Wortvogel vs. Wutopa auf Wertstoffhof!
Themen: Neues |Ich muss vorab gleich betonen: Es ist nicht meine Schuld! Ich schwör’s! Ich bin ein Netter! Seit unserem Australien-Urlaub lasse ich mich nicht mehr so leicht provozieren. Reife macht milde. Jeder vermiedene Streit ist ein Erfolg.
That being said…
Es ist vielleicht einfach zu heiß draußen. Wer raus geht, tut das selten freiwillig – und wenn es dann noch Ärger gibt, brennen schnell die Sicherungen durch. Alternativ müsste ich unterstellen, die Welt sei voller Idioten.
Gestern muss ich zum Wertstoffhof. Der ist ja quasi mein zweites Zuhause. Es sind diverse Plastikboxen zu entsorgen, die ich noch aus der Zeit mit mir rum schleppe, als Walmart in Deutschland Fuß fassen wollte. Die sind demnach über 20 Jahre alt und nun endgültig nicht mehr in Gebrauch. Dazu die üblichen Pappkartons und zwei Nachttischchen, die ich wegen… nah, das erzähle ich separat.
Kaum biege ich in die Straße zum Wertstoffhof ein, sehe ich schon eine 100 Meter lange Schlange aus Autos. Bei 35 Grad. Ich bin ja auch schön doof, dass ich ausgerechnet am Samstag hier aufschlage. Egal, da muss ich nun durch.
Es dauert ungefähr 10 Minuten, bis ich mit dem Wagen am Tor zum Wertstoffhof stehe, von wo aus ich den Platz gut überschauen kann. Alle Parkbuchten belegt. Ich beschließe darauf zu warten, dass ein Auto auf der anderen Seite vom Hof rollt. Sonst blockiere ich mit unserem BMW ja alles. Sollte auch nur eine oder zwei Minuten dauern.
Eine oder zwei Minuten sind allerdings zu viel.
Nicht für mich, sondern für den älteren Herrn, der plötzlich mit wütendem Gesichtsausdruck an meiner Fahrertür auftaucht. Er ist um die 70, klein und schmal, trägt Brille und Bart. Ich frage mich, was der Grund für seinen Ärger ist und surre zwecks Erkenntnisgewinns mein Fenster runter.
Er schnauzt sofort los:
"Wieso fahren Sie denn nicht los? Da warten’s die Leut hinter ihnen!"
Er gehört wohl zu der Sorte Leute, die hupt, wenn jemand bei einer gelben Ampel nicht mehr auf die bereits blockierte Kreuzung fährt.
Ich bleibe entspannt, weil es nichts zu diskutieren gibt:
"Der Platz ist voll besetzt. Wenn ich da reinfahre, bevor jemand rausfährt, blockiere ich die Durchfahrt für alle. Das macht doch keinen Sinn."
Ich denke eigentlich, die Sache damit konziliant und ausreichend erklärt zu haben, darum überrascht mich seine Replik umso mehr:
"Vielleicht sollte ich Ihnen einfach mal eine reinhauen!"
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Das triggert mich dann doch. Weil es so bizarr ist. Der Typ ist von meiner Warte aus steinalt, dürr, und sicher einer körperlichen Auseinandersetzung mit mir nicht gewachsen. Darum gönne ich mir ein wenig Sarkasmus:
"Sie wollen mir eine reinhauen? Ernsthaft? Probieren Sie es aus. Schauen Sie mal, was dann passiert."
Er weiß, dass er den Bogen überspannt hat. In Amerika gibt es den schönen Ausdruck "his mouth wrote a check that his fists couldn’t cash". Als Aggressor ist einfach weggehen in diesem Moment keine Option. Er steckt in der Sackgasse.
Nach ein bisschen Bedenkzeit wählt er Tür 3:
"Ich gehe jetzt zu den Mitarbeitern hier und sage denen Bescheid, was Sie machen!"
Ich lächle freundlich, während er sich umdreht:
"Au ja! Und sagen Sie denen, dass Sie mir gerade körperliche Gewalt angedroht haben!"
Dann verschwindet er und ich findet einen Parkplatz für meinen Wagen. Die Kisten sind schnell entsorgt, die Pappkartons und Nachttischchen auch.
Als ich mit leeren Händen zum Wagen zurückgehe, sehe ich ihn wieder. Er hat drei alte Spanbretter unter dem Arm und will zum Sperrmüll-Container.
Retrospektiv mache ich in der Folge zwei Fehler, deren Vermeidung diese Geschichte noch zur Perfektion veredelt hätte. Aber bei der Hitze hat mein Gehirn nicht schnell genug geschaltet, da müsst ihr nun durch.
Ich stelle mich vor ihn. Tatsächlich bin ich einen Kopf größer als er, 20 Jahre jünger, und locker 30 Kilo schwerer. Der ist kein Gegner. Dennoch möchte ich die Androhung von Prügel nicht einfach so durchwinken:
"Sodele, jetzt stehen wir uns ja Auge in Auge gegenüber. Möchten Sie das von eben noch einmal wiederholen?"
FEHLER 1: Es wäre erheblich besser gewesen, so zu kontern:
"Sie haben nun die ausgezeichnete Gelegenheit, sich aufrichtig bei mir zu entschuldigen."
Das hätte vielleicht zu einem spannenderen Ergebnis geführt. So nicht. Er ist sichtlich überfordert. Wütend, aufbrausend, vom erlittenen Unrecht überzeugt – aber argumentativ mit leeren Händen. Er stammelt, bekommt erstmal nur ein "Sie…!" und "Also so was…!" raus.
Ich biete ihm die erneute Gelegenheit, sich zu erklären:
"Sie haben eben sehr deutlich gesagt, was Sie tun möchten. Warum wiederholen Sie das nicht und wir schauen mal, was passiert?"
Er ahnt, dass er sich irgendwie erklären muss, um aus der Situation heraus zu kommen. Die Chance gibt ihm mein fehlerfreies Hochdeutsch:
"Sie… Sie… wir als Münchner! Also solche wie Sie… so Preuss’n… auf solche wie Sie können wir hier gut verzichten!"
I swear I’m not making this up.
Er als Münchner. Er dreht sich um und eilt davon. Ich lache laut genug, dass es auch die Umstehenden hören.
FEHLER 2: Ich hätte genau daran anknüpfen sollen:
"Sie als Münchner haben gerade einem wildfremden Rheinländer Prügel angedroht und sind deklassiert worden. Läuft bei Ihnen, oder?"
Hinterher ist man immer schlauer. Und eloquenter.
Damit habe ich es auch gut sein lassen. Weil die Sache es doch nicht wert war, dem Personal Bescheid zu sagen, dass sie den Mann wegen der Androhung von Gewalt des Platzes verweist. Weil es zu heiß war. Weil ich nach Hause wollte.
Aber echt jetzt: Leute gibt’s…
Respekt, dass du die ganze Zeit beim "Sie" geblieben bist. Ich neige dazu, Leute zu duzen, die mir blöd kommen. Was natürlich für eine Deeskalation nicht förderlich ist, aber naja, das ist mir in der Regel dann eh schon egal…
Ich werde sowieso nie verstehen, warum Rentner 70+ immer meinen, an Samstagen einkaufen oder solche Sachen machen zu müssen, wofür sie ja eigentlich unter der Woche Zeit hätten, wenn die Arbeiter in der Firma und die Kinder in der Schule sind.
Pfennigzählen an der Kasse und dann den Choleriker spielen.
Ich vermute eher, die machen sowas absichtlich, weil sie sonst kein "Ventil" für ihren Frust auf ihre Mitmenschen haben…
Ja, da mag eine generelle "Wut auf das Leben" mit reinspielen. Nach meiner Erfahrung ist auch Altersstarrsinn ein Faktor.
"Streetfighter 2"-Vibes incoming. "Round One – Fight!"
Okay, eine zweite Runde hätte es wahrscheinlich nicht mehr gegeben…
Bei uns am Wertstoffhof muss man online oder telefonisch einen Termin vereinbaren.
Das sind einfach Slots zu je 10 Minuten. Unter der Woche bekommt man fast immer einen Termin am selben Tag und Samstagstermine muss man zwei Tage im Voraus buchen.
Das entspannt die ganze Angelegenheit ungemein.
Maximal 2 Autos vor einem.
Der Wertstoffhoff ist nicht so voll. Keine anderen Menschen die nerven.
Am Anfang hat jeder gesagt "Das funktioniert eh nicht." (Kennt man ja).
Aber es läuft wunderbar.
Soweit ich das beurteilen kann, warst du nach allen Maßstäben, welche ich an gesellschaftlichen Umgang legen würde, im Recht.
Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mich früher wahrscheinlich genauso verhalten wie du und hätte den alten Mann noch mal angesprochen und konfrontiert.
War bei mir ein ziemlich gängiges Verhalten, zumindest solange ich noch Adrenalin im Kreislauf hatte…
Mittlerweile wäre ich aus Erfahrung hier sehr viel nachsichtiger, da mein Vater inzwischen Alters-Demenz hat, in deren Folge sich sein Charakter extrem gewandelt hat. Er ist sehr oft – grundlos – extrem aufbrausend und aggressiv.
Da hilft es nicht, im Recht zu sein, und noch weniger hilft es, wenn man versucht, mit ihm vernünftig zu reden.
Von außen sieht man ihm seine Demenz kaum an und wenn man bedenkt, wie weit verbreitet diese und andere Krankheiten sind, dann ist es kaum zu vermeiden, dass jeder von uns mal mit solchen Menschen zu tun hat.
Deshalb lebe ich mittlerweile nach der Devise: Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht eine Meile in seinen Schuhen gegangen bist.
Deshalb habe ich mir auch angewöhnt im Umgang mit vermeintlichen „Idioten“ (vor allem älteren Menschen) sehr viel Nachsicht an den Tag zu legen.
The only winning move is not to play.
Ist auch tatsächlich sehr viel gesünder für den Blutdruck. 🙂
Das ist alles nicht falsch, aber vorauseilende Rücksicht ist auch keine ideale Lösung. Wenn ich bei jedem Arsch, der mich blöd anquatscht, erstmal "vielleicht hat der mentale Probleme" denke, dann bringt mich das nicht voran. Manche Ärsche sind einfach Ärsche.
Weil es mit selber so schwer fällt, finde ich es super beeindruckend, wenn jemand „be kind to unkind people“ praktizieren kann. Vor allem weil das teilweise beeindruckende Ergebnisse liefert.
Hier frage ich mich aber was wäre, wenn keine Altersdemenz vorliegt. Den Rentner einfach mit einer Gewaltandrohung davonkommen lassen? Das ist ja schon eine deutliche Grenze, die da überschritten wurde. Mich würde interessieren, wie du diese konkrete Situation gehandhabt hättest.
Als Radfahrer in München hatte ich auch schon Konfrontationen, die so ausm Ruder laufen. Ich frag mich, ob ich bei der nächsten ähnlichen Thematik schlicht das Handy zücke und mit "das lassen wir einfach die Ordnungsmacht klären" die 110 wähl.
Einerseits werden die dann von wichtigen Dingen abgehalten, andererseits zahl ich Steuern für sowas.
Und der Ansatz von Gewaltandrohung an den minderwertigen Fremden ist leider ein Klassischer hierzulande…
Da gibt es eine schöne Serie "Mr.Inbetween".
Es wird darin sehr schön erklärt,warum es so viele Ar…löcher auf der Welt gibt.
https://www.youtube.com/watch?v=0z1ofdgOSRQ
LOUDERMILK ist auch gut, was solche Sachen angeht:
https://youtu.be/WDfJn1kcQuU?si=gS-ji6lECtoOL1rE
In radweg-reichen Gegenden ist das dargestellte noch die mildeste Form der Unmutsäußerung, benutzt man mit dem Fahrrad eine Fahrbahn.
Wenn mir deratige Angebote wie "ich hau dir auf die Fresse" entgegengebracht werden, sage ich immer mach doch.
Ich freu mich immer drauf, denn diese Leute haben es verdient, respektive danach gebettelt.
Mittlereile bin ich selber fast 70, aber ich habe bei diesen Gelegenheiten, schon etliche auch vermeintlich stärkere niedergerungen.
Die wiollen das so und sie bekommen es von mir und eines kannst Du mir glauben, die machten das nie wieder wenn ich mit denen fertig war. 😉