Book 'em: B-Movie Masters
Themen: Film, TV & Presse |Ich habe in meiner prägenden Zeit als Horrorfilm-Nerd sehr viele Biographien von Schlüsselfiguren des Genres gelesen: Roger Corman, Sam Arkoff, William Castle, Lloyd Kaufman, Harry Alan Towers, etc. Bei zwei größeren Werken zum Oeuvre von Charles Band war ich dann später sogar Ko-Autor.
Alles Produzenten.
Biographien von Regisseuren habe ich recht wenige gelesen. Das hängt auch damit zusammen, dass das Genre relativ wenige "auteurs" hervorgebracht hat. Gerade der B-Horror ist üblicherweise ein Handwerk, bei dem Regisseure angeheuert werden, um "in time and on budget" Vermarktbares abzuliefern. Sehr selten, dass man in deren Filmographie so etwas wie einen roten Faden entdecken kann – eine Ausnahme ist Albert Pyun mit seiner kuriosen Obsession für Menschmaschinen.
Seit meiner Augen-OP kann ich allerdings wieder besser von Papier lesen und habe mir tatsächlich ein paar Bücher angeschafft von Menschen, deren Werk mich seit den 80er Jahren begleitet. Viel erwartet habe ich mir davon nix, denn wer schon keine "guten" Filme drehen kann, der ist selten ein begnadeter Chronist von deren Entstehung.
Ich habe mich geirrt.
Beide heute vorgestellten Bücher beweisen, dass die Welt hinter den Kulissen, das Chaos in Hollywoods schmierigen Hinterzimmern, ungleich spannender ist als die resultierenden Produktionen.
Fred Olen Ray ist einer der zähsten Low Budget-Filmer in Hollywood und zusammen mit Jim Wynorski und Albert Pyun Teil der Heiligen Dreifaltigkeit. Das Trio konnte in den 90ern allein ganze Videotheken am Leben erhalten. Sie drehten wie im Fieber und wirklich alles: Horror, Science Fiction, Action, Comedy, Softsex.
Ray war mit dabei immer am sympathischsten, weil seine Filme vor Anspielungen an das klassische Hollywood strotzten, selten auf den kleinsten gemeinsamen Nenner schielten, und im besten Fall fast wie "echte" Kinofilme aussahen:
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Wann immer er ein Set oder zwei Drehtage übrig hatte, rief Ray seine Entourage für ein paar Dollar zusammen und dreht im Eiltempo oft willkürliche Szenen, die er hinterher zu einem schrabbeligen B-Movie zusammen stückelte:
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Wie viele seiner Kollegen ist er im neuen Jahrtausend auf seichte TV-Filme für Kabelsender wie Lifetime umgestiegen. Perfekte Altersteilzeit, bei der ihm seine Geschwindigkeit und seine Improvisationsfähigkeit zu Gute kommen.
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Die IMDB listet 168 Filme (und es gibt viele, die gar nicht kreditiert sind oder nie fertiggestellt wurden).
Das Buch HELL-BENT FOR HOLLYWOOD ist eine sympathische und fast schon blaupausige Biographie, die stellvertretend für viele Horror-Regisseure ist: aufgewachsen in einer Kleinstadt, dem drögen Familienleben mit Schundfilmen im Spätprogramm entflohen, dann ohne Geld nach Hollywood mit dem Traum, selber hinter der Kamera zu stehen. Erste Kontakte, erste Erfolge, erste Niederlagen, irgendwann die Routine und der Versuch, sich von ihr nicht fressen zu lassen.
Das ist extrem flüssig und unterhaltsam geschrieben, selbstkritisch, aber auch mit einer dem Alter angemessenen Milde. Lustige Anekdoten über Stars und Sternchen finden sich zuhauf, auch wenn Ray darauf verzichtet, schmutzige Wäsche zu waschen oder alte Rechnungen zu begleichen. Man bekommt ein exzellentes Gefühl dafür, wie es war, sich in den 80er und 90er Jahren in einem Kreis aus "has beens" und "wanna bes" zu bewegen, niemals wirklich an der Spitze, aber solidarisch genug, wenigstens nicht gemeinsam unterzugehen.
HELL-BENT FOR HOLLYWOOD gibt zudem auch einen guten Einblick, wie mechanistisch und als reine Regalfüller Genrefilme damals produziert wurden, wie die Budgets mühsam aus Auslandsverkäufen und Investorengeldern zusammen gekratzt wurden. Als jemand, der selber jahrelang im Bereich Internationale Koproduktion unterwegs war, fand ich viele meiner Erfahrungen hier gespiegelt.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: In einem so gnadenlosen Umfeld wie Hollywood wäre meine eigene Biographie womöglich noch deckungsgleicher mit der von Ray verlaufen, als es jetzt schon der Fall ist.
Letztlich ist HELL-BENT FOR HOLLYWOOD ein weiteres schönes Puzzleteil, wenn man das große Bild der Traumfabrik verstehen will. Und es beweist, dass Ray der Sympathische im Trio der B-Legenden ist (for the record: Wynorski ist der Schmierling und Pyun der Mystiker).
Definitiv lesenswert für Filmfans der alten Schule.
Das Leben von Sam Irvin verlief gänzlich anders als das von Fred Olen Ray, allerdings mit erstaunlich ähnlichen Ergebnissen. Irvin war zu allererst ein Fan und Amateur-Schreiber, der sich über Interviews und Bewerbungen die Nähe zu Stars und Dreharbeiten erschlich. Seine Bereitschaft, wirklich alles für seine Idole zu tun, führte zu vielen kuriosen Bekanntschaften und Begegnungen, die er in seinem Buch I WAS A TEENAGE MONSTER HUNTER! beschreibt.
Einmal in Hollywood angekommen, machte Irvin wie Ray Karriere im Bereich des gering budgetierten Genre-Films. Als bekennender und flamboyanter Homosexueller baute er sich eine eigene Blase aus alternden Glamour-Girls und hungrigen Nachwuchs-Darstellern auf. So drehte er für Charles Band den in zwei Teilen veröffentlichten Weltraum-Western OBLIVION:
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Seinen queeren Humor konnte Irvin am perfektesten in ELVIRA’S HAUNTED HILLS präsentieren, einem "Klassiker" des Kiffer-Kinos:
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Und wie Fred Olen Ray ist Sam Irvin mittlerweile bei seichten romantischen Komödien für das Kabelfernsehen gelandet, die er in schneller Folge abliefert:
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56 Filme seit 1991 – da können Spielberg, Coppola & Co. nicht mithalten.
Seit einigen Jahren konzentriert sich Sam Irvin wieder deutlich mehr auf journalistische Projekte und hat z.B. ein viel beachtetes Buch über den zweiteiligen TV-Film FRANKENSTEIN: THE TRUE STORY geschrieben.
I WAS A TEENAGER MONSTER HUNTER! ist keine Biographie, sondern eine kuratierte Sammlung an alten Interviews und Anekdoten. Auf 350 Seiten im Großformat-Hardcover geben sich die Legenden die Klinke in die Hand: Peter Cushing, Vincent Price, Christopher Lee, Tony Curtis, David Carradine, Robert DeNiro, William Friedkin, Diana Rigg, Roger Moore, etc.
Was Sam dazu schreibt, ist unfassbar charmant und offenherzig – und oft im direkten Kontrast zu seinen erkennbar nerdigen und begeisterten Interviews, die er teilweise schon als Teenager führte.
Ich habe mir den Spaß gemacht, mich von der LvA in meinem Arbeitszimmer mit dem Buch in der Hand vor der Original-Artwork zu OBLIVION fotografieren zu lassen, um das Bild als kleines Dankeschön an Sam zu schicken. Der haute das natürlich auf Facebook "on full blast" raus:
Tatsächlich ist I WAS A TEENAGE MONSTER HUNTER! auch Kindle-Enthusiasten unbedingt als Hardcover zu empfehlen. Es ist liebevoll gelayoutet mit Hunderten seltener Fotos. Und die Strecken profitieren davon, von Hand durchblättert zu werden. Ein Buch, das man auch als "Prachtstück" gerne im Regal stehen hat.
Über seine lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit Brian de Palma hat Sam ein eigenes Buch geschrieben, das bei mir bald auf den Gabentisch kommt:
Mag die Zielgruppe auch (nicht nur zahlenmäßig) beschränkt sein, so ist das Buch für sie eine echte Delikatesse. Ein Prachtstück.
P.S.: Dieser Beitrag ist auch eine Art kleiner Geburtstagsgruß an Sam Irvin, der heute unglaubliche 70 Jahre alt wird und tatsächlich noch so aussieht:
Danke für die Buch-Tips.Werde ich mir zulegen.Besonders das Sam Irvin-Buch ist für mich reizvoll.
Mein Film-Buch des letzten Jahres ist
Sergio Leone by Himself
https://www.amazon.de/Sergio-Leone-Himself-Christopher-Frayling/dp/1909526967
Das ultimative Buch über Sergio Leone und seine Filme.
Schade, das es diese Bücher nicht in deutscher Übersetzung gibt, und wahrscheinlich nie geben wird. Hätte ich mir sofort gegönnt.