Fantasy Filmfest 2026: Ein Plädoyer für die Klassiker


Es gab eine Zeit, da probten junge Männer mit viel Ambition den Aufstand in der spießigen deutschen Filmfestival-Szene. Sie wollten die Zielgruppe bedienen, die sonst immer außen vor blieb. Die mit den schwarzen John Carpenter T-Shirts und den langen Haaren. Die zu Hause mindestens drei Videorekorder stehen hatten und von Sitges und Avoriaz träumten wie andere von Sydney und Anchorage.

Das Programm musste mühsam bei den Verleihern zusammen gebettelt werden. Der Großteil der Slots wurde mit Klassikern gefüllt, aber auch dem Trash der 60er und 70er Jahre. Man war dankbar für alles, was die Leute in den Saal lockte. Und das Publikum war dankbar für alles, was nicht wie auf RTLplus von Werbepausen unterbrochen wurde oder auf VHS geschnitten war.

Die Strategie, das Programm mit Retrospektiven und Themenabenden zu ergänzen, bewährte sich. Wo immer es ein Loch zu stopfen galt, konnte man sich aus dem Oeuvre von Jack Arnold oder John Carpenter bedienen.

Lang ist’s her.

Wenn ich es nicht falsch recherchiert habe, dann hat das Fantasy Filmfest 2003 – nach 15 Jahren – aufgehört, Klassiker und Retrospektiven zu zeigen. Bis dahin gab es jedes Jahr Screenings der Filme von Hammer, Dario Argento, David Cronenberg.

In der Folge schienen die Veranstalter der Meinung zu sein, dass es ausreichend Content für ein aktuelles Programm gibt und dass Klassiker nicht genug Publikum ziehen. Ein Strategiewechsel, der so lange gut funktionierte, so lange das stimmte.

Wer mein Blog länger als zwei Monate liest, der weiß es: seit mehr als 10 Jahren ist beim FFF der Wurm drin. Zu viele dröge Füller kanadischer und irischer Herkunft, zu viel Betroffenheitskino, das ein Anliegen zu verkaufen hat.

Ich predige schon seit Jahren, dass das Festival sich nur weiterentwickeln kann, wenn es sich in gewisser Weise zurückentwickelt. Es müssen wieder mehr Quellen angezapft werden. Wo man in den 90ern auch vor TV-Filmen aus dem US-Kabelfernsehen nicht zurückschreckte, so muss man heute die vielen Streamer umarmen, die genuinen Genre-Content produzieren.

Vor allem aber: Klassiker auf der großen Leinwand sind heute keine Füller mehr. In vielen Großstädten gibt es regelmäßige Termine für das Beste, was die Traumfabriken der Welt in den letzten 100 Jahren produziert haben. Leute zahlen Geld, um in Gesellschaft und auf der großen Leinwand zu sehen, was sogar auf YouTube zu finden ist. Hier ein Beispiel von der Astor Filmlounge in Berlin:

Zum 40. Geburtstag haben die Veranstalter des Fantasy Filmfest einen ersten vorsichtigen Schritt zurück nach vorn gewagt: vier Perlen wurden ausgesucht und – eher willkürlich – unter das aktuelle Programm gemischt. Als da wären…

A CHINESE GHOST STORY

Ein Klassiker und für viele jüngere Fans, die nicht mit den Shaolin-Krachern der 70er und der Bruceploitation aufgewachsen waren, die erste wirklich prägende Begegnung mit dem Hongkong-Fantasykino. Die hier gezeigte Fassung war restauriert, aber man merkt halt doch, dass die Chinesen damals einen scheiß auf die Qualität ihrer Negative gaben. Mit den Restaurationen aus Hollywood ist es nicht vergleichbar. Trotzdem immer noch ein großartiger Film – und Joey Wang war eine angemessen überirdische Schönheit:

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DON’T LOOK NOW

Es gibt wenige Filme, die mich schon als Teenager so schockiert und beunruhigt haben wie WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (von der Rheinischen Post mal als WENN DIE GONDELN FRAUEN TRAGEN angekündigt). Der Prolog gehört zu den sicher verstörendsten Szenen, die je gedreht wurden. Bis heute ein absoluter Herzensfilm und genau das, was ich bei so einem Festival auf der großen Leinwand sehen will:

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THE CHASER

Perfekte Wahl: THE CHASER war 2008 der Abschlussfilm und ich hatte ihn (damals in Nürnberg mit dem Doc) ausgelassen. Tatsächlich handelt es sich um den Erstling von Na Hong-jin, der uns erst vorgestern mit HOPE begeistert hat. THE CHASER ist ein krasser Gegenentwurf: ein realistischer, brutaler, deprimierender Crime Thriller und vermutlich der beste Film, den Charles Bronson nie gedreht hat. Der Killer wird schon in der ersten Hälfte gefasst – doch dann geht der Wettlauf gegen die Uhr erst richtig los…

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BEASTS OF THE SOUTHERN WILD

Über den hier brauche ich nicht viel zu schreiben, denn ich habe bereits alles gesagt. Eine absolute Perle, die nun von einem neuen Publikum entdeckt wird:

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Die Bandbreite, die Herkunftsländer, die Genres – das war hier schon ziemlich perfekt austariert. Ich hätte spontan vielleicht noch AKIRA gezeigt. Oder UROTSUKIDOJI – LEGEND OF THE OVERFIEND:

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Soweit ich das überschauen kann, waren die Klassiker-Vorführungen sehr gut besucht, im Fall von A CHINESE GHOST STORY sogar rappelvoll. Es wurde also bewiesen, was es zu beweisen galt: diese Vorführungen haben ihre Berechtigung und ihr Publikum.

Wäre es demnach zu viel verlangt, auch in den kommenden Jahren lieber Klassiker als Käse zu zeigen, wenn das Angebot zu dünn wird? Warum nicht einen europäischen Kultfilm zum Einstieg, dann drei aktuelle Streifen, und schließlich einen Anime-Kracher als Abschluss?

Tausche irisches Förderkino gegen italienisches Ferkelkino!

Wird aber eh wieder keiner auf mich hören…



10 Kommentare

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heino
11. September, 2026 08:37

Leider nicht, dabei waren die Retrospektiven immer toll. Ich erinnere mich an Peter Jackson, Brian Yuzna, DIN Coscarelli und Jess Franco. Und 1996 gab es zum zehnjährigen Jubiläum ein Best of mit u.a. Near dark und Braindead, das war großartig

Alex
11. September, 2026 08:45

Einfälle, Wünsche und Ideen hat die FFF-Gemeinde zur Genüge. Wie wäre es z.B. mal mit Biker/Rocker Filmen (gabs noch nie). Oder einer "Russ Meyer" Retrospektive. Mir persönlich fehlen seit Jahren vor allem die früher immer sehr guten Beiträge aus Spanien und Frankreich, da kann ich mich an keinen Film erinnern, der mir nicht gefallen hätte. Aus dem Bereich Crime/Thriller sieht man eigentlich auch so gut wie nichts mehr, da gäbe es bestimmt zahlreiche "Klassiker" die noch nie gezeigt wurden.

Stephan
11. September, 2026 09:35

Man könnte so auch das Problem lösen, dass man keine deutschen Filme findet. Nosferatu, Dr. Caligari, Metropolis, Orlacs Hände, Alraune, etc. würde die große Leinwand gut tun (ich weiß dass die ohnehin hin und wieder gezeigt werden).

Katzenliebhaber
11. September, 2026 15:56

gibt doch diverse Veranstaltungen, die den alten Filmen huldigen. ich trauere den alten FFFTagen auch nach, aber es gibt regelmässig besseren lokalen Ersatz.

Jo2
11. September, 2026 21:21

Kleiner Typo in Absatz zwei: RTLplus statt RTL+ (das zweite wäre das aktuelle Streamingportal)

Rudi Ratlos
21. September, 2026 12:16

Bin jetzt ein wenig neidisch auf das Astor Berlin – in Frankfurt laufen die Filme leider nicht.