Kino Kritik: NORMAL
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Offizielle Synopsis: Eigentlich sollte die vorübergehende Versetzung in die verschlafene Kleinstadt Normal für Sheriff Ulysses eine willkommene Auszeit von Eheproblemen und beruflichen Rückschlägen sein. Doch als ein misslungener Banküberfall die trügerische Ruhe der Stadt durcheinanderbringt, wird schnell klar, dass die Bewohner weit mehr zu verbergen haben, als zunächst angenommen. Ulysses merkt: Diese Kleinstadt ist alles andere als „normal“…
Kritik: Ahhh… Ben Wheatley. It’s been too long. Mit dem Briten verbindet mich eine Hassliebe – der dreht gerne mal verschwurbelten Käse (KILL LIST, A FIELD IN ENGLAND), und dann wieder grandioses Autorenkino (HIGH-RISE) und hochwertige TV-Waren (DOCTOR WHO, REBECCA). Dass er MEG 2 gedreht hat, hätte mich fast aus der Bahn geworfen – das wäre doch eher Johannes Roberts-Territorium gewesen. Und jetzt? Dreht er eine Hommage, an die Coen-Brüder, an John Carpenter und den Neo-Noir der 90er Jahre. Mangelnde Vielseitigkeit kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen.
Das gilt auch für Bob Odenkirk, der in den 90ern als Comedy-Autor deutlich bekannter war als als Schauspieler. Meistens bekam er saftige Nebenrollen, mehr aber auch nicht. Den wirklichen Durchbruch hatte er erst spät als Saul Goodman in BREAKING BAD und dem erfolgreichen Spinoff BETTER CALL SAUL. Als wäre das mit 50+ noch nicht genug, erfand sich Odenkirk in den letzten Jahren neu – als "unlikely action hero" in den zwei NOBODY-Filmen:
In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit legen Wheatley und Odenkirk ihre Talente für ein frostiges Kleinstadt-Drama zusammen, das in der zweiten Hälfte und erfreulich holzhammerig zu einem Massaker ausartet.
Das ist zugegeben nicht wahnsinnig innovativ oder smart, aber mit hohem Tempo und großem Respekt für die Vorbilder inszeniert. Odenkirk trägt den Film – und ich musste die ganze Zeit darüber nachdenken, wie sehr in diesem Fall das Casting auch die Tonalität bestimmt. Vor 20 Jahren hätte man NORMAL auch mit Jean-Claude van Damme drehen können – humorloser und mit mehr Faustkämpfen. Genauso hätte man die Hauptrolle mit Denzel Washington besetzen und aus NORMAL ein deutlich klareres Drama über das Sterben und den Ausverkauf des ehemaligen Heartland machen können. Es ist eine Story, die sich auf den Darsteller zuschneiden lässt – und erst Odenkirks schräge Mischung aus leiser Melancholie und stoischer Professionalität hebt den Streifen aus dem breiten Feld der Streamer-tauglichen Midbudget-Massenware.
Hätte man den Film in der zweiten Hälfte auch etwas weniger eskalieren lassen können, um den Figuren mehr Raum zu geben? Sicher. Ein etwas ambivalenteres Ende hätte mir ebenfalls gefallen. Oder eine konkretere Auseinandersetzung mit dem moralischen Verfall der Kleinstadt Normal/Minnesota.
Aber NORMAL ist, was er ist – und das ist nach einer trügerisch ruhigen ersten Hälfte vor allem sehr zynisch, blutig, und unterhaltsam. All hail Bob Odenkirk!
Fazit: Ein beinharter und schwarzhumoriger Actionkrimi, der freudig seine Exzesse auslebt und Bob Odenkirk erneut als das "dark horse" unter den Hollywood "leading men" bestätigt, der wirklich alles spielen kann.
Nach dem Trailer wäre meine Erwartung in etwa "amerikanische Version von Hot Fuzz" gewesen.
Und ist Bob Odenkirk jetzt der neue Liam Neeson, der alternde Charakterdarsteller, der aufgrund eines Zufallsactionhits (da Taken, dort Nobody) eine Reihe von einander ähnelnden Actionfilmen dreht? Wobei ich Odenkirk eben nicht wünsche, daß er in dieselben Direct-to-DVD/Streaming-Untiefen abrutscht wie Neeson.
Nein, HOT FUZZ ist das definitiv nicht. Und Odenkirk wird immer den Vorteil haben, dass er seine Filme produziert und oft auch schreibt. Interessant wäre (neben van Damme und Denzel) auch noch, wie einfach NORMAL als Neeson-Vehikel eine Meditation über das Altern – sowohl von Mensch als auch von Gemeinschaft – gewesen wäre. Ich kenne kaum einen Film, dem das Casting eines anderen Hauptdarstellers eine derart eigene Richtung geben würde.