geholt hatten, um die BRD zu bauen, aber bitteschön nicht zu prägen. Eine melancholische, kraftvolle Ballade, die Deutschland als "die Fremde" identifizierte und natürlich die Einsamkeit des Mannes thematisierte:
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Der Song ist das perfekte Pendant zu Stephan Sulkes "Der Mann aus Russland":
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Jürgens konnte aber noch größer, noch breiter, noch hymnischer – und das im Rahmen eines Songs, der als Titellied einer Trickserie bekannt wurde. Diese Maxi-Version von "Tausend Jahre sind ein Tag" ist eine Mini-Rockoper, zeitlos mitreißend, mit dem perfekten überlebensgroßen Interpreten.
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Die meisten Songs von Jürgens waren natürlich Liebeslieder, die gerne das Leid des damals gesuchten "neuen Mannes" thematisieren. Alles war immer übergroß: die Romanze, die Liebe, aber auch der Verlust, die Schuld, das Verzeihen. Udos Geheimnis war, dass dieser Song aus der Sicht des Mannes perfekt die Sehnsucht der Frau artikulierte – er weiß, was er will. Das hier ist "male energy deluxe":
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Liebe war bei Jürgens (und in der Ära) meist groß, aber selten für ewig – sie kam mit Schmerzen, Lügen, oft genug auch Betrug. Wie ein geprügelter Hund zurück zur Frau, auch DAS waren die 70er. Auswärts essen, daheim schlafen. Schlechtes Gewissen? Sicher doch. Und darum wartet Gaby im Park heute umsonst:
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Selbst die Fehltritte von Jürgens sind im Kontext der Zeit verzeihlich. "Vielen Dank für die Blumen" kennen die meisten von uns erneut nur als Titellied einer Trickserie, aber in der Langfassung ist es eine nach heutigem Maßstab nicht mehr ganz geschmackssichere Sammlung von gesungenen Pointen:
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Mit den 80ern ging auch die Zeit zu Ende, in der Jürgens der Welt etwas Aktuelles zu sagen hatte. Das nachwachsende Publikum fand ihn so verbraucht wie Dieter Thomas Heck und Stephan Derrick. Aber er verschwand nicht – er wurde eine Legende, die ihr Vermächtnis noch lange selber kuratierte und es bis zum Status der Unantastbarkeit brachte. Eine Ikone, die nichts mehr beweisen musste.
Und weil wir alle manchmal das Feuerzeug schwenken und mitgröhlen müssen, um uns als Teil einer glücklich wabernden Masse zu fühlen, gibt es hier zum Abschluss noch mal den besten Fernweh-Song der 80er – ja, liebe Kinder, die Menschen dieser Zeit waren auch mit 40 noch nicht überall in der Welt rumgekommen. Wir hatten ja nix.
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Das war… Udo Jürgens. Das waren die 70er und 80er, wenn man in der weißen Mittelschicht aufwuchs, am besten im Speckgürtel rund um eine Großstadt.
Je älter ich werde, desto mehr finde ich in den Songs wieder. Ich höre meinen Vater und meinen Onkel, sehe Gesichter von Frauen, die kamen und gingen, denke an abgebrochene Aufbrüche und die Wärme des Vertrauten.
Danke, Udo.
P.S.: Bei aller Begeisterung für Jürgens soll nicht unerwähnt sein, dass er seine Lieder ja nicht im Alleingang produzierte. Einige seiner besten Stücke wurden z.B. von Michael Kunze getextet, der ein exzellentes Gefühl für Zeitkolorit hat(te).

Diese Shirley-Bassey-Nummer geht auch auf seine Kappe: https://youtu.be/tJ1dSesX4tc?is=NHtCFFvHYhGGiLwO
Als in den 90ern im Osten Heranwachsender war "Griechischer Wein" für mich lange Zeit nur ein Bierzelt-Dorffest-Mitgrölsong, von dem man halt nur den Refrain kannte. Und in dem ging es ausschließlich um Alkohol und nicht um Probleme von Gastarbeitern…
"Ein ehrenwertes Haus" war auch mal Titelmelodie irgendeiner TV-Serie in den 90ern (Comedy?). Der Song hatte ein lustige Melodie mit Tonsprüngen, also war das für mich als Kind automatisch ein Gute-Laune-Lied.
Bei beiden Liedern hat sich mir der wahre Inhalt erst deutlich später erschlossen, da man natürlich zwischendurch ca. 25 Jahre lang überhaupt keinen Udo Jürgens gehört hat.
"Tausend Jahre sind ein Tag" erwärmt noch heute mein Herz, ich habe es als Titellied der tollen Kinderserie "Es war einmal… der Mensch" lieben gelernt. Ansonsten habe ich keinen großen Bezug zu Jürgens' Schaffen, ich respektiere aber seine Kompositionen – ich finde, man kann seine musikalische Ausbildung heraushören, was ihn für mich durchaus abhebt von vielen Schlagersängern seiner Zeit. Trotzdem sind mir persönlich seine meisten Werke einfach zu… fröhlich.
Manche Songs sind zeitlos " immer wieder geht die Sonne auf hat dafür gesorgt dass ich in meiner Reha," keine Depression bekommen habe
"Rot blüht der Mohn" könnte man noch erwähnen, eine klischeehafte Titelstrophe, aber dann biegt es komplett ab. Ein typischer Jürgens.
Letztes Jahr lief "Unsere Tollen Tanten" auf DMF. Ich fand interessant, dass Udo Jürgens der einzige von den Musikanten ist, der in dem Film keine Frauenkleider trägt. Ich wollte ihm das schon kurz positiv ankreiden, aber wahrscheinlich waren das damals eher "männliche" Gründe, wieso er nicht in Kleid und Stöckelschuhen herumlaufen wollte. Gesungen hat er in dem Film "Prinzessin Romantica" mit diesen ganz klassischen Akkorden aus 50er/60er. Wenn man das hört, hält man schon mal kurz inne und staunt, zu welchen Urzeiten der Mann schon im Geschäft war.
Wahrscheinlich weil er der einzige Musiker unter den ganzen Musikanten war.
Ähnlich wie Helene Fischer heute. Auf dem Papier das gleiche Produkt aber mit besserem Handwerk.
Da würde ich massiv widersprechen. Ich habe schon darüber geschrieben, dass ich Helene Fischer durchaus aseptisch sympathisch finde und dass sie ihr Handwerk hervorragend beherrscht. Jürgens war aber eine andere Liga, der als Komponist eine ganze Generation prägte.
Das ist richtig, aber Udo Jürgens hätte nicht eine Platte weniger verkauft wenn die Songs exakt so von jemand Anderes geschrieben worden wären.
Das ist das absurdeste Non-Argument, das ich diese Woche hören werde.
du hast geschrieben, seine Kompositionen haben eine Generation geprägt. Ich behaupte (lässt sich eh nicht belegen genauso wie Dein Punkt) das die Lieder in der Tat genau das getan haben, aber unabhängig davon wer sie geschrieben hat.
von elemetarer Bedeutung ist der Urheber nur bei Rap und Comedians ( wenn man da mit fremden Federn erwischt wird ist das oft das Karriereende) , alle anderen ( auch Singer Songwriter von James Taylor bis Reinhard Mey) schreiben selbst oder nehmen anderer Leute Songs auf.
die Parallele ist die Qualität in Aufnahme (echte Musiker ohne shortcuts, inkl. bläser und Streicher im Studio) und Qualität bei Live Shows vor relativ grossem Publikum (Pepe Lienard, Plexiglasklavier, Bademantel als Image) da konnte keiner mit.
Jürgens stand im Wettbewerb mit ua Jürgen Drews , Bata Ilic, Rex Gildo, Roy Black, Tony Marshall usw. (Na, PDSD irgendjemand?) bzw Helene vs. Andrea Berg, Michelle & Claudia Jung.
somit bleib ich dabei. Im Vergleich zu zielgruppenaffinen Künstlern beide handwerklich ( und im Anspruch an sich selbst) besser als der Rest.
Du kannst gerne dabei bleiben, bleibt aber Quatsch. Es gibt kein "wenn ein anderer das geschrieben hätte" – weil Jürgens es geschrieben HAT. Du kannst ein komplett hypothetisches Szenario schlicht nicht beurteilen. Jürgens war Musiker, Fischer ist Performerin. Und bei allem Respekt vor der Fischer – die ist auch schon seit mehr als zehn Jahren erfolgreich im Business. Wie viele Klassiker hat die produziert, die mit den Erfolgen von Jürgens 1970-1980 vergleichbar sind? Außer "Atemlos", was ich eher als "Gassenhauer für sehnsüchtige Sekretärinnen" verbuche als unter Klassiker.
Ich verstehe, dass Dich das als Autor konkreter beschäftigt als manch Anderen. Die traurige Wahrheit ist leider, auch beim Film übrigens:
5% gehen in den „neuen Shane Black“, 95% schauen sich den neuen Lethal Weapon an.
und wirklich niemand hätte gesagt „ach, griechischer Wein ist gar nicht von Udo? Dann gefällt mir das nicht mehr“
aber Schwamm drüber, Dein Blog, deine Meinung. Udo war einer der ganz grossen aus einer anderen Zeit.
Schöne Zeitreise, und ein Beleg dafür, dass das Spaß macht, ist, dass ich gleich neugierig wurde, wie Du über weitere Udo-Songs denkst aus der Zeit: das Ständermännchen in „Anuschka“, die Kaloriensaga „Aber bitte mit Sahne“, Hippieabgesang „Zeig mir den Platz“, Arbeitslosigkeit in „Gefeuert“ und Medienkritik in „Die Glotze“.
Nicht zuletzt, weil meine Mutter großer Fan war/ist, bin ich mit Udos Werken aufgewachsen und kann fast alle mitsingen.
"Liebe ohne Leiden" und "Immer wieder geht die Sonne auf" packen mich sofort.
Much wundert ein bißchen, dassDu "Gehet hin und vermehret Euch" im Aetikel nicht erwähnst. Wenn ich heute von acht Milliarden Menschen lese, denke ich an die Zeile "Hurra, die dritte Milliarde ist voll und die BILD "Zeitung" jubelt: ust das nicht toll?" und dass sich seit erscheinen des Liedes die Weltbevölkerung nahezu verdreifacht hat.
"Rot blüht der Mohn" halte ich zu Gute, dass Udo nicht die Drogenkonsumenten verteufelt, sondern die Menschen, die an Drogen verdienen.
Und als großer Alexandra-Fan nicht zu vergessen, dass er "Illusionen" für sie geschrieben hat.
Die Überbevölkerung ist kein Thema. Wir wissen längst, dass wir auf eine abnehmende Zahl zusteuern: "Die derzeit maßgebliche Prognose der Vereinten Nationen zeichnet ein ziemlich überraschendes Bild: Die Weltbevölkerung wächst noch mehrere Jahrzehnte – aber danach beginnt sie zu schrumpfen."
"Liebe ohne Leiden" ist ein schönes Lied, aber die "Stimme" seiner Tochter geht gar nicht.
Hallo zusammen,
Liebe Wortvogel-Community, ich habe eine Frage abseits des Themas und hoffe auf eure Film-Expertise ……
Ich suche seit langem nach einem US-amerikanischen Spielfilm (wahrscheinlich ein Fernsehfilm/Drama), der vor schätzungsweise 20 bis 25 Jahren im deutschen Fernsehen lief.
Der genaue Handlungsablauf, an den ich mich erinnere:
Ich habe bereits nach Titeln wie „The Other Woman“ u.ähnlichen .. gesucht, stoße dabei aber leider immer auf falsche Filme (z. B. die Version mit der krebskranken Mutter). Kennt jemand den exakten deutschen Fernsehtitel oder die Hauptdarsteller dieses spezifischen Dramas?
Vielen Dank für eure Hilfe!
Ich war damals ziemlich geschockt, als die Todesnachricht kam. Udo Jürgens wirkte auch mit 80 so jugendlich-viril, dass man ihm locker die 90 oder gar 100 zugetraut hätte. Ich hab ihm im letzten Jahr einmal auf dem Wiener Zentralfriedhof einen Besuch abgestattet. Um das (sehr monumentale) Grab herum: Eine Busladung von weiblichen Fans sehr fortgeschrittenen Alters samt Touristenguide. Legende, ohne Zweifel.
Sein Biopic mit David Rott als Jung-Udo trug dem Rechnung. Sehr gelungen.
Ich erinnere mich an eine Verlobungsfeier, bei der der DJ nach etwa der Hälfte des Abends die Udo Jürgens Best of CD einwarf und sich deprimiert an die Theke setzte. Das Publikum wollte nichts anderes und sie bekamen nichts anderes.