12
Feb 2020

Serienkritik: AVENUE 5

Themen: Film, TV & Presse |

Ute, ich muss Abbitte leisten. Vor 20 Jahren ungefähr hast du mir beim Frühstück von einer Idee für eine Science Fiction-Serie erzählt: “So eine Art Traumschiff im Weltall. Nur mit einer festen Kern-Crew, aber wöchentlich wechselnden Passagieren mit wöchentlich wechselnden Problemen. Love Boat meets Star Trek.”

Ich habe die Idee für Kappes erklärt – auch wenn sie auf den ersten Blick reizvoll klingt. Zwar sind Traumschiff und Raumschiff extrem beliebte und publikumsstarke Genres, aber sie haben kaum Schnittmengen. Wer gerne mit dem Traumschiff auf Reisen geht, steigt üblicherweise bei Klingonen und Phasern aus. Andersrum: wenn “where no man has gone before” auf einmal die Malediven meint, dann ist das nix für beinharte Nerds. Da wächst niemals zusammen, was sowieso nicht zusammen gehört.

Zu blöd, dass ich nie mit HBO frühstücken war. Die haben nämlich jetzt genau das Konzept mit viel Geld umgesetzt. Und mit Hugh Laurie.

Nun könnte ich mich ärgern und schimpfen lassen, dass der Dewi eben doch keine Ahnung hat, was geht und was nicht. Dem würde ich zuerst einmal entgegnen: Ich konnte vor 20 Jahren nicht wissen, was heutzutage möglich ist. GAME OF THRONES wäre damals auch undenkbar gewesen.

Wichtiger aber: genau genommen habe ich doch Recht behalten, als ich sagte, dass das Konzept nicht funktioniert. AVENUE 5 ist nämlich der beste Beweis dafür.

Ladies und Gentlemen, ich präsentiere die vielleicht schlechteste, dümmste, ignoranteste und vergessenswerteste Science Fiction-Serie des neuen Jahrtausends.

Ich hatte schon nach den Trailern keine Ahnung, was das sein soll: ein Drama? Eine Sitcom? Eine Dramedy? Bissige Satire oder alberner Klamauk? Hugh Laurie UND Josh Gad in einer Serie? Nach drei Folgen habe ich immer noch keine Antworten.

Kurz zur Story: Die AVENUE 5 ist ein kommerzieller Luxusraumer auf Kreuzfahrt (Kreuzflug?) im heimischen Sonnensystem. Eine unbeabsichtigte Fehlschaltung bei der künstlichen Schwerkraft sorgt für eine minimale Kursabweichung – die das Schiff statt in einer Woche erst in drei Jahren wieder zur Erde zurück bringen wird. Darauf sind weder Crew noch Gäste vorbereitet, zumal die AVENUE 5 auch technisch nicht auf so eine Odyssee ausgelegt ist. Es mehren sich die Hinweise auf “foul play”…

Klingt rasend komisch, oder? Und genau hier liegt das Kernproblem: AVENUE 5 erzählt eine beinharte, gar nicht so schlechte SF-Rahmengeschichte, will diese aber unbedingt in das Format einer Comedy pressen. Darum muss alles knallbunt sein, ein paar Nebenfiguren geben den Hampelmann und Hugh Laurie sieht bei allem Humor aus, als würden seine dramatische Ader platzen, weil er verwitzeln muss, was ernst deutlich besser funktionieren würde.

Es ist erbärmlich offensichtlich, dass Produzent Armando Iannucci zwar eine absolute Koryphäe in Sachen Comedy ist, aber keine Ahnung hat, wie Science Fiction funktioniert. Selbst die schlechteren SF-Sitcoms der letzten Jahre (HYPERSPACE, OTHER SPACE, NOBILITY) hatten verstanden, dass man Comedy nicht im luftleeren Raum generiert (obwohl…), sondern dass man die Elemente des Genres nutzen und persiflieren muss. AVENUE 5 wirkt, als würden die Autoren völlig überfordert in einem Genre rudern, dessen Mechanismen ihnen fremd sind. Der Serie mangelt es an klaren Protagonisten, einem nachvollziehbaren Universum, Schauwerten (abgesehen von beeindruckend großen Sets).

Vielleicht würde ich AVENUE 5 bei gerade mal 30 Minuten Laufzeit pro Folge noch als “guckt sich schmerzfrei weg” durchwinken – aber in den Zeiten von ORVILLE muss man sich nicht mehr mit fehlkonzipiertem Weltraumschrott abspeisen lassen.

Siehste, Ute? Hatte ich DOCH Recht!

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comicfreak
comicfreak
12. Februar, 2020 11:44

..die Frage ist: wirst du es trotzdem weiter gucken?

Maxiplus
Maxiplus
12. Februar, 2020 12:44

Allein der Trailer wirkt schon so hart unlustig und fad, dass ich mir die 2 Minuten vergeudete Lebenszeit wieder zurückwünsche. Da funktioniert ja GAR NICHTS, einfach nur furchtbar. Mein Beileid hast Du.

dermax
dermax
12. Februar, 2020 14:41

Schade, hab grade “Veep” wie nix weggeguckt, da hofft man natürlich, dass der ARmando was nachlegt…

Ist es beabsichtigt, dass bei “Orville” ein Link zu “Discovery”-Kritiken klebt?

Jake
Jake
12. Februar, 2020 17:27

Erinnert mich an ANIARA, den ich letztes Jahr auf einem Filmfestival gesehen habe. Ähnliche Rahmenhandlung, aber gänzlich ohne Comedy-Elemente (Raumtransporter mit tausenden Menschen an Bord kommt vom Kurs ab und treibt ziellos im All). Wer das Thema mal ernsthaft behandelt sehen möchte – durchaus einen Blick wert.

https://www.youtube.com/watch?v=-lG41Q_5DrA

Dietmar
12. Februar, 2020 17:32

Dafür hat Laurie bei Graham Norton geworben und hinterließ bei mir Ratlosigkeit. Irgendwie tröstend, dass sich die jetzt bestätigt.

Thies
Thies
12. Februar, 2020 21:31

Ich war nie richtig tief in “Star Trek – The next generation”, aber ich kann mich erinnern, dass ich nach einzelnen Folgen dachte, das die auch als “Hotel” im Weltall durchgehen würden.

Joersch
Joersch
13. Februar, 2020 15:37

@Torsten:
Darf ich in diesem Zusammenhang von dir ein kurzes Statement zu “the expanse” einholen?… Oder darf ich dazu vielleicht sogar irgendwann auf einen gesonderten Blogeintrag hoffen. Würde mich mit Hinblick auf deine Expertise sehr darüber freuen.

Joersch
Joersch
14. Februar, 2020 14:29
Reply to  Torsten Dewi

Hab auch erst damit angefangen und gehe mit den Leuten, denen du traust, dacor 👍 Danke!

jimmy1138
jimmy1138
14. Februar, 2020 09:02

Ich nehm das Ganze eher als workplace comedy im gewohnten Iannucci-Stil wahr und nicht so sehr als Science Fiction. Und das ist mMn ein Stil, den man mögen muß oder nicht – die Publikumsbewertungen bei IMDB, RT und Metacritic sind aber angesichts der Beteiligten desaströs. Trotzdem hat HBO eben erst eine zweite Staffel bestellt.
Vielleicht paßt das Konzept wirklich besser zu Politikern (The Thick of It, Veep bzw In the Loop und The Death of Stalin) – da ist das womöglich noch lustig, wenn da alle inkompetent sind und dauernd ins Fettnäpfchen treten. Hier hat man es v.a. mit den makaberen Elementen ein wenig übertrieben.

Sigur Ros
Sigur Ros
16. Februar, 2020 00:49

Armer Hugh Laurie. Dass es für ihn nach House nicht mehr besser werden könnte, war klar, aber dass er jetzt in so einem zweitklassigen Schrott mitspielt, ist schon hart. Das passt einfach überhaupt nicht und ist weit unter seinem Niveau. Er sollte lieber wieder mit Stephen Fry zusammenarbeiten.