Not here, not now, not me: Chronik eines vermiedenen Macbook-Wutanfalls


Es gehört zu den fundamentalen Faustregeln des Funiversims, dass Dinge dann schiefgehen, wenn man es am wenigsten brauchen kann. Und deshalb überrascht es mich am letzten Samstag auch nur so mittel, als mein Macbook am Flughafen abraucht, während wir gerade auf den Flieger nach London warten:

Ein Riss im Bildschirm, der plötzlich auftaucht, als ich den Monitor justieren will. Keine Gewaltanwendung, keine Verkantung, kein versehentliches Fallenlassen. Oben an der Ecke angefasst und – knirsch.

Ungünstig. Das bedeutet: kein Macbook in London, um die Events vor Ort in Ruhe zu planen und den Mystery Box-Montag anzuschieben. Und das kaputte Macbook darf ich die ganze Reise mitschleppen.

Doppelt ungünstig: Ich habe an diesem Morgen in den Facebook-Erinnerungen gelesen, wie stolz ich vor einem Jahr auf die problemlose Einrichtung des Macbooks gewesen war. Die Garantie ist demnach auf die Sekunde genau "rechtzeitig" abgelaufen.

Ich bleibe ruhig. Weil ein Wutausbruch nicht helfen wird und weil die LvA es nicht gerne sieht, wenn ich wie ein HB-Männchen in die Luft gehe. Also durchatmen, gedanklich sortieren, und Schadensbegrenzung betreiben. Bis auf ein paar Videos ist mein Macbook komplett in der Cloud gespiegelt – selbst ein Totalausfall wirft mich nicht in die digitale Steinzeit zurück. Alle Dateien, die ich für die Reise brauche (Tickets, Reiseplan, Türcodes) befinden sich auch auf meinem Handy.

Binnen von fünf Minuten buche ich über mein iPhone für den Tag nach unserer Rückkehr einen Termin im Apple Store.

Nach der Rückkehr aus London hole ich mein halbjährlich auf den relativ aktuellen Stand gebrachtes Macbook Air-Ersatzgerät aus der Schublade. Ein echter Veteran meiner beruflichen Vergangenheit: von 2017, gerade mal 8GB RAM, aber 512 GB SSD-Festplatte. War von der Firma gestellt, wurde aber außer Dienst genommen, als ich einen Becher Cappuccino drüber geschüttet habe. Seit der Reinigung verweigert der rechte USB-Port die Mitarbeit und die Tastaturbeleuchtung ist eher schummerig. Als Betriebssystem ist Mac OSX Monterey das Höchste der Gefühle. Nicht gerade ein Porsche – aber das Laptop funktioniert und wird mich auch über eine längere Reparaturphase des neuen M4-Macbooks retten.

Kaum 12 Stunden nach unserer Rückkehr aus London stehe ich bei Apple und schildere mein Problem. Der Mitarbeiter hört sich alles geduldig und freundlich an, checkt die Unterlagen – und kritisiert meine "heilige Dreieinfaltigkeit":

  • Macbook seit einer Woche nicht mehr unter Garantie
  • Keine Zusatzversicherung abgeschlossen
  • Bei einem billigen Elektromarkt gekauft

Im Grunde kann mich Apple also am ausgestreckten Arm verhungern lassen und 700 Euro für einen neuen Bildschirm kassieren – bei einem Macbook, das gerade mal 863 Euro gekostet hat. Ärgerlich ist dafür ein zu harmloser Ausdruck.

Aber ich habe ja nicht nur bei der Deutschen Bahn gelernt, dass etwas Charme und Bescheidenheit Berge bewegen können. Ich plaudere nett mit dem Mitarbeiter, gebe mich so zerknirscht wie das Display und frage ihn, ob er denn nicht irgendwas zu meiner Schmerzlinderung beitragen könne.

Ich bin ziemlich sicher, dass es zur Apple-Hauspolitik gehört, aber er verkauft es mir sehr gut als einmaliges und absolut unübliches Entgegenkommen, dass man das Display doch noch mal auf Kulanz austauscht. Es hilft, dass das Macbook absolut gepflegt und mit einer Schutzhülle versehen ist. Ich bin kein Vandale, der seine eigene Grobhaftigkeit unter den Teppich kehren möchte.

Man stellt mir eine Wartezeit von ca. anderthalb Wochen in Aussicht. Damit kann ich umgehen – ich habe ja den "Veteranen" zu Hause.

Der Veteran hadert allerdings ein wenig. Nicht mit der Hardware, auch wenn die kaffeebedingt angeschlagen ist. Das Problem ist die Software, bzw. das Betriebssystem. Mehr als Monterey geht nicht, ich erwähnte es schon. Und mit Monterey geht vieles nicht: die neuen Chrome-Browser verweigern den Dienst, Signal auch, die Desktop-Software von Google Drive sowieso. Bei Software wie XnViewMP und Hazel muss ich alte Versionen installieren.

Nun kann man sagen: komm, die paar Tage wirst du damit schon klar kommen. Das ist auch so. Aber es missfällt mir, dass mein Ersatz-Macbook immer mehr zu einem Unikat wird, das ich separat von meinem Haupt-Gerät am Laufen halten muss. Der Gedanke ist ja, dass beide Notebooks mit der gleichen Software und der gleichen Struktur parallel laufen, um Redundanzen und Synchronisationsprobleme zu vermeiden.

Nun hatte ich von OCLP schon gehört – einer Software, die Apples Desinteresse ausgleicht, ältere Hardware mit halbwegs aktuellen Betriebssystemen benutzbar zu halten. Knapp 30 freiberufliche Hobby-Programmierer weltweit sind für diese kostenlose App verantwortlich, die interne Checks aushebelt, mit denen die Installation von Apple nicht mehr zertifizierter Betriebssysteme verhindert wird.

Zwar bin ich nicht mehr der Typ, der tagelang an seinen Geräten herum frickelt, um irgendwelche halbgaren Homebrews zum Laufen zu bringen, aber das hier klingt spannend. Ich mache den Test: Mein uraltes Macbook Air kann angeblich relativ stressfrei das OS Sequoia fahren und damit gleich drei Versionen überspringen. Das würde mich vom Stand 2021 auf den Stand 2025 heben und sämtliche aktuelle Software wieder lauffähig machen.

Ein bisschen Skepsis bleibt: Soll ich meinem Macbook Air das antun? Lohnt der Aufwand? Kann das Gerät von 2017 mit gerade mal 8GB RAM wirklich das Betriebssystem von 2024/25 fahren? Und wenn das schiefgeht – produziere ich dann vielleicht mal wieder teuren Elektroschrott?

Die Probe aufs Exempel kann ich früher machen als erwartet, denn nach weniger als 48 Stunden bekomme ich die Mail von Apple: das Macbook kann repariert abgeholt werden. Geht aufs Haus.

Ich bin dankbar und beeindruckt:

Insgesamt war mein Macbook damit sechs Tage außer Dienst, davon drei wegen des Trips nach London. Kann man nicht meckern. Kundenservice, wie ich ihn erwarte – aber oft genug nicht bekomme.

Nun bin ich aber doch versucht, die Sache mit dem OS-Update auf meinem Altgerät noch einmal anzuschieben. YouTube-Videos und ChatGPT versichern mir, dass das gar nicht so schwer ist. Im Grunde genommen läuft es so ab:

  • Man installiert OCLP und injiziert seinen Code in das momentane Betriebssystem, um die Checks auszuhebeln
  • Man lädt das gewünschte neue Betriebssystem und lässt OCLP davon eine Version auf einem USB-Stick installieren
  • Man installiert das neue Betriebssystem über OCLP an den üblichen von Apple vorgegebenen Schranken vorbei
  • OCLP installiert alle Treiber, die das neue Betriebssystem auf dem alten Rechner braucht, um ordnungsgemäß zu laufen

Wer sich das jetzt noch nicht vorstellen kann:

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Das traue ich mir zu und viel zu verlieren habe ich ja nicht. Also gebe ich mich gestern Abend ran und suche erstmal einen USB-Stick, der mindestens 32GB fasst und problemlos gelöscht werden kann. In meiner Kramdose mit ca. 50 USB-Stick finde ich einen alten Intenso mit 64GB – und unfassbar tollen Sachen, die ich total vergessen hatte und demnächst in einem eigenen Beitrag aufarbeite.

Die Erstellung des bootbaren USB-Stick dauert so lange, dass ich zeitweise denke, alles sei abgestürzt. Aber vermutlich ist nur der Stick sehr träge. Irgendwann meldet OCLP die Bereitschaft, Sequoia zu installieren. Das dauert dann noch mal ca. 90 Minuten. Ich muss öfter und unerwartet neu starten, die Patches mit den Treibern greifen auch erst beim zweiten Mal.

Aber es zählt das Ergebnis – mein Macbook 2017 fährt jetzt mit Sequoia:

Steve Jobs wird sich vermutlich im Grab herumdrehen:

Wie üblich darf man sich von der ersten Stunde mit der neuen Konstellation nicht nervös machen lassen. Das Gerät braucht ein bisschen, um alle Hintergrundprozesse zu sortieren und zu indexieren. Ich nutze die etwas fußlahme Zeit, um die Software zu aktualisieren – tatsächlich funktionieren Edge, Signal, Hazel etc. nun völlig problemlos. Das Macbook wird wieder zum Spiegel meines primären Arbeitsgeräts.

Vor allem aber: mit Sequoia kann ich noch ein paar Jahre arbeiten. Für die zwei, drei Wochen im Jahr, in denen mein anderes Macbook ausfällt, reicht das als Ersatz völlig aus. Klar ist es fühlbar langsamer und KI-Berechnungen fallen damit auch aus. Darüber hinaus gibt es aber keine Abstriche beim Komfort.

Eben fällt mir auf, dass das alte Macbook einen weiteren Wahnwitz ködert:

Das wäre aber der eine fatale Schritt zu weit. OCLP kann Tahoe (noch) nicht unterstützen und mein Macbook Air von 2017 dürfte von dem letzten nicht für KI und M-Prozessoren optimierten Betriebssystem endgültig überfordert sein. Auf Rat von ChatGPT schalte ich alle automatischen Updates ab.

Man kann also sagen, dass der Bruch meines Macbook-Bildschirms zu einem faszinierenden Lerneffekt geführt hat und die paar Stunden investierte Zeit einen fühlbaren Mehrwert bringen. OCLP for the win!

Nun sollte ich es damit gut sein lassen. Es ist bewiesen, was bewiesen werden sollte. Ich habe viele andere Dinge zu tun und die nächsten Blogbeiträge schreiben sich auch nicht von selbst (soweit ihr das beurteilen könnt). Aber ich spüre dieses ungute Kribbeln in mir. Schließlich hat die LvA noch ein Macbook Air von 2010 (!) in der Schublade liegen. Und ein Macbook von 2016. Da geht doch was…!



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Randpop
3. Oktober, 2026 14:54

OCLP ist super und macht, was es soll. Kann man eigentlich nur empfehlen.

Was man bei Apples super dünnen Displays allerdings nicht empfehlen kann sind die allermeisten Schützhüllen, wenn sie fest ans Gerät angeklickt sind.

Genau die ändern nämlich gerne die Statik und dann passieren genau solche Displaybrüche. Reddit ist voll mit solchen Fällen.

Muss bei dir nicht daran gelegen haben, aber Apple selbst verweigert da ganz gerne die Reparatur auch auf Garantie, wenn so ein Case benutzt wurde.

Immerhin haben sie dir alles auf Kulanz ersetzt, also alles gut. 🤩

Magineer
3. Oktober, 2026 16:55

Wobei sich die ganz alten Macs auch ziemlich gut für Linux eignen, gerade wenn man mal mit den diversen Oberflächen und UI-Ansätzen rumspielen will. Da kann man sich als Anfänger auch mal davon überzeugen, dass Linux seit Distributionen wie Mint (Cinnamon) oder Fedora auch schnell ansprechende Ergebnisse liefert – und auf fünfzehn Jahre alten Geräten tatsächlich noch ziemlich sinnvoll nutzbar ist.

Felix K.
4. Oktober, 2026 10:01

Ein generelles Problem ist, dass die heutigen Geräte immer flacher und dünner werden. So stößt man physisch irgendwann natürlich auf Grenzen.
Man muss nur verstehentlich mal falsch auf die Tasche drücken oder sich mit dem salamischeibendünnen Smartphone in der Gesäßtasche zu tief bücken: "knack!"
Im schlimmsten Fall raucht dann noch der Akku ab, wenn die Zellen beschädigt werden.
Vielleicht hat Apple aber nur deshalb aus "Kulanz" gehandelt, weil die intern sicher schnell festgestellt haben, dass der Herr Devi im Netz viel Reichweite hat. Wer weiß 😉