Ich hatte nicht vor, so schnell nacheinander zwei Meinungsstücke zu schreiben. Ich war auch unsicher, ob es mich überhaupt schert, dass Nastassja Kinski fordert, eine Szene in Wim Wenders FALSCHE BEWEGUNG zu entfernen, in der sie als minderjähriges Mädchen oben ohne zu sehen ist. Aber je länger ich das unwürdige Spektakel verfolge, desto mehr fühle ich mich verpflichtet, Kontext zu liefern.
Die 70er. Auch in fein bürgerlichen Haushalten hingen die Weichzeichner-Poster von David Hamilton, das ganze Jahrzehnt war von den SCHULMÄDCHEN-REPORTS geprägt, Ingrid Steeger machte sich in KLIMBIM mehr als nur einen Schlitz ins Kleid, und in der TV-Werbung sprangen junge Frauen barbrüstig in die Brandung, um uns für Duschgel zu begeistern.
Retrospektiv gesehen ist das in seiner Ballung so seltsam wie verstörend.
Es ist eine schwache Entschuldigung, dass das Interesse des Mannes der 70er selten "tatsächlich" jungen Mädchen galt – die abgebildeten Frauen waren üblicherweise optisch erwachsen und der lustvolle Blick eher einer nostalgischen Verklärung der (eigenen?) Jugend geschuldet. Hier weideten sich Männer an der geheuchelten Freizügigkeit einer Generation, die in ihrer eigenen Teenager-Zeit noch nicht existierte.
Kaum etwas dokumentiert das besser als einer der ersten Videoclips, die ich vor 19 Jahren bei YouTube hochgeladen habe:
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Es geht hier nicht um Pädophilie, üblicherweise auch nicht um Hebephilie. Die 70er waren in vielerlei Beziehung ein parthenophile Gesellschaft – es gab eine ungesunde Faszination in Sachen junge, aber nicht vorpubertäre Mädchen. Das ist wichtig, auch wenn das in der aktuellen Empörung gerne ausgeblendet wird, weil sich niemand mit Details oder Fremdworten herumschlagen möchte.
Tatsächlich wurden auch minderjährige Mädchen zur Fleischbeschau ausgezogen, oft genug unter dem Deckmantel des filmischen und fotografischen Anspruchs.
- Nastassja Kinski in praktisch jedem Film, in dem sie bis zu ihrer Volljährigkeit auftrat: FALSCHE BEWEGUNG, TATORT: REIFEZEUGNIS, TESS, LEIDENSCHAFTLICHE BLÜMCHEN, BLEIB WIE DU BIST
- Katja Bienert u.a. in SCHULMÄDCHEN-REPORT 13, DIE MÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO, LOLITA AM SCHEIDEWEG
- Désirée Nosbusch in DER FAN und NACH MITTERNACHT
- Brooke Shields in PRETTY BABY und DIE BLAUE LAGUNE
Man verbrämte die Darstellerinnen gerne als "Kindfrauen" und "Lolitas", nicht wenige der Rollen waren bewusst darauf ausgelegt, die Sorte Skandal zu provozieren, bei der man sich empört, in dem man besonders genau hinschaut.
Keine Frage: Das würde man nicht nur heute nicht mehr machen, das würde man schon seit mindestens 30 Jahren nicht mehr machen. Die Zeit, in der der deutsche PLAYBOY 15jährige auszog und die Bilder seinen Lesern für "zu jung oder gerade richtig?"-Kommentare hinwarf, sind schon lange vorbei. Solche Sachen heute zu sehen, sorgt meistens nicht für nostalgischen Schauer, sondern für Unwohlsein.
Wir haben gelernt, was wir damals hätten wissen müssen: das war nicht okay.
Eine ganz andere Frage ist, wem wir die Verantwortung dafür zuweisen. Der Zeitgeist ist ja keine für sich selbst stehende Entität.
Zuerst einmal sind die Fotografen und Filmemacher an den Pranger zu stellen, die praktisch jede attraktive Darstellerin unter die Dusche schoben, weil sich das prima vermarkten ließ. Nackt sein wurde erwartet, nicht wenige Schauspielerinnen haben ihre "Karrieren" auf der Bereitschaft aufgebaut, ohne Zicken die Bluse zu öffnen: Sonja Kirchberger, Ingrid Steeger, Bea Fiedler, Corinna Drews.
"Nackt" war damals auch noch normaler, in den Alltag integrierter. Frauen duschen nackt, stehen nackt aus dem Bett auf, ziehen sich in der Umkleidekabine um – es wäre als albern empfunden worden, da verschämt wegzublenden. Die 70er wollten schließlich das Jahrzehnt der sexuellen Liberalisierung sein.
Bei minderjährigen Darstellerinnen sieht die Sache natürlich anders aus. Selbst wenn eine 13jährige Nastassja Kinski zugestimmt hat, sich für Wim Wenders auszuziehen, dann war ihre Mündigkeit dafür doch beschränkt. Letztlich muss die Mutter eingewilligt haben – und es sind die Mütter, die mir in dieser Angelegenheit generell zu wenig zur Verantwortung gezogen werden. Oft genug waren die Mütter nämlich auch die Agentinnen und Förderinnen der Töchter: Teri Shields im Fall von Brooke Shields, Evelyn Gutkind-Bienert im Fall von Katja Bienert.
Die Mütter waren stolz, ihre Töchter im wahrsten Sinne des Wortes zu Markte zu tragen – und zeigten das auch:
Brooke Shields sieht heute ihre Mutter als treibende Kraft hinter vielen Fotos und Filmen, die sie am liebsten vergessen möchte.
Jetzt haben wir also Filmemacher/Fotografen und Eltern, die keine Probleme hatten, Teenager-Sexualität zu dokumentieren und zu vermarkten. Und minderjährige Mädchen/Frauen, die (zumindest soweit wir das wissen) im Rahmen ihres Verständnisses und ihrer Möglichkeiten zugestimmt haben.
Nun hängt sich der aktuelle Skandal daran auf, dass diese Mädchen/Frauen gar nicht in der Lage oder reif genug waren, um die Folgen ihres Tuns einzuschätzen. Das halte ich aus zweierlei Gründen für problematisch. Zuerst einmal unterstellt es, vor der Volljährigkeit hätten junge Frauen keine Fähigkeit zur eigenen Entscheidung, zur Selbstbestimmung. Als wäre die Mündigkeit ein Schalter, der am 16. oder 18. Geburtstag umgelegt wird. Das ist herablassend und wird Frauen wie Shields und Nosbusch nicht gerecht. Ich würde eher mutmaßen, dass die jungen Frauen damals zugestimmt haben, ohne sich der Bandbreite der Folgen bewusst zu sein – gerade weil es die 70er waren und "nackig" als relativ normal galt.
Hinzu kommt, dass die meisten der hier genannten Schauspielerinnen auch über ihre Volljährigkeit hinaus keine Probleme hatten, ihr Kindfrau-Image gezielt zu vermarkten:
- Nastassja Kinski zog sich in weiteren Filme und u.a. für den Fotografen Helmut Newton aus
- Katja Bienert zeigte sich nackt in SCHLOSS POMPON ROUGE und auf dem Cover der CINEMA
- Désirée Nosbusch zog sich volljährig für die Filme A.D.A.M. und GOOD MORNING BABILONIA aus
- Brooke Shields grüßte die Leser des Playboy vom Cover:
Ich glaube deshalb, dass es einen Aspekt gibt, der in der aktuell erhitzten Diskussion ein wenig unter den Teppich gekehrt wird: sich ausziehen war bis in die späten 80er Jahre ein probates und einfaches Mittel, in einer von Männern dominierten Welt Karriere zu machen – siehe auch Petra Jokisch.
Ist das geschmacklos, schmierig, ein Zeichen einer innerlich verrotteten Gesellschaft, die Frauen primär auf ihre sexuelle Ausstrahlung reduziert und die Bereitschaft, diese zu vermarkten? Natürlich. Freunde, Römer, Mitbürger: Ich bin nicht gekommen, die 70er zu entschuldigen, sondern sie zu erklären.
So bizarr es klingen mag: Nastassja Kinski minderjährig nackt im TATORT ist vergleichbar mit der Erwähnung des "Negers Zach" in alten BUTLER PARKER-Romanen und dem Zigeunerschnitzel. Es ist die Erinnerung an einen Zeitgeist, der uns damals normal schien und vorgelebt wurde, den wir aber glücklicherweise überwunden haben. Wir sind voran mit ganz großen Schritten, und Erwin packt der Heidi von hinten eben nicht mehr an die… Schultern.
Die Frage, die sich nun stellt: was macht man damit? Wir hatten die Frage ja kürzlich erst bei der Diskussion über Stings EVERY BREATH YOU TAKE. Umtexten? Verbieten? In den Giftschrank? Nur mit Vorwort?
Die Problematik der Situation ist sehr gut im Interview des SPIEGEL mit Professor Marc Liesching dargestellt – kompliziert trifft es nicht ansatzweise:
Liesching: Das Strafrecht unterscheidet zwischen Kindern und Jugendlichen, die Grenze liegt bei 14 Jahren. Das bedeutet, dass die Anforderungen bei einer 15-Jährigen andere sind, die Schwelle zur Strafbarkeit ist höher. Aber die Regelungen sind oft mit normativen, wertungsoffenen Begriffen gefasst, über Jahrzehnte gewachsen und werden nicht immer gleich ausgelegt.
SPIEGEL: Macht es einen Unterschied, ob ein 13-jähriges Mädchen sexualisiert dargestellt wird oder ein zehnjähriges Kind in einer Schwimmbadszene nackt durchs Bild läuft?
Liesching: Ja, alltagstypische Szenen werden tendenziell anders bewertet, denken Sie etwa an Werbung für Windeln. Aber auch da wissen wir, dass Sexualstraftäter oder Menschen mit pädophilen Neigungen dieses Material für sich nutzen können und das auch tun. Historisch gab es deshalb Entscheidungen der Bundesprüfstelle, die Zeitschriften mit Nacktdarstellungen von Kindern im FKK-Kontext indiziert haben.
Das lässt die Tatsache aus, dass die Gesetze ja immer wieder den moralischen Maßstäben der Zeit angepasst wurden – was heute den Paragraphen nach durchgewunken wird, mag in 10 Jahren schon strafbar sein. Auch rückwirkend?
Mit "strafbar" meine ich übrigens nicht nur den rechtlichen Begriff der Strafe. Müsste man die Archive durchwühlen und aus allen möglichen Filmen und Fotostrecken womöglich anstößige Teile herausschneiden – es wäre auch eine Form von Bestrafung.
Es steht ja auch die Frage im Raum, wo das enden soll. Hat sich Linda Blair bei den Dreharbeiten zu DER EXORZIST ganz fürchterlich geängstigt? Ist DAS vielleicht in Ordnung? Sollte man da nicht auch retroaktiven Jugendschutz propagieren? Ist das hier noch aufklärerisch – oder schon grenzwertig?
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Es gibt aber auch Fälle, bei denen selbst ich eine Grenze ziehe. So bin ich ein großer Fan von wegavision, einem deutschen Scanner, der bei archive.org immer wieder hochwertige Scans alter Zeitschriften bereitstellt. Dazu gehören oft auch Fachzeitschriften aus dem Bereich HiFi und Fotografie. An solchen Covern kann ich mich dabei durchaus erfreuen:
Dann aber postete wegavision eine Ausgabe der Zeitschrift mit einem Cover von Milan Cacic, bei dem mir fast das Frühstück aus dem Gesicht fiel:
Das Mädchen auf dem Bild war nicht verpixelt. Es ist nackt. Gänzlich. Und keine vier Jahre alt. Ich kontaktierte wegavision augenblicklich und forderte ihn auf, die Ausgabe in der präsentierten Fassung offline zu nehmen – weil sie nicht nur gänzlich indiskutabel ist, sondern auch strafrechtlich bedenklich. Nach anfänglichem Starrsinn kam der Scanner meinen Rat nach.
Was beweist: selbst wenn man die 70er als sexuell sorgenfreies und damit auch gerne mal notgeiles Jahrzehnt durchwinkt, sind in diesem Kontext mitunter auch Grenzen überschritten worden. Und da ist der Giftschrank durchaus angebracht.
Zurück zum Thema. Ganz grundsätzlich verstehe ich Nastassja Kinski – auch wenn ich nicht verstehe, warum sie 50 Jahre brauchte, um ihre Kritik in die Medien zu bringen. Aber es ist eine Erkenntnis der letzten 20 Jahre, dass man in unserer Zeit kein Fass mehr aufmachen darf, wenn man es nicht zum Überlaufen bringen will (eine schräge Metapher, ich weiß). Wenn wir Kinski die Macht über Wenders' Film geben, dann wird das eine Lawine lostreten. Dann werden wir die Kulturgeschichte mit dem großen Radierer angehen – und wir werden die Kulturgeschichte (ver)fälschen. Das kann nicht die Lösung sein.
So lautet mein finales Urteil: es ist, wie es ist. Wenders' Film hat damals den Normen seiner Zeit entsprochen und die entsprechenden Szenen wurden nach aktuellem Wissen nicht ohne Zustimmung von Kinski oder ihrer Eltern gedreht. Sie sind Teil ihrer Filmographie, ihrer Karriere, ihres Lebens.
Ich bin weiterhin dafür, die Vergangenheit nicht in Frieden, aber dennoch ruhen zu lassen. Man kann sich einigen, was okay und was nicht okay war – aber es nachträglich aus dem kollektiven Gedächtnis zwingen zu wollen, halte ich für falsch. Karl May war gerne mal rassistisch, KLIMBIM sexistisch, und die Busenklingel im Partykeller war nie lustig. Aber wir müssen unseren Frieden damit machen, wenn wir nicht endlos Zeit und Emotion daran verschwenden wollen, immer nur die Vergangenheit zu diskutieren – in einer Gegenwart, die gefährlich nah dran ist, uns die Zukunft zu versauen.
Es ist ja nicht so, dass in der Zeit von Social Media das Prinzip der weiblichen Fleischvermarktung nicht auf breiter Front neu entdeckt und (diesmal oft von den Frauen selbst) ausgeschlachtet wird: "Nacktschnecke" Micaela Schäfer, Katja Krasavice, Gina-Lisa Lohfink, OnlyFans, um nur ein paar der bekannteren Beispiele zu nennen. Sex sells immer noch.
Die breite Diskussion darüber scheint aber weniger wichtig zu sein.
Ich habe bisher keine ähnlichen Reaktionen von jugendlichen Schauspielern aus der DDR gehört/gelesen, die insbesondere in Teenie-Liebesfilmen auch blank dargestellt worden sind, sei es Sieben Sommersprossen, oder das Mädchen aus dem Fahrstuhl.
Ich bin keine Frau ich kann das Ansinnen von Frau Kinski nicht nachvollziehen insbesondere wenn man kurz danach diese Blankziehphasen hat. Vielleicht ist das auch wie mit diesen Sängerinnen die sich beschwerten irgendwelche sabbernden Producer hätten sie damals gezwungen nur im schlüpper aufzutreten um Kohle + Karriere zu machen, heutzutage aber viele junge künstlerinnen nur im schlüpper auftreten um vermutlich kohle + Karriere zu machen (ohne die Männer dazwischen)
Hierzu gibt es natürlich Aspekte, die man bedenken muss:
deinen ersten Punkt finde ich sehr interessant, ich bin ja in DDR noch jugendlicher gewesen und deiner Betrachtung von aussen kann ich wenn ich da mal scharf drüber nachdenke dann tatsächlich aus eigener Erfahrung zustimmen. Finde ich ziemlich gut den Punkt
ist dann zwar etwas OT aber zu deniem zweiten Punkt- beim Lolla letztes Jahr war ich bei Ashnikko – ich mag ihre Musik. tatsächlich aber zeigte sie ca alle 5min gebückt ihren Hintern in das Publikum dass man fast ihre Mandeln begutachten konnte. alle Männer um mich herum ab 30 + guckten ganz verschämt weg während vorne die teenie mädels jedesmal jauchzten. ich verstehe die art der präsentation nicht – ist auch einfach gar nicht notwendig eigentlich.
Die "performance der eigenen Sexualität" scheint in dieser Generation (in meinen Augen auch durch den Einfluss der Queer-Bewegung) den Anspruch der libertären Selbstverwirklichung zu haben. Mir ist das hochgradig suspekt und ich vermute, man wird es in ein paar Jahren als gefährliche Sackgasse sehen.
Für die Rappelkiste bin ich etwas zu jung. Diese Szene aus dem Clip hätte mich aber als Vorschulkind erst erröten und dann umschalten lassen.
Da bin ich echt froh, dass ich stattdessen durch "Es war einmal … das Leben" aufgeklärt wurde.
Solche Darstellungen wie auf dem "Color Foto" Magazin sind mir auch immer mal wieder bei. Plattencovern negativ aufgefallen. Auch in den 90ern war das noch ziemlich verbreitet.
Das Kind von Nirvanas Nevermind Albumcover versuchte ja auch immer wieder, gegen das Motiv zu klagen.
Was ich unfassbar albern finde.
Ich bin fest davon überzeugt, dass niemand anhand des Babyfotos auf die erwachsene Person schließen könnte. Ich glaube, dass es primär ums Geld ging (Tantiemen), da seine Eltern für das Foto einen Spottpreis erhielten. Als dies nicht erfolgreich war, ging es um Schadensersatz.
Das auch im Zeitkontext
berühmtesteberüchtigste Beispiel dafür dürfte wohl das Albumcover von "Virgin Killer" der SCORPIONS (1976) sein.Mir fällt noch die "Nach uns die Sintflut" der Die Ärzte ein…
Und "Balance" von VAN HALEN.
Das SCORPIONS-Cover ist wirklich widerlich. Aber damit passt es zur Band:
Ich möchte noch einwerfen, ohne beurteilen können, wie relevant das tatsächlich ist, dass in den 70ern die Verbreitung von Medien noch eine ganz andere war. An dieses "alles, immer, beliebig oft und zu jeder Zeit" von heute war ja noch nicht zu denken. Einmal ausgestrahlt, einmal gedruckt und dann wanderte es im Normalfall in irgendwelche staubigen Keller, dass ist schon eine andere Ausgangsbasis als heute, wo die Darstellerinnen tatsächlich immer wieder damit unkontrolliert konfrontiert werden können.
Das ist generell absolut richtig, trifft auf Print, Werbung etc. zu – aber es war damals schon klar, dass Filme eine andere Lebensdauer haben, weil sie als Kulturgut gelten und nicht als Periodika.
Und wenn man sich ansieht wie oft manche Boulevardzeitungen irgendwelche "Busenblitzer" wieder ausgraben, dann kann man davon ausgehen, dass solche Aufnahmen ein eigenes Regal im Archiv haben. Also zumindest in den Medien wurde das immer schon ausgeschlachtet. Klar ist das Internet nochmal eine andere Hausnummer.
Ein interessantes Thema, danke für die Abhandlung. Ich bin ja auch in dieser Zeit aufgewachsen und bin schon verwundert, was heute so alles als "Pädo" durchgeht – noch Anfang der 90er lief "Zärtliche Cousinen" auf RTL und der Playboy präsentierte uns ungeniert 16-jährige Schulmädchen. Heute vollkommen undenkbar (so, wie dass ich damals auf Flügen noch rauchen konnte), aber ich habe nicht unbedingt das Gefühl, daß so ein Umgang mit jugendlicher Sexualität schlechter oder schädlicher war als diese geheuchelte, performative Prüderie gegenüber Minderjährigen heutzutage – und sofort nach dem 18. Geburtstag wird ohne mit der Wimper zu zucken auf Onlyfans das volle gynäkologische Programm abgeleiert. Wahrscheinlich ist viel nostalgische Verklärung dabei, aber ich erinnere mich doch ganz gerne an die gute, unschuldige Bravo-Dr.Sommer-Zeit, in der unbekleidete Mädels (ich war ja damals selber noch ein Teenager) als weniger anrüchig galten und "topless" das Default-Setting am Badestrand. Wirre Gedanken eines alten, verbitterten Mannes, der die Welt nicht mehr versteht. 😉
Letztlich ist genau das mein Argument im letzten Absatz: wir leben in einer Zeit, in der sich Frauen im wahrsten Sinne des Wortes schamloser präsentieren als je zuvor – aber wegen der Szene mit der Kinski wird von Frauen, die genau DAS verteidigen, ein riesiges Fass aufgemacht. Während ich viele Sachen der 70er kritisch sehen, denke ich doch, dass die Invasion der Quasi-Pornographie in der Öffentlichkeit heute keinen Fortschritt darstellt.
Spannendes, kontroverses Thema. Dazu passt sicher dieses hier https://www.sueddeutsche.de/leben/lebensgeschichte-der-regisseurin-eva-ionesco-von-der-nackten-prinzessin-1.1176396
Dazu vielleicht auch noch dies: hier wurde die Mutter zu Verantwortung gezogen: https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_61377202/nacktbilder-der-tochter-11-fotografin-muss-zahlen.html
Mit einem Fotografen habe ich über den Fall Ionesco vor ein paar Monaten diskutiert. Das vermutlich beste Beispiel, dass in solchen Fällen nicht mal die Eltern eine Einwilligung geben dürfen sollten.
Ja. Sie war glaube ich mit 11 im Playboy. Da kann man sich nicht auf irgendeinen Kontex zurückziehen. Beim Playboy ist klar, warum Menschen ihn sich ansehen.
Jein. Der Playboy hat sich immer gerühmt, auch sehr künstlerische Strecken zu veröffentlichen, die eben nicht als "Erotik-Shooting" verkauft wurden. Da mag viel Heuchelei dabei gewesen sein, aber ich unterstelle einfach mal, dass Hugh Hefner bei den Pädophilen keine Zielgruppe sah.
Vielen Dank für den Link, das ist komplett an mir vorbei gegangen.
Ist ja immer leicht, über die geilen alten Männer zu urteilen (zu recht und man sollte!) – aber von der eigenen Mutter an den Playboy und einen Softporno verkauft zu werden… junge junge junge junge…
Über die barbusige Shampoo-Werbung habe ich mich letztens mit ca 10 Jahren jüngeren Freunden unterhalten. Die haben mir das erst geglaubt, als ich den alten Clip auf Youtube ausgegraben habe.
Du erwähnst ja selber: Es ist seltsam, dass Kinski da nach so langer Zeit (wieder) mit ankommt. Man könnte ihr da durchaus ein gewisses Interesse an publicity unterstellen – wer (außer ein paar geile Männer im Internet) hätte sich die alte Tatort-Folge denn sonst überhaupt noch angeguckt? Und die werden das auch nach offizieller Umschreibung weiterhin tun, das Internet vergisst sowas ja nicht einfach. Darum halte ich es für wahrscheinlicher, dass sie da im Lebensabend einfach das ihr angetane Unrecht anerkannt haben möchte, und dafür stellvertretend eben diese Filmszene weg haben will. Und da würde ich sagen: es sei ihr gegönnt. Der Wenders macht da herum, als müsste er der Mona Lisa eine Sonnenbrille aufmalen.
Und das bringt mich dann zum (mMn) Kern der Diskussion: Wir driften langsam wieder in die amerikanische Prüderie ab. Da sieht man der Kinski ihren kindlichen (jugendlichen?) Busen in einem alten Film, in einem (ich vermute das nur, weil ich kein Tatort-Gucker bin) nicht-pornographischem Kontext. So what? Da muss man doch nicht direkt ein Lebenstrauma draus konstruieren. Leute sind nackt. Kinder sind nackt. Ein Film über das Leben in der DDR, bei dem alle brav bekleidet herumlaufen, sich gegenseitig nach ihren Pronomen fragen und über die gesamtgesellschaftlichen Folgen von Cola und Contergan unterhalten, ist doch scheiße. (Das nur, um einen Kontext zu nennen, in dem ein nacktes Kind in einem Film durchaus Sinn machen kann.)
In der Hinsicht würde ich mir wirklich den weniger hysterischen Umgang mit Nacktheit, den es in der DDR gab, zurückwünschen. Davon ausgenommen sind (natürlich!) sämtliche Darstellungen mit sexuellem Bezug. Minderjährige im Playboy, das Virgin Killer Albumcover, … Das von dir bemängelte Coverfoto von Color Foto hätte ich da jetzt nicht eingeordnet. Da verstehe ich aber auch schlicht nicht, was der Zweck von dem Foto ist. Pornographisch erscheint mir das aber nicht.
Zuerst einmal gehe ich mit deiner grundlegenden These der "neuen" Prüderie nicht ganz konform. Ja, man regt sich heute (wieder) schneller auf, nackte Brüste in der Werbung gibt es nicht mehr, und wenn hier in Trudering ein Kind halbnackt im Brunnen spielt, gibt es seltsame Blicke. Aber das hat einen Kontext: die Sexualität der Unmündigen wird stärker geschützt, die "natürliche" Nacktheit ist auf dem Rückzug. Die Kehrseite: die pornographische Sexualität der Selbstbestimmten nimmt immer krassere Formen an, von CSD bis OnlyFans.
Davon unbenommen stimmt es, dass in Kino und Fernsehen immer mehr Prüderie herrscht, weil fast alle großen Plattformen amerikanischen Ursprungs sind. Die haben ihre albernen "Spielregeln" weltweit exportiert.
Letztlich ist das Foto des Kindes natürlich nicht pornographisch. Aber das Geschlechtsteil eines Vorschulkindes auf ein Cover zu drucken, lädt zum Missbrauch ein, Intention hin oder her.
Bei der Rappelkiste bekam meine Mutter Panik! In Lichtgeschwindigkeit war bei dem Wort „Möse“, der Fernseher so was von aus! So einen neumodischer versauter Kram war ein absoluter Tabubruch! Ein neunjähriger musste davor beschützt werden! Danach bestellte sie auch den Lesezirkel ab, denn in der „Quick“ gab es ja nur noch so einen Schweinekram. Damals war das eine Errungenschaft in der Fernsehlandschaft, heute ist so etwas im Fernsehen undenkbar.
"Es ist die Erinnerung an einen Zeitgeist, der uns damals normal schien und vorgelebt wurde, den wir aber glücklicherweise überwunden haben. Wir sind voran mit ganz großen Schritten, …"
Ach ja, wir sind voran, und heute haben wir den Gipfel der moralischen Urteilskraft erreicht, von dem aus wir alles und jedes aburteilen können.
Wie überheblich. Auch wir gehorchen unserem Zeitgeist, und vielleicht – hoffentlich – kommt ja auch wieder eine Zeit, wo der Anblick eines Busens wieder etwas Unaufgeregtes ist. Wie lange ist es denn her, dass sich Frauen das Recht erstritten, barbusig wie die Männer in der Badeanstalt zu sein?
Übrigens: "Wir sind voran mit ganz großen Schritten, …" – aber in welcher Richtung denn? Damals, in den 70ern, wo Nacktheit nicht derart verkrampft war, konnte sich auch keiner vorstellen, dass Nazis wieder in Regierungsnähe kommen würde. So große Schritte haben wir inzwischen gemacht …
Need a hug?
Thanks.