bravo.jpgIch mag dicke Wälzer, insbesondere lexikalische Rückschauen, Chroniken, „gesammelte Werke“. Die Logenplätze in meinem Bücherregal nehmen Hardcover-Edelversionen ein wie „The complete Calvin & Hobbes“, „The complete Farside“, „The complete cartoons of the New Yorker“, die fünfbändige Ausgabe „Deutschland im SPIEGEL“, und so weiter, und so fort. Ich mag fette Wälzer, die mir einen nostalgischen wie kompletten Überblick über eine Epoche, eine Generation, eine Kultur, oder einfach eine Comic-Serie erlauben. Das spart mir auch das hamsternde Sammeln einzelner Hefte und Artikel.

Aus diesem Grund freute ich mich auch wie ein Schnitzel, als zum 50. Geburtstag von „Deutschlands großer Jugendzeitschrift“ der ultimative Rundumschlag zwischen Buchdeckeln angekündigt wurde: „Bravo: 1956-2006“. Besser wäre da wohl nur noch eine DVD mit allen gescannten Ausgaben des pubertären Klatschblatts. Der Preis von 58 Euro schien mir zwar happig, aber eine gute Ausstattung und immerhin fast 800 Seiten sind nicht zu verachten. Gottseidank konnte ich mir das weinende Auge verkneifen, denn mein Agent brachte mir den Schinken von der Buchmesse mit.

Vor zwei Tagen war „Bravo: 1956-2006“ erstmals meine Bettlektüre. Mit einem Gewicht von gefühlten 30 Kilogramm ist es kein Vergnügen, das Buch auf dem Bauch zu balancieren, ich empfehle die stabile Seitenlage.

Ich muss allerdings bekennen: Ich war nie großer BRAVO-Leser. Mit 13 trug ich das Heft den Abonnenten in Düsseldorf-Lierenfeld hinterher, da wußte ich halbwegs, was abging. Danach kamen nur noch gelegentliche Blättereien im Archiv des GONG-Verlages. Ich habe trotzdem eine präzise Vorstellung davon, was BRAVO ausmacht. Ich bin nur kein Fan.

Vorab: Es macht Spass, in „Bravo: 1956-2006“ zu blättern. Da kommen viele Erinnerungen vom Schlage „ach ja, den Blödmann gab’s ja auch mal“ und „stimmt, in den Klamotten hat man sich damals tatsächlich auf die Straße getraut“ bei raus. Die Übersicht der Cover erlaubt eine Blitz-Prüfung der wechselnden Moden und Musiktrends, viele interessante Zusammenhänge werden erst rückblickend klar (32 mal Kajagoogoo auf dem Cover – in 36 Ausgaben!). Es wird deutlich, wie Star-abhängig die BRAVO war (1983/84 ging NICHTS ohne Nena), und wie viele dieser Stars spurlos dem Vergessen anheim gefallen sind (The Teens?!). In vielen Porträts bringt Teddy Hoersch uns noch einmal die großen und kleinen Herzschrittmacher näher, die 50 Jahre hormongeschwängerte Jugendkultur ausmachten.

Was schon erstaunt: Die Jugendkultur (oder zumindest die Berichterstattung darüber) ist nicht ansatzweise so krassen Veränderungen unterworfen, wie man meint. Eine beliebige BRAVO aus dem Jahr 1984 berichtet über Nena keinen Deut anders als die Ausgabe 2006 über Christina Stürmer, die Fragen an die Bay City Rollers sind die gleichen wie an N’Sync, und bei den Anglizismen regieren immer noch „boy“, „girl“, „gig“, „act“, „cool“, etc. Vielleicht doch alles nur eine einzige Kommerz-Mischpoke? Ich verweise schon mal vorab auf meine Kritik zu dem Buch „Die Rebellion der Betrogenen“, welche ich nächste Woche einzustellen hoffe.

Klingt alles nach eitel Sonnenschein also. Dem ist aber nicht so:

  • Das Layout ist teilweise katastrophal lese-unfreundlich, mit augenzermürbenden Titelschriften und einer Spaltenaufteilung, die mit „willkürlich“ noch freundlich umschrieben ist.
  • Warum sind die Titelbilder so klein, dass man die Details nicht erkennen kann?
  • Viele Rechtschreibfehler – und das in einem Band, der 58 Euro kostet!
  • Zuviele Bezüge auf die Gegenwart – was den Band in fünf Jahren schon wieder veraltet sein lassen wird…
  • Recherche-Schlampereien: Victoria Principal hat kaum „während der Dallas-Dreharbeiten“ an Filmen in den Jahren 1974 und 1995 gearbeitet…
  • Kein kritisches Wort zu garnix!

Natürlich kann man von einem Jubelband keine kritische Auseinandersetzung erwarten, insbesondere wenn der Autor auf die Zusammenarbeit mit dem BRAVO-Archiv angewiesen war. Aber es wäre schön gewesen, nicht bloß alles nostalgisch zu verklären, sondern auch Bezüge herzustellen, Strömungen aufzuzeigen, Veränderungen in Kontext zu stellen. Teddy Hoersch zeigt das „was ist“ (oder in diesem Fall: „was war“), und geht nicht einen Millimeter unter die Oberfläche. Das ist gerade bei so einem dankbaren Objekt wie der BRAVO keine Unterlassung – es ist eine Schande!

Besonders ärgerlich an den Fehlern und Schlampereien ist abgesehen von der Tatsache, dass sie bei einem Buch dieser Preisklasse gar nicht vorkommen dürften, die Erkenntnis, dass sie durch ein wenig gestalterische und inhaltliche Sorgfalt zu vermeiden gewesen wären.

Ist „Bravo: 1956-2006“ eine spannende und teilweise lustige Lektüre, die den Ehrenplatz auf meinem Regal verdient hat? Ja. Aber ich habe dafür auch keine 58 Euro hingelegt. DANN hätte ich mich schon ein wenig geärgert…

Meine Empfehlung: abwarten, bis es den Band deutlich preiswerter gebraucht gibt (30-35 Euro scheint mir ein realistisches Ziel).

NACHTRAG AUGUST 2010: Neu kostet das Buch bei Amazon nun 33 Euro.

NACHTRAG JULI 2012: Der Neupreis steht nun auf erstaunlichen 98 Euro!



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