11
Mai 2026

Filmverbrechen-Fotostory Double Feature (1): KANNIBAL KOMIX oder: Das Haus in Weiß

Themen: Film, TV & Presse, Fotostory, Neues |

Die Fotostorys, so habe ich entschieden, dürfen kein "safe space" sein, keine berechenbare Abfolge von LISA-Bumskomödien, bei denen man sich über die immer gleichen Dummdreingucker und Brustvorzeigerinnen amüsiert und dann konstatiert, dass das natürlich dröger Kappes sei. Auch wenn ich dieses filmische "comfort trash food" immer mal wieder in den Fokus nehme, erwarte ich von den Filmen dieser Reihe mehr – und damit auch von mir und von euch.

Aus diesem Grund habe ich für die aktuelle Fotostory ein Thema aufgegriffen, das ich schon mehrfach in einem anderen Kontext erwähnt habe: der deutsche TV-Film als elitäre "Kunst" im weitesten Sinn. Und besser noch: es ist ein Dabbelfietscher! Zwei Filme zum Preis von einem – und eurer Seele!

George Moorse war ein New Yorker Künstler, der es sich im deutschen Fernsehen ab Ende der 60er unter tatkräftiger Mithilfe seiner Frau Barbara bequem gemacht hat. Barbara Moorse war nämlich beim BR u.a. zuständig für "Das kleine Fernsehspiel" und viele Erstlingsfilme – und in dieser Oase des gering budgetierten Anspruchsfernsehens konnten Moorse und ein paar andere Filmkünstler konsequent am Publikum vorbei inszenieren.

Moorse Filme, das kann ich nach zäher Recherche sagen, waren eher theoretisch als faktisch interessant und zeugten von einem erstaunlichen Unwillen, dem klassischen Unterhaltungbedürfnis der Zuschauer Rechnung zu tragen:

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Es stimmt allerdings immer noch, was ich dazu vor sechs Jahren schrub:

Man muss das nicht mögen, man kann sogar bestreiten, dass es im eigentlichen Sinne Fernsehen ist – aber es war wenigstens anders. Es war mutig.

Aus diesem Grund lassen sich Moorse-Filme auch nicht einfach über den Kamm der aktuellen Filmkritik scheren – sie entstammen einer Zeit, in der man die heute erwarteten Maßstäbe in Sachen Struktur und Figuren noch nicht so streng aus/anlegte, und mitunter mögen die Kleinen Fernsehspiele auch bewusst eine Art Anti-Fernsehen gewesen sein – der Versuch, es dem Zuschauer eben nicht einfach zu machen.

Wer sich ständig über die Banalität und kaugummihafte Gleichförmigkeit des Fernsehprogramms beschwert, müsste eigentlich Fan von Moorse sein. Andererseits ist der Gegenentwurf zu "schlecht" nicht notwendigerweise "gut". Der Gegenentwurf zu schlecht ist gerne auch mal "anders schlecht".

Zur Überprüfung dieser Thesen habe ich mir zwei Moorse-Kurzspielfilme von ca. einer Stunde Laufzeit gekrallt, die heute nur noch sehr schwer zu bekommen sind und zumindest den Titeln und den Inhaltsangaben nach spannend sein könnten.

Da ist KANNIBAL KOMIX, eine schrille musikalische Satire über ein Geisterhaus mit einem legendären LISA-Gesicht in einer Nebenrolle.

Und da ist VAMPIRA, die düstere Mär einer verführerischen Blutsaugerin, die ihre Opfer in ihren Kreis aus untoten Gruselwesen aufnimmt.

Gebt’s zu! Das klingt klasse! Das wollt ihr sehen! Jede Warnung zwecklos! Ihr habt schon nicht auf eure Eltern gehört, also warum auf mich?!

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich (noch) guter Hoffnung, jeden Kurzspielfilm in einem einzelnen Beitrag abarbeiten zu können. Ziel ist auch, dass ihr zum Lesen weniger Zeit braucht als ich zum Gucken.

Wünscht mir Glück!

Fangen wir mit den KANNIBAL KOMIX an. Eine knallige Einblendung über einer ansonsten trüben Morgenlandschaft setzt den Ton:

Der Esel nennt sich immer zuerst, habe ich schon in der Schule gelernt:

Autor Marcus Conradt hat – wie viele TV-Kreative der 70er – eine ungemein eklektische Filmographie aufzuweisen:

So schrieb er neben Episoden von Fernseh-Banalitäten wie PETER STROHM und DETEKTIVBÜRO ROTH auch das Special HEINO – EIN DEUTSCHER SÄNGER – DAS MILLIONEN-MÄRCHEN VON DER ROMANTIK und diese kuriose Serie, die fast schon wie eine LISA-Produktion aussieht:

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Wir sehen ein paar schräg gekleidete junge Leute, die ein zu vermietendes Haus besichtigen möchten – ist ja auch kaum zu übersehen:

Aktuell läuft es da für den Makler wohl nicht so gut – wieder und wieder stürmen Interessenten wütend oder schockiert aus der Tür:

Aber die jungen Leute sind entschlossen, sich davon nicht abschrecken zu lassen – Fuß-Fetisch à la Quentin Tarantino?

Nein, wilder noch – die Hippie-Braut reißt sich kurzerhand ein Stück des Grundrisses ab und verspeist es. Kalorienarm und lange sättigend!

Ich möchte gleich zu Anfang die Katze aus dem Sack lassen. Erwartet keine lustigen Sprüche. KANNIBAL KOMIX ist nämlich im Stil einer Stummfilm-Farce oder diverser Sequenzen aus HELP! und HEAD (zwei Filme, denen er erkennbar nacheifert) gänzlich dialogfrei inszeniert. Auch deshalb, weil hier die Musik dominiert.

Auf der Tonspur läuft aktuell "Sunday Morning" der Band Die Anderen, deren Stil von Discog als "Beat, Psychedelic Rock, Pop Rock" bezeichnet wird. Und in der Tat: es ist die Sorte bekiffte Hippie-Mucke, zu der man prima über Sternzeichen diskutieren und schlecht zugeordnete Pilze rauchen konnte. Das Anti-Establishment, wie es sich damals als Alternative zum Spießertum verstand.

Warum KANNIBAL KOMIX so sehr erpicht ist, die Musik von Die Anderen zu präsentieren? Weil die jungen Leute, die hier im Mittelpunkt stehen, Die Anderen sind. Und der Kurzspielfilm ist genau genommen nur eine Art frühes Promo-Video für das erste Album der Band mit dem Titel… "Kannibal Komix", genau.

Die Idee ist nicht schlecht – 15 Jahre später sollte das Produzenten-Dreamteam Dolezal & Rossacher es mit Falcos "Helden von heute" ebenfalls probieren.

So schreiten Die Anderen in Begleitung des Maklers in das herunter gekommene Haus, in dem per Lichtschalter sogar die Kerzenleuchter angehen:

Ein weiteres älteres Paar scheint nach der Besichtigung wenig Neigung zu haben, das mittelalterliche Gemäuer dauerhaft zu beziehen:

Die sichtlich aus Pappmaché oder Gips gefertigten "Statuen" (in diesem Fall wohl vom Golem inspiriert) schauen den Flüchtenden mäßig interessiert nach:

Auf dem Soundtrack läuft nun "Man in the moon", ein etwas flotteres Stück, und wie aus dem Nichts taucht eine Figur auf, die ich mangels anderweitiger Zuordnung fürderhin "den Schmied" nennen werde:

Beim Versuch, den ersten Stock zu besichtigen, werden Die Anderen überraschend von einer fest installierten Bahnschranke gestoppt:

Besser ist das, denn auf einem Gleis rollt nun eine Pfeife rauchende Schaufensterpuppe auf einem Stuhl vorbei…

… und kracht durch das Gemäuer am Ende des Flurs:

Ich möchte euch an dieser Stelle wirklich ans Herz legen, bei solchen Szenen nicht nach einer Bedeutung oder einer inneren Logik zu suchen. Es gibt keine.

Der Makler erwartet nun im wahrsten Sinne des Wortes freie Bahn und pustet in etwas, das ich als eine Art Entenpfeife identifiziere:

Diverse seltsame Figuren (im gleichen Stock? Im Erdgeschoss? Irgendwo anders?) hören das gar nicht gerne und lösen sich spontan in Luft auf:

Ich erklär’s euch, damit ihr euch nicht so sehr quälen müsst wie der Frankster und ich bei der Erstansicht: es handelt sich um die Geister des Hauses, ihren Rollen nach (v.l.) "der Kastellan", "die Meerjungfrau", "der Schauspieler", "die Lady", und "der Schmied". Sie will der Makler aus dem Weg haben, um den Schuppen vermietet zu bekommen.

Der Kastellan möchte Kaffee im ausgesucht hässlichen Plastikgeschirr der 60er andienen, wird aber vom Makler mit einer Dynamitzigarre (?) abgespeist:

Die Begleiterin der Band probiert den Kuchen, kann ihm aber nichts abgewinnen:

Die restlichen Bandmitglieder verlegen sich auf  "dumm gucken", weil an schauspielerischem Talent hier wenig erwartet oder verlangt wird:

Selbst von "guck mal verblüfft" sind die Beteiligten sichtlich überfordert:

Humpty und Dumpty hier können es sich nicht verkneifen, Spanner zu spielen:

Es lohnt sich ja auch – im angrenzenden Zimmer entdecken sie eine barbusige Meerjungfrau, die eingelegten Fisch aus Dosen futtert (ist das genau genommen schon der im Titel angedeutete Kannibalismus?):

Wir merken: Moorse und seinem Kameramann gelingen durchaus schöne Bildkompositionen, und sie spielen gekonnt mit Farben und Kontrasten in diesem alten Gemäuer. Ein gewisses Kunsthandwerk ist (unv)erkennbar.

Auf dem Soundtrack dudelt derweil das Stück "Little Queen".

Man schleicht nun aus unerfindlichen Gründen durch eine weitere Tür, was dem Zuschauer trotz der rar gesäten Nahaufnahmen endlich mal einen genaueren Blick auf die Darsteller ermöglicht. Der Makler:

Musikus Nr. 1:

Der Background-Sänger:

Aber halt! Das ist doch…? Kann das sein…!? Kein Zweifel…!

Wir haben ONKEL JÜRGEN!

Volltreffer! Die Anderen war ein frühes Bandprojekt von Jürgen Drews, bevor er bei den Les Humphries Singers zum Erfolg kam, um dann solo durchzustarten. Es sollte ein weiter Weg bis zu EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON sein, aber das Charisma des Königs von Mallorca ist selbst in dieser Obskurität schon erkennbar.

Die Hippie-Begleiterin der Band ist auch nicht irgendwer:

Festhalten: das ist (kein Scherz, kein Pseudonym) Fee von Zitzewitz! Die junge Adelige warf sich wohl nach Ausflügen in die Model-Szene und dem Gewinn des Titels "Miss Germany 1967" voll der Gegenkultur und den damit verbundenen high-teren Substanzen in die Arme, wie dieser Zeitschriftenausriss dokumentiert:

Wahrlich, die Reichen und Schönen hatten/haben es auch nicht leicht…

Hinter der ominösen Tür stößt die Band auf die Lady:

"Jetzt zeig dich mal total entsetzt, Rudi!"

Die Hippie-Fee verspeist derweil die Türklinke:

Im Keller (?) entdeckt sie grob gesägte Kulissen für eine winzige Theaterbühne, auf der sich der Schauspieler-Geist (Geist des Schauspiels? Nicht in diesem Film!) auf seine nächste Rolle vorbereitet:

Wenigstens sind die Bäume nummeriert, damit niemand durcheinander kommt:

Wo sind die anderen Bandmitglieder? Die sind "wrapped in plastic", um es mit TWIN PEAKS zu sagen. Ich vermute, dass damit "eingefroren" gemeint ist, wofür eine realistischere Darstellung zu mühsam und teuer gewesen wäre.

Der Kastellan verweist den Makler darauf, dass die jungen Männer vermutlich durch einen schnöden Münzeinwurf wieder zum Leben erweckt werden können.

Dem Makler mangelt das Münzgeld und er knirscht schmerzhaft mit den Zähnen:

Für alle, die mitschreiben: "Mind my own business" auf dem Soundtrack.

Der Kastellan weiß eine Lösung – es gibt im Haus tatsächlich eine Spardose, die SO heute auch nicht mehr angeboten werden dürfte:

Um sie zu knacken, wird die Hilfe des Schmieds benötigt:

Ach, unser schönes deutsches Geld! Die Pfennige, die Groschen, die Mark!

Nun sollte es ja endlich weitergehen, aber siehe – die Münze ist zu groß!

Eine Kaffeemühle sorgt im wahrsten Sinne für "Kleingeld":

Die Musiker werden für einen überschaubaren Obulus (fragt eure Eltern) aufgetaut, ohne dass wir jemals erfahren, was eigentlich erreicht werden sollte:

Erlöst und erleichtert tanzen Die Anderen erstmal ordentlich was weg, diesmal zu der mit 2:27 erfreulich kurz ausgefallenen Ballade "Love":

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich den Film gerade zum dritten Mal schaue und tatsächlich so etwas wie Respekt für die Musik entwickle. Das ist sicher kein großes Tennis, aber professionell produziert und teils mit Ohrwurm-Qualität.

Warum der Schmied nun wie eine Bowlingkugel über den Boden rutscht und Die Anderen ob der erreichten Punktezahl begeistert jubeln? Das sind so Fragen…

Um die Drögnis des Geschehens etwas aufzubrechen, widmen wir uns spaßeshalber mal den wirklich wichtigen Fragen im allerersten Video, das ich vor satten 19 Jahren auf YouTube hochgeladen habe:

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Pause rum, Film geht weiter. Setzt euch wieder hin!

Es kommt zu einer Art "Duell" (?) zwischen dem Musikus und dem Schmied, bei dem sie sich abgebrochene Hände einer Statue vor die Füße werfen und dazu Babygeschrei ertönt. Wäre ich jemals drin gewesen, wäre ich nun draußen.

Der Schauspieler-Geist bereitet sich derweil auf seinen nächsten Auftritt vor und legt per Bildschnitt das Kostüm eines römischen (?) Soldaten an:

Die gesamte nächste Sequenz ist wieder komplett wirr und wirkt improvisiert. Es wird eine Art Turnier veranstaltet, bei dem sich die Musikanten mit den Geistern, aber auch die Geister untereinander verschiedenen Kämpfen stellen.

Sehr schön erkennbar in der Nahaufnahme: die Fettschminke, die damals in der Theater- und Filmbranche üblich war:

Da kann man jede Pore und jeden Mitesser in HD genießen:

Es gewinnt wohl der Schauspieler, weshalb er von zwei Elfen umtanzt wird:

Der Popcorn mampfende Rest der Besetzung spendet begeistert Applaus:

Zurück im Herrenhaus offeriert das Hippie-Girl viele Metallwaren und andere Gerätschaften, die in ihren Augen Delikatessen sind:

Der Schmied nimmt schon mal Maß, falls es einen Sarg für die Dame braucht:

Soll das gruselig sein? Soll es komisch sein? Soll es irgendwie die Songs illustrieren? Es ist mir nicht gelungen, das zu differenzieren.

Die Puppe rast wieder durch die Wand und ich werde den Verdacht nicht los, dass es sich hierbei lediglich um "alternative takes" aus der ersten Runde handelt:

Der Sänger der Band (Humpty? Dumpty?) scheint dem Charme der Meerjungfrau verfallen und bringt ihr ein suppiges Ständchen mit dem Titel "Elenor":

Es sieht aber eher so aus, als würde sein modischer Zwilling den Fisch an Land ziehen, bzw. abschleppen:

Ja, da darf des Künstlers Seele schon mal leiden:

Ganz ohne Flax: "Elenor" ist eine schöne düstere Ballade mit Ähnlichkeiten zur ähnlich benamsten Poe-Geschichte, auch wenn der Text etwas zu "on the nose" ist.

Die Quellen widersprechen sich hier übrigens: zumindest eine recht kompetent klingende Webseite nennt Jürgen Drews selbst als Sänger dieses Liedes.

"Wand" – ich kann nicht widersprechen und lasse es deshalb:

Das Hippie-Girl futtert in dieser Szene ein Schwert und nein – wir werden nie erfahren, warum sie im wahrsten Sinne des Wortes eine "Eisenfresserin" ist. Ich habe euch doch gebeten, solche Fragen gar nicht erst zu stellen!

Wir bleiben in der Kategorie "random shit happening": Die begeisterten Besucher veranstalten ein "Rennen" zwischen dem Makler und der Puppe auf dem Stuhl, bei dem sie feststellen, dass die Geister mit Kreidelinien gestoppt werden können:

Heisst das demnach, dass die Puppe auch ein Geist ist? Woher diese Erkenntnis? Und was bringt es, wenn es danach nie wieder zur Sprache kommt?

Man merkt dem Film an, dass die Regieanweisungen selten expliziter gewesen sein können als "jetzt albert mal ein bisschen an der Puppe rum":

Am Schauspieler-Geist wird die These erprobt – in der Tat, schon ein simpler Kreidestrich gebietet ihm Einhalt:

Es wäre redundant, an dieser Stelle anzumerken, dass die nächste Sequenz keinerlei Sinn ergibt. Diese Eigenschaft teilt sie mit allen anderen Szenen des Films. Sie fällt allerdings stilistisch so aus dem Rahmen, dass sie ein neues Level an "not giving a shit" erreicht und ich erneut unterstellen muss, dass lediglich eine Vorgabe des Senders in Sachen Laufzeit erfüllt werden musste.

Denn siehe, der Makler rennt nun im Zeitraffer panisch durch das gesamte Haus, wobei er immer wieder Figuren streift, die wir nicht kennen und nie wiedersehen werden. Ich kann zu den einzelnen Szenenfotos nichts Nennenswertes sagen.

Zwei Nonnen (?) schleppen eine Trage (?):

Eine Figur mit einer Art Predator-Maske (?) schwingt an der Heizung das Bein:

Der Makler hält sich dabei immer an den Wänden fest, pausiert nur in den Ecken:

Ein Kopfloser fährt seinen abgehackten Schädel spazieren:

Dem Makler haut’s förmlich die Augen raus:

Es baumelt wer von der Decke:

Eine verschlossene Tür wird überwunden, in dem der Makler sich zweidmensional macht und drunter durch schiebt:

Die Meerjungfrau nimmt ein Bad und schrubbt sich den Rücken mit einem Hummer:

Der Makler hat plötzlich übergroße Ohren:

Tatsächlich wird hier der einzige konkrete Satz gesprochen, der nach meinem Verständnis lautet:

Ich hab’s ja schon immer gewusst, dass es hier spukt!

Ausgerechnet ein Spinnennetz hält den Makler bei seinem wilden Lauf auf:

Die Band findet sich gefesselt und verschnürt in einem leeren Raum wieder:

Noch mehr Rennerei, noch mehr Zeitraffer – am Ende fällt der Makler aus einem Fenster und per Rückspulung wieder zurück.

Drei komplett "leere" Minuten, eine völlig sinnfreie Collage. What? The? Hell?

Szenenwechsel, Farbwechsel, Lichtwechsel. Man wähnt sich plötzlich in einem farbsatten Giallo-Vorläufer, in dem der Kastellan und der Schmied die bis zur Unterwäsche entkleidete Fee von Zitzewitz peinigen.

Ein operettenhaften Gesang erlaubt wieder zwei verständliche Textzeilen:

Schmied: Gibt’s denn in diesem Jahr nichts zu essen? Ich habe seit Wochen Hunger!

Kastellan: Die letzten paar Minuten wirst du wohl aushalten können, wie? Jetzt mach gar kein' Quatsch, das wäre too much – for meeee….!

Der Schauspieler-Geist in römischer Uniform befreit die Fee und der Film erlaubt sich in schneller Abfolge ein paar extravagant doofe Nahaufnahmen:

Eine Kuckucksuhr kuckuckt – und erst jetzt, bei der dritten Ansicht des Films, dämmert mir, dass damit das Abendmahl eingeläutet wird. Darum leckt sich der Schmied auch in hungriger Vorfreude eklig die Lippen:

Der Kastellan tut es ihm nicht weniger eklig gleich:

Bevor es zu Tisch geht, sehen wir die Beteiligten noch zwei Minuten (!) lang dumm rumsitzen und ich werde den Verdacht nicht los, dass Moorse hier während einer Drehpause einfach die Kamera hat mitlaufen lassen:

Jetzt aber – großes Dinner für die Band mit einem an dieser Stelle unerwarteten Aufwand an Komparsen und Kostümen:

Die depperte Fee knabbert natürlich zuerst einmal den Teller an:

Weil die Meerjungfrau immer feucht vom Stuhl rutscht, bringt man ihr zur Teilnahme am Essen einen Zuber:

Das Essen? Der Makler:

Warum? Weiß ich nicht. Insgesamt vermute ich, dass hier der Titel KANNIBAL KOMIX auf Gedeih und Verderb eingelöst werden sollte, auch wenn die Story das nicht (ver)trägt oder rechtfertigt:

Eine maskierte Figur erscheint und erklärt, was am Makler schmackhaft ist:

Wer diese Person ist? Welche Funktion sie erfüllt? Nicht fragen…

Weil der Film nicht die Eier hat, von tatsächlichem Kannibalismus zu handeln, erwacht der Makler kreischend, als man ihn anschneiden will.

Der Makler springt auf und flüchtet in eine Ecke, verfolgt von den livrierten Bediensteten, die vermutlich um den Hauptgang fürchten:

Einen Bildschnitt später ist aber alles wieder okay und der Makler bedankt sich anscheinend beim Personal für die gute Arbeit.

Dafür gibt es nun Keilerei mit der Lady, was sich mir so wenig erschließt wie der Rest der "Handlung", die Moorse und sein Autor bis hier herbei gefaselt haben.

Selbst der Ansatz, die Band müsse eine Nacht in einem Spukhaus überleben, wird nun fallen gelassen. Die Lady tanzt durch einen Waschraum und sieht sich verfallend in einem Spiegel.

Auf dem Soundtrack dazu: das Stück "Cosy Rosy".

Die Geister präsentieren Fee in einem silbernen Gewand, das Humpty und Dumpty begeistert – die Implikation, dass Fee nun selber ein Geist ist?

Weil Humpty und Dumpty beide scharf auf die Fee sind und Frauen in dieser Zeit ihre Partner noch nicht selber wählen durften, wird ein Faustkampf mit überdimensionierten Boxhandschuhen ausgetragen, der uns primär nahe bringt, dass es mittlerweile geschneit haben muss:

Der Song "Cosy Rosy" geht an dieser Stelle nahtlos in "Sing a song" über.

Die Lady futtert trotz der Kälte ein Eis – Brauner Bär?

Letztlich werden Humpty und Dumpty beide zu Siegern gekürt:

Bei den letzten paar Textzeilen dürfen die Bandmitglieder mal wieder tatsächlich so tun, als käme die Musik von ihnen, auch wenn außer der falsch gehaltenen Gitarre keinerlei Instrumente im Bild sind:

Die müssen doch ätzend gefroren haben!

Kompletter Wechsel von allem und jedem – wir befinden uns nun in einem Gefängnis, das vom Makler mit sichtlichem Genuss geführt wird:

Die Geister und die Bandmitglieder stehen in Häftlingskleidung und rasierten Schädeln stramm und ich möchte euch ausdrücklich daran erinnern, keine sich anbietenden, aber den weiteren Ablauf unnötig verlängernden Fragen zu stellen. Ich möchte mit diesem Verhau heute noch fertig werden!

Da sich kein Hippie wirklich die Haaare scheren lassen würde, dürfen wir in Nahaufnahme die beklagenswerte Arbeit des Maskenbildners "bewundern":

Der Makler zeigt nun mit dem Finger auf den wahren Schuldigen – den Zuschauer. Wir haben den Finger auf der Fernbedienung, wir könnten dem Drama ein Ende machen. Aber solange WIR schauen, so lange rechtfertigt das SOLCHE Filme:

Und damit wacht der augenscheinlich im Stehen eingeschlafene Makler auf – denn wahrlich, Moorse ist sich nicht mal für die "ist alles nur ein Traum gewesen!"-Ausrede zu schade:

Die Anderen haben genug von der (normal verlaufenen?) Besichtigung und lassen sich vom Makler nicht zu einem Mietvertrag nötigen:

Ob wirklich alles ein Traum war, darf angezweifelt werden, denn Die Anderen winken nun fröhlich neu gewonnen Freunden zum Abschied:

Die Geister/Gespenster danken ebenfalls für einen lustigen Abend und lösen sich dann per einfachem Bildschnitt in Luft auf:

Der Makler bleibt frustriert zurück. Muss er nächste Woche wohl wieder die Anzeige bei ImmoScout freischalten und eventuell den Mietanspruch senken.

Als Abschluss läuft nun die Nummer "White House".

Beim Verlassen des Hauses impliziert die Kamera plötzlich, das Herrenhaus habe in der Innenstadt von Laufen an der Salzach gestanden, wo gedreht wurde:

Erfreulicherweise ist der Nachspann relativ kurz, denn außer den Darstellern der Geister und des Maklers subsumiert man die Bandmitglieder einfach als

Ich finde es schon interessant, dass auf die Nennung der tatsächlichen Namen hier verzichtet wird. Wäre DAS zu viel der offensichtlichen Promotion gewesen?

Diesen Namen aus der Crew möchte ich euch aber nicht vorenthalten:

Lacht nicht, der Mann war in den 70ern der Stamm-Cutter von Rainer Erler, hat FLEISCH ebenso geschnitten wie PLUTONIUM und DAS BLAUE PALAIS.

Nennen wir zum Abschluss noch die Schuldigen:

Ich reihe mich ausnahmsweise mal in den Chor der Bedenkenträger ein: DAFÜR wurden in den 60er und 70er Jahren unsere Gebühren rausgehauen!!!

Okay, was lernen wir daraus?

KANNIBAL KOMIX ist… kein Film. Er ist auch keine Parodie eines Films oder ein Experimentalfilm. Offensichtlich von HELP! (Beatles) und HEAD (Monkees) inspiriert, läuft KK ab wie eine Stummfilmfarce in Musikbegleitung, weitgehend ohne Text, dafür aber mit viel Zeitraffer und Grimassen.

Da eine Story nicht mal versucht wird, zieht sich die Stunde Laufzeit wie ausgelutschtes Kaugummi. Hampeleien können keine Handlung ersetzen und ein schlechter Gag wird auch bei der dritten Wiederholung nicht besser. Das hier ist weder Fernsehen noch Anti-Fernsehen – es ist Non-Fernsehen. Der Sender bezeichnete es nicht falsch als "musikalische Pop-Groteske aus Horror– Krimi- und Slapstick-Szenen".

Machen wir uns nichts vor: KANNIBAL KOMIX ist kein Film, sondern eine nur mager verschleierte Promotion-Aktion für die Band Die Anderen und ihre erste LP. Ich würde sogar unterstellen, dass die Beteiligten einen für alle Seiten erfreulichen Deal mit der Plattenfirma abgeschlossen hatten.

Dennoch möchte ich es mir aus der Perspektive der späten Geburt nicht zu einfach machen. Mit 12 hätte ich den Film damals sicher komplett scheiße gefunden, wenn ich ihn mir wegen des Titels heimlich im Fernsehen angeschaut hätte. Aber schon mit 18 wäre KANNIBAL KOMIX bekifft im Programmkino durchaus ein Spaß gewesen. Ein Urteil, das ich dann zehn Jahre später peinlich berührt nach einer erneuten Sichtung auf Video revidiert hätte.

Was ich von Moorse halte? Schwer zu sagen. Es ist sehr leicht, die künstlerische Freiheit, die er sich nimmt, als künstlerische Frechheit zu verdammen, wie es Hahn/Jensen in ihren Lexika tun (hier am Beispiel seines Films PAN):

Um das als spießig-freudlose Kritik der bürgerlichen Presse abzukanzeln, müsste man Moorse allerdings den Status eines fähigen oder wenigstens provokanten Künstlers zugestehen – und dazu bin ich nicht bereit. Trotz aller Relativierungen und allen Wohlwollens bleiben seine Filme für mich arroganter, verquaster Quatsch. Moorse interessierte sich weder für das Storytelling noch für das Publikum, sondern lebte bequem im Schoß des deutschen Fernsehens die Freude am Filmemachen aus. Ich bin sicher, die hatten immer viel Spaß bei den Dreharbeiten – und danach in Restaurants und Hotelzimmern. Wie es damals üblich war.

Der Film ist – ich erwähnte es – mittlerweile sehr schwer zu bekommen. Zum Selbstversuch kann ich euch nur die Musik der Band Die Anderen anbieten, die sich in den USA übrigens dem Albumtitel entsprechend in Kannibal Komix umbenannte. Produzent war der noch sehr junge Giorgio Moroder:

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Wird VAMPIRA ein "besserer" Film? Wie würde ich "besser" im Fall von Moorse überhaupt definieren? Wäre schon "nicht schlechter" ein "besser"?

Wir werden es gemeinsam herausfinden… ob euch das hier ködert oder abschreckt, müsst ihr selbst entscheiden:

Um das hier alles zu rechtfertigen, brauche ich dringlich euer Feedback. Bin ich der Einzige, auf den so etwas eine morbide, fast perverse Faszination ausübt?



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13 Kommentare
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Mark
11. Mai, 2026 09:28

An George Moorse erinnere ich mich wegen der Besprechung seines Films "Pan"von 1972 im Fantasy Film Lexikon von Hahn/Jansen. Das würde die Moorse-Retrospektive auf ein Triple erweitern. Die Besprechung im Lexikon ist total bizarr und die Besetzung (Udo Kier,Herbert Fux,Helga Anders, Evelyn Opela, Gordon Mitchell) erstaunlich. Weiß nur nicht, ob der irgendwo erhältlich ist.

Mark
11. Mai, 2026 12:52
Reply to  Torsten Dewi

Ups, sorry. George Moorse hatte mich getriggert und ich hatte nicht ganz zu Ende gelesen. Sorry, my Bad.

Last edited 1 Monat zuvor by Mark
Mison
11. Mai, 2026 20:55
Reply to  Torsten Dewi

Oh weh, Schatten aus der Zeit ist ja schon bei HPL "plot-free worldbuilding", das wäre verfilmt noch was

Sergj
11. Mai, 2026 10:48

Dass die Geister keinen gezeichneten Strich übertreten können, muss selbstverständlich eine Anspielung auf Goethes Faust sein. Wenn ich mich recht erinnere, kann Mephisto Fausts Arbeitszimmer auch nicht verlassen, weil ein Pentagramm auf die Türschwelle gezeichnet ist.
Das ist halt Kunst!

heino
11. Mai, 2026 12:44

Wow, da waren sicher eine Menge Drogen im Spiel. Ich finde die Besprechung solcher Machwerke spannender als das drölfzigste LISA-Vehikel, daher "freue" ich mich auf Teil 2

Lou
11. Mai, 2026 13:54

Bin einigermaßen erschüttert über diese dreiste Publikumsverarsche. Kannte ich noch nicht und bin dafür dankbar, daß der Wortvogel das mal aufarbeitet 😉 Von schlechten Filmen kann man ja oft lernen, wie man es NICHT machen sollte, von sowas kann man nur lernen, daß nicht jede Droge der Kreativität förderlich ist… Laut IMDB hat Moorse ja auch einige Dutzend Folgen Lindenstrasse inszeniert (wobei "Regie" in Zusammenhang mit dem deutschen Standpuppentheater ja im Grunde ein weiterer Witz ist, was dann wiederum gut ins Gesamtbild passt…)

Dinozeros
11. Mai, 2026 14:14
Reply to  Torsten Dewi

„Gespenstergeschichten“ klingt interessant. Nach Drehbüchern von (zumeist) Rainer Erler.

Mir bislang unbekannt.

Matts
21. Mai, 2026 17:03

"Random shit happening" könnte genauso gut der Titel dieses Machwerks sein!
Auch wenn ich schon ein bisschen spät dran bin, möchte ich sagen, dass ich diese Vielfalt bei den FVFS gut heisse.