29
Mai 2026

Streaming-Kritik: SPIDER-NOIR

Themen: Film, TV & Presse |

USA 2026. Darsteller: Nicolas Cage, Lamorne Morris, Li Jun Li, Karen Rodriguez, Abraham Popoola, Jack Huston, Brendan Gleeson u.a.

Story: Ben Reilly ist ein New Yorker Privatdetektiv, der schon bessere Tage gesehen hat. Was kaum einer weiß: bis vor fünf Jahren war er der Superheld "The Spider", der die Unterwelt der Stadt in Schach hielt. Als die Villa des Mafiabosses Silvermane abgefackelt wird und immer mehr Männer mit unglaublichen Kräften auftauchen, sieht sich Reilly gezwungen, sein altes Kostüm wieder auszugraben…

Kritik: Es ist bemerkenswert, wie unstet die großen Franchises in den letzten Jahren geworden sind.

STAR TREK kann gleichzeitig so großartige Serien wie STRANGE NEW WORLDS raushauen, aber auch Käse wie SECTION 31.

STAR WARS begeistert weiterhin mit dem MANDALORIAN, beleidigt die Zuschauer jedoch zeitgleich mit THE ACOLYTE.

Marvel humpelt sich durch das Multiverse und wird ausgerechnet von den einst eiskalt eingestellten Netflix-Miniserien am Leben erhalten.

Bei SPIDER-NOIR war ich deshalb sehr skeptisch. Einerseits ist das ein Killer-Konzept – Spider-Man als Film noir in den 30er Jahren. Andererseits haben Feige bei Disney und auch die Kollegen von Sony in den letzten Jahren schon mehrere Marvel-Killer-Konzepte… na ja, gekillt. It’s morbin time?

Tatsächlich hält sich SPIDER-NOIR so konsequent an die Vorgaben seiner beiden Genspender Film noir und Superhelden-Comics, dass man den Stil prima anhand der offensichtlichen Vorlagen illiustrieren kann. Da sind zuerst einmal die kontrastreichen Detektiv-Krimis der 40er Jahre…

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… und die "pulp heroes" aus den Serials der gleichen Ära:

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Es ist dabei eine schöne Idee von Sony, die Miniserie (acht Folgen und damit wie eigentlich immer mindestens zwei zu lang) in Farbe und alternativ schwarzweiß anzubieten. Der Zuschauer hat die Wahl und bei der schwarzweißen Version ist mitnichten einfach die Farbe runter geregelt worden.

Instinktiv wollte ich mir die Schwarzweiß-Version anschauen, aber es stellt sich raus, dass beide Fassungen ihre Berechtigung haben. Tatsächlich ist die Farb-Version ("true-hue" genannt) nicht bloß bunt – das ist traumhaft koloriert, mit viel Konzept und Choreographie:

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Der einzig wirkliche Nachteil scheinen mir die deutlich erkennbareren CGI-Effekte zu sein, die schon im Prolog auffallen, wenn auch nicht stören.

In schwarzweiß sieht SPIDER-NOIR deutlich düsterer und in seiner Ära verankerter aus. Eine Hommage an das Kino der 30er und 40er Jahre ohne wirklichen Mehrwert, aber für Nostalgiker auf jeden Fall sehenswert:

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Am Ende habe ich mich entschieden, die Serie wechselnd zu schauen: Folge 1 in Farbe, Folge 2 in schwarzweiß, Folge 3 in Farbe, etc.

Insgesamt ist SPIDER-NOIR großartiges Event-TV für ein sehr gemütliches Wochenende, eine in sich geschlossene Saga aus einer einzigartigen Parallelwelt. Nicolas Cage gibt sein Serien-Debüt als müder Privatdetektiv, das Klischee-New York der 30er ist hervorragend und annehmbar artifiziell realisiert, und die Actionszenen sind dynamisch und straff.

Die Gewichtung ist dabei eindeutig: SPIDER-NOIR ist zuerst ein Film noir und erst in zweiter Linie eine Superhelden-Verfilmung. Man könnte fast alle Comic-Aspekte eliminieren und die Geschichte "straight" als Krimi erzählen. Aber das ließe sich vermutlich deutlich schlechter vermarkten.

Und klar ist das mal wieder insgesamt zu lang – es hätte auch dem MALTESER FALKEN nicht gut getan, wenn er statt 101 Minuten satte 340 Minuten lang gewesen wäre, zumal sich SPIDER-NOIR an keiner Stelle die Mühe macht, mit den Klischees des Film noir zu brechen. Der zynische Detektiv, die laszive Femme Fatale, der fette Gangsterboss, die brutalen Handlanger – sogar die überspitzten Dialoge sind so nach Schema F, dass man sie von einer KI hätte schreiben lassen können.

Das überträgt sich auch auf die Darsteller, die ihren Job machen, aber an keiner Stelle heraus ragen wie Jon Bernthal im PUNISHER. Nicolas Cage wirkt so müde wie die Figur, die er spielt – und teilweise auffällig geliftet. Die Spider-CGI orientiert sich an Sam Raimi, ohne dessen Perfektion zu erreichen. Was aber okay ist, weil man hier keine Blockbuster-Maßstäbe anlegen darf.

Es gefällt mir generell, dass SPIDER-NOIR das "Konzept Superheld" wieder auf Augenhöhe bringt. Hier geht es nicht um kostümierte Götter in Menschengestalt, sondern um tragische Figuren, die sich ihr Schicksal nicht ausgesucht und einer gut platzierten Kugel nicht viel entgegen zu setzen haben.

Bleibt die Frage, wer die Zielgruppe ist. Ist die aktuelle Superhelden-Zielgruppe wirklich scharf auf eine Film noir-Hommage im Stil von Hawks und Bogart? Oder hat Sony diese Miniserie tatsächlich bewusst für ein älteres Publikum und damit explizit am Kino vorbei produziert? Altes Fernsehen für alte Männer?

Sei es, wie es sei, ich habe mich trotz gewisser Längen prächtig amüsiert und an der üppig illustrierten Welt von SPIDER-NOIR besoffen. Eine perfekte Ergänzung zur WHAT IF…?-Trickserie, die nach einem exzellenten Start ja leider nachgelassen hat. Marvel/Sony/Disney dürfen gerne mehr von diesen limitierten Miniserien aus Parallelwelten entwickeln.

Fazit: Ein großartiger Genre-Mix, der zeigt, dass Marvel-Helden besser geeignet sind, einzelne High Concept-Projekte zu bevölkern, als ein überkomplexes Multiverse zu bevölkern. Die zu hohe Folgenzahl und die fast panische Klammerung an die Klischees der Vorlagen sind verkraftbar. 

Hier mal ein paar Screenshots aus beiden Versionen, damit ihr euch eine bessere Vorstellung machen könnt:

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10 Kommentare
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jimmy1138
29. Mai, 2026 12:16

Naja, streng genommen ist Spider Noir ja nicht Marvel, sondern Sony und kommt aus der Spiderverse Ecke von Lord & Miller. Das läuft ja auf Prime und nicht D+ und Kevin Feige hat da keine Producer Credits. Mal sehen ob auf Prime noch mehr Spiderverse-Serien kommen, nachdem Noir ja durchaus erfolgreich sein dürfte.
Bin noch nicht ganz durch, aber ich finde erfrischend, daß das mal wieder eine TV Serie ist, die wie eine TV Serie aussieht und sich wie eine TV Serie anfühlt und nicht wie ein zu lang geratener Kinofilm.

29. Mai, 2026 13:02

Danke.

Die Bilder in der Galerie sind fast briefmarkenklein.

29. Mai, 2026 13:11

Nerd-Korinthenkackerei: Der Mandalorianer ist schon gut, aber wirklich begeistert hat mich im Star Wars Universum von den Serien eigentlich nur "Andor". Wenn man davon beide Staffeln schaut und direkt danach "Rogue One"… wow. Da schmerzt "The Acolyte" umso mehr.

thelm79
30. Mai, 2026 12:10

Da fehlt ein "an": "orientiert sich Sam Raimi".

Rudi Ratlos
3. Juni, 2026 10:19

Musste die erste Folge in Farbe schauen, weil Amazon es ausgerechnet auf ihrer eigenen Hardware (Fire Stick) nicht hinbekommt, die Auswahl zwischen S/W und Farbe zu ermöglichen 🙈 Ab Folge 2 (anderer TV) in S/W und das wirkt imo schon wesentlich runder. Finde Cage aber nicht lustlos (50% geschaut), der ist mitunter wieder herrlich cagig drüber.

Last edited 9 Tage zuvor by Rudi Ratlos