Kino Kritik: MOTHER MARY
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Offizielle Synopsis: Mother Mary ist ein Megastar – auf der Bühne eine glamouröse und unvergleichliche Erscheinung, doch hinter den Kulissen erschöpft und einsam. Überwältigt von ihrem mit Spannung erwarteten Bühnen-Comeback sucht sie Zuflucht bei ihrer einstigen Freundin und Weggefährtin Sam, einer Modedesignerin, die den ikonischen Stil von Mother Mary zu Beginn ihrer Karriere geprägt hat. Beide Frauen haben sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und der Bruch ihrer Freundschaft sitzt tief. In ihrer persönlichen Krise bittet Mary Sam um Hilfe: Sie soll ein Outfit für ihr bevorstehendes Comeback designen. Während das neue Kostüm entsteht, kommen alte Konflikte ans Licht, lange Verschwiegenes wird offenbart und tief verborgene Wunden treten wieder an die Oberfläche.
Kritik: Es gibt Filme, die lassen sich nicht bequem in Schubladen stecken. Die sind wie eine toxische Beziehung. Sie schmeißen dir brüllend die Vase deiner Mutter vor die Füße und können es dann kaum abwarten, dir die Kleider vom Leib zu reißen. Sexy psycho bitches in Zelluloid-Form, die man genießt, ohne sie rechtfertigen zu können.
MOTHER MARY ist so ein Film. Über weite Strecken eine verfilmtes Theaterstück, ohne auf einem Theaterstück zu basieren, in dem zwei Frauen in einer Scheune ihre Beziehung rekapitulieren und sich dabei gegenseitig ihre Einzigartigkeit und Genialität versichern, an der sie so leiden, wie es nur Frauen können.
Sie reden, wie keine Menschen im realen Leben reden. Alles ist intellektuelle Pose, völlig überzogenes Melodrama, maximaler Gefühlsausbruch. Spontane Dialoge, denen man anhört, dass der Drehbuchautor nächtelang daran geschliffen hat. Sätze auf Sätze auf Sätze, von denen man sich immer nur wünschen kann, sie würden einem in einer vergleichbaren Situation einfallen.
Diese Frauen haben keine Probleme. Sam ist eine mega-erfolgreiche Designerin, Mary eine mega-erfolgreiche Popsängerin. Sie lieb(t)en sich, ohne dass ein wirkliche Hindernis ihre Liebe… na ja, verhindert. All ihr Leid, all ihre Seelenqualen sind mühsam selbst konstruiert, suhlen sich förmlich in der behaupteten Qual, sich ständig an Brillanz übertreffen zu müssen. Mother Mary ist Madonna, die nach einem Album mit 10 Grammys mit der Frage hadert, wie sie ein Album produzieren soll, das 11 Grammys bekommt. Weil weniger ein Abstieg wäre.
Ich sage es mal ganz einfach: diese Frauen sind zum kotzen eitel und unsicher.
Je länger MOTHER MARY dauert, desto mehr zieht er uns aber tatsächlich in die Selbstzerfleischung beider Frauen, die keinen neuen Anfang finden können, weil sie nie ihr Ende verstanden haben. Sam und Mary haben ihre Beziehung unterschiedlich verarbeitet – bzw. nicht verarbeitet. Erst "common ground" wird ihnen ermöglichen, die Dämonen der Vergangenheit zu besiegen.
Und um Dämonen geht es im letzten Drittel dann tatsächlich – aber natürlich wieder auf diese metaphorische Art, die uns sagen will, dass das "human drama" natürlich immer der "wahre Horror" ist.
Man kann so eitlen Quatsch eigentlich nicht gut finden oder gut heißen, aber es ist unbestreitbar, dass David Lowery hier inszenatorisch geradezu magisch auffährt: Wann immer der Film aus der Scheune ausbricht, um einen größeren Kontext zu illustrieren, wird seine Präsenz fast unwiderstehlich. Die Auftritte von Mother Mary sind ein Superkonzentrat der Pop-Diven der letzten 40 Jahre von Madonna bis Lady Gaga und Sabrina Carpenter, die angespielten Songs (von FKA Twigs und Charli XCX) unfassbar catchy, und der Wechsel von der Rück- zur Vorderseite der Bühne spektakulär auch im Wechsel von Glamour in Stress und zurück. Man mag damit hadern, was Lowery hier erzählt – aber er ist ein Meister darin, es zu erzählen.
Anne Hathaway und Michaela Coel liefern bemerkenswerte Performances, für die der veraltete Begriff Seelen-Striptease nicht ausreichend ist. Sie geben alles, immer mit einem Auge in Richtung Publikum schielend: seht ihr, wir sehr wir hier alles geben? Wir tun das nur für euch! Liebt uns! Verehrt uns!
Ist MOTHER MARY ein Zwei Personen-Stick mit erheblich zu viel Pathos oder eine Sartre-eske Dekonstruktion des Prinzips Starruhm? Ist es ein intimer Horrorfilm über den parasitären Hunger nach Liebe sowohl einer Person als auch des Publikums oder eine komplette Überschätzung der Innerlichkeit des modernen Popbusiness?
Es ist alles gleichzeitig. Ich habe den Film gleichermaßen verlacht und bewundert. Ich kann nicht behaupten, dass er mir gefallen hat – aber auch nicht, dass ich ihn ablehne. Was ich aber sagen kann: er hat mich beschäftigt, verwirrt, angestrengt, herausgefordert, und verführt. Das schafft das Kino nicht mehr oft.
Fazit: Eine gleichzeitig packende und prätentiöse Metapher über den Preis des Erfolges und die Qual des Ruhms, total von sich besoffen – und das streckenweise gerechtfertigt. Großes Angeberkino, mit dem sich Anne Hathaway augenscheinlich ein Denkmal setzen möchte. Your mileage may vary.