2 Cent: Olympiade der Spritzensportler
Themen: 2 Cent |Manchmal liest man einen Artikel und hat sofort das Gefühl, dass die Häme schon fertig verpackt mitgeliefert wurde. So ging es mir beim jüngsten Spott über die sogenannten Enhanced Games.
Nur ein Weltrekord. Kaum Zuschauer. Wenig Resonanz. Loser!
Der große Traum vom gedopten Supersportler ist offenbar bereits nach wenigen Schritten mit dem Gesicht voran gegen die Bande gelaufen.
Das Problem ist nur: So funktionieren neue Veranstaltungen nicht.
Wer die Geschichte großer Massenereignisse kennt, weiß das. Die erste Fußball-Weltmeisterschaft lockte gerade einmal 13 Mannschaften an. Der Christopher Street Day begann als Protest einiger Hundert Menschen gegen Polizeiwillkür. Die Love Parade war ursprünglich ein etwas exzentrischer Spaziergang durch Berlin mit einer Handvoll Raver, die vermutlich selbst nicht glaubten, einmal Millionen Menschen anzuziehen. Motto damals: Friede, Freude, Eierkuchen.
Nichts Großes beginnt groß. Das gilt für gesellschaftliche Bewegungen, kulturelle Ereignisse und leider auch für fragwürdige Ideen.
Die Enhanced Games leiden zusätzlich unter einem Imageproblem, das ungefähr so schwer wiegt wie ein Amboss im Schwimmbecken. Wer öffentlich sagt, er unterstütze eine Veranstaltung, bei der Athleten unter medizinischer Aufsicht leistungssteigernde Substanzen einnehmen dürfen, gewinnt damit derzeit ungefähr so viele Sympathiepunkte wie jemand, der seine Altersvorsorge komplett in Kryptomünzen mit Hunde-Maskottchen investiert.
Insofern überrascht die verhaltene Resonanz wenig. Ob das so bleibt, ist die ungleich spannendere Frage. Und hier wird die Sache unangenehm kompliziert.
Denn die Organisatoren berühren einen Punkt, den der moderne Spitzensport seit Jahrzehnten krampfhaft zu umschiffen versucht: Doping verschwindet nicht.
Seit Generationen wird getestet, kontrolliert, gesperrt und moralisiert. Trotzdem tauchen regelmäßig neue Skandale auf. Ganze Nationalmannschaften wurden überführt. Olympiasieger verloren ihre Medaillen. Rekorde verschwanden aus den Bestenlisten. Trainer, Ärzte und Funktionäre entwickelten teilweise dieselbe Kreativität wie Waffeningenieure in einem Wettrüsten.
Die Enhanced Games argumentieren deshalb: Wenn ohnehin gedopt wird, warum dann nicht offen? Warum nicht regulieren statt verdrängen? Warum nicht ärztliche Kontrolle statt heimliche Kellerlabore?
Das klingt auf den ersten Blick erschreckend vernünftig. Und genau darin liegt die Gefahr. Denn die Enhanced Games sind nicht ehrlicher als die Olympischen Spiele. Sie sind lediglich ehrlicher in ihrer Kapitulation.
Der olympische Gedanke – so ramponiert und kommerzialisiert er inzwischen sein mag – behauptet zumindest noch, dass menschliche Leistung etwas mit Disziplin, Talent, Training und Charakter zu tun hat. Dass der Körper gefordert wird, aber nicht beliebig optimiert werden darf.
Die Enhanced Games erklären offen, dass der Mensch selbst nicht mehr genügt. Nicht der Athlet steht im Mittelpunkt, sondern sein pharmakologisches Upgrade.
Nicht mehr die Frage "Wer ist der Schnellste?" wird beantwortet, sondern "Welches medizinische Team hat die effektivere Chemie zusammengestellt?". Die Olympiade wird zur Formel 1, der Sportler zum Fahrer seiner eigenen Maschine.
Das ist keine Weiterentwicklung des Sports.
Das ist seine Abschaffung.
Der Mensch wird zum Trägersystem. Zum biologischen Chassis. Zum Versuchsfeld für Medikamente, Hormone und Substanzen, deren Langzeitfolgen niemand seriös vorhersagen kann. Der Wettkampf verlagert sich aus dem Stadion in die Labore. Goldmedaillen werden zur Nebenwirkung medizinischer Experimente.
Natürlich betonen die Verantwortlichen ihre Sicherheitskonzepte. Natürlich sprechen sie von ärztlicher Überwachung. Natürlich versichern sie, dass alles kontrolliert und verantwortungsvoll ablaufe.
Das klingt beruhigend. Bis man sich daran erinnert, dass dieselbe Menschheit auch Asbest, Contergan und Bleibenzin einmal für ausgezeichnete Ideen hielt.
Vor allem aber ignoriert dieses Konzept eine einfache Tatsache: Wettbewerb erzeugt Druck. Und Druck erzeugt Grenzüberschreitungen.
Wenn Millionenpreise, Sponsorenverträge und weltweite Aufmerksamkeit auf dem Spiel stehen, wird jede erlaubte Grenze irgendwann ausgereizt. Danach wird sie verschoben. Danach wird sie erneut ausgereizt. Das ist keine Spekulation, sondern die Geschichte praktisch jeder leistungsorientierten Branche seit Beginn der Industrialisierung.
Die Frage ist nicht, ob es Tote geben wird – sondern wann.
Und spätestens dann wird man feststellen, dass man keine mutige Zukunft des Sports geschaffen hat, sondern eine Gladiatorenarena des 21. Jahrhunderts. Mit Ärzten statt Schmieden. Mit Pharmakonzernen statt Waffenlieferanten. Mit Fernsehkameras statt Kaiserloge.
Deshalb halte ich die Enhanced Games nicht für progressiv. Nicht für innovativ. Nicht einmal für besonders mutig. Ich halte sie für den Ausdruck einer Gesellschaft, die endgültig vergessen hat, warum Menschen sportliche Leistungen überhaupt bewundern.
Wir staunen nicht über den Marathonläufer, weil sein Blutbild interessant ist. Wir bewundern nicht die Schwimmerin wegen ihrer Hormonwerte. Wir fiebern nicht mit Athleten mit, weil irgendwo ein besonders cleverer Biochemiker einen neuen Cocktail zusammengemischt hat.
Wir bewundern Menschen, weil sie Menschen sind. Mit Grenzen. Mit Schmerzen. Mit Schwächen. Sobald wir anfangen, genau diese Grenzen als technisches Problem zu betrachten, das sich wegmedikamentieren lässt, verlieren wir den Kern des Sports.
Und vielleicht erklärt das auch, warum die Enhanced Games trotz aller Schlagzeilen bislang kaum Begeisterung auslösen. Es ist eine dem wahrsten Sinne nach inhumane Veranstaltung, die Monster gebiert. Wer so etwas organisiert, sponsort oder sonstwie unterstützt, ist in meinen Augen moralisch abgestumpft.
Die Zuschauer wollen Helden sehen. Keine Laborratten.
Ich halte deinen Formel-1-Vergleich für nicht zutreffend. Arnold Schwarzenegger wurde nicht zur Nr 1 des Bodybuildings, weil er die geilsten Spritzen hatte. Er wurde zur Nr 1, weil er die geilsten Spritzen hatte und das beste Training und die besten physiologischen Voraussetzungen.
Ist ja nicht so, dass man sich ein paar lustige Pillen einschmeißt und dann auf einmal läuft wie Usain Bolt. Die Pillen und Spritzen sind nur die "Krönung" einer jahre- oder jahrzehntelangen Sportlerkarriere, in der sich die Leute täglich geschunden haben.
Das widerspricht in keinster Weise deinen Schlüssen, natürlich.
Aber es erklärt vielleicht (neben deinem Argument "ist noch alles neu"), warum die Enhanced Games nicht direkt zu dutzenden neuen Weltrekorden geführt haben – die Drogen geben den entscheidenden Vorteil, aber dafür muss man erstmal auf das hohe Niveau ankommen. Darum hat es auch bei Kristian Gkolomeev "geklappt" mit dem neuen Weltrekord.
Ach, und natürlich dass die meisten Weltrekorde sowieso schon auf Doping basieren.. Sauberer Sport ist der Benjamin-Button der Fusionsenergie: Er fing immer genau 5-10 Jahre vor dem heutigen Datum an. Bis dann morgen wieder der neueste Scheiß nachweisbar ist.
Darum mag ich Sport, von dem die Sportler nicht leben können. Da ist (meist) keiner so doof, sich seinen Körper für die Leistung zu ruinieren. Der ist, wie du ja treffend beschreibst, vor allem eines: menschlich.
"Arnold Schwarzenegger wurde nicht zur Nr 1 des Bodybuildings, weil er die geilsten Spritzen hatte. Er wurde zur Nr 1, weil er die geilsten Spritzen hatte und das beste Training und die besten physiologischen Voraussetzungen." – das hat niemand bestritten. Und genau deshalb ist der Vergleich korrekt: Michael Schumacher wurde nicht nur Weltmeister, weil er die besten Mechaniker und den besten Motor hatte, sondern all das UND sein Talent als Fahrer.
Ich lese den Wortvogel nicht nur wegen deiner Meinung, sondern auch wegen deiner starken Schreibe. Bei dem Text hatte ich in puncto Tonalität aber eher das Gefühl, dass hier "nur" eine These am Anfang stand, und Claude oder ChatGPT haben den Rest geregelt.
Es ist nicht der Inhalt, es ist die Form.
Die Antithesen.
Die Dreiklänge.
Die Absätze.
Die nur auf den ersten Blick geschliffenen Vergleiche (Formel 1).
Ich habe natürlich keinen Anspruch auf deine Handarbeit, den will ich auch gar nicht reklamieren. Ich fänd’s nur schade, wenn die KI dich langfristig glattschliffe, Torsten. 😉
Anschlussfrage: Vielleicht hast du einmal Lust uns einen Einblick in deinen kreativen Prozess zu geben, und wie KI darin verankert ist? Einfach for context, interessiert mich auch schon, weil ich beruflich viel damit zu tun habe.
Danke schon mal, natürlich auch für den ganzen Hirnschmalz, der noch ganz manuell/kognitiv von dir einfließt!
Das ist einfach: Es gibt keine KI-Verankerung in meinem kreativen Prozess. Ich produziere lediglich (sehr offensichtlich) Aufmacherbilder mit ChatGPT. Weil ich kein Grafiker und kein Fotograf bin. Meine Texte sind meine Texte. Die stilistischen Eigenheiten sind auch sehr typisch und für langjährige Leser leicht zu identifizieren. Für die 2 Cent-Beiträge habe ich mir einige spezielle Vorgaben gemacht, an die ich mich halte, was Länge und Tonfall angeht.
I see! Danke für die Klarstellung! Dann kann es für meinen Eindruck neben meiner Betriebsblindheit nur eine Ursache geben: Dein Blog ist mittlerweile so umfangreich und im SEO-Sinne vertrauenswürdig, dass alle Modelle priorisiert auf ihm trainiert wurden. 😅 Weiter so!
Absolut! Ich hatte ja sogar mal darüber geschrieben, dass die KI meinen Tonfall mittlerweile erstaunlich gut trifft:
https://wortvogel.de/2026/03/der-wortvogel-als-wortmaschine-wahnsinn-oder-wirklichkeit/
Ich hatte haargenau das gleiche Gefühl beim Lesen der ganzen Dreiklänge. Aber mittlerweile bin ich was KI-Texte angeht so misstrauisch, dass ich kurz vergessen hatte, dass der Wortvogel schon immer so geschrieben hat.
Der Witz ist – ich versuche selber, das zu reduzieren.
Solange der nicht sagst "Der Witz ist — ich versuche selber, das zu reduzieren."
Ha — I see what you did there!
Das ist kein Fehler. Das ist kein Irrtum. Das ist kein Zufall.
Das ist System!
Gabs leider schon vor Jahrzehnten. Die bekannteste Tote ist vermutlich Birgit Dressel. Übrigens eine Westdeutsche Athletin. Um hauptsächlich den ostdeutschen Dopingopfern zu helfen wurde im letzten Jahrtausend die Doping-Opfer-Hilfe gegründet.
Das ist klar. Ich rede von Toten, die das System des legitimierten Dopings zu verantworten hat.