Ich habe vor langer Zeit aufgehört, mich regelmäßig zum Tagesgeschehen zu Wort zu melden. Eine weitere Stimme in der Kakophonie der Weltereignisse zu sein, ist so fruchtlos wie ermüdend. Aber in letzter Zeit merke ich, dass es mich immer wieder reizt, zu einzelnen Themen ein paar Zeilen zu schreiben. "my two cents", wie der Amerikaner sagt. Aus diesem Grund hebe ich heute mal die Rubrik "2 Cent" aus der Taufe. Wir werden sehen, wohin das führt.
Timmy ist tot. Aber Hauptsache, wir haben uns gut gefühlt.
Es war natürlich absehbar.
Nicht nur "im Nachhinein betrachtet", nicht nur "wenn man ehrlich ist", sondern von Anfang an. Der Wal war krank, geschwächt, orientierungslos, erschöpft und am Ende seiner Kräfte. Die Natur hatte ihre Entscheidung längst getroffen. Nur der Mensch konnte das wieder einmal nicht akzeptieren.
Also wurde Timmy zum Projekt. Zum Event einer Gesellschaft, die den Tod nur noch akzeptiert, wenn er vorher mindestens von drei Talkshows begleitet und mit einem Hashtag versehen wurde.
Boote. Experten. "Experten". Aktivisten. Drohnenaufnahmen. Liveticker. Viel Geld. Über allem die pathetische Gewissheit: "Wir müssen etwas tun!". Das ist der Satz, mit dem Menschen seit Jahrhunderten Katastrophen verschlimmern.
Denn "etwas tun" bedeutet heute selten, klug zu handeln. Es bedeutet meistens, die eigene Hilflosigkeit mit Aktionismus zu dekorieren. Stillhalten gilt als herzlos. Akzeptanz als Zynismus. Wer sagt "Lasst das Tier in Ruhe sterben", wird behandelt wie jemand, der Hundewelpen anzündet.
Dabei war genau das die humane Position. Nicht aus Grausamkeit. Sondern aus Respekt vor einem Lebewesen, das zum Sterben keine Bühne brauchte, keine PR-Kampagne und keine Armada von Gutmenschen mit GoPros.
Timmy brauchte Ruhe. Stattdessen bekam er die deutsche Vollkaskomoral.
Und die funktioniert immer gleich: Man erklärt eine emotional verwertbare Einzelgeschichte zum nationalen Schicksal, investiert absurdeste Ressourcen und hält sich anschließend für moralisch überlegen, weil man "gekämpft" hat.
Gekämpft wofür bzw. wogegen eigentlich? Gegen die Realität?
Der Wal war nicht Opfer menschlicher Harpunenjäger. Er hing nicht in Netzen fest. Er war nicht durch Öl verseucht. Er war schlicht ein sterbendes Tier. So etwas kommt vor. Jeden Tag. Millionenfach. Die Natur ist kein Disneyfilm und der Nordatlantik keine Tierarztpraxis.
Aber das moderne Mitgefühlsmarketing braucht Erlösungsgeschichten. Es reicht nicht mehr, Mitleid zu empfinden. Man muss intervenieren. Sichtbar. Laut. Emotional verwertbar. Möglichst mit Luftaufnahmen.
Während man hier mit irrsinnigem Aufwand einen einzelnen Wal durch die Gegend bugsierte, brennen anderswo Städte, sterben Menschen in Kriegen, kollabieren Gesellschaften, werden Kinder bombardiert, Flüchtlingslager vergessen und ganze Regionen destabilisiert. Aber das ist kompliziert, politisch unerquicklich aufgeladen.
Ein Wal hingegen ist perfekt. Er widerspricht nicht. Er twittert nicht. Er hat keine geopolitische Dimension. Er erlaubt maximale moralische Selbstinszenierung bei minimalem intellektuellem Risiko.
Timmy war kein Tier. Er war Content.
Und deshalb musste er gerettet werden. Nicht für ihn. Für uns.
Damit am Ende alle Beteiligten in Mikrofone sagen können, man habe "alles versucht". Dieser Satz ist die moderne Generalabsolution für komplette Sinnlosigkeit geworden. Als wäre Aufwand automatisch Tugend. Als könnte man biologische Realität durch moralische Lautstärke überschreiben.
Das Bittere ist ja: Selbst jetzt lernen sie nichts daraus.
Schon unmittelbar nach Timmys Tod begann das bekannte rhetorische Schaulaufen. Man dürfe "den Einsatz nicht schlechtreden". Die Helfer hätten "nach bestem Wissen gehandelt". Der Versuch sei "trotzdem wichtig gewesen".
Nein.
Nicht jeder gut gemeinte Unsinn wird dadurch sinnvoll, dass Menschen dabei geweint haben.
Manchmal wäre Demut die größere Menschlichkeit. Die Erkenntnis, dass nicht alles repariert werden kann. Dass Natur kein Patient ist, den man mit genug Pressebegleitung stabilisiert. Sterben stellt kein moralisches Versagen dar.
Aber Demut ist aus der Mode gekommen. Hybris verkauft sich besser.
Und nun ist Timmy tot.
Überraschend ist daran nur, dass manche Leute immer noch so tun, als sei das Ergebnis nicht von Anfang an unausweichlich gewesen.
Ich bin gespannt, wie viele von den emotional tief ergriffenen Timmy-Groupies nun auch nur einen Cent oder eine Unterschrift auf einer Petition investieren, um dem "normalen" Walschlachten auf der Welt Einhalt zu gebieten.
Amen
Ich war fassungslos, wie viele eine "tiefe emotionale Bindung" zu dem Tier hatten und dachten, das beruhe auf Gegenseitigkeit
Tausende Kinder werden Ende 2026 Waltraud und Walter getauft.
… und was ist falsch daran?
..am Projektionismus oder der Namensgebung?
Alles.
Es ist eine Sache wenn ich denke, dass mein Tier mich liebt; aber eine ganz andere wenn ich denke dass "meine Seele und die von *Wildtier XY in weitweg* in kosmischer Harmonie schwingen".
Dann lieber über Comichelden fantasieren zur kleinen Realitätsflucht, da bleibt der Sicherheitsabstand
Darum ging es mir nicht.
Lies meinen Namen 😃
Walter ist kein Name für die 2000er, machen wir uns nichts vor.
Das hast Du toll geschrieben, chapeau!
Ich mag Dich einfach Wortvogel 🙂
Ich sollte diese Begeisterung sexuell ausnutzen, aber ich schaffe euch nicht alle.
(Otto Waalkes)
Sehr gut geschrieben! Interessant fand ich, was die dänischen Behörden sagten: wenn bei ihnen ein Wal strandet, tun sie gar nichts, ist der Lauf der Natur (oder so ähnlich, weiss die Quelle nicht mehr).
Und der Gipfel heute in BILD. Da werden Dänen, die auf dem Tier für Social Media posieren als widerliche Leichenschänder dargestellt
Eben. In Norddeutschland stellen sich User auf ihre gestorbenen Katzen und lichten das ab.
Der letzte Satz sagt es. Auch die absurde Bereitschaft der zwei (?) Millionäre, diese Rettung zu finanzieren, steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem Verhalten der meisten Superreichen, was sonstigen Umwelt- und Tierschutz angeht.
Diese ganze "Rettungsaktion" war Tierquälerei zum Zweck der Selbstinszenierung. Und die üblichen Schwurbelidioten natürlich vorne mit dabei.
Gut, daß das Vieh jetzt kaputt ist.
Jetzt können wir wieder Welse totschießen.
Sehr stark geschrieben. Ich muss jetzt anfügen "hätte ich nicht besser schreiben können". Aber ergänzen: ich habe vor 20 Jahren damit aufgehört, solche Texte zu verfassen. Und höre bald auch auf, mich in social media zum Tagesgeschehen zu äußern. Aus den von dir genannten Gründen. Trotzdem – made my day. Grüße aus Kerikeri.
Dito, danke.
Und weggehen von "social" media – ganz ganz weit weg, seit Corona, war eine der besten Entscheidungen überhaupt.
Kanns empfehlen.
Ist doch toll, wieder ein bisschen "Brot und Spiele", um die wirklich wichtigen Diskussionen nicht führen zu müssen. Wann geht endlich Fussball-WM los?
So sehr ich des Hausherrn Ärger über dieses absurde Spektakel teile und damit dann wohl auch Ihrer Meinung bin: Was sind denn "die wirklich wichtigen Diskussionen"? Und wer hat die Deutungshoheit, welche das sind? Und müssen wir immer nur über Wichtiges diskutieren?
1) Such’s dir aus.
2) Jeder.
3) Im Idealfall.
ER HAT SICH DAS NICHT AUSGESUCHT!!!!
(mal ehrlich, das Lied ist ein echter banger, AI hin oder her)
Bin da grösstenteils mit dir. Ein Lehrstück absurden Theaters. Nur eine kleine Anmerkung: Du schreibst "Er hing nicht in Netzen fest". Wenn ich mich recht entsinne, war das aber genau der Fall. Verheddert im Geisternetz, so wurde er ja ganz zu Beginn der Geschichte aufgefunden. Sea Shepherd hat die Netze dann entfernt.
Das stimmt, aber bei der Rettungsaktion war das nicht mehr der Fall.
https://www.youtube.com/watch?v=0NDVic_nct0
Damn right!