Filmverbrechen-Fotostory Double Feature (2): VAMPIRA
Themen: Film, TV & Presse, Fotostory |Nicht der hier – leider:
Ich übe mich weiter in aktueller Leser-Vergraulung.
Unser George Moorse Dabbelfietscher geht in die zweite Runde und ich kann euch nicht versprechen, dass es diesmal besser wird als die KANNIBAL KOMIX. Aber mit gut 43 Minuten ist es wenigstens kürzer.
VAMPIRA hat tatsächlich so etwas wie eine Hauptfigur und er versucht, eine Story in mehreren Episoden zu erzählen. Er gibt uns einen Führer in die Gruselwelt an die Hand in Gestalt von Manfred Jester, einem Theater- und TV-Darsteller (u.a. KLIMBIM), der bereits 1977 jung verstarb. Er sitzt als vorgeblicher "Experte" eingeklemmt zwischen Bücherstapeln und zitiert Werke der Weltliteratur, in denen die Existenz von Vampiren bestätigt wird: Jean-Paul Sartre, Augustin Calmet, Montague Summers, Alphonse Louis Constant und Charles Baudelaire.
Das wirft schon einige Fragen auf – was für eine Meta-Ebene will VAMPIRA hier bedienen? Jester stellt sich mit seinem echten Namen vor, spielt also keine fiktive Figur. Was soll demnach seine Expertise sein? Warum überhaupt in pseudo-wissenschaftlichem Tonfall auf der Existenz von Vampiren beharren, wenn er doch im ersten Satz zugibt, sich hier in einer fiktionalen Spielhandlung zu befinden?
Es gibt zwei plausible Möglichkeiten: Moorse möchte mit den Erwartungen des Zuschauer an kompetente Moderation spielen – oder es ist wieder eine seiner halb ausgegorenen Ideen, die cleverer sein möchten, als sie sind.
Es hilft nicht, dass Jester so schmierig lächelt, wie er redet, und man augenblicklich das Gefühl bekommt, er fühle sich dem Zuschauer unfassbar überlegen. Ich würde darüber hinaus einige seiner Aussagen mit dem Wikipedia-typischen "citation needed" versehen:
"Vampire sind bekannt als blutsaugende Geister. Die älteste uns bekannte Abbildung eines Vampirs findet sich auf einer prähistorischen Schale, so dass man fast sagen kann, Vampire sind so alt wie die Menschheit selbst."
Ich gestehe aber, dass man sich nicht täuschen lassen darf. Ich habe die verschiedenen Bezeichnungen für blutsaugende Kreaturen, die hier erwähnt werden, ebenso überprüft wie die Autoren. Man mag bestenfalls die Aussprache einiger Begriffe monieren, aber inhaltlich ist das sattelfest.
Die Einführung blendet sanft über zur Arbeit von ein paar Landvermessern, die sicherheitshalber Knoblauchzehen um den Hals tragen:
In welcher Zeit wir und befinden? An welchem Ort? Moorse gibt uns nur wenig Hinweise, zumal die Spielhandlung wie in KANNIBAL KOMIX wieder komplett dialogfrei bleibt. Der Kleidung des Landvermessers nach mag der Film Anfang des 20. Jahrhunderts spielen:
Kaum schaut der Vermesser durch seinen Theodolit, lösen sich seine Helfer in Luft auf und es erscheint – Vampira!
Die blasse Braut mit der Theaterschminke und dem selbstsicheren Lächeln hat kein Problem, den Landvermesser zum Zwecke der Wollust ins Gras zu ziehen:
Das bekommt ihm gar nicht gut, wobei nicht Blut seine Lippen und seinen Mund benetzt, sondern fettige weiße Theaterschminke der Partnerin:
Er sinkt tot (?) hernieder und Vampira lacht sich was. Beobachtet wird die Szene von der mysteriösen Belladonna:
Belladonna legt dem Verstorbenen (?) eine Rose auf die Brust:
Wieder Manfred Jester mit seinem Haarschnitt, der nur in einem sehr kurzen Zeitfenster (1967-1974) nicht strafbar war:
Er zitiert nun Montague Summers, der tatsächlich als Dämonologe unterwegs war. Das ist gar nicht mal so uninteressant, hat aber natürlich in einem Kurzspielfilm genau genommen nichts zu suchen, ebenso wenig wie die Ausführungen des Franzosen Alphonse Louis Constant, die ich aber aus Gründen zitieren möchte:
Gibt es nicht gewisse Menschen, in deren Gegenwart man sich weniger klug, weniger gut, und sogar weniger ehrlich vorkommt? Deren Nähe allen Glauben und alle Begeisterung auslöscht?
Das können wir aus vollem Herzen bejahen. Alternativ: George Moorse.
Weiter geht’s. Eine schattige Gestalt schleicht durch die Rue Janis Joplin…
und die Rue Jimi Hendrix:
Beide Rockstars waren im vorigen Jahr erfolgreich an ihrer Drogensucht verstorben und jeder möge diese Erwähnung im Kontext eines belletristischen Gruselfilms als Huldigung oder Verhöhnung sehen, wie er möchte.
Auch die Rue Morgue (nach Poes Geschichte) hat Moorse vermutlich für verdammt meta und smart gehalten, aber es ist ein leerer Verweis ohne Bedeutung:
Ein paar seltsame, vermutlich übernatürliche Gestalten sitzen beisammen.
Ein Buckliger schleift einen Toten (?) im Matrosenkostüm herein:
Mit ein wenig Magie (?) lässt sich der Tote (?) motivieren, das Cello zu spielen:
Vampira macht als Zeremonienmeisterin ein paar okkulte Gesten:
Ich bin nicht sicher, ob man 1971 in der Lage war, das ernst zu nehmen – ich tue mich heute jedenfalls verdammt schwer, dabei nicht zu kichern:
Das Problem ist sehr offensichtlich: VAMPIRA ist ernst gemeint und damit nicht in der Lage, über die eigene Absurdität zu lachen wie KANNIBAL KOMIX.
Alles läuft seeehr laaangsam ab, die Beteiligten bewegen sich wie ein Zeitlupe, was die komplette Nichtigkeit der Sequenz noch unangenehm verstärkt.
Vampira schreitet ihre Getreuen ab, zu denen auch ein Zauberer gehört und ein nicht näher benanntes (checking notes) "androgynes Mischwesen".
Ich stelle ja keine großen Ansprüche, aber zur gleichen Zeit produzierte Paul Naschy seine "Waldemar Daninsky"-Filme, und selbst in diesen spanischen Gurken sah der Werwolf so aus, dass man ihn auch als solchen erkannte:
Es wird weiter zu sphärischer Musik geschwiegen, gekrochen, und geglotzt, als stünde Moorse mit einer Stoppuhr hinter der Kamera und murmelte "langsamer, langsamer, sonst kriegen wir die 45 Minuten nicht voll!".
Es gilt allerdings auch hier wie bei KANNIBAL KOMIX: VAMPIRA gelingen ein paar atmosphärische Bilder, die für deutsches Fernsehen der 70er fast schon provokant stylish gewesen sein dürften:
Ein bisschen Blasphemie gibt es auch: Vampira küsst einen Ziegenbock – und wir wissen ja, was das im Rahmen einer Schwarzen Messe ankündigt:
Die Überblendung mit einer bizarren Statuette lässt Vampira deutlich dämonischer entscheiden, als Grischa Huber sie darzustellen gedenkt:
Ein paar Worte zu Grischa Huber. Eine ausgebildete Theaterschauspielerin und Tänzerin aus einer Zeit, da das Theater Revolution und Bruch mit den Konventionen versuchte. George Moorse gab ihr in seinem LENZ eine erste Filmrolle und sie sollte 1974 mit dem feministischen Kultfilm UNTER DEM PFLASTER IST DER STRAND schon den Höhepunkt ihrer Karriere erreichen – danach folgten primär Theater- und TV-Rollen von nachlassender Relevanz.
Grischa Huber verstarb 2017 2021.
Als Vampira ist sie… blass (pun intended). Ja, eine gewisse Grazie ist ihr nicht abzusprechen, aber es fehlt die verführerische Kraft, die Sinnlichkeit, der Sexappeal, der ja Teil der "Superkräfte" dieser Wesen ist. Im direkten Vergleich mit anderen, ähnlich angelegten Figuren wird das Problem sehr deutlich:
Hinzu kommt, dass Hubers Süffisanz nichts Augenzwinkerndes hat, sondern wie Überheblichkeit wirkt. Sie sieht sich als zu gut für das Material. Aber vielleicht tue ich ihr damit Unrecht.
Die zweite Episode ist rum und Manfred Jester hat wieder was zu erzählen – über Tarot-Karten, die er fälschlich "Tarott-Karten" nennt:
"Karten dieser Art dienen schon seit dem alten Ägypten, dem Orakel und der Bewusstseinserweiterung durch magische Meditation."
Jester dreht nun völlig frei und redet wirr:
"Und was die schwarze Magie anbetrifft: Für eine große Anzahl von traurigen Männern und Frauen, die in solch irre schreckliche Praktiken hineingezogen wurden, war der Schwarze Sabbat nichts als ein Alptraum am Tage, wo ihnen Träume wahr vorkamen, böse Träume. Erzeugt durch Zaubertränke, durch den süßen Geruch ins Feuer geworfener Kräuter, und durch narkotische Einreibungen."
Das hat nix mit nix zu tun. Wenn sich Jester auf die vorherige Episode bezieht, dann erschließt sich der Grund dafür nicht. Muss man einen Film etappenweise erklären? Oder hat Moorse diese Einschübe nachträglich produziert, weil dem Sender der Film zu opak war und man dem Zuschauer zuarbeiten musste?
Nächste Episode: Der Priester Bogomil (Name aus dem Nachspann) schleppt ein Lamm in den Wald, wie es Priester an lauschigen Nachmittagen gerne tun:
Er liest nicht etwa die Bibel, sondern einen Band mit generischer "Poesie" und trifft dabei auf die schon erwähnte Belladonna:
Sichtlich fasziniert von der dunkelhäutigen Schönheit, droht Bogomil der Fleischeslust anheim zu fallen, kann aber gerade noch ein Kettchen mit ein paar kleinen Kreuzen zücken, was die Sünde in ihre Schranken verweist:
Belladonna trötet traurig, wenngleich der Soundtrack konsequent bei seinem waberndem Synthesizer-Soundteppich bleibt:
Mit aller Gewalt hat George Moorse diese Non-Episode auf mühsame 5 Minuten gestreckt und Manfred Jester hatte vermutlich nicht mal Zeit für eine Stulle und eine Pinkelpause:
Wir schwafeln wieder ein wenig:
"Ja, die Schönheit scheint wirklich die härteste aller Drogen zu sein. Wer sie einmal erlebt hat, ist ihr verfallen. Die Schönheit kennt weder die Moral noch die Politik, weder gut noch böse, und keine Gerechtigkeit. In einer schönen Hülle wird alles wertvoll, und begehrenswert, und die Vampire wissen das."
Nächste Episode: Soldaten latschen über stoppeliges Feld und hauen alle zwei Meter Schilder in den Boden:
Da VAMPIRA von 1971 ist, bin ich sehr sicher, dass hier auf die Schmähung und Verfolgung der Juden zwischen 1933 und 1945 verwiesen werden soll. Oder es ist ein Plädoyer gegen die Lustfeindlichkeit.
Vampira taucht auf, sichtlich wenig erfreut von der Vampirophobie und alle Regeln des eigenen Standes ignorierend – es ist ja schließlich hellster Tag. Andererseits: vielleicht ist die käsige Gesichtsfarbe auch nur Sonnenschutzcreme mit SPF 2000+.
Beim Anblick der untoten Schönheit (using the term loosely) lassen die drei Männer von der Arbeit ab und schießen sich gegenseitig tot.
Man rechne das mal auf: Ich habe für diese Episode genau drei Bilder gebraucht und ein paar Zeilen Text. Moorse streckt das schamlos auf fünf Minuten. Würde nicht immer mal wieder ein Pulverwölkchen in die Luft aufsteigen, könnte man glauben, versehentlich auf die Pause-Taste gedrückt zu haben.
Es lässt mich ein wenig fassungslos zurück, dass es überhaupt möglich ist, einen gerade mal 43 Minuten kurzen Kurzspielfilm mit einem halben Dutzend Episoden und ebenso vielen Moderations-Segmenten so unfassbar träge und ereignislos zu inszenieren.
Der internen Logik des Films gemäß müsste nun wieder Jester zu Wort kommen, aber Moorse schenkt sich das – den hatten wir ja vor fünf Minuten erst. Also ist der Bucklige dran, der übrigens von Louis Waldon gespielt wird, der auch am Drehbuch mitarbeitete und dessen "claim to fame" ein paar Rollen in Andy Warhol-Kunstfilmen der späten 60er waren.
Der Bucklige lässt seine Meisterin aus dem Sarg…
… und legt sich dann selber zur Ruhe. Schichtwechsel!
Ein Tableaux mit Nippel beweist, dass Erotik ein sehr relativer Begriff ist.
Nun muss Herr Jester aber doch noch mal das Wort ergreifen.
"Mir ist aufgefallen, dass die Vampire in den Büchern der Jahrhundertwende fast nur Frauen waren. Kommt es daher, dass die Schriftsteller vor der damals beginnenden Bewegung der Frauenemanzipation Angst hatten oder waren es die Mutterkomplexe dieser meist übersensiblen bürgerlichen Literaten? Eines steht fest: sie hatten es schwer, die Frauen zu verstehen, und sie hatten Angst vor dem, was sie nicht verstehen konnten. Für sie war das neue Bewusstsein der Frau das Böse schlechthin."
Ja, das ist extremer Kappes, bei dem eine falsche Annahme ("die Vampire waren fast nur Frauen") eine falsche Schlussfolgerung ("die Autoren hatten Angst vor der Emanzipation") nach sich zieht und das pauschale Fazit ("eins steht fest") die Sache ins Lächerliche zieht. Gewollt?
Vampira lässt sich im Sarg nun über einen See schippern und ich vermute mal, dass ich Moorse für die Parallelen zum Fluß Styx und dem Fährmann Charon loben soll. Einen Teufel werde ich tun.
Am anderen Ende des Ufers wartet Belladonna und ich fordere ich euch auf, dass mal zum Vergleich mitzustoppen – Moorse gönnt sich mehr als anderthalb Minuten, um einmal mit der Kamera um ihren Kopf herum zu fahren:
Anderthalb Minuten sind kurz auf der Achterbahn, aber lang, wenn man den Kopf in die Toilette gedrückt bekommt. Zeit ist relativ.
Dem Sekundärmaterial zufolge bringt Vampira Menschen zum Teufel ins Totenreich. Ich sehe allerdings keine Menschen, sondern nur die Vampirin, die einen Teufel begrüßt. Ist das Totenreich deckungsgleich mit der christlichen Hölle?
In einem für die damalige Zeit recht eleganten Shot werden Vampira und der Teufel in Flammen vereint:
Belladonna kann das Elend nicht länger mit ansehen und hält sich eine Maske vor das Gesicht, warum auch immer:
Um das irgendwie einzuordnen, brauchen wir wieder Meister Jester:
"Um Macht über jemanden zu bekommen, muss man an diese Macht glauben. Wer vom Teufel spricht, erschafft den Teufel."
Ich breche jetzt mal radikal mit den anderen Besprechungen und dem Sekundärmaterial, das mir vorliegt. Diese Szene zeigt nicht Vampira beim Arzt:
In meinen Augen wird hier angedeutet, dass Vampira eine Frau in psychiatrischer Behandlung ist und die bis hierher gezeigten Episoden Schilderungen ihrer Wahnvorstellungen sind. Zumindest glaubt das der Psychiater, der sie auf die Couch legt und zu beruhigen versucht.
Es läutet an der Tür und zwei seltsame Gestalten bringen eine Pillendose, die sie sich teuer bezahlen lassen:
Der Psychiater nimmt eine der Pillen und stellt schockiert fest, dass er nun die Wahrheit der okkulten Gegenwelt mit eigenen Augen sehen kann.
So macht die Szene Sinn, so kann man sich das ausdenken, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. In Panik springt der Psychiater auf sein Motorrad (mit Tierschädel?!), um seinem Schicksal zu entfliehen:
Doch auf einer einsamen Landstraße stürzt er und weiß keinen Ausweg mehr:
Vampira und ihre Getreuen kommen ihn holen:
Später gönnt sich die Truppe – samt Arzt – ein ausgiebiges Picknick:
Das Schlusswort hat noch mal Manfred Jester.
"Das war das Ende des Films. Von Belladonna, der Erlkönigin. Von Bogomil, dem jungen Pfarrer. Dem schwarzen Magier. Dem Werwolf. Von dem Landvermesser und den Gendarmen. Von dem Buckeligen. Von der Zauberin. Dem Teufel. Dem Doktor. Und einem Bootsmann. Von der Bäuerin und ihren Kindern – und Vampira."
Über den Nachspann werden dann auch die weiteren Credits vorgelesen:
Puuuhhh, das waren schmerzhaft lange 43 Minuten und ein paar Zerquetschte. VAMPIRA ist eher eine gemächliche Bebilderung lose zusammenhängender Schauermotive als ein tatsächlicher Film. Es ist Kameramann Gérard Vandenberg zu verdanken, dass man sich zumindest an den Bildern erfreuen kann. Vandenberg war nicht umsonst eine der Lichtgestalten des neuen deutschen Kinos der 70er und 80er. So eine Ästhetik ist man von TV-Produktionen nicht gewohnt.
Aber ach, es macht dieses Kaugummi nicht schmackhafter und die schon in KANNIBAL KOMIX evidente Weigerung von Moorse, einen vollständigen Film mit Handlung, Figuren, Dialogen und Story zu liefern, zerrt schwer am Geduldsfaden auch des neugierigsten Zuschauers. Es ist eine Erklärung, aber keine Entschuldigung, dass Moorse nie Zeit hatte, mehr als grobe Entwürfe zu drehen: in den Jahren 1970 und 1971 brachte er zwölf Produktionen bei den Sendern unter.
Die linksintellektuelle Presse fand das natürlich tuffig und super, wie diese Exzerpte aus einem SPIEGEL-Beitrag zeigen:
Ob in Kinofilm, Fernsehspiel oder Show — stets will Moorse »das Unbewußte als Motor aller Politik« zeigen. Dafür hat er sich nun etwas ganz besonders Makabres ausgedacht: In seinem 45-Minuten-Film »Vampira"« der am Mittwoch dieser Woche von der ARD gesendet wird, läßt er Vampire zur Schwarzen Messe mit Werwölfen, der Erlkönigin, einem buckligen Prinzen und dem Teufel aus Gräbern und Särgen steigen. Denn wir müssen, sagt Moorse, »den Mut haben zur Phantasie und dazu, unsere Träume zu leben«.
In seinem Traumspiel rezitiert ein Sprecher Vampirgeschichten aus alten Folianten, dazwischen werden Spielszenen eingeblendet: Ein Toter streicht das Cello; Nachtmahre versammeln sich zu schaurigem Schäferidyll auf dem Friedhof, schreiten unter düsteren Kandelabern durch ein Spukschloß und überqueren in einer Gespensterstadt Straßen, die nach den verstorbenen Rock-Stars Janis Joplin und Jimi Hendrix benannt sind.
Eine fahle Schöne mit spitzen Krallen wird über einen Weiher gerudert, um sich im Feuer mit dem Satan zu vermählen; verhexte Soldaten erschießen sich gegenseitig; ein mit Höllendrogen vergifteter Schloßbewohner rast auf einem schwarz drapierten Motorrad in den Tod.
Niemals zuvor jedoch wurde die Neigung des Filmemachers zum Unheimlichen, seine Ästhetik der Immoralität so deutlich wie in »Vampira. Auch Motive aus der bildenden Kunst und die Filmmusik hat Moorse diesmal noch intensiver und sinnvoller angewandt als bisher.
Man muss schon des Filmemachers Patenonkel oder Saufbruder sein, um so einen Quatsch zu schreiben – selbst den Verantwortlichen schwante, dass sie es womöglich mit der Freiheit der Kunst ein wenig übertrieben hatten:
Ob dem TV-Publikum die Horror-Elegie freilich gefallen wird, ist fraglich. Denn eine derart subtile und makabre Unterhaltung hat das deutsche Fernsehen bislang noch nicht gezeigt. »Wir handeln uns«, sagt der WDR-Unterhaltungschef Hannes Hoff, »dafür bestimmt wieder einmal Ohrfeigen ein.«
Am Ende ist damit natürlich der Zuschauer Schuld, der mal wieder zu doof ist.
Auch anderweitig wurde Moorse brav unkritisch der Steigbügel gehalten:
Es gibt aber durchaus auch aktuelle Kritiken, die den Film über den Klee loben und deren phrasenhafte Lobhudelei mir sehr substanzlos scheint:
In "Vampira" zeigte Moorse für die damalige Zeit verstörende und zugleich wunderschöne Bilder, die in ihrer surrealen Aussagekraft an den expressionistischen deutschen Stummfilm anknüpfen. Die Figur der Vampira wird betörend-sinnlich verkörpert von Grischa Huber.
Das Fernsehen der frühen 70er Jahre, welche seinerzeit noch nicht um jeden Preis die Quote im Auge hatte, betrat mit "Vampira" durchaus experimentelles Neuland.
"Vampira" ist eine kleine Filmkunstperle, die allerdings völlig in Vergessenheit geraten ist.
Haltet mich für stoffelig und konservativ, aber selbst wenn ich zugestehe, dass ich vom Zeitkolorit und dem Lebensgefühl der frühen 70er abgekoppelt bin und an VAMPIRA Maßstäbe des Jahres 2026 anlege, dann kann ich nicht ernsthaft die Entschuldigung "ist halt Kunst" gelten lassen. Eher noch, dass VAMPIRA rückblickend eine fast schon wieder meditative Kuriosität darstellt, die man sich anschaut wie ein brutalistisches Gebäude oder ein Paar Plateau-Schuhe. What the hell were they thinking?!
So bleibt mein Urteil nicht nur über KANNIBAL KOMIX und VAMPIRA, sondern über George Moorse generell bestehen: Ein Typ, der sich clever aus dem Kunstbetrieb heraus über sein Network parasitär beim deutschen Fernsehen eingenistet hatte, das seine ganzen Spinnereien finanzierte, ohne ihn ernsthaft zu hinterfragen. Als die Masche nicht mehr funktionierte, sattelte er um und inszenierte bis zu seinem Tod 187 Folgen DIE LINDENSTRASSE. Konsequent und lukrativ.
Sollte man die Filme heute noch schauen? Auf jeden Fall. Sie zeigen, wie ich anfangs schon geschrieben hatte, wie anders das deutsche Fernsehen sein konnte, als es noch nicht bis in jede Ecke durchformatiert war. KANNIBAL KOMIX und VAMPIRA mögen als Projekte nerven, aber als Ausdruck eines freieren Fernsehens sind sie bemerkenswert. Sie motivieren mich auch, mehr in dieser Richtung zu recherchieren.
Moorse Lovecraft-Adaption SCHATTEN AUS DER ZEIT habe ich bereits hier liegen.
Ich habe euch eines der spannendsten Details absichtlich vorenthalten – die sphärische, teilweise aber auch nur brummende Musik in VAMPIRA stammt von Tangerine Dream. Wenn ihr selber reinhören wollt:
Und damit seid mal wieder ihr gefragt. Ist das hier endgültig zu abgehoben, um euch zu unterhalten, oder passt es in die Mischung der Fotostorys? Bin ich bei "Kunst" zu gnadenlos und bei LISA-Bumskomödien zu gnädig? Antworten gibt vielleicht die nächste Filmverbrechen-Fotostory – eine LISA-Bumskomödie.
P.S.: Durch Zufall bin ich heute nacht darüber gestolpert, dass ich selber schon vor ein paar Jahren über George Moorse' KANNIBAL KOMIX berichtet hatte, als ich in einer BRAVO von 1970 auf diesen Artikel gestoßen bin, der zumindest die Zusammensetzung der Band etwas ausführlicher aufschlüsselt:
LISA-Bumskomödien entsprechen eher meinem Niveau.
Das ist offensichtlich. Und sympathisch.
Das war ein wildes Doppelpack – mich würden ja mal die Quoten und die Zuschauerreaktionen interessieren 😅
Ja, man müsste eigentlich mal bei der Zuschauerredaktion nachfragen.
Von der ARD-Pressestelle:
Thank you for your Service!
Ich finde gerade die Mischung interessant, man kann ja nicht immer nur das Gleiche machen/konsumieren. Und solche Reviews ermöglichen einen spannenden Blick in einen Teil der Fernsehgeschichte, den ich verpasst habe, weil ich zu jung war
So sehe ich das eigentlich auch. Ich habe hier auch noch ein paar SEHR schräge Sachen liegen…
"Tuffig und super". Ah…wohlige "RTL Samstag Nacht"-Vibes incoming…
Respekt dafür, die Referenz erkannt zu haben!
Nitpick: Laut Wikipedia ist Grischa Huber 2021 verstorben, nicht 2017.
Korrigiert, danke!
Auch von mir, gerne mehr davon!
Dafür bezahlen wir dich ja schließlich! … ähh .. nun ja. 😅
Wobei die Sezierung einer Bunskomödie durch deine Schreibe immer gerne genommen wird.
P.S. ,,Tuffig und super“ hat er natürlich auch gleich erkannt. Olli Dietrich als ,,Mike Hansen“. Oder war es ,,Butsche Roni“?
Das hat eher immer Boning verwendet.