USA 2017. Regie: Rupert Sanders. Darsteller: Scarlett Johansson, Takeshi Kitano, Michael Pitt, Pilou Asbæk, Chin Han, Juliette Binoche u.a.

Story: „Major“ ist eine Agentin von Sektion 9 im futuristischen Hong Kong – doch nur ihr Gehirn ist menschlich, der Rest wurde als Cyborg-Hülle von Hanka Robotics entwickelt. Auf der Jagd nach einem anonymen Hacker muss sich Major u.a. der Frage stellen, ob sie noch ein Mensch ist und was von ihren Erinnerungen echt und was implantiert ist. Mit zunehmender Autonomie wird sie immer mehr zu einer Gefahr für die Figuren hinter den Kulissen, die sie eigentlich steuern sollen…

Kritik: Ich ahne, dass „Ghost in the Shell“ das Fandom wieder mal spalten wird. Hier gibt es wenig „common ground“, auf den sich Liebhaber der Vorlage und Neulinge einigen können. Das (wenn auch wenig sonst) teilt Sanders‘ Film mit dem „Power Rangers“-Reboot, der ebenfalls aktuell im Kino zu sehen ist.

Ich habe in den 90ern die Anime-Verfilmung gesehen, vor ein paar Jahren auch die Fortsetzung. Wie die meisten vergleichbaren Produktionen (Akira, Appleseed, Neon Genesis Evangelion) fand ich das optisch sehr beeindruckend und rasant erzählt, aber inhaltlich eher schwachbrüstig. „Ghost in the Shell“ ist eine Variation des Frankenstein-Themas wie auch die offensichtliche Vorlage „Blade Runner“, gemixt mit den in Asien damals extrem hippen Cyperpunk- und Erotica-Elementen.

Es lässt sich aber nicht wegdiskutieren, dass diese Filme eine sehr rabiate Fanbasis haben, die schon mit der Idee, Hollywood könne GotS dem schnöden Mammon zur Schlachtung darbieten, nicht leben wollten – und erst recht nicht, als mit Scarlett Johansson eine Kaukasierin die Hauptrolle übernahm.

Vieles, was die Hardcore-Otaku befürchten, ist denn auch eingetreten: Die Realverfilmung ist in Sachen Sex & Violence deutlich entschärft worden. Ständig wird Erotik angedeutet und mit Scarletts üppigen Kurven gewuchert – aber faktisch gibt es hier nichts jenseits der 12er-Freigabe zu sehen. Und trotz massiven Einsatzes von Handfeuerwaffen und eines hohen Bodycounts ist wirkliche Brutalität abwesend, Gewalt ist weitgehend blutfrei aufbereitet.

Das werden, das KÖNNEN die Fans so nicht hinnehmen. Sie werden Sturm laufen und von ihrer Warte aus damit recht haben.

Was aber auch stimmt: Sie versauen sich damit einen sehr unterhaltsamen Kinoabend. Denn wenn man „Ghost in the Shell“ nicht permanent penibel mit der Vorlage vergleicht, wird man mit einer sehr rasanten und liebevoll inszenierten Scifi-Action-Achterbahnfahrt belohnt, die sicher das Genre nicht neu definiert, aber den hirntoten Franchise-Filmen vom Schlage „Transformers“ allemal weit überlegen ist. Ohne Abspann gerade mal 95 Minuten lang, müht sich die Realverfilmung, nicht nur den Look und viele Schlüsselszenen der Vorlage beindruckend bildmächtig umzusetzen, sondern auch eine hyperreale Welt zu schaffen, die mit vielen hübschen Details beeindruckt und auch kleinere Actionszenen aufwändig abbildet.

Kein Zweifel: „Ghost in the Shell“ gibt dem Zuschauer permanent und ordentlich was aufs Auge, eingepackt in eine letztlich folgenlose „Wer/was bin ich wirklich?“-Geschichte, und tatsächlich lässt die straffe Dramaturgie den Film tiefer wirken, als der Inhalt rechtfertigt. Man lässt sich von den Visuals, die deutlich mehr vom Drama tragen als die Charaktere und die Dialoge, einlullen – und das sehr gerne. In dieser Beziehung ähnelt der Film dann doch den Animes, auf die er baut.

Eine weitere Säule des Entertainment-Werts von „Ghost in the Shell“ ist zudem das wirklich fulminante 3D – und das sage ich als erklärter Gegner von 3D. Für diesen Film sollte man sich die größte Leinwand und die beste digitale Projektion suchen, die man finden kann. Es lohnt sich.

Kein großer Wurf, kein „game changer“ und als Adaption einer für heilig erklärten Vorlage in den Geek-Zirkeln zum Scheitern verurteilt – aber wer in diesem Kinojahr nach aufwändiger Action-SF sucht und seine Seele nicht an die großen Franchises verkaufen will, der findet hier genug bunte Unterhaltung, um selig sein Popcorn zu futtern.

Nicht mehr und nicht weniger erwarte ich mir dieses Jahr übrigens auch von „Valerian“:

Fazit: Als Adaption des Animes vielleicht etwas zu milde temperiert. Für sich genommen aber sehniges Blockbuster-Eyecandy, dessen bildstarke, dynamische und rasante Inszenierung die eigentlich banale und von exzessiven Sex & Violence-Elementen bereinigte Frankenstein-Geschichte locker ausgleicht. Ich sage das selten, aber: 3D unbedingt empfohlen!



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DMJ

Na, dann bin ich doch mal gespannt!
Den alten Film habe ich damals zweimal fast in Folge gesehen, weil ich beim ersten Mal gar nichts aufnehmen konnte, da ich nur dachte „Das ist also dieser unglaublich wichtige und visionäre ‚Ghost in the Shell’… wenn du damit nichts anfangen kannst, bist du ein Poser… O BITTE GOTT, LASS MICH WAS DAMIT ANFANGEN KÖNNEN!!!!“

Beim zweiten Sehen konnte ich das dann auch, so richtig gehyped hat er mich aber auch nicht. Auf den neuen Film bin ich jetzt gespannt, aber eben doch auch ENTspannter. 3D meide ich, wenn möglich, hier will ich mal hoffen, dass du recht hast und es sich lohnt.

Jens
Jens

Ich bin zwar Lieberhaber der Romane von William Gibson habe aber jenseits der Bücher eigentlich nur Blade Runner gesehen. Vielleicht ist es in diesem Fall tatsächlich Glück das ich das Anime nur irgendwann vor 10 Jahren oder so mal geschaut habe. Und Glück das ich kommendes Wochenende in Berlin bin. Bei der Empfehlung für 3D muss ich dann echt mal ins IMAX.

Dietmar

Das klingt interessant.

Manu
Manu

Ich finde, den Vergleich mit dem Original muss er sich gefallen lassen, und da schneidet er schon schlechter ab. Die westliche Erzählweise und der Drang alles erklären und allem einen eindeutigen Hintergrund geben zu müssen (keine Spoiler an dieser Stelle), rauben der Live-Action-Version Spannungsmomente und Tiefe bzw. die Möglichkeit der Interpretation.
Dennoch sieht der Film fantastisch aus, ScarJo spielt exzellent und verleiht Major mehr Tiefe und Entwicklung als im Anime.
Insgesamt solide Sci-Fi-Action, die nicht ganz an die Vorlage rankommt.

Stuckimann
Stuckimann

War das Original nicht ein Porno?? Oder verwechsle ich das jetzt mit „Ghost in Michelle“?

Martin Däniken
Martin Däniken

“ sehniges Blockbuster-Eyecandy“,
dieses „sehniges“ irritiert ein wenig….
bezieht sich das mehr auf Seh(e)n oder einen Besuch im Restaurant,wo man auf einer Sehne herumkaut-kann schmecken 😉 muss aber nicht!
Oder doch eher eine Variante von „Sehn-sucht“
Oder eine Mischung aus allem?
Oder was Süddeutsches Spezielles….

Teleprompter
Teleprompter

Die Hoffnung der Zielgruppe „Pubertät und knapp davor“ auf ein paar Pseudo-Nacktszenen von SJ im Transparentsuit haben sich hier in Deutschland übrigens nicht erfüllt – die einheimische Zensur hat den Streifen erst ab 16 freigegeben, also die gleiche Freigabe, mit der zeitgleich Logan Gesichter in zwei Hälften zerteilt.
Dass der Film im Vorfeld in den USA nochmal digital bearbeitet wurde, um möglichst viele Kids da reinzulotsen, hat unsere Jugendwächter also nicht sehr beeindruckt.

MinkyMietze
MinkyMietze

@Jens was bitte hat William Gibson mit „Blade Runner“ zu tun? Die Vorlage „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ stammt immer noch von Philip K Dick!

Martin Däniken
Martin Däniken

@ Wortvogel:Danke!
Hab manchmal den Finnegans Wake Vielverdeutigungs-Modus 😉

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Gestern gesehen, besser als erwartet, 3D tatsächlich nett. Was wieder erschreckend war: Trotz der Tatsache, dass wahrscheinlich 90% der Bilder aus dem Computer kamen, sah alles sehr homogen aus, BIS auf eine Szene am Ende (Stichwort Einsturz und Majors Ebenenwechsel über die bröckelnden Steine), die wieder so unnatürlich flüssig aussah, dass man sich in einem schlechten Computerspiel wähnte – keine Ahnung, warum das immer noch passiert und im Schnitt niemandem auffällt…

TimeTourist
TimeTourist

@Rudi Ratlos: Am Ende ging das Geld für gutes CGI aus 😉

Als Fan der Mangas und des Films konnte der Film tatsächlich nur schlecht abschneiden (Wie Wortvogel bereits prophezeit hat). Den Vergleich mit der Vorlage muss er sich gefallen lassen, da er sämtliche „schicken“ Szenen geklaut hat. Dies ist nicht verwerflich, jedoch wurden sie in einen neuen Kontext gesetzt der mir missfällt. Selig sind alle, welche mit Animes nichts anfangen können und die Vorlage demnach nie gesehen haben. Allen anderen empfehle ich lieber zuerst den Anime zu sehen.

Jens
Jens

@minkymietze

Obwohl sich Dick immer als Mischung aus Drogenrausch und SF liest, ist doch die Optik von Blade Runner am ehesten eine Filmwelt, wie ich sie mir bei Gibson vorstelle.

Fazit für ghost in the shell ist von meiner Seite übrigens sehr gut. Optisch toller Film der schnell zur Sache kommt und keine Zeit mit Nebenschauplätzen vergeudet.

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[…] für ihren Fake-Spektakulismus. Und ich selbst muss einsehen, dass ich Filme wie z.B. „Ghost in the Shell“ zu gut gefunden habe – weil es augenscheinlich viel, viel besser […]