Fantasy Filmfest 2026 (27): ANOTHER WORLD


Hongkong 2025

Regie: Tommy Kai Chung Ng

Stimmen (Original): Suet-Ying Chung, Hiu-Tung Choi, Louis Cheung, Kay Tse, Will Or, Thaimay

Offizielle Synopsis: Gudo ist ein „Seelenhüter“ aus dem Jenseits und begleitet die Verstorbenen auf ihrem Weg zur Reinkarnation. Als er auf die junge Yuri trifft, die verzweifelt nach ihrem toten Bruder sucht, spürt er, dass Yuris Geist von entsetzlichem Groll zerfressen wird – einem so allmächtigen Zorn, dass er sie in ein Monster zu verwandeln droht. Um sie zu retten, begibt sich Gudo auf eine gefährliche Reise zwischen den Welten.

Kritik: Der Film wurde vorab als der traurigste des Festivals angekündigt – und wahrlich, er hat mir mit Schmackes in den Magen getreten.

ANOTHER WORLD ist ein Animationsfilm von unglaublicher erzählerischer Wucht und Geschwindigkeit, mit visionären Bildern, die an alte Schwermetall-Comics und avantgardistische Landschaftsmalerei erinnern. Es ist ein Film, in dem eine für uns Westler komplett fremde Philosophie in Sachen Tod, Jenseits, und Wiedergeburt als selbstverständlich angenommen wird: die Seelen durchschreiten einen Wasserfall, der ihnen alle Erinnerungen an das verlorene Leben abwäscht, woraufhin sie als rote Seile auf ihre Reinkarnation zutreiben – mit Knoten für die ungelösten emotionalen Konflikte, die sie mitnehmen müssen.

Ich erzähle das hier sehr stringent – ein Entgegenkommen, das ihr von ANOTHER WORLD nicht erwarten dürfte. Zwei Drittel der Laufzeit hatte ich das Gefühl, Szenen aus drei verschiedenen Filmen einer Reihe würden willkürlich durchmischt präsentiert. Es gibt keine Möglichkeit, Raum und Zeit zu sortieren, die Ereignisse in logische Folge zu setzen. Erst zum dritten Akt hin lichtet sich der Nebel und wir verstehen langsam die Beziehungen zwischen den Handlungssträngen. Diese Verweigerung eines einfachen ABC-Plots lässt ANOTHER WORLD sperriger und unzugänglicher wirken, als er letztlich ist.

Und was er ist, ist eine großartige Meditation über das Leben, über Schuld und Sühne, über Loslassen und Zurücklassen. Seine Weltsicht hat mich schon während des Screenings mehr über mein Leben und meine Verantwortung nachdenken lassen als das gesamte christliche Konstrukt aus Himmel und Hölle.

Ich kann verstehen, dass nicht jeder an so etwas andocken kann. ANOTHER WORLD fordert den Zuschauer auf, sich vollständig in seine Welt einzudenken. Das ist nicht immer einfach und mitunter auch schmerzhaft. Für meinen Teil kam ich allerdings mit neuen Farben im Kopf aus dem Kino.

Fazit: Ein visionäres, hoch komplexes Märchen, eine singuläre Erfahrung, todtraurig und auch in seiner Melancholie herzergreifend. Erwartet nicht, alles zu verstehen. Erwartet aber, lange darüber nachzudenken. 9 von 10 Punkten.

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BILD DES TAGES

Zum dritten Mal erlebe ich den Block rund um Kino und Waldorf-Astoria komplett abgeriegelt. Diesmal allerdings nicht für Benjamin Netanjahu – stattdessen ist der Scheich von Saudi-Arabien zu Besuch und der deutsche Staat rollt neben dem Roten Teppich Hundertschaften von Polizisten und Panzerwagen aus:



1 Kommentar

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Matts
24. September, 2026 10:16

Alter Schwede, dieser Film hat mich fertig gemacht! Dass ein so wunderschön aussehender Film einem so mit Anlauf in die Magengrube treten muss…
Die nicht-lineare Erzählweise hat mich zuerst auch etwas die Stirn runzeln lassen, aber als gegen Ende der Grund dahinter enthüllt wurde, musste ich schon schwer schlucken.
Dass Seelenhüter so wenig Ahnung von den Gefühlen und Befindlichkeiten der Menschen haben, wirkt irgendwie wie ein Fehler im System, oder?
Optisch ist der Film, wie schon gesagt, eine Augenweide. Das Creature-Design ist echt kreativ, und die Musik ist großartig.
Gesamtkunstwerk, Daumen hoch!