Alle Jahre wieder: Wenn der Amtsschimmel leise wiehert
Themen: Neues |Ich bin kein Freund des Amtsschimmels. Der Gaul hat seine Schuldigkeit getan. Wenn’s nach mir geht, kann er in die Knochenleim-Fabrik.
Es hat sich auch tatsächlich viel getan in den letzten Jahren. So ist das KVR in München mittlerweile perfekt durchorganisiert. Termine macht man online aus, sie werden üblicherweise auf die Minute genau eingehalten – und der Sachbearbeiter hat Zugriff auf wirklich alles, um den Wunsch des Besuchers zu erfüllen. Hinzu kommt Security im Eingang, die wirklich hilfreich ist, und sogar die Möglichkeit, direkt vor Ort und kostenlos ein Passfoto zu erstellen, das digital an den Sachbearbeiter weitergereicht wird. Meine letzten Termine beim KVR dauerten keine 10 Minuten.
Das Amtsgericht München hingegen… aber ich muss ausholen.
Ich brauche eine Urkunde. Vom Amtsgericht. Nicht unfassbar dringend, aber idealerweise zeitnah. Die bayerische Hauptstadt ist stolz darauf, viele Vorgänge mittlerweile digital bearbeiten zu können. So recherchiere ich und stelle fest, dass die benötigte Urkunde tatsächlich online bestellbar ist.
Wenn man online bestellen kann.
Da man sich online nämlich eindeutig identifizieren muss, muss man sich erstmal… eindeutig identifizieren. Das geht nicht etwa über das Portal des Amtsgerichts, sondern über die BayernID, von der man wiederum zu einem Dienstleister weitergeleitet wird, der die Auslesung des digitalen Personalausweises vornimmt.
Das allein dauert eine stressige halbe Stunde, bis alle Accounts angelegt und verifziert sind. Ich muss bestimmt ein Dutzend mal meinen Perso an mein Handy halten. Ist ja nicht so, dass ich nicht schon gewarnt war…
Egal, irgendwann klappt es und ich muss mich nur noch entscheiden, ob ich das Dokument beglaubigt oder unbeglaubigt haben will. Keine Info, welchen Unterschied das macht – außer beim Preis. Beglaubigung ist wie Oralverkehr bei der Prostituierten: kostet extra.
Ich mache an dieser Stelle nicht wieder das Fass auf, dass Behörden von Steuergeldern bezahlt werden und ihre Dienstleistungen damit eigentlich abgegolten sein sollten. Gebühren sind in meinen Augen nur in Ausnahmefällen gerechtfertigt.
Ich gehe auf Nummer Sicher und ordere das Dokument beglaubigt. Ich bekomme per Email ein PDF, das mir die Bestellung bestätigt. Was ich nicht bekomme: irgendeinen Hinweis, wie lange es dauert. Das ist bei größeren Vorhaben durchaus nicht ideal. Zumal in meinem Fall an diesem Dokument wirklich alles hängt.
Irgendwer erzählt mir, dass man schon mit zwei Wochen rechnen muss, damit das Amtsgericht das Dokument ausdruckt und abstempelt. WARUM das zwei Wochen dauert, kann mir keiner erklären. Aber ich bin altersmilde.
Nur: nach zwei Wochen kommt das Dokument nicht. Und die Angelegenheit wird langsam dringlich. Klar kann ich noch zwei, drei Tage warten – aber ich habe keinen belastbaren Hinweis, dass es dann kommen wird.
Es ist wieder mal die LvA, die mir den entscheidenden Tipp gibt: "In Marburg habe ich das Dokument beim Amt direkt ausgehändigt bekommen, ohne Wartezeit."
Ich kann mir das für München zwar nicht vorstellen, rufe aber beim Amtsgericht an. Und siehe da: ja, man kann sich das Dokument direkt vor Ort abholen. Wie lange der Versand per Post noch dauert, da möchte man sich nicht festlegen.
Ich greife jetzt mal der Pointe voraus: Ab jetzt läuft alles fast perfekt. Sauer bin ich dennoch. Und ihr werdet verstehen warum.
7.30 Uhr klingelt am letzten Freitag der Wecker, damit ich um 8.00 Uhr losfahren kann – das Amtsgericht in der Innenstadt öffnet um 8.30 Uhr.
Strenge Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Die Damen von der Security argwöhnen, der Lautsprecher-Stecker an meinem Schlüsselbund könnte zur Niederschlagung der frei gewählten Bundesregierung missbraucht werden:
Man weist mir den Weg zum Warteraum, wo ich einen Zettel mit einer Nummer am Automaten ziehen muss. Let’s party like it’s 1999!
Da ich erst der vierte Klient (Kunde? Mandant? Bittsteller?) bin, komme ich nach 10 Minuten dran. Ich begebe mich zu dem Schreibtisch, den die Anzeigetafel für meine Nummer nennt.
Dort sitzt der Sachbearbeiter. Er heftet Unterlagen zusammen. Er schaut mich nicht an. Er reagiert nicht auf mein "Guten Tag". Er bedeutet mir nicht, auf dem Gästestuhl an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er heftet Unterlagen zusammen. Ich habe das Gefühl, seine primäre Beschäftigung – neben dem Heften von Unterlagen – besteht darin, auf den vorgezogenen Ruhestand zu warten, um endlich den gelben Pullunder ausziehen zu können.
Als er fertig geheftet hat, sagt er immer noch nichts, starrt nur auf seinen Bildschirm. Ich beschließe, mich unaufgefordert zu setzen. Kein Versuch eines Blickkontakts seinerseits. Dann, plötzlich und tonlos: "Ich brauche Ihren Ausweis."
Den kann er haben. Er tippt die Daten ins System. Ich gehe in Vorleistung und sage: "Ich bräuchte Dokument XY."
Interaktion kommt nicht zustande. Ich kann auf seinem Bildschirm sehen, dass er das Dokument binnen von Sekunden aufgerufen hat. Er fragt nicht, ob ich es beglaubigt oder unbeglaubigt brauchte. Er druckt es kommentarlos aus.
Weil ich ja nun zweimal das selbe Dokument anfordere, erkläre ich ihm kurz, dass ich schon seit über zwei Wochen auf die postalische Zusendung warte. Während er den Kassenzettel für mich ausfüllt, murmelt er: "Da können Sie lange warten, wir sind gerade bei April."
Er sagt das nicht bedauernd oder mit der Bitte um Verständnis. Er teilt es mir mit, als sei ich schön doof, wenn ich das online bestelle. Mir mangelt in diesem Moment auch der Respekt vor der Tatsache, dass die Behörde etwas problemlos augenblicklich vor Ort bereitstellen kann, aber der Ausdruck über das Online-Portal drei Monate hinterher hinkt.
Das ist der Moment, in dem ich üblicherweise den Sarkasten raushole und den Amtsschimmel angemessen zurechtweise. Ich habe Respekt vor Autoritäten, aber keine Angst. Und wenn der Typ meint, er könne mich wie zu seligen Hauptmann von Köpenick-Zeiten als Störung seiner Amtsruhe behandeln, dann kann ich ihm dazu gerne mal drei bis vier gedrechselte Absätze sagen.
Aber ich lasse es. Hängt mit dem australischen Ansatz zusammen und der Tatsache, dass ich es nicht brauchen kann, dass der Mann mir das Dokument womöglich verweigert, um das bisschen Macht auszuspielen, das er hat.
Er händigt mir den Kassenzettel aus, damit ich erstmal brav meine Gebühren bezahle. Immerhin: "Wenn Sie das Dokument dann doppelt haben, können Sie die Stornierung der Gebühren für die Online-Version beantragen."
Auch klügere Menschen als ich würden vermutlich an der Antwort auf die Frage scheitern, warum das Amt meinen nicht bearbeiteten Antrag nicht jetzt und hier stornieren kann. Ist ja nicht so, dass das Dokument schon im Postsack läge.
Egal. Ich gehe zur Kasse, bezahle meine Gebühren, und kehre dann wieder zu dem Sachbearbeiter zurück, der mich erstmal drei Minuten warten lässt, weil er was mit einem Kollegen zu bequatschen hat. Ich händige ihm die Quittung aus und er stempelt mein Dokument.
Um des besseren Verständnisses willen frage ich den Sachbearbeiter noch, wo und wie ich den überzähligen Online-Antrag stornieren kann. Seine genervt klingende Antwort: "Wenn Sie den mit der Rechnung bekommen, dann reichen Sie das zur Stornierung ein."
Keine Antwort auf meine Frage, aber immer hin auch darüber hinaus zwecklos.
Ich bin sooo nahe dran, den Finger zu heben und mit "Darf ich Ihnen mal kurz was erklären?" anzufangen, aber dann schlucke ich es runter. Bygones.
Ich fahre heim, scanne das Dokument, schicke es an die Vertragspartner. Alles in allem keine zwei Stunden Aufwand. Die zwei Wochen Warterei auf den Online-Ausdruck waren komplett verlorene Zeit.
Rein administrativ war der Besuch beim Amtsgericht zügig und erfolgreich. Dass ich mich dennoch über die unfassbare Wurstigkeit und die mangelnde Kommunikationsbereitschaft des Sachbearbeiters ärgere, dürfte keinen von euch wundern. Haben die nicht spätestens seit der Jahrtausendwende Seminare und Weiterbildungen, in denen ihnen beigebracht wird, den Besucher nicht als lästigen Störenfried zu betrachten, als Zeitverschwendung auf zwei Beinen?
Immerhin weiß ich nun, dass man in München die Wahl hat: online bestellen und sich mit dem System herum ärgern, ohne ein konkretes Ergebnis absehen zu können – oder ganz klassisch mit dem Formular in der Hand bei der Behörde aufschlagen, wo man sich für die sofortige Erledigung fühlen darf wie ein Hampelmann.
Und warum der ganze Aufwand? Werden wir noch drüber sprechen…
"und sogar die Möglichkeit, direkt vor Ort und kostenlos ein Passfoto zu erstellen, das digital an den Sachbearbeiter weitergereicht wird."
Bei uns allerdings nur für den jeweiligen Fachbereich der Stadtverwaltung.
Das digitale Passfoto für den Reisepass konnte aufgrund unterschiedlicher Systeme natürlich NICHT an die Kollegen der Führerscheinstelle übermittelt werden. Was dann den ulkigen Effekt hatte, dass das angeblich zu alte analoge Passfoto für den Reisepass (war noch vom Personalausweis-Antrag 1,5 Jahre zuvor gespeichert…) bei der Fühererscheinstelle mangels Abgleichmöglichkeit problemlos genommen wurde.
Auch das ist natürlich wieder so ein alberner Systemfehler, der vermutlich mit Datenschutz und "mangelnder interner Konnektivität" entschuldigt wird.
Oh, Passfotos!
Meine Krankenkasse verlangte für meinen Ausweis ein neues Foto, da nach 10 Jahren aus Datenschutz notwendig (?). Ausweis selber noch bis 33 gültig, laut Aufdruck.
30 Minuten lang versucht ein aktuelles Foto von mir per Mail oÄ. dorthin zu schicken. Scheitert daran, das ich erst eine neue KKK (KrankenKassenKarte) brauche, mit der ich mich identifizieren kann. Die bekomme ich aber nur, wenn ich ein neues Foto… Ihr kennt das Prinzip.
In die Schublade gegriffen, das papiernene Passfoto vom letzten Ausweis genommen (auf der Rückseite war noch von mir handschriftlich "10.04.16." vermerkt), unfreiu an meine Krankenkasse geschickt, 10 Tage später kam eine neue Karte per Brief in’s Haus. Darauf ist genau das selbe, 10 Jahre alte Foto, weswegen ich einen neue Karte anfordern musste.
Muaharharharharharhar… auch sehr geil die Story!
Ich habe es aktuell geschafft ein Auto komplett online zu versichern (das war einfach, weil die Privatwirtschaft wert auf Benutzerfreundlichkeit legt) und auf mich anzumelden. Behördenprozess i-kfz aufwendig aber geradeso machbar. Dafür musste ich ca. 1 Mio. mal meinen Ausweis ans Smartphone halten und den PIN eingeben. Mit Bund ID anmelden funktioniert nicht im Safari (und wohl auch nicht in Firefox). Da muss man erstmal draufkommen, es werden nämlich nur serverseitige Fehler (502) und falsche Fehlermeldungen angezeigt. Im Chrome bietet die Website dann ganz andere Anmeldeoptionen und funktioniert.
Hoffentlich ist dann auch dein Inneres ganz im Frieden mit der Welt. Ich krieg ja schon vom Lesen über so ein Verhalten ein Magengeschwür.
Eine kleine Anekdote von jenseits des Teiches: Da es in den USA keine Personenkartei wie in Deutschland gibt, muss man für Dinge wie zB den Führerschein mehrere "offizielle" Schreiben mitbringen, um seinen Wohnort nachzuweisen. Das können zB an die Adresse zugestellte Briefe sein.
Ich brauchte derer drei. Zwei der Briefe waren adressiert an "Mister Feivel, 23 Herbert St.". Der dritte Brief, den ich dabei hatte, war adressiert an: "Mister Feivel, 23 Herbert St, Apt A". Und die Frau schickt mich heim mit der Aussage: "There is no way to know that this is really the same address."
Am Eingang der Führerscheinstelle hängt immer ein großes Plakat "Wir tolerieren keine verbale oder körperliche Gewalt gegen unsere Mitarbeiter". Ich weiß jetzt jedenfalls, warum es so ein Plakat braucht.
Guter Freund wurde weg geschickt weil er ein Formular nicht in doppelter Ausführung dabei hatte. Er stand neben einem Kopierer als ihm das mitgeteilt wurde.
(ich erinnere mich an Papierformulare die das Amt mich doppelt ausfüllen lies, als ob der Kopierer nicht erfunden wurde.)
"Ich weiß jetzt jedenfalls, warum es so ein Plakat braucht."
Ich weiß es auch: Weil Gewalt gegen Mitarbeitende in Ämtern Tag für Tag in Deutschland vorkommt. Weil eine Freundin von mir eine Therapie brauchte, um sich wieder an ihren Arbeitsplatz zu trauen, nachdem sie dort von einem Besucher ins Gesicht geschlagen wurde.
Deshalb.
Es gibt praktisch keinen Beruf, in dem man nicht mit Gewalt konfrontiert werden kann. Aber es gibt praktisch keinen, wo man dafür ein Plakat braucht.
Mein Highlight war vor 2 Jahren, als ich einen neuen Reisepass beantragte. Stehe in der Pass-/ Führerscheinstelle, alles ausgefüllt, bezahlt etc. und stelle die Frage, wie man mich kontaktieren wird, ob per Mail, SMS oder per Anruf. Die Antwort lautete "gar nicht. Melden Sie sich einfach frühestens in 6 Wochen telefonisch bei uns" und dann bekam ich ein Zettelchen mit den entsprechenden Daten in die Hand gedrückt. Und ich lebe in einem Ort mit über 20.000 Einwohnern und einer Stadtverwaltung die sich ebenfalls damit rühmt, wie digital sie eigentlich ist.
So geht das bei uns tatsächlich auch.
Bei meinem letzten Personalausweis lief das so: ich habe mein Brief von der Stadt bekommen, dass mein Personalausweis sehr wahrscheinlich abgelaufen ist. War auch so, ich habe es halt nicht bemerkt weil ich den Personalausweis nie brauche. Terminbuchung ging problemlos online. Bei der Beantragung wurde gesagt, dass es 3 bis 4 Wochen dauert. Nach knapp 2 Wochen kann der Brief, der PA sei da. Bezahlen könnte man bei der Beantragung bar oder mit Karte.
Vor Jahren benötigte ein Freund und seine zukünftige Ehefrau für die Hochzeit jeweils ein Dokumente von den Standesämtern der Geburtsorte. Bei dem Freund ging es, für ihn überraschend, problemlos online. Bei der Freundin ging es nicht so problemlos, sie hat dann gefaxt. Unterschiedliche Stadt, unterschiedliche Standesämter.
Stell Dir vor, Du benötigst eine Personenauskunft vom Melderegister der Stadt Chemnitz. Deren Website bietet ein Formular als pdf an, aber auch eine Online-Auskunft. Für die Du ein Login benötigst. Um Dich zu registrieren, musst Du ein html-Formular ausfüllen, das weit umfangreicher ist als das eigentliche Auskunftformular. Und keinen Sende-Button hat, sondern nur einen mit der Aufschrift "Formular drucken" …
Dann doch lieber direkt das pdf ausfüllen, das kannst Du wenigstens per Mail senden. Nachdem Du es ausgedruckt und wieder eingescannt hast, wegen der nötigen(?) Unterschrift. Woraufhin Du zwar keine automatische Empfangsbestätigung erhälst, dafür aber am nächsten Tag eine Antwort der Sachbearbeiterin mit der Aufforderung, den Antrag erneut einzusenden ("Wir bewahren Anträge nicht auf."), aber diesmal doch bitte inklusive eines Zahlungsnachweises für die Gebühren, deren Höhe noch gar nicht feststeht, da sie sich aus dem Rechercheaufwand ergibt.
Muss ich noch erwähnen, dass Du von dieser Notwendigkeit der Vorauszahlung ausschließlich durch die Antwort der Sachbearbeiterin erfahren kannst, die das offenbar jedem schreiben muss, der zum ersten Mal einen Antrag stellt?
Man muss den Ämtern zugute halten, dass sie beim Bestreben, den Arbeitsaufwand für jedermann zu maximieren, sich selbst dabei zumindest nicht ausnehmen.