06
Aug. 2026

Lesen, bis die Polizei kommt

Themen: Film, TV & Presse |

Es überrascht mich immer wieder, wenn mir auf Facebook Anzeigen in die Timeline gespült werden, die offensichtlich illegale Ware oder Scams anpreisen. Meistens treibt das ungeklickt weiter – aber es gibt Ausnahmen.

Vor drei Jahren hatte ich schon mal eine Welle von Werbungen für Webseiten dieser Art in der Dauerrotation:

"Archive 404" ist ein "one stop shop" für legendäre Comics von Warren, Harvey, Eerie, dazu Zeitschriften aus der "silbernen" Ära des Horrorfilms.

Ihr wollt es moderner, fetziger, mainstreamiger? Ein "House of the Reader" bietet Tausende Disney-Comics, Star Wars, Simpsons, Batman, Superman – alles in größtenteils kompletten "bundles" und ohne Beschränkungen durch DRM:

But wait – there’s more! Der "Retro Vault Club" hat mehr als 10.000 (!) Magazine und Comics im Angebot:

  • Over 10,000 classic and collectible magazines digitized in high quality
  • Organized into themed folders (pop culture, comics, science, history, sports…)
  • Instant lifetime access, available 24/7
  • Compatible with phone, tablet, or computer
  • Includes iconic titles like Playboy, MAD Magazine, Archie, Sports Illustrated, WWF Magazine, Nintendo Power, Muscle & Fitness, Popular Science, Hot Rod, Cracked and more

Keine Frage, das sind Angebote, die man eigentlich nicht ablehnen kann. Bis man genauer hinschaut. Und das sollte man.

10.000+ Magazine gibt es bei Retro Vault Club für 24 Euro. Wer 9 Euro drauf legt, bekommt 40.000 Comics dazu plus gigantische Archive von Erotik-Magazinen und Videospiel-Zeitschriften.

Bei Archive 404 bekommt man die Horror, SciFi und Manga-Bundles für ebenfalls 24 Euro – und man müsste viel Zeit haben, um auch nur eins davon bis zur Rente fertig gelesen zu haben. Bonus: Ein Bundle mit Büchern über Hexerei und schwarze Magie. Cast your own spell!

Bei House of the Reader kann man es sich noch einfacher machen. Statt einzelne Bundles zu kaufen, gibt es die Option, für schlappe 52 Euro einen lebenslangen Zugang zum gesamten, ständig wachsenden Angebot zu erwerben. Da sollte man gleich den Kauf einer großen externen Festplatte mit einkalkulieren.

Klingt zu gut, um wahr zu sein? Ist es auch. Beziehungsweise… es ist kompliziert.

Man muss nicht viel im Internet herumgekommen sein, um den Braten zu riechen. Die relativ gleich gearteten Webseiten mit teilweise überschneidenden Angeboten haben nicht die Rechte an den von ihnen vertriebenen Scans – sie haben die Scans nicht mal selbst hergestellt. Alle Zeitschriften, Comics, und Bücher, die hier angeboten werden, sind seit Jahren in grauen Quellen im Netz verfügbar.

Auch bei archive.org wird man fündig. Eingescannt von Fans und kleinen Grüppchen, denen es wichtig ist, das von den Eigentümern oft vernachlässigte Material ins digitale Zeitalter zu retten. Manche von ihnen tun es mit beeindruckend sportlichem Ehrgeiz, andere sehen sich als ehrbare Archivare.

Die hier gezeigten Webseiten tun nichts anderes, als in Newsgroups und Torrents verteilte Materialien zu sammeln, zu bündeln – und dann Geld dafür zu verlangen. Ein skrupelloses, unmoralisches, illegales, aber nicht uncleveres Geschäftsmodell.

Das macht natürlich ein fettes Wespennest auf. Die Magazine und Comics liegen in den für diese Sorte Scans üblichen Dateiformaten cbr, cbz oder pdf vor. Wer sie sucht, findet sie auch kostenlos, aber damit immer noch nicht legal. Die Rechte für Donald Duck liegen genau so bei Disney, wie die Rechte an Superman bei DC. So verführerisch es auch sein mag, mit einem Klick alle "Lustigen Taschenbücher" auf die Festplatte ziehen zu können – sauber ist es nicht.

Das Thema hatten wir 2008 (!) schon einmal – damals ging es allerdings um ein Portal, das die von Großverlagen erstellten PDF-Versionen aktueller Zeitschriften ins Netz stellte. Ihm war erwartungsgemäß keine lange Lebensdauer vergönnt.

Portale wie House of the Reader täuschen vor, dass man hier "legal" Bundles laden kann, ganz ohne Mühen und Sucherei – man bezahlt ja schließlich dafür, oder?

Ist selbstverständlich Kappes. Schon Raubkopien für den C64 waren anno 1984 nicht plötzlich legal, weil man an den rotznäsigen Raubkopierer auf dem Schulhof 50 Mark für 10 Disketten abgedrückt hat.

Es gibt einen Grund, warum diese Webseiten keine nachvollziehbaren Impressen besitzen oder auch nur verraten, wer sie betreibt und wo sie sitzen. Sie können morgen verschwinden und übermorgen unter einem anderen Namen wieder auftauchen, weshalb man auch auf Phrasen wie "lebenslanger Zugriff" keinen Pfifferling geben sollte. Ebenso wenig auf die "Geld zurück-Garantie".

Damit ist die Sache eigentlich klar. Finger weg.

Andererseits…

Ich kann verstehen, warum z.B. bei Retro Vault Club angeblich bereits mehr als 5000 Leute zugeschlagen haben. Allein die Tatsache, dass man sich tausende von Comics und Magazinen eben nicht aus fragwürdigen Quellen zusammen suchen muss, mag in vielen Interessenten die Bereitschaft triggern, ein paar Euro zu überweisen.

Und es ist ja nicht so, dass man im Kiosk heimlich die Hefte unter die Jacke stopft – viel von dem angebotenen Material ist offiziell gar nicht erhältlich und wurde primär zu archivarischen Zwecken gescannt. "Diebstahl" ist ein so hässliches Wort. Man kann es auch kulturellen Denkmalschutz nennen.

Das Risiko, erwischt oder gar angezeigt zu werden, geht gegen Null. Die Justiz, wenn sie sich mit so halbgaren Angelegenheiten überhaupt abgeben mag, sucht die Verkäufer abzuschrecken, nicht die Käufer. Die Häuptlinge, nicht die Indianer.

Also – warum nicht?!

Ich gestehe, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust, gerade weil ich den Verlust der analogen Quellen anklage. Solche Hefte haben es verdient, weiterhin gelesen zu werden und alte wie neue Fans zu begeistern:

Niemanden, wirklich niemanden schert es, ob die irgendwo weitgehend ungelesen auf deiner oder meiner Festplatte liegen, bis das Teil in ein paar Jahren abraucht. So wie es niemanden schert, ob du irgendwann 2004 mal VCD-Versionen der neuen STAR TREK ENTERPRISE-Folgen aus dem Internet gezogen hast.

Aber es ist halt nicht legal. Und was in meinen Augen schwerer wiegt: man sollte niemanden dafür bezahlen, dass er digitale Hehlerware verschachert. Das gehört sich nicht. Raubkopierer sind eine Spezies – Profiteure eine andere.

Es juckt mich schon, wenn ich diese Angebote sehe. Gleichzeitig kann ich es nicht rechtfertigen. Wäre der Kauf ein Bagatelldelikt? Überhaupt ein Delikt?

Wie üblich gebe ich die Frage an euch weiter. Geht ihr sowas mit einer "mir doch egal, wo das herkommt"-Einstellung an? Oder denkt ihr gar "die großen Verlage haben schon genug an uns verdient"? Hält euch die Angst vor Bestrafung zurück oder eine klar gezogene moralische Linie, was erlaubt ist und was nicht?

tl;dr: Legal, illegal, scheißegal?



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10 Kommentare
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6. August, 2026 09:31

Ich bin in der Vergangenheit auch über solche Bundles gestolpert, und habe vereinzelt zugeschlagen – wobei ich mir damals in blauäugiger Naivität echt nichts gedacht habe. Immerhin gibt es auch immer wieder sehr günstige Bundles für Videospiele, Comics usw. (von Anbietern, welche die Lizenz zum Verkauf besitzen). Irgendwann dachte ich mir dann aber auch "Das ist zu gut, um wahr zu sein". Seither mache ich um solche Angebote einen Bogen – habe aber auch Verständnis für alle, die gerade auch bei den von dir erwähnten Produkten (die entweder überhaupt nicht mehr legal zu beziehen sind, oder aber wo die Verlage trotz des Alters der Werke immer noch einen stolzen Preis dafür verlangen; ich schiele z.B. schon seit Jahren auf die Perry Rhodan-Silberbände, aber € 14,- für jedes Kindle-eBook geht bei bislang 176 Ausgaben halt schon ordentlich ins Geld) zugreifen.

Sebastian
6. August, 2026 11:08

Ich bin seit einigen Jahren bei sowas raus. Es ist eine privilegierte Lage aber ich abonniere wenn mich bei Büchern / Filmen / Serien etwas interessiert einfach das entsprechende legale Angebot und Kündige nach 1-2 Monaten wieder wenn ich das gesehen habe was mich interessiert. Durch das Überangebot gibt es eigentlich immer genug zu konsumieren und ich brauche alte Sachen nicht im fixen "Besitz". Bei Comics (in meinem Fall Marvel und ein paar Mangas) gibt es ja mittlerweile auch entsprechende Abodienste (Marvel Unlimited, Cross Cult) die alles aktuelle bieten was man braucht. Ganz alte Sachen die nicht angeboten werden fallen da halt raus aber da ist bei mir der Bedarf nicht da (in seltenen Fällen schau ich mal im Antiquariat oder auf Ebay nach Originalausgaben aber da muss der Bedarf schon hoch sein).

Was ich mich frage ist warum sich sowas teils so lange hält ohne das denen alles vom Copyright Eigner weggeklagt wird.
Beobachte in letzter Zeit etwas ähnliches auf Youtube. Dort findet man auf bestimmten Kanälen ganze ältere grosse Kinofilme. Mir ist bewusst das Netzkino und Co. das über Werbefinanzierung und Lizenz legal anbieten dürfen, aber die ganzen älteren 90er / 2000er Blockbuster (Face Off, Armageddon, Con Air, Transformers) die dann nicht den Originaltitel tragen sondern mit furchtbaren AI Texten und Bildern auf Kanälen die "Deutsch Knallhart" oder "Amelia" heissen hochgeladen werden können doch nicht legal sein, auch wenn das im jeweiligen Impressum behauptet wird, oder?
Und warum gibt es von solchen Kanälen immer mehr? Für wen lohnt sich das, falls es denn doch legal wäre?

Volker
6. August, 2026 20:17
Reply to  Sebastian

Seit den späten 90ern gibt es im Internet haufenweise Seiten, bei denen Roms von alten Videospielen angeboten werden. Kauft man eine der vielen nachgebauten Retrokonsolen, die es inzwischen so gibt, sind da schon Megabundles mit Roms dabei. Da passiert auch nichts (mMn zum Glück) obwohl zB Nintendo inzwischen viele ältere Spiele selbst anbieten und eigentlich immer sehr penible auf seine Marken schaut. Ist mir auch ein Rätsel.

Kosar34
6. August, 2026 14:36

Verrückt. Ich wollte mir bei ,,House of the Reader“ das ,,Starlog“ Bundle holen. Wird jetzt nicht mehr angezeigt. Das Thema ist echt interessant. Bei Ebay gibt es ja diese Angebote auf CD/DVD mit Reader. Ein Angebot enthält fast 250 Tarzan Comics(praktisch die gesamte GoldKey/DC/Marvel Ära). Da bin ich echt in Versuchung gekommen. Aber was, wenn mit den CD‘s oder DVD‘s etwas nicht stimmt. Natürlich sind mir die rechtlichen Probleme bewusst. Aber alle ,Starlog“ Ausgaben oder der fast komplette Tarzan als Comic Book. Das ist schon verdammt verführerisch.

6. August, 2026 15:11

Angesichts des immensen Verlustes an Kulturgütern sollte Archivierung nicht verboten sondern gefördert werden.

Alles was nicht einfach legal digital verfügbar ist nicht kriminalisieren. Da die Industrie viel zu wenig in Archivierung investiert sollten sie froh sein dass Ehrenamtliche einspringen

gerrit
8. August, 2026 05:43

Als Kind habe ich mir nichts dabei gedacht, auf einem Flohmarkt Module für den Gameboy zu kaufen, die mehrere Dutzend Spiele enthielten. Als Kind habe ich auch im damals einzigen Kaufhaus meines Heimatortes geklaut.
Da ich nicht mehr Kind bin, nehme ich achselzuckend zur Kenntnis, dass jüngere Menschen Dateien teilen, Raubkopien schauen, schwarzfahren, im Kiosk sagen, dass sie einen kleinen Kaffee bezahlen wollen und sich dann eine grosse Tasse nehmen… Man ist nur sich selbst Rechenschaft schuldig. Allerdings sehe ich für die Gesellschaft insgesamt schwarz, wenn die sozial unerwünschte Handlung die Regel ist und nicht die Ausnahme…