ABBA VOYAGE: Die Zukunft der Unterhaltung – oder ihr Ende?


Ich hatte nie Interesse an ABBA VOYAGE. Die Idee, teure Konzertkarten zu kaufen, um Hologramme zu sehen, die eine seit 45 Jahren aufgelöste Popband imitieren, schien mir absurd.

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120 Euro für etwas, das nur eine multimedial aufgeblasene Kinovorstellung ist? Get outta here!

Das Problem: Diverse Leute, deren Meinung mir etwas bedeutet, kamen begeistert von dem Event zurück. Nicht nur großartig, wurde mir mitgeteilt, sondern auch das Geld wert. Kann das sein? WIE kann das sein?

Irgendwann war ich dann doch neugierig und die LvA ist ja großer ABBA-Fan. Also buchten wir zwei Plätze schräg rechts vor der Bühne, aber nicht auf dem "Dancefloor" direkt vor der Bühne. Das ist nichts mehr für meine Knie.

Versuch macht kluch und hinterher ist man immer schlauer.

Bevor ich mich an die Kritik und die generelle Einordnung mache, gehe ich mit euch erstmal den typischen Ablauf von ABBA VOYAGE durch. Wer die Geschichte der Produktion wissen will, sollte den hervorragenden Wikipedia-Artikel lesen.

Das Konzert

Kommt man in der Pudding Mill Lane an, ist man zu gleichen Teilen unter- und überwältigt. Ja, die haben eine eigene Konzerthalle nur für die ABBA-Show gebaut, mit Restaurant, Bars, Shops, etc. Ja, auch unter der Woche und außerhalb der Ferien scheint die Veranstaltung gut besucht:

Aber die Location ist abgelegener und kleiner, als ich dachte, die Halle sieht aus, als hätte man sie im Maßstab 1:2 gebaut. Laut ChatGPT passen ziemlich exakt 3000 Leute rein – und ich bin sicher, dass die echten ABBA nach 1974 kein Konzert mehr vor einer so überschaubaren Zuschauerschaft gegeben haben.

Das Publikum ist robust alt – ich habe weniger junge Menschen gesehen als bei einem ABBA Tribute-Konzert vor zwei Jahren. Man hat das Gefühl, dass viele der Besucher Dauerkarten haben wie andere Leute einen Stammtisch:

Es wird darauf hingewiesen, dass man innerhalb der Arena nicht fotografieren darf, dass sogar der Rausschmiss droht. Der Hintergrund: Die Show und die Hologramme sollen ihr Geheimnis wahren – was bei uns gut funktioniert hat. Ich war ziemlich gespannt:

Die Beschränkung der Halle auf 3000 Plätze und relativ steile Ränge sorgen dafür, dass jeder Besucher eine gute Sicht auf die "Performance" hat. Dennoch gilt, dass es bei den Hologrammen hilft, so nah wie möglich an der Bühne zu stehen. Geschätzt kann man auf drei Meter an die "Band" rankommen.

Das "Konzert" beginnt pünktlich, denn kein Bandmitglied hat jemals Panikattacken, Magenkrämpfe, oder einen Kater. Unterstützt werden "ABBA" von einer Hausband und drei Sängerinnen, die live dabei sind.

Das hier ist die Setlist (ohne Gewähr):

  • The Visitors
  • Hole in Your Soul
  • SOS
  • Knowing Me, Knowing You
  • Chiquitita
  • Fernando
  • Take a Chance on Me (teilweise „Super Trouper“)
  • Mamma Mia
  • Does Your Mother Know
  • Eagle
  • Lay All Your Love on Me
  • Summer Night City
  • Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)#
  • Voulez-Vous
  • The Name of the Game
  • Don’t Shut Me Down
  • I Still Have Faith in You
  • Waterloo
  • Money, Money, Money
  • Thank You for the Music
  • Dancing Queen
  • The Winner Takes It All

Fast alle großen Hits werden demnach gespielt, vermisst habe ich lediglich ONE OF US und THE DAY BEFORE YOU CAME. Jeder Song wird nicht performt, sondern inszeniert. Eine gigantische Lichtchoreographie erzeugt dreidimensionale Farbwelten um die Band, die den Zuschauerraum einbeziehen. Man ist mittendrin statt nur dabei. Videoprojektionen blasen die Hologramme wie Nahaufnahmen regulärer Konzerte auf, die vier Schweden werden überlebensgroß.

Björn, Benny, Agnetha und Frida – 20 Meter hoch.

Man setzt erkennbar nicht nur auf den "Gimmick" der Hologramme. Einige Songs werden als Fantasy-Anime visualisiert, andere als Cyberspace-Videos im TRON-Look. Es ist ein Multimedia-Spektakel, perfektes Timing. Jedes "Bandmitglied" bekommt die Chance, einmal kurz "persönlich" zum Publikum zu sprechen.

100 Minuten. Keine Zugaben. Hope you had a good time. Please come back.

Der Eindruck danach

Ich will es gar nicht bestreiten: wir waren begeistert. Nicht nur, weil die Musik von ABBA unkaputtbar ist. Die würde noch auf einer Beerdigung für gute Stimmung sorgen. Die ganze Show ist auf maximale Wirkung hin optimiert, der Ablauf an keiner Stelle zu hektisch, aber auch ohne Durchhänger. Man hält das Erregungslevel der Zuschauer um die 40-60 konstant, ohne sie zu überfordern.

Die Inszenierung der einzelnen Songs erzeugt den Eindruck von Musikvideos, wie ABBA selbst sie nie produziert hat. Die Band und die Songs werden auf ein neues, visuell der (von ABBA verpassten) MTV-Ära verwandtes Level gehoben. Das ist Spektakel, aber durchaus so geschmackssicher, wie Pop sein kann.

Die Hologramme? Sie funktionieren perfekt. Es gibt keine Möglichkeit, die vier Figuren auf der Bühne als digitale Nachbauten zu identifizieren. Ihre Bewegungen haben Gewicht und Trägheit, Frida und Agnetha tanzen so halbgar choreographiert, wie wir es aus alten TV-Aufnahmen kennen.

Es wurde nicht perfektioniert, was um der Illusion nicht perfekt sein darf.

Bei den riesigen Videoprojektionen rechts und links von der Bühne kann man das schon nicht mehr hundertprozentig sagen. Wenn die Gesichter auf die Größe von Tennisplätzen aufgeblasen werden, lässt sich das uncanny valley nicht bestreiten – es sind Masken mehr aus Gummi als aus Haut, mit teilweise toten Augen und mechanischen Bewegungen. Digitale Marionetten. Nicht immer, aber oft genug, um uns daran zu erinnern, dass wir hier nicht ABBA sehen, sondern "ABBA".

Unter dem Strich muss ich konstatieren, dass die Hologramme in Kombination mit der Musik und der Inszenierung überzeugen. Dennoch würde ich den Machern raten, zum fünften Jahrestag 2027 die CGI noch einmal überarbeiten zu lassen.

Letztlich ist VOYAGE konzeptionell das Konzert, das die Band ABBA heute geben würde, wenn die Zeit für sie 1979 stehengeblieben wäre. Als hätte man damals auf Pause gedrückt und sie eingefroren.

Die Emotion stimmt, weil die Technik stimmt. Das Eine trägt das Andere.

Bruchstellen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Spannend wird es, wenn die Begeisterung abklingt, wenn das Hirn sich wieder vor das Herz schiebt. Schon während des Konzerts, spätestens aber bei der Heimfahrt ins Hotel drängen sich Fragen auf.

Warum jubeln wir Hologrammen zu? Ich meine das nicht mal sonderlich meta. Jubeln und klatschen sind Kommunikationswerkzeuge, mit denen wir Leistung honorieren und Lob ausdrücken. Aber auf der Bühne steht keine Band, die uns hören kann, die sich freut oder herausgefordert fühlt, noch mehr zu geben.

Die gleiche Frage mit doch ein bisschen meta: Warum jubeln wir Hologrammen zu? Wie kann es sei, dass wir digitalen Abbildern den gleichen Respekt zollen wie echten Künstlern, als wären wir auf Applaus dressierte Schimpansen? Setzt unser Anspruch an Authentizität so leicht aus, lässt er sich so schnell aushebeln?

Wenn wir das Bewusstsein, dass wir nicht ABBA sehen, sondern nur eine Simulation, mal für eine Sekunde ausklammern – was unterscheidet VOYAGE von einem "echten" Konzert? Vielleicht das: diese "ABBA" mühen sich nicht, werden nicht müde, müssen am Ende nicht ausgepowert zurück in die Garderobe. Sie geben uns nichts, gehen so frisch von der Bühne, wie sie sie betreten haben.

Kurioserweise ist DAS die Erkenntnis, die mich am meisten aus der Experience geholt hat – der mangelnde Schweiß und die mangelnde Atemlosigkeit verraten die Robotomaten als seelenlose Performer "vom Band". Sie haben gestern jeden Atemzug und jede Geste genau so präsentiert und werden es morgen wieder tun.

Das ist umso kurioser, da man eine Ermüdung im Laufe der Show ebenfalls perfekt hätte programmieren können, um den Schein zu wahren.

Diese "Stars" brauchen und suchen auch kein Feedback. Sie merken nicht, ob das Publikum heute begeisterter mitgeht als gestern, ob jemand in der ersten Reihe ohnmächtig wird oder eine Frau ein "Ich habe heute Geburtstag!"-Schild hoch hält. Wer weiß: in ein paar Jahren mag es mit KI möglich sein, dass "ABBA" zwischen den Songs das Gespräch mit dem Publikum suchen. Interaktiv in Echtzeit.

Momentan lässt sich schwer bestreiten, dass bei allem Unterhaltungswert diese Form von Konzert nicht "special" ist, nicht mal in den Nuancen einmalig. Es wird kein Moment eingefangen und festgehalten. Es ist beliebig reproduzierbar wie eine DVD, eine Datei. Das mag erst im Nachhinein auffallen – aber es fällt auf.

Zu diesem Gedanken passt die Nachricht, dass auch an anderen Orten der Welt ABBA-Arenen geplant werden, angeblich sogar vor den Toren Münchens. Aber schwächt es den Status von ABBA VOYAGE nicht, wenn die "Band" plötzlich überall und immer wieder exakt gleich auftreten kann, sogar gleichzeitig? Sorgt das nicht für eine Desillusionierung?

Es geht um mehr als ABBA

Die grundlegendste Frage, die sich nach dem "Konzert" stellt, ist diese: Wenn die gewünschte Emotion einer solchen Show auch mit Hologrammen produzierbar ist – was sagt das über die Notwendigkeit von Authentizität aus? Haben wir uns immer etwas vorgemacht, weil wir geglaubt haben, "live" sei schon noch mal eine ganz andere Experience? Oder gilt das nur für die großen Show-Acts, die sowieso kein intimes Erlebnis versprechen? Definiert die Authentizität der Musik oder der Musiker vielleicht doch nicht unsere emotionale Involvierung?

Letztlich deutet das zumindest an, dass sich der rote Faden Musiker – Musik – Zuhörer auflöst. Man kann das in viele Richtungen weiter denken. So könnte man KI-Musik ebenso künstlich kreierten Künstlern zuweisen, die sich dann in Shows wie ABBA VOYAGE genauso feiern lassen. Nicht nur Musik altert nicht mehr – auch die Musiker leben ewig. Meine Enkel (hätte ich denn welche) würden 2056 genau die gleichen Konzerte beklatschen wie ich 2026. Es könnte verschiedene Konzerte für verschiedene Altersgruppen geben: Tom Jones 1970 für die Senioren, Tom Jones 1990 für die Popfans. Wir könnten Michael Jackson live sehen mit den Songs, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Michael Jackson, der als 12jähriger Kopf der "Jackson 5" schon zu Thriller tanzt. Jedes Alter, jede Ära, jeder Song, jedes Duett. Infinite diversity in infinite combinations.

Was macht das mit "echter" Musik, mit "echten" Künstlern? Was kann man dem noch entgegen setzen, wie will man das toppen?

Es eskaliert auch eine Entwicklung, die ich seit ein paar Jahren als immer bedrohlicher wahrnehme: die Vergangenheit verstopft die Gegenwart und blockiert die Zukunft. Früher war es üblich, dass Dinge immer mehr verblassten und schließlich verschwanden, je älter sie waren. Im Zeitalter der digitalen Archive bleibt alles verfügbar, alles präsent: Filme, Musik, Literatur. Man kann sein Leben problemlos damit verbringen, nichts Neues mehr zu konsumieren. Um bei diesem Beispiel zu bleiben: wie soll eine junge Band mit dem Legendenstatus von ABBA konkurrieren, wenn ABBA einfach beschließt, der Jugend keinen Platz zu machen?

Die Frage nach dem Wert des Menschen stellt sich neu. Als kleiner Vergleich – vor zwei Jahren haben die LvA und ich Abba99 in München gesehen. Ein kleines ABBA Tribute-Konzert mit professionellen Musical-Sängerinnen:

Auch hier war das Publikum begeistert, auch hier waren "ABBA" fake. Wieder nicht Björn, Benny, Agnetha und Frida. Aber diese Simulanten haben echt gesungen, echt getanzt, echt für uns geschwitzt. Ihr Konzert war einmalig und wird exakt so nie wiederholt werden können. Ein Abend, nur für uns Zuschauer. Ist die Leistung mehr wert als die seelenlose Projektion bei VOYAGE – oder weniger, weil es eben nur eine Kopie ist? Was ist uns als Publikum wichtiger?

Nehmen wir Mozarts COSI FAN TUTTI. Die LvA und ich haben vorgestern eine Live-Übertragung aus der New Yorker Met im schönsten Münchner Kino gesehen. Satte vier Stunden Oper der Extraklasse, mit einer sensationellen Inszenierung und überragenden Sängern. Das war live, das war echt – aber nur eine Übertragung, die wir mit Menschen in aller Welt teilen "mussten". Wäre es eine Aufzeichnung gewesen, wir hätten es nicht mal gemerkt. Ist das "weniger" Event als ein Besuch in der Semperoper? Ist es weniger "here and now" als VOYAGE, das zumindest nur für die Personen im Saal abgespielt wird?

Ihr merkt schon: das Thema hat unendlich viele Facetten. Viele Fragen, auf die ich keine Antworten habe.

ABBA VOYAGE wird kein Einhorn bleiben. Die Show ist ein "proof of concept", ein "test run", der ausprobiert und Fehler macht, um danach zu einem System zu werden, das sich anderen Experiences überstülpen lässt. Schon in der Ubahn auf dem Weg zurück in die Stadt diskutierten die LvA und ich, für wen sich so eine digitale Spektakel-Performance eignen würde – und wer sich für sie eignen würde.

KISS haben angeblich schon Interesse angemeldet. Hier ist die Setlist an Klassikern erheblich kürzer, aber die schiere Showmanship der Band mag das ausgleichen.

Weniger Spektakel, aber ein ABBA mindestens ebenbürtiges Songbook bringen die BeeGees mit – nicht nur Samstag nacht. Man stelle sich die Möglichkeiten für Gaststars vor: Barbra Streisand, Diana Ross, Olivia Newton-John, Kenny Rogers.

Queen sind geradezu prädestiniert, digital wieder Stadien zu füllen.

Beatles? Würden sicher als Quartett nicht mehr ausreichend rocken, aber die Show könnte als faszinierende Reanimation der Swinging Sixties funktionieren.

Elvis hat seine Hits nicht selber geschrieben, aber seine Präsenz und die verschiedenen Phasen seiner Karriere drängen ihn als Kandidaten förmlich auf.

Michael Jackson bietet sich an, weil er ja sogar schon für ein früheres Hologramm-Experiment wiederbelebt wurde:

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Der Rest wäre zweite Liga: Wham!, Spice Girls, Barry Manilow, Ufucking2.

Trotz aller Bedenken und aller Skepsis bleibt allerdings die Aussage im Raum stehen, dass wir uns prächtig amüsiert haben und dass ja – der Eintrittspreis sich nicht wie rausgeschmissenes Geld anfühlte.

Habe ich wen vergessen? Oder ist das sowieso alles Kappes? Hat euch mein Bericht eher angefixt oder abgeschreckt?



38 Kommentare

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Endstille
6. Oktober, 2026 11:45

Beim japanischen Feuerwerk in Düsseldorf applaudiere ich nicht den Raketen, sondern den Menschen, die dieses Ereignis geplant und umgesetzt haben.
Genauso würde ich es auch bei diesem musikalischen Ereignis sehen.

Und Bericht ist toll, danke dafür!

Endstille
6. Oktober, 2026 13:28
Reply to  Torsten Dewi

Nein, wenn ich alleine eine Videoaufzeichung eines Feuerwerkes anschauen würde, würde ich nicht applaudieren.
Das gemeinschaftliche Erlebnis würde fehlen, die Größe des Erlebten etc.
Aber ich bezweifle, wenn jemand alleine ein Video von einer Abba Voyage Aufführung schaut, dass dieser applaudieren würde.

Aber eine geschickte Gegenfrage 🙂

Haselnusstafel
6. Oktober, 2026 12:43

Ich bin um die 50. Wegen Entwicklungen wie dieser ziehe ich mich aus meiner Rolle als Fan von Musik, von Film, von sonstigen Medienerzeugnissen, zurück.

Ich lese meine alten Bücher, höre meine alten Platten. Konzerte besuche ich nicht mehr, neue, vermutlich längst KI-optimierte Erzeugnisse kaufe ich nicht mehr.

Ich schätze, ich hab noch gute 40 Jahre vor mir. Gute Gene, gesundes Leben. Diese werde ich mit Nostalgie verbringen, mit Freude an der Natur, und weggewandt von einer Welt, die ich sehr wohl noch verstehe, die ich aber mir einfach nicht mehr ansehen mag.

6. Oktober, 2026 12:57
Reply to  Haselnusstafel

Ich kann das einerseits gut nachvollziehen, finde es andererseits aber irgendwie … schade? Ich bin auch "um die 50" und auch ich liebe es, nostalgisch (verklärt) abzutauchen. Aber gleichzeitig bin ich noch immer hungrig und neugierig auf alles neue, was sich so anbahnt. Ich kann morgens uralte Cassetten der "Drei Fragezeichen" feiern und abends "Beat Saber" in meinem VR-Headset spielen. Keine Ahnung, ob ich noch 40 gute Jahre vor mir habe (vielleicht nicht, dank Alkohol und, ähem, so anderer Sachen), aber ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann nur noch "nach hinten" zu blicken. Es gibt noch so viel neues, was erlebt und konsumiert werden will …

Haselnusstafel
6. Oktober, 2026 13:17
Reply to  Marko

Ich verweigere mich ja nicht dem Erleben von (für mich) Neuem. Auch etliches Altes ist für mich ja neu, wenn ich es noch nicht kenne.

Aber ich habe keine Lust, neugierig zu bleiben auf jeden Mist. Und das meist, was neu ist, ist Mist. Zumindest ist es technologieverseucht. Ich bin kein Reiter der Apo-KI-lypse, aber ich glaube fest an die Eigenschaft vieler Technologien, den Menschen die Freude an den Dingen zu rauben. Oder, weniger allgemein: Ich weiß, dass sie MIR die Freude an den Dingen rauben und alles andere ist für mich nicht von Belang.

6. Oktober, 2026 14:20
Reply to  Haselnusstafel

Deine subjektive Einordnung finde ich völlig legitim, und ich wollte dir dazu auch keinen Vorwurf machen, falls das so rüberkam. Letztlich beneide ich dich vielleicht auch ein bisschen darum, dass du Zufriedenheit in dem findest, was du kennst und magst. Das funktioniert für mich immer nur kurz. Und ich bin jetzt auch nicht direkt unzufrieden damit, immer nach neuen Kicks Ausschau zu halten, aber so langsam hätte auch ich nichts dagegen, mal zur Ruhe zu kommen. Naja, vielleicht in den nächsten 40 (oder so) Jahren …

Haselnusstafel
7. Oktober, 2026 09:14
Reply to  Marko

Nein, das kam nicht als Vorwurf rüber.

Ich denke, es gibt halt unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. Für mich ist alles, was ich an fremder Kreativität mal bewundert haben, aktuell massiv entwertet.

Es hat natürlich was von Eskapismus, wenn man sich z.B. auch neue Bücher gar nicht mehr antun mag, weil die Welt, die dort geschildert wird, einem nicht mehr so gefällt.

Wir stehen kurz vor dem völligen Verschwimmen von Fiktion und Wahrheit. Kurz davor, dass historische Dokumente von z.B. Rechten schlicht als KI-Fake bezeichnet werden können. Dass nichts mehr unverrückbar wahr, nachweisbar ist. Eine Band aus Hologrammen auf einer Bühne zeigt mir plastisch das, was mir mehr Angst macht als mir je was anderes gemacht hat.

Ich ziehe gerade massiv den Kopf ein. Bleibe in dem, was noch die Illusion von Kontrolle aufrecht erhält: alte Bücher, alte Platten, ein (zugegeben nagelneues) Rennrad und Familie und Freund:innen. Reicht für das restliche Leben, hoffe ich.

Sorry fürs Off-Topic. ABBA ist echt ein Phänomen. Ich liebe Metal und würde die gerne kacke finden. Das klappt aber nicht.

PabloD
6. Oktober, 2026 13:21

"Zu diesem Gedanken passt die Nachricht, dass auch an anderen Orten der Welt ABBA-Arenen geplant werden, angeblich sogar vor den Toren Münchens. Aber schwächt es den Status von ABBA VOYAGE nicht, wenn die "Band" plötzlich überall und immer wieder exakt gleich auftreten kann, sogar gleichzeitig? Sorgt das nicht für eine Desillusionierung?"

Glaube ich nicht. Niemand, der so ein "Konzert" in München besucht, wird ein Problem damit haben, dass möglicherweise in Sydney oder Seattle zeitgleich das Gleiche stattfindet. Warum auch? 99% der Besucher werden das dann schlicht gar nicht wissen und außerdem erwartet hier ja auch niemand eine echte Band.
Bei Kinofilmen stört sich ja auch niemand an einem weltweiten Filmstart, nichts anderes ist ja so ein "Konzert". Und wie du ja selber schreibst: Bei einer Oper von Verdi oder Mozart stellt sich die Frage nach der Reputation ja jetzt schon nicht, da kommt es dann eher auf die Tagesform der Live-Musiker an.

PabloD
6. Oktober, 2026 14:02
Reply to  Torsten Dewi

Schlussendlich ist es wohl tatsächlich weniger Kinofilm als Musical. Wenn ich ganz früher Cats sehen wollte, musste ich dafür nach London reisen (inkl. Urlaub und allem drum und dran). Später reichte die Reise nach Hamburg (zu vermutlich immer noch ordentlichen Kosten für alle Nicht-Hamburger). Was eben für viele den Besuch auch erst einmal möglich machte. Das nahm aber trotzdem einem London-Trip nicht den Reiz.
Und selbst wenn es Cats-Aufführungen in den Mehrzweckhallen Passau, Krefeld oder Cottbus gegeben haben sollte (was ich nicht weiß), waren sich alle Besucher hoffentlich einig, damit nur eine 1B-Variante geboten zu bekommen. Richtige Geeks werden sich dann trotzdem immer nur das "Original" mit Zusatzkosten gegeben haben.

PabloD
6. Oktober, 2026 14:32
Reply to  Torsten Dewi

Das ist natürlich grundsätzlich unbestritten, dürfte aber für den Großteil der Besucher überhaupt keine Rolle spielen. Weil die sich ein Musical genau 1x anschauen, ohne Vergleichsmöglichkeiten zu haben bzw. überhaupt haben zu wollen (Stammgäste oder Themen-"Freaks" natürlich ausgenommen). Ihre Meinung, ob die Show bzw. der Abend in Bochum toll war, ist völlig unabhängig von der Show bzw. den Leistungen in London. Niemand (Stammgäste oder Themen-"Freaks" natürlich ausgenommen) wird nach einer schlechten Show in Bochum sagen, dass er sich das Ganze in London nochmal anschauen wird, weil es dort ja eventuell besser sein könnte.
Eben analog (pun intended) zum ABBA-Konzert.

Und weil ich es oben vergessen hatte: Der Vergleich zielt natürlich darauf ab, dass es schon rein technisch in absehbarer Zeit nicht möglich sein wird, so ein Event wirklich in jeder Kreisstadt durchzuführen. Zumindest nicht in der oben gezeigten 1A-Variante.

PabloD
6. Oktober, 2026 15:49
Reply to  Torsten Dewi

Ich gebe zu: Deinen letzten Umkehrschluss verstehe ich nicht.

Was ich aber verstehe, ist meine bereits o.g. Meinung zum ersten Absatz: Warum sollte es den Status von ABBA VOYAGE schwächen, wenn die Aufführung nicht mehr nur in London stattfindet? Könnte es den Status nicht sogar eher stärken, weil dadurch viel mehr Leute die Möglichkeit eines Besuchs haben? DAS war mein Vergleich zu Opern und Musicals.
Status hier natürlich im Sinne von Beliebt-/Bekanntheit und nicht Exklusivität. Denn ein (digitales) ABBA-Konzert ist ja vermutlich nicht als High-Society-Event für die obere Kaste konzipiert.

Jedem ist doch bewusst, dass man sich dort in London Kunstfiguren ansieht und anhört. Statt Batman, Evita oder Tannhäuser halt Benny und Björn. Ob die jetzt zeitgleich noch woanders "auftreten", spielt doch für das Erleben des Events vor Ort überhaupt keine Rolle. Auch die Frage, ob die am Vorabend eine komplett identische 1:1-Kopie geboten haben, ist für den erlebten Abend doch irrelevant. Hier passt dann der Vergleich zu den Kinofilmen, die mich ja auch beim zweiten und dritten Mal ansehen immer noch begeistern können (oder ich vielleicht auch erst beim dritten Sehen bestimmte Easter Eggs überhaupt entdecke).
Mal davon abgesehen, dass so ein digitales Konzert ja durchaus auch variiert werden kann und es somit zukünftig verschiedene Versionen geben kann (Christmas Specials und B-Seiten lassen grüßen…)

2KopfPuffin
6. Oktober, 2026 14:13
Reply to  Torsten Dewi

Hm, Les MIZ ist auch ein Event, das man plant. Trotzdem wurde es eine Weile zeitgleich in Duisburg, London, New York und vermutlich einem dutzend anderer Orte gespielt. Klar, mit echten Darstellern, etc., aber immerhin. So lange die Holo-Konzertsäle noch nicht in jeder Stadt sind wie die Multiplex Kinos, wird es ein Event bleiben.

Für mich würde es vermutlich echte Konzerte nicht ersetzen, sondern wäre irgendwie sein eigenes Ding. Ich war dieses Jahr auf ein paar kleinen Festivals und es ist immer schön, die Musiker auch mal im Publikum zu sehen, oder auch die Interaktion zwischen Musikern und Leuten zu sehen. Ob KI da mal rankommt? Und ob Hologramme Open Air und im Sonnenschein funktionieren?

Zu den Feuerwerken: Die gibt es ja mittlerweile auch als Drohnenshow. Die wird auch einmal programmiert und kann immer wieder abgespielt werden. Würde man den Leuten die das geschaffen haben nicht auch applaudieren?

Letzter Random Gedanke: Ein Achterbahn spult auch ein dutzend Mal in der Stunde exakt das gleiche Programm ab und macht immer wieder Spaß.

2toTrucker
6. Oktober, 2026 14:40

QUEEN wäre gesetzt. Vielleicht nochmal mit M. Caballee!
Ansonsten Rammstein irgendwann und das RatPack.

noyse
6. Oktober, 2026 15:43

Ich habe etwas ähnlich Merkwürdiges erlebt: Aus Gründen habe ich mehrfach die live Konzerte von BTS im Kino miterleben "dürfen". Das spannende: die Kids oder auch ältere Damen machen da genauso Party mit Tanzen und pfeifen und Ahas und ohhs, wenn der entsprechende Crush auf dem Bild erscheint – wie auf richtigen Konzerten. und es gab Applaus 😉 Es kann also funktionieren.

Ich bin ja auch der Meinung ab einem bestimmten Zeitpunkt "gehören" die Lieder nicht mehr den Künstlern – ab dann ist es auch egal, wer die Lieder darbietet, wenn sie so klingen wie gewohnt. deswegen funktionieren Coverbands "Forced to mode" auch. Und überspitzt würde ich sagen, wenn die Hologramme Gorillas mit Perücken wären und die performen ABBA Lieder, würde es auch funktionieren, weil es nur um die Lieder geht. ich denke auch je kleiner der Fankreis der Songs ist umso weniger ergibt der Aufwand Sinn. Obwohl ich Kiss vom Namen und so kenne, bin ich in meinen letzten 50 Jahren kaum mit deren Songs in Berührung gekommen – mit ABBA, Depeche Mode und sogar Marianne Rosenberg schon eher.

Mencken
6. Oktober, 2026 18:29
Reply to  noyse

So neu ist das nicht, ich erinnere mich, dass es z.B. Anfang der 90er auch ein ACDC Konzert im Kino zu sehen gab. Auch wenn es vordergründig Musik ist, sehe ich das nicht als Konkurrenz zu Live-Konzerten, hier geht es einfach um das Event und vielen Leuten reicht das bereits. Würde aber gerne mal sehen, wie z.B. ein Jesus Lizard Konzert in dieser Form funktionieren sollte.

sven
6. Oktober, 2026 18:13

Am Ende ist das nicht viel anders als Stadionkonzerte von der Tribüne zu verfolgen. Wer da unten auf der Bühne steht kann ich nicht mehr erkennen, speziell bei "seitlich hinter der Bühne"-Plätzen wie sie z.B. Taylor Swift angeboten hat, das ist also nicht so viel anders im Kino ein Konzert zu schauen.
Wie hier schon kommentiert haben diese Übertragungen teilweise den gleichen Live-Konzert-Charakter für die Zuschauenden, ich denke da geht es heute viel stärker um das Zusammensein mit Gleichgesinnten, als darum die Band bei der Arbeit zu sehn.

Unabhängig davon fände ich es komisch bei Abba Voyage nicht zu klatschen, da stehen weiterhin Leute auf der Bühne, die da live Musik machen. Denen gilt nicht die große Aufmerksamkeit, sie zu ignorieren wäre aber schon sehr unhöflich.

6. Oktober, 2026 18:39

Spannendes Konzept! Allerdings bin ich über den Preis erstaunt. Und damit füllen sie jeden Abend auch unter der Woche die Halle?

Mein Tipp wäre, dass das Publikum sich als Teil der Show und der Inszenierung begreift. Wir tun alle so, als wäre das ein echtes Konzert, und dann haben auch alle mehr Spaß dabei! Man ist ja auch da, um diesen Spaß zu haben. Die Vorstellungen der Rocky Horror Picture Show im Kino stelle ich mir auch so vor. (Gedankensprung: Beim Fantasy Filmfest wird am Ende auch geklatscht, auch wenn keine(r) der Verantwortliche da ist)

Für die Big Names der Branche wird das wohl nicht zum Problem werden. Man sehe sich nur die Aufgeregtheit an, wenn Oasis oder Taylor Swift eine Tour ankündigen. Beim Original dabei zu sein ist halt noch mal was anderes und gewinnt offensichtlich noch an Status. Eher ziehen solche Events die Zuschauer von kleineren Konzerten ab, denn – wie du ja schon schreibst – welche Popband soll sich denn mit ABBA vergleichen können?

Vielleicht ist die Frage irgendwann: Gehen wir ins Kino, auf die Party oder gönnen wir uns wieder ABBA? Da weiß man, was man bekommt. Dagegen spricht aber wieder dieser Preis, über den ich einfach nicht hinweg komme. Für die echten Oasis zahle ich demnächst 160€, aber die waren dann seit knapp 20 Jahren nicht mehr in dieser Formation in Deutschland. Würde ich die jeden Tag sehen können, wäre der Preis erst recht nicht mehr zu rechtfertigen.

helmer
6. Oktober, 2026 20:35

Lebt das nicht auch ein bischen davon das ABBA ein sehr geläufiger Name ist und man beim daheim Erzählen auf gespannte Ohren stossen dürfte?

Jüngere Mensche würde das Geld vermutlich nicht ausgeben, weil ihre Peergroup eher weniger mit dem Namen anfangen kann.

Ist ja wie mit viralen Läden bei denen die Leute in den Hauptstädten der Welt anstehen, während im Laden daneben ein Leere herscht. Geht ja auch ein bischen das der prominete Name auf den Besucher abstrahlt.

6. Oktober, 2026 21:06
Reply to  Torsten Dewi

ABBA ist ein Phänomen. Selbst ich kann mich der Wirkung nicht entziehen, die Melodien sind wunderschön. Und ich kenne Leute aus der Gen Z, die auch ABBA kennen und mögen. Ob die nun Geld für die Hologramm-Show ausgeben würden, weiß ich nicht, aber der Name ABBA ist ihnen auf jeden Fall ein Begriff.

2KopfPuffin
7. Oktober, 2026 07:51
Reply to  Marko

Ich denke auch ABBA ist ein Phänomen. Das Mama Mia! Musical und die dazu gehörigen Filme haben die Leute ja auch nicht unbedingt mit der Story gelockt. Aber die Bühnenvariante war eine schöne Möglichkeit die Songs live zu erleben und die Filme hatten statt live eine tolle Kulisse und lustige Choreographien.

Kleine Anekdote am Rande: Ich war vor vielen Jahren auf einem Konzert der Metal Band Edguy und in der Umbaupause lief Dancing Queen. Und all die bösen Metalheads haben laut mitgesungen. Also, ABBA geht immer!

Haselnusstafel
7. Oktober, 2026 09:19
Reply to  2KopfPuffin

Nun könnte ich was Böses über EDGUY schreiben. Die sind ja quasi das ABBA des Metal, oder?

Aber es stimmt. Letztens lief noch nach einem Hard-Rock-Konzert, als die Band die Bühne verließ, "Arrival". Auch das hat was Magisches.

Ich bin kein Freund von Popmusik. Aber ich muss bei ABBA anerkennen, dass das schon gut war, was die gemacht haben.

2KopfPuffin
7. Oktober, 2026 09:47
Reply to  Haselnusstafel

Ach, der Tobi ist so ein Quatschkopf, der würde dir vermutlich sogar zustimmen. 😉

Reini
6. Oktober, 2026 23:33

…wenn ich es richtig sehe, wurde Kraftwerk hier noch nicht genannt – eine „Band“, die die Künstlichkeit schon mit sich bringt und bei der die passende KI Musik und Performance problemlos noch auf Jahrzehnte weiter entwickelt könnte…

Reini
6. Oktober, 2026 23:36
Reply to  Reini

…„entwickeln“ sollte das natürlich heißen…

Haselnusstafel
7. Oktober, 2026 09:23

Spannend ist ja irgendwie schon, wie hier eine für mich fast furchteinflößende Technik, die vieles von dem, was uns vertraut und unverrückbar erschient, aufzulösen imstande ist, für ein fast gegenteiliges Gefühl genutzt wird.

Warum zahlen da Menschen 120 Euro für? Weil sie riesengroße ABBA-Fans sind? Glaub ich nicht. Weil sie neugierig sind auf was Neues, nie Gesehenes? Glaub ich auch nicht. Das mag reinspielen, füllt aber eine solche Halle nicht auf Sicht Abend für Abend.

Ich glaube, es ist die Sehnsucht nach Rückschau, nach einem gemeinsamen Lagerfeuer, nach Flucht zurück in einfachere Zeiten. Alles zeigt Risse. Zwei Stunden gemeinsam was mitsingen, das kittet gar nichts, aber es lenkt ab. Es zahlen auch Menschen viel Geld, um in Fußballstadien Weihnachtslieder zu singen. Entfremdet, verängstigt, auf der Suche nach zumindest einer Illusion von Geborgenheit in Früherem.

Stefan
7. Oktober, 2026 10:01

So viele tiefe Gedanken hatte ich gar nicht erwartet, als ich auf den Beitrag klickte. Sehr interessant.

Also warum klatschen die Leute? Ich bin ja mittlerweile (zu meinem eigenen Bedauern) eher technologie-dystopisch eingestellt, aber hier fallen mir eher positive Antworten ein. Die sind ja nicht blöd, die wissen, dass da Hologramme sind, die nichts davon mitbekommen.

Beim FFF wird bei jedem guten Film geklatscht. Manchmal gibt es Szenenapplaus. Der Regisseur ist nicht da, die Schauspieler ebenso nicht, der Veranstalter nicht im Raum. Warum also klatschen? Zum einen ist mir zu kurz gegriffen, dass Applaus im Sinne von Honorierung der Leistung bei ABBA nur den Menschen und Nicht-Menschen auf der Bühne gilt. Das ist eine Gesamtleistung vermutlich hunderter Beteiligter, die ein Erlebnis auf die Bühne stellen, dutzende davon vor Ort, die all das durchchoreografiert haben und für den reibungslosen Ablauf sorgen. Denen gilt auch der Respekt, die Begeisterung. Die haben mehr geschaffen, als du vorab gedacht hattest, und dich begeistert.

Nun ist der Regisseur des Film ja eher selten vor Ort. Und außerdem: schaust du denselben Film zwei Wochen später im Multiplex zwischen popcornschmeißenden Horden, klatscht am Ende niemand. Auch du nicht. Muss mehr dahinter stecken.
Männer jubeln und brüllen Fernseher an, wenn Team Klopp spielt. Je größer die Gruppe, desto größer die Begeisterung – oder Entgeisterung. Die Spieler bekommen davon nichts mit. Klatschen (Jubeln, Pfeifen) ist eine emotionale Entladung über das Erlebnis, das du hattest. Ein soziales Phänomen. Geklatscht wird auch und ich würde sogar sagen, vor allem, für das Publikum, eine gegenseitige Bekräftigung, dass das großartig war. Man stelle sich vor, am Ende der ABBA-Show klatscht niemand, alle nicken und gehen raus, diskutierend mit ihren Begleitern. Die Erfahrung wäre nicht dieselbe.
Im Multiplex sitzt du für dich allein. Die anderen scheren dich nicht. Ihr Vergnügen kümmert dich nicht. Den Popcornwerfer hasst du abgrundtief. Du guckst für dich allein und gehst.

Niemand, fast niemand, klatscht, wenn er in einer Galerie steht und ein schönes Bild sieht. Es ist keine gemeinschaftliche Erfahrung, jeder sieht das Bild in seinem eigenen Zeitpunkt. Schaut man dem Künstler beim Malen zu, wird am Ende geklatscht. Es ist eine geteilte Erfahrung. Endet die Performance damit, dass der Künstler ins Auto steigt und wegfährt, bevor der Vorhang fällt: die Menschen klatschen trotzdem.
Summa summarum: Ich glaube, es geht um Gemeinschaftsgefühl, um Entladung von Emotionen, die aus der persönlichen Erfahrung resultieren und dem Respekt gegenüber der Leistung auch all jener, die gar nicht anwesend sind. Nicht in erster Linie, einem zentralen Schöpfer zuzuklatschen.

Deshalb glaube ich auch: wenn sich das verbreitet, wenn die Technologie Einzug in die Alltagsunterhaltung findet, dann wird sich das ändern. "Ein weiteres Hologramm-Konzert" ist etwas anderes als die erste Erfahrung und Hochachtung vor der Technik.

Was bedeutet das für die Zukunft von Konzerten und Musik.
Verbreitet es sich, dann wird es mit den bestehenden Konzerten konkurrieren, keine Frage. Diese werden Publikum verlieren, die neuen Formen welches gewinnen. Der Respekt für die Leistung von Sängern und Bands auf der Bühne wird bleiben.
Film ist in jeder Hinsicht besser als Theater. Bessere Akustik, bessere Visualisierung, echte Kulissen, Postproduktion, jede Szene auf Perfektion gedreht, Bewegung im Raum, usw. Trotzdem erscheint uns der Vergleich geradezu unsinnig, obwohl das eine Medium direkt dem anderen entsprang, und schmälert auch nicht das Ansehen des Theaters.

Last point, promised: Immer mehr Vergangenheit, immer weniger Zukunft? Sehe ich teils auch so. Halte ich gesamtgesellschaftlich für einen Aspekt eines viel größeren Problems, Flucht in eine nicht mehr existierende Vergangenheit. Es hängt mehr an der Nachfrage als am Angebot.
Aber auch hier gilt: hundert+ Jahre Speichermedien haben nie wirklich Innovation verdrängt.
Das größere Problem ist, dass mit KI als neuem, billigen Akteur der menschliche Nachwuchs wirtschaftlich schon als kleines Pflänzchen zerdrückt wird. Wer kann als Musiker heute noch auf den großen Breakout Hit hoffen, wenn Nerd Hannes von nebenan täglich fünfzig Songs auf Spotify releast und dabei jedes Genre und jeden Trend bedient. Aber das führt nun doch zu weit weg vom Thema.

Robertha Beck
7. Oktober, 2026 15:00

Der Unterschied von dieser Produktion zu (auch aufgezählten) potentiellen anderen Kandidaten ist, das hier alle 4 Protagonisten sich zu Lebzeiten digital haben erfassen lassen, was bei Elvis, Jackson, Mercury usw dann aus der Konserve errechnet werden muss.
Geht ( wenn nicht jetzt dann bald) aber die direkte Mitsprache fehlt.