14
Mai 2026

TV-Kritik: THE BEAR – "Gary"

Themen: Neues |

USA 2026. Regie: Christopher Storer. Darsteller: Ebon Moss-Bachrach, Jon Bernthal, Marin Ireland, Gillian Jacobs u.a.

Story: Onkel Jimmy hat einen Auftrag für Mikey und Richie – sie sollen ein verschlossenes Paket nach Gary/Indiana bringen und vor Ort auf weitere Instruktionen warten. Während Richie den gemeinsamen "Ausflug" mit seinem besten Freund genießt, obwohl seine Frau daheim hoch schwanger auf die Wehen wartet, hadert Mikey mal wieder mit sich selbst und düsteren Gedanken. Der Nachmittag wird für beide sehr, sehr lang…

Kritik: Ich weiß nicht, ob ich jemals eine Episode einer TV-Serie als eigenständige Kritik besprochen habe – ich weiß aber, dass es im Fall von "Gary" notwendig ist. 

Oberflächlich handelt es sich um ein Prequel zu der (auch von mir) hoch gelobten Serie THE BEAR, das völlig überraschend zwischen die Staffeln 4 und 5 geschoben wurde und letztlich als Zwei Mann-Stück funktioniert, das noch dazu von den beiden Hauptdarstellern geschrieben wurde.

Aber "Gary" ist viel mehr als ein Ableger oder eine dieser Flashback-Episoden, mit denen aktuelle Miniserien so gerne die Laufzeit strecken (üblicherweise zwischen Episode 6 und 9 von 10).

Sie ist ein Einhorn, ein Ausreißer, ein Meilenstein. Give it all the awards.

Eigentlich passiert nicht viel. Alles ist Dialog, Nahaufnahme, Schweigen, Warten.

Mikey und Richie fahren nach Gary, konsumieren ein paar Drogen, spielen mit Kids Basketball, versaufen mit Fremden – die auch nichts Besseres zu tun haben – den Nachmittag in einer Kneipe. Eine Warteschleife, bis endlich der Anruf kommt, dass das "Paket" geliefert, die "Mission" erfüllt werden kann.

Es ist, was zwischen den Zeilen brodelt, das "Gary" so einzigartig macht. Die Dinge,  über die Mikey und Richie eben nicht sprechen wollen, die sich nur in Blicken erzählen lassen und Ebon Moss-Bachrach und Jon Bernthal erneut die Gelegenheit geben, der Welt zu zeigen, was schauspielerische Tiefe bedeutet.

Wir kennen Richie. Zu Beginn von THE BEAR ein Großmaul mit mangelnder Impulskontrolle, das nach dem Verlust seines besten Freundes ins Schwimmen gerät und durch Mikeys Bruder Carmy lernt, sein Verhalten nicht mehr an der Akzeptanz anderer auszurichten. Eine kodependente Persönlichkeit, die mit Mikey an einen toxischen Wirt angedockt hatte.

Mikey, den wir bisher nur in ein paar Rückblicken kennen gelernt haben, ist ein geborener "alpha", ein dominanter Charakter voller Charisma und natürlicher Autorität, hoch intelligent – aber in der Kombination aus Empathie und der Unfähigkeit, sich auf andere einzulassen, gleichzeitig destruktiv und einsam. Mikey leidet, weshalb er andere verletzt. Und er macht es für alle Beteiligten schlimmer, weil es ihm in jeder Sekunde bewusst ist. Er kann nicht anders.

Richie braucht Mikey, braucht den "besten Freund", der gleichzeitig sein größter Feind ist, weil er ihn davon abhält, erwachsen zu werden, den Fokus auf seine Frau und sein ungeborenes Kind zu setzen. Mikey weiß, dass sein eigener Nihilismus seinen Freund vergiftet, er möchte ihn wegstoßen, wüsste ohne Richie aber auch nichts mit sich anzufangen. Obwohl erzählt wird, dass Richie Mikey braucht, so ist es doch Mikey, der mehr zu verlieren hätte.

"Gary" ist eine Geschichte über männliche Freundschaft, die oft genug nichts mit jovialer Bierseligkeit zu tun hat, sondern mit einer tief empfundenen Einsamkeit. Sie handelt von ungesagten Sehnsüchten und ausgesprochenen Feindseligkeiten, von hässlichen Wahrheiten und kleinen, authentischen Momenten, in denen wir uns begegnen und sagen, was wir uns selber nicht eingestehen.

Fiction.

Das geht sehr, sehr tief, ist sehr, sehr schmerzhaft. In "Gary" werden Männer in ihrer ganzen Zerbrochenheit und Brutalität gezeigt, ohne dem Zuschauer auch nur einmal die Chance zu geben, sie als Täter oder Aggressoren zu verurteilen. Richie und Mikey sind letztlich keinen Deut stärker oder schuldiger als ihre Umwelt.

Man kann aus dieser Episode nicht nur Empathie, sondern auch ein besseres Verständnis für das "male ego" lernen.

Bezeichnend ist dabei, wie die Episode aus unterschiedlichen geschlechtlichen Perspektiven gesehen werden kann. Die LvA stieg im letzten Drittel mit den Worten "ich kann das nicht gucken" aus und ging in die Küche. Sie fand es nicht schlecht – sie fand es schlimm, unerträglich. Sie fragte mich, wie Männer so zueinander sein können.

Männer sind so.

Ich habe in "Gary" so viele (geführte und nicht geführte) Gespräche mit meinem Vater wiedergefunden, mit meinem Bruder, mit (gewollten und realen) besten Freunden. Wenn man mit der Bierflasche am Fluss hockt und einer plötzlich sagt "ich kann das nicht". Weil bei Männern die Antwort reicht "keiner kann’s – kannste nur versuchen".

Zu wissen, was man fühlt, aber nicht, wie man es nach außen kehren soll.

"Gary" ist vollgepackt mit Wahrheiten und Weisheiten, die weiter reichen als Richie und Mikey. Die Episode lädt zu der Diskussion ein, ob man ein Richie oder ein Mikey ist – oder ob man dankbar sein kann, keiner von beiden zu sein.

Vor allem aber ist "Gary" ein Beweis, wie weit das US-Fernsehen gekommen ist, und dass der Erfolg nicht im Budget liegt, den Effekten, oder der Starpower.

Wow.

Fazit: Ein in Sachen Dialoge, Struktur, und schauspielerischer Brillanz den besten Theaterstücken ebenbürtiges Juwel des aktuellen TV-Booms, eine Masterclass in Sachen Storytelling, und ein erschütternder Beweis, wie weit wir immer noch hinter den Amerikanern hinterher hinken.



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2 Kommentare
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S-Man
14. Mai, 2026 15:22

So sehr ich die ersten beiden Staffeln liebe, so enttäuscht war ich von der dritten – und habe einfach gehofft, dass sie das tiefe Luftholen vor einer umso besseren vierten werden könnte.

Irgendwie klingt das hier aber eher nach Staffel 3.

Mal sehen, wann ich mich dazu aufraffen kann.

Edin
14. Mai, 2026 16:18
Reply to  S-Man

Ich habe bewusst nach der 2.Season aufgehört um einen Rewatch wenn alle 5 Staffeln komplett sind,zu starten.
Das mit dem hinterher hinken,kann ich nur beipflichten.
Es ist ein Wahnsinn wie viele sehenswerte Serien es zur Zeit gibt.
The Golden Age of Television ist noch lange nicht vorbei.