2 Cent: Liebe EMMA…


Natürlich müsste der Titel "Liebe Alice Schwarzer…" heißen, denn um Alice Schwarzer geht es. Aber mit Alice Schwarzer hadere ich und ich habe ihr vor über 15 Jahren schon mal geschrieben.

Nicht nur, aber auch das Handelsblatt hat es eben vermeldet: die EMMA wird eingestellt. Nach ziemlich exakt 50 Jahren.

Die Einlassungen der Herausgeberin dazu sind bemerkenswert im Sinne von "bemerkenswert ehrlich", aber auch "bemerkenswert merkbefreit".

So wird die EMMA nicht wegen mangelnden wirtschaftlichen Erfolges eingestellt. Die Einnahmen decken wohl immer noch die Kosten, was man von einer großen Menge der Printprodukte an deutschen Kiosken nicht sagen kann. Nach Aussage von Schwarzer ist der Hintergrund schlicht: "Jetzt sind wir ermattet."

Ich kann das verstehen und halte es doch nur für bestenfalls die halbe Wahrheit. Der Feminismus ist nicht ermattet, die Frauen sind es auch nicht – aber bei Alice Schwarzer scheint die Luft raus. Sie hat in den letzten Jahren gelernt, wie sehr sich der Wind gedreht hat, wie sehr Alter nicht mehr mit Weisheit, sondern mit Senilität gleichgesetzt wird. Während man früher noch davon ausging, dass die ältere Generation etwas zu lehren, Orientierung zu geben und vor Fehlern zu warnen vermag, gilt heute offenbar jeder über 50 als ein nicht mehr ernst zu nehmender alter Sack, der an allen gegenwärtigen Problemen schuld ist und gefälligst die Klappe halten soll.

So, wie der Feminismus jahrzehntelang gegen "old white men" geschossen hat, schießt er nun gegen "old white women" – Alice Schwarzer inklusive. Und es mehren sich die Anzeichen, dass die "old white gays" als nächstes auf der Abschussliste stehen.

Ich kann das – in Grenzen – verstehen. Alice Schwarzer hat sich in den letzten Jahren ein paar Klöpse erlaubt, die man nur mit "moralischer Verrostung" erklären, aber nicht entschuldigen kann. Ihre Kumpanei mit der BILD, die "Schulter an Schulter"-Nummer mit Sahra Wagenknecht im Interesse Russlands, die Fehde mit der selbst gewählten Nachfolgerin in der Chefredaktion – keine Ruhmesblätter.

Ich glaube allerdings nicht, dass Schwarzer dadurch ins Abseits gerutscht ist. Der Feminismus verzeiht viel Unfug in den eigenen Reihen (siehe aktuell wieder die Berliner Lokalpolitik und die taz dazu). Alice Schwarzer hat aber den Fehler gemacht, auch weiterhin Themen anzusprechen, die dem modernen Feminismus zu kompliziert sind und die man deshalb um der Verschwesterung willen lieber unter den Teppich kehrt.

So hat sie die Trans-Ideologie kritisiert und sich damit quasi zur deutschen J.K. Rowling erklärt. Und gegen den Islam und seine frauen- wie menschenfeindlichen Grundprinzipien hat sie sich auch ausgesprochen, was irgendwie Rassismus, Islamophobie und westliche Arroganz sein muss. So say we all.

Auch wenn Alice Schwarzer das vielleicht bestreiten würde: ich glaube nicht, dass sie an der immer noch existenten Frauenfeindlichkeit der Gesellschaft gescheitert ist oder pauschal an "den Männern". Sie ist an einem "Feminismus" einer neuen Generation gescheitert, der noch nicht bewiesen hat, dass er für die Frauen tatsächlich etwas erreicht, aber mit einer unfassbaren Aggression alles weg beißt, was ihn auch nur kritisch beäugt. Der nicht mehr intern diskutiert, was er eigentlich will, bevor er nach außen lautstark fordert. In dem Frauen sich stark genug für jede Verantwortung halten, aber für nichts mehr verantwortlich.

Ich habe vor Jahren mal auf Ebay einen großen Packen EMMA gekauft, um mir einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Ich war erfreut, dass das Magazin vielleicht nicht meine Meinung, aber seine Meinung mit Kraft und Intelligenz vertrat. So schrieb ich denn auch vor 15 Jahren:

Die paar Ausgaben der EMMA, die ich gelesen habe, haben mich qualitativ positiv überrascht, und es wäre allemal von Vorteil, wenn mehr von Ihren Geschlechtsgenossinnen die EMMA statt der FREUNDIN lesen würden.

Das ist heute wahrer als damals. Ich würde nur heute schreiben:

Es wäre allemal von Vorteil, wenn mehr von Ihren Geschlechtsgenossinnen die EMMA lesen statt Instagram-Videos schauen würden.

Die Welt braucht mehr Frauen in der Politik, nicht auf OnlyFans.

Der klassische Feminismus, für den die EMMA angetreten ist, mag nicht meinem Weltbild entsprochen haben – aber ich habe ihn wenigstens verstanden.

So befinde ich mich in der kuriosen Situation, der EMMA und ihrer Herausgeberin den Respekt zu zollen, der ihr in ihrer eigenen Sphäre oft nicht mehr zugestanden wird. Weil ich als ebenfalls überalterter Zeuge der 70er, 80er und 90er Jahre miterlebt habe, was die EMMA erreicht hat – und ohne Alice Schwarzer nie hätte erreichen können. Frauen an die Macht, Homosexualität aus den Schatten, Rassismus ins Rampenlicht – die EMMA war immer ganz vorne mit dabei und hat den Druck gemacht, der eine liberalere Republik möglich machte.

Und darum ganz ohne Ironie und Häme: Danke, Alice. Danke, EMMA. Ohne euch wird was fehlen. Was aber viel wichtiger ist: es wird was bleiben. Seid stolz drauf.



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21. Oktober, 2026 15:32

Schöner respektvoller Text.

McCluskey
21. Oktober, 2026 18:01

Und durch jenen Schwarzer-Artikel 2010 bin ich via dem (heute indiskutablen) BILDblog hier gelandet. Danke, Alice!

PabloD
21. Oktober, 2026 22:07
Reply to  Torsten Dewi

668 Kommentare waren damals aber auch eine ordentliche Hausnummer…

Robert
21. Oktober, 2026 22:13

Danke für diesen schönen Beitrag. Hätte man sich in Spiegel oder FAZ gewünscht.