Film-Kritik: EIN TALENT FÜRS MORDEN


Schweiz, Australien, Italien, GB, USA 2026. Regie: Anton Corbijn. Darsteller: Helen Mirren, Alden Ehrenreich, Olivia Cooke, Elizabeth McGovern u.a.

Offizielle Synopsis: 1995 hat sich die gefeierte Krimiautorin Patricia Highsmith in ihr Chalet in den Schweizer Alpen zurückgezogen. Der Welt und ihrer Leserschaft längst überdrüssig, umgibt sie sich nur noch mit Büchern, Katzen und ihrer geliebten Sammlung antiker Waffen. Die selbstgewählte Einsamkeit endet jäh, als der junge Lektor Edward Ridgeway plötzlich vor ihrer Tür steht. Im Auftrag ihres New Yorker Verlags soll er die eigensinnige Amerikanerin zu einem letzten Roman mit ihrer berühmtesten Figur überreden: dem Hochstapler und Mörder Tom Ripley. Highsmith lehnt ab. Es sei denn, Edward hilft ihr, den perfekten Mord zu erfinden. Dafür braucht es einen unauffälligen Durchschnittstypen wie ihn und das richtige Werkzeug – ein scharfes Messer, eine Pistole oder vielleicht eine Prise Arsen? Schnell wird aus Edwards Besuch bei der alten Dame ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel, in dessen Verlauf sich beide fragen müssen, wer hier eigentlich gerade die Fäden zieht.

Kritik: Anton Corbijn ist sicherlich einer der faszinierendsten Regisseure der Gegenwart. Als Art Director hat er die Ästhetik von U2 und Depeche Mode geprägt, Videos von Joy Division und David Sylvian gedreht, aber auch von Herbert Grönemeyer und Bryan Adams. Seit 2007 dreht der Niederländer Langfilme mit arrivierten Stars wie George Clooney und Philip Seymour Hoffman, die aber immer etwas unter dem Radar fliegen. Man spürt bei jedem seiner Projekte, das hier jemand gut genug in der internationalen Star-Schickeria verankert ist, um nur das machen zu müssen, was er machen will. 

EIN TALENT FÜRS MORDEN passt perfekt in dieses Bild, handelt er doch von einer Autorin, die es sich leisten konnte, die Szene zu verachten, von der sie verehrt wurde. Patricia Highsmith war, das ist kein Geheimnis, eine weitgehend unangenehme Person, die durch Herablassung und Arroganz eine Mauer errichtete, die gleichzeitig ihren singulären Status repräsentieren sollte.

EIN TALENT FÜRS MORDEN erzählt eine fiktive Geschichte, die in den letzten Lebenswochen von Highsmith spielt. Edward Ridgeway überzeugt sie, noch einmal einen sechsten Tom Ripley-Roman anzudenken, und im Gespräch entwickelt sich eine typisch zynisch-elegante Geschichte, in der Edward selbst die Rolle Ripleys übernimmt, für die er sich prädestiniert fühlt. Schon bald wechseln Figuren die Plätze, lassen sich Fakt und Fiktion nur schwer auseinanderhalten.

Basierend auf dem Theaterstück SWITZERLAND von Joanna Murray-Smith hätte das ein sehr verkapseltes 2 Personen-Stück werden können, ein intellektuelles Duell wie 1 MORD FÜR 2. Tatsächlich öffnet Corbijn die Perspektive und webt einen neuen, letzten, nicht wirklich existierenden Tom Ripley-Film in das Narrativ ein, zeigt uns eine luxuriöse Welt jenseits der in 70er Jahre-Tristesse verstaubten Villa von Highsmith. Er visualisiert den Bruch zwischen Künstler und Kunst, zwischen der Hässlichkeit der Macher und der Schönheit ihrer Figuren.

Je länger EIN TALENT FÜRS MORDEN dauert, desto mehr ergibt er sich der Idee einer neuen Tom Ripley-Erzählung und lässt sie das Duell von Highsmith und Ridgeway auflösen. Die Frage nach Wahrheit und Authentiztät stellt sich zum Schluss nicht mehr – was bei anderen Film ein zu kritisierender "cop out" wäre, greift hier nicht.

Ich kann nicht bestreiten, dass der Film mich regelrecht hypnotisiert hat. Mirren ist erwartungsgemäß fantastisch, aber es ist Ehrenreich, der in einer Quasi-Doppelrolle den Film an sich reißt. Er spielt Ripley mit einer fast Orson Welles-esken charmanten Skrupellosigkeit, der man sich nicht entziehen kann.

Das ist sicher nicht jedermanns Vorstellung von großem Entertainment, aber wer mit den Krimis der Autorin und den vielen, teils eigensinnigen Verfilmungen aufgewachsen ist (NUR DIE SONNE WAR ZEUGE, DER AMERIKANISCHE FREUND, RIPLEY’S GAME), der bekommt hier ein weiteres interessantes Puzzleteil zum Gesamtbild Highsmith. Nicht wahr – aber plausibel.

Fazit: Ein raffiniertes Kammerspiel, das als Meta-Film mit verschiedenen Realitätsebenen spielt. Patricia Highsmith und der Tom Ripley-Kosmos verschmelzen zu einem spannenden Vexierspiel, in dem die wie immer großartige Helen Mirren in Aldren Ehrenreich einen ebenbürtigen Widerpart findet. 

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2 Kommentare
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Alex
20. September, 2026 12:34

Boah, SUPER! Und toll geschrieben. Als ich das Bild gesehen und den Titel gelesen habe dachte ich "Klingt wie Patricia Highsmith". Ich LIEBE das "Crime Genre", meine absoluten Lieblinge, und besonders und vor allem alles von Patricia Highsmith. She was a genius IMHO. Danke für diesen Tip Torsten. PS: Den Regisseur hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Hab die songs und videos von David Sylvian geliebt. PPS: Hab mich sehr lange nicht mehr so auf einen neuen Film gefreut. PPPS : Wäre Rosebud cool, hätten sie DIESEN Film gebracht (Ripleys Game lief damals ja auch).

Mike
20. September, 2026 12:48
Reply to  Alex

Ich kann den Film von ihm über Joy Division nur wärmstens empfehlen.