Final Thoughts: STAR TREK – STRANGE NEW WORLDS, Staffel 4: Kehrtwende in den Wahnsinn


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Okay, die Staffel 4 ist rum – und STRANGE NEW WORLDS hat wieder mal blind um sich geschlagen, statt einen klaren Kurs zu fahren. Wer sich in den letzten Staffeln über Fantasy- und Musical-Episoden aufgeregt hat, dem dürfte aktuell der Schädel geplatzt sein. Praktisch jede Episode ist "high concept", ein Bruch mit den SNW-Standards, die sowieso nur in den ersten zwei Staffeln bedient wurden.

Zeitreisen! Muppets! Dinosaurier! Film noir! Seifenopern!

Wieder einmal scheinen die Macher zu glauben, dass wahre Größe darin besteht, auf die Fans eben NICHT zu hören. Alles, was man in den ersten zwei Staffeln richtig gemacht hat, wird konsequent zurückgeschraubt, als wäre es ein Versehen gewesen. Man reduziert die beste Crew seit 40 Jahren zu Randfiguren und Pappkameraden, schubst den besten Captain aller Zeiten für den charismafreien Proto-Kirk in den Hintergrund.

Der Grund scheint auf der Hand zu liegen: Die Macher von STRANGE NEW WORLDS haben nach dem starken Anfang begonnen, die Serie nur als Lückenfüller zu sehen, als Prolog zur geplanten, aber nun doch nicht produzierten Serie KIRK: THE EARLY YEARS. Gefühlt hat Paul Wesley mehr Screentime als Anson Mount (jemand sollte das wirklich mal mit der Stoppuhr belegen). Dieses Fake-Cover kursiert nicht ohne Grund und ist eher bitter als lustig:

Staffel 4 ist nicht Staffel 4 von STRANGE NEW WORLDS – es ist Staffel 0 von KIRK: THE EARLY YEARS. Ich habe den Begriff "Steigbügelhalter" schon öfter verwendet. Er passt – und beleidigt doch alle Darsteller der Serie.

Es ist unfassbar, dass man die seit langem stärkste TREK-Serie so bewusst ins Abseits schreibt und die bereits exzellent vorgearbeiteten Beziehungen der Charaktere derart auf Eis legt. Chapel und Spock und La’an – DAS hätte das große dramatische "love triangle" sein müssen. Pikes Wissen um das eigene Schicksal. Die Vergangenheit von M’Benga. Spocks Gewöhnung an die Volatilität des Menschlichen. Die Gorn.

Stattdessen: Gimmicks, Parodien, Hommages – und immer wieder James T. Kirk. Was völlig fehlt, ist die Erkenntnis: wenn alles ein Highlight ist, ist nichts mehr ein Highlight. Ich hatte drüber geschrieben.

Und dennoch… ich habe mich weitgehend köstlich amüsiert. Weil es einfach eine Frage der Einstellung ist, mit der man STRANGE NEW WORLDS angeht. Ich habe die Erwartung, dass die exzellente SF-Serie der ersten zwei Staffeln fortgesetzt wird, ad acta gelegt. Akzeptiert man, dass SNW Kirmes und Kindergarten ist, der ständige Versuch, die Grenzen des Erträglichen an denen des Machbaren zu messen – dann kann man mit der vierten Staffel viel Spaß haben.

Blöd, aber lustig. Laut, aber hübsch. Mager, aber teuer.

Gehen wir die Episoden in aller Kürze durch.


Valles Marineris

Ein starker Einstieg mit Elementen aus LOST WORLD, Western, WAR OF THE WORLDS – viel Action, viel Humor, die primäre Crew hat ausreichend zu tun. Man konnte glauben, die Serie würde wieder den Rhythmus der ersten und zweiten Staffel finden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

The Griffin Incident

Enterprise goes Geisterbahn. Eine Gruselepisode, die in einer normalen TV-Saison um Halloween herum gesendet worden wäre. Visuell stark, aber mit einer konfusen Story, die irgendeinen Story Arc von La’an einleitet, der bis zum Ende der Staffel immer wieder halbgar aufgegriffen wird.

Human Best Friend

Die HANGOVER-Episode, wie Fans sie nennen. Eine lässige, bunte, etwas wirre Episode, die den Darstellern erlaubt, mal ein wenig durchzuatmen. In einer Staffel voller Gimmick-Episoden geht auch das.

A Case of Chiaroscuro

Eine der beiden großen vertanen Chancen der Staffel. Wenn man sich eine solche Mühe gibt, aus Star Trek einen "film noir" zu machen, dann sollte man die Story und die Figuren angemessen spannend gestalten. Über die beeindruckende Visualisierung hinaus hatte ich Mühe, Interesse zu heucheln.

Level-Five Transporter Accident

Die Episode, die Trekker in Männer und Memmen aufteilt. Wer das nicht lustig und grandios "meta" findet, der ist in meinen Augen ein spaßbefreiter Windelpupser. STAR TREK hat bald 1000 Episoden geschafft – wenn so etwas "nicht geht", dann geht’s mir auf den Keks. Pandemonium wins, indeed!

Off-Hour

Eine dramatisch starke Episode, die endlich wieder mal zeigt, wie gut die aktuelle Crew in ernsten Non-Gimmick-Storys agiert. Ein absolutes Highlight der Staffel. Daumen runter für die vertane Chance, M’Benga aus der Serie zu schreiben.

Like Chronitons Through the Hourglass

STAR TREK goes meta – again. Eine Soap Opera, die mit viel Witz und Augenmaß wie eine Soap Opera inszeniert ist. Wer sich mit Seifenopern auskennt, dürfte doppelt so oft lachen wie explizite Trekker. Ethan Peck als Sybok ist eine Offenbarung. "You have… [zoom in] COSMIC AMNESIA!"

Orders of Magnitude

Eine weitere Kirk-Episode, die bis auf ein total verkorkste Ende zeigt, dass STAR TREK die Gimmicks, auf die man hier permanent setzt, eigentlich gar nicht braucht. Die Charaktere sind stark genug. Nutzt sie!

Once La’an a Time

STAR TREK goes Terry Pratchett und alle Darsteller haben sichtlich Spaß, gegen die Klischees anzuspielen. Werwölfe! Drachen im Weltall! Oh my! Dass das Dekolleté von La’an im Fandom einen solchen Aufruhr verursacht, zeigt wieder, dass Trekker sich eben doch nicht so sehr weiterentwickelt haben, wie die Macher es gerne hätten. Vielleicht hätte man Michael Burnham in einen Bikini stecken sollen…

Tomorrow’s Enterprise

Was Highlight und Abschluss der Staffel hätte sein sollen, entpuppt sich als lahmer, teilweise sogar peinlicher Totalausfall, der aus dem offensichtlich geplanten Crossover mit und Vorgriff auf KIRK: THE EARLY YEARS keinen erzählerischen Saft pressen kann. Es beweist sich, dass die gewollte Angleichung des Looks von SNW und TOS einfach nicht funktioniert – alberner als Chapel in dieser Episode hat vermutlich kein Crewmitglied je ausgesehen. Scotty und Uhura? Habe ich da was verpasst?


Was bleibt? Die vielleicht beste STAR TREK-Serie aller Zeiten und die gleichzeitig größte vertane Chance der Franchise. Vergleichbar nur mit der Entscheidung, nach FIRST CONTACT mit INSURRECTION weiterzumachen. Man möchte die Produzenten beim Kragen packen und schütteln: "Seid’s deppert?!"

Letztlich ist SNW die Umkehrung von PICARD, DISCO und SECTION 31, und der Beweis, dass man ein Käse-Konzept nicht gewaltsam retten, aber ein gutes Konzept konsequent in den Abgrund schreiben kann.

Schaut man hinter die Kulissen, dann kann man das vielleicht nicht entschuldigen, aber zumindest ansatzweise erklären. Es gibt Gerüchte, nach denen Staffel 4 tatsächlich der geplante Übergang zu KIRK: THE EARLY YEARS sein sollte und in Staffel 5 dann die offiziellen Staffelübergabe für die neue Serie hätte stattfinden sollen. Leider hat man entschieden, dass STAR TREK wieder mal eine Pause und einen Reboot braucht.

Hätten die Macher geahnt, dass KIRK keine Realität werden wird, hätten sie sich vielleicht mehr auf Pike & Co. konzentriert. Aber das sind natürlich nur Mutmaßungen – rückschauend kann man immer Schlaumeier sein.

Nach aktuellem Stand wird mit dem Ende von SNW das erste Mal seit 2009 kein TREK-Projekt im Kino oder im Fernsehen zu sehen. Etwas Statistik für die Nerds: das gab es bisher drei mal. Vier Jahre zwischen TOS und TAS, vier Jahre zwischen TAS und TMP, und vier Jahre zwischen ENT und dem ersten Abrams-Kinofilm. Geht man davon aus, dass SNW wie geplant 2027 ausläuft, dann lernen wir aus der Geschichte, dass es spätestens 2031 weitergehen wird. Wenn man allerdings sieht, wie sehr Paramount den 50. und den 60. Geburtstag von STAR TREK unterverkauft hat und was für Umstellungen die Fusion mit Warner mit sich bringen könnte, mag es diesmal länger dauern…

Dennoch werde ich mir auch die letzten sechs Folgen SNW anschauen und mich freuen, dass die Serie zumindest streckenweise beweisen konnte, was ich seit 20 Jahren in Zweifel gezogen habe: das "alte" STAR TREK lebt noch. Es hat sich nicht überholt, ist nicht altmodisch und verstaubt. In den richtigen Händen und mit den richtigen Ideen funktioniert auch 2026, was 1966 begonnen wurde.

Und DAS, meine lieben Leser, ist für mich das schönste Geschenk zum 60. Geburtstag von STAR TREK. Ich verneige mich.



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andreas
25. September, 2026 13:00

Ja du hast alles gesagt, was es zu sagen gibt. Es war komplett drüber. Dennoch würde ich dieser Crew gerne noch ein paar Jahre zuschauen. Es wäre wirklich so viel mehr drinn. Wer weiß: vielleicht geht es doch weiter, vielleicht gibt es ein Comeback – bevor man gar nicht aus dem Franchise macht.

DerDollinger
25. September, 2026 13:07

Erstaunliches im Hintergrund des Bilds zur Muppet-Folge: Michael Mittermeier, ganz eindeutig.

tokra
25. September, 2026 13:43

"zwei Jahre zwischen DS9 und ENT" – da hast Du glatt Voyager unterschlagen. Nach TNG kam direkt VOY und direkt danach ENT. DS9 lief ja parallel zu den letzten Jahren TNG und den Anfangsjahren VOY.

"Scotty und Uhura? Habe ich da was verpasst?" – da gab’s wohl tatsächlich in "Star Trek V – The Final Frontier" eine Szene.

EXVERLOBTER
25. September, 2026 14:01

Man kann ja noch auf wunder hoffen. Ich hoffe anstatt auf ein weiteres sinnloses kirk prequel auf star trek United das scott bakula sequel über president archer über dass es seit Monaten zumindest Gerüchte gibt

jimmy1138
25. September, 2026 14:46

Was Figuren wie M’Benga oder Nurse Chapel anbelangt – die waren ja auch in TOS und da hatte man nur bedingt Handlungsspielraum. Den gab’s eher bei Ortegas, La’an und Konsorten.
Ich sehe das Problem bei der Staffel an den langen Produktionszyklen. Meines Wissens nach war die Staffel schon im Kasten als die letzte ausgestrahlt wurde. Das möglicherweise negative Feedback zu den Gimmick-Episoden der letzten Staffel konnte da nicht mehr einfließen.
Ich hoffe das Beste für die nächste Staffel und bin froh, daß es zumindest zweieinhalb gute Staffeln davon gab.

PS: "Off-Hour" war nicht ganz Gimmick-frei mit starken "24" Anspielungen, "Orders of Magnitude" haben viele als "Crimson Tide" Hommage gesehen. Und "Once La’an a time" hatte (auch dank Carol Kane) starke Anspielungen an "the Princess Bride"

MILE
25. September, 2026 16:08

Fände ich alles nicht weiter tragisch, wenn man sich in dieser Staffel ausgetobt hätte und danach noch eine käme, in der man wieder Episoden mit etwas mehr Substanz geliefert hätte.

Naja, wenigstens sah Celia Rose Gooding in der letzten Folge echt top aus.

25. September, 2026 18:11

Volle Zustimmung. In allen Punkten.