Hoppala! Das "lustige" Dritte Reich
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Filme und Dokumentationen über das Dritte Reich gibt es in unüberschaubarer Zahl. Die Rückschau auf die Jahre 33-45 ist eine der primären Beschäftigungen und Obsessionen unserer Republik. Der Blick nach vorne geht in Deutschland nie ohne den Blick zurück. Und ich begrüße das. Weitgehend.
Filme und Dokumentationen aus dem Dritten Reich sind schon deutlich spärlicher gesät. Nicht nur, wie die Nazis spätestens ab 1939 immer mehr Produktionskapazitäten in die Rüstung steckten und den Begriff "Blockbuster" damit anders definierten als z.B. die Amerikaner.
Quellen zufolge wurden während der Nazi-Zeit 1094 Filme aufgeführt. 40 davon fallen wie JUD SÜSS unter den Begriff "Propaganda" und gelten heute als problematisch. Sie dürfen nur "unter Vorbehalt" aufgeführt werden.
Die geringe Zahl "echter" Propaganda-Filme mag mehrere Gründe haben. Es ist bekannt, dass Goebbels als glühender Kinofan der Meinung war, die Kunst des Reiches müsse auch das Reich überleben. Das in Kinderschuhen steckende Fernsehen hingegen lehnte er ab, weil sich z.B. Live-Berichte nicht bequem den Interessen des Reiches gemäß manipulieren ließen.
Ich vermute auch, dass die Nazis als Alleinherrscher im Deutschen Reich keine große Veranlassung mehr sahen, mit Propaganda das Volk auf ihre Seite zu bringen. Als es dann nötig geworden wäre, waren die Kapazitäten anderweitig gebunden und 45 hat sich das Thema erledigt.
Tatsache ist aber, dass es jenseits der Kinofilme wie QUAX DER BRUCHPILOT und DIE FEUERZANGENBOWLE sehr viele interessante Produktionen gab, die nicht unter die strenge Definition von "Propaganda-Film" fallen und einen bizarr verharmlosenden Blick in ein Land erlauben, das gerade dabei war, in Europa einen Flächenbrand auszulösen und ganze Bevölkerungsteile gnadenlos auszurotten.
Es mag angebracht sein, vor der unkommentierten Ansicht der folgenden Clips etwas Hintergrund zum Thema zu sichten:
Nicht nur, aber auch von Nazi-Propaganda handelt diese TERRA X-Doku. Dort kommt auch Marcus Stiglegger zu Wort, ein "friend of Wortvogel".
Eine weitere gute Übersicht zum Thema Propaganda im Dritten Reich findet man erwartungsgemäß bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Spezifischer dem Hitler-Kult widmet sich dieser Artikel im LeMo – wäre es nicht so furchtbar, müsste man drüber lachen (dürfen):
Mir geht es aber eher darum, die gespielte Leichtigkeit eines der brutalsten Regime zu dokumentieren, die das 20. Jahrhundert hervor gebracht hat.
Ganz generell bewarben die Nazis das Reich als gesittet, gebildet, und von hoher kultureller Wertigkeit. Die Tradition, nicht die Moderne stand im Mittelpunkt. Man hatte dank der Olympischen Spiele in dem Jahr schließlich auch "die Welt zu Gast":
Das ist letztlich nicht anders schön gefärbt als beim Erdinger Weißbier:
Nachdem Böhmen und Mähren wieder unter deutscher Kontrolle standen, musste man den Deutschen nicht nur zeigen, wie schön und erholsam die Gegend ist – sondern auch wie deutsch. Ein Werbefilm für die Herrenmenschen-Heimat:
Dass wir die Autobahnen den Nazis verdanken, ist bekanntermaßen nur halb wahr. Geplant und angefangen hatte man damit schon vor ihrer Machtergreifung. Hitler forcierte den Bau des Netzes nicht, weil er "freie Fahrt für freie Führer" wollte, sondern weil er schon die Nachschubwege für den Kriegsfall plante.
Der 12minütige Kurzfilm "Straßen machen Freude" von 1939 soll Begeisterung für die neue Freiheit im deutschen Automobil wecken – und schafft das sehr gut:
Noch aufschlussreicher ist "Karlsbader Reise" von 1940. Hier wird ein Jahr nach Kriegsbeginn charmant-leichtfüßig die Schönheit des Vaterlands der Dichter und Denker gepriesen, als wäre es eine Inga Lindström-Romanze. Vor allem aber: Hauptdarsteller ist Erik Ode, der als Regisseur und vor allem als DER KOMMISSAR ein prägendes Nachkriegsgesicht werden sollte:
Bedenklich, dass viele Menschen heute wieder solche Filme sehen, ohne den Kontext zu verstehen – die haben den Propaganda-Köder voll geschluckt:
Spannend auch, dass es sich bei dem hier gezeigten Käfer um einen Vorserienwagen handelt, da die tatsächliche Produktion des Wagens erst nach dem Krieg wirklich in Angriff genommen werden konnte.
Noch beeindruckender finde ich, dass es solche "Werbefilme" dank des neuen Agfacolor-Verfahrens auch schon in Farbe gegeben hat:
"Deutsche Kultur und deutsche Sitten überwiegen…"
(Goethe)
Ein kurioses Detail ist die Verwendung des Peugeot 202, denn Wikipedia weiß:
Auch die deutsche Wehrmacht verwendete den Peugeot 202 in zahlreichen Varianten. Allerdings bleibt derzeit die Herkunft dieser Fahrzeuge völlig offen.
Man bekommt hier eine "schöne" Vorstellung davon, wie die Nazis sich selbst sahen – und wie sie gesehen werden wollten. Dass die verklärte Romantisierung "deutscher Werte" vom Nachkriegsfilm à la DER FÖRSTER VOM SILBERWALD nahtlos wieder aufgenommen wurde, ist interessant, aber heute nicht Thema.
Den Deutschen mussten damals nicht nur die annektierten, besetzten, und überfallenen Gebiete schmackhaft gemacht werden. Über 80 Kurzfilme wurden 1939 und 1940 mit den Figuren "Tran und Helle" gedreht und den Wochenschauen im Kino beigepackt. Die Schauspieler Ludwig Schmitz und Jupp Hussels waren dabei selbst für die Drehbücher verantwortlich, in denen der hemdsärmelige Tran von seinem Freund Helle freundlich über die Gepflogenheiten in der faschistischen Kriegsdiktatur aufgeklärt wird.
Manche der Kurzfilme sind kurios – so wird in diesem Beispiel entgegen aller Klischees ausdrücklich vor voreiliger Denunziation gewarnt:
Bei der Lektüre von "Feindbüchern" reicht der Hinweis auf die jüdischen Autoren:
Man bekommt ein Gespür dafür, dass wirtschaftliche Notlagen die "heiteren" Filmchen zur Erziehung des deutschen Michel zwangen, etwa in Sachen Lebensmittelrationierung:
Angeblich wurde die Reihe eingestellt, weil sich die Deutschen in wachsender Not zunehmend mit dem jovialen Tran identifizierten.
Drei Jahre später gab es weibliche Version von "Tran und Helle" mit den Protagonistinnen "Liese und Miese". Hier ist der Tonfall schon schärfer, sind die Themen brisanter: Es geht um ausländische Agenten, die überall das deutsche Militär und die deutsche Industrie ausspionieren wollen. Feind hört mit!
Es macht erneut fassungslos: "Miese" ist Brigitte Mira, eine der arriviertesten Nachkriegs-Schauspielerinnen, allgegenwärtig als eine der "3 Damen vom Grill", viel in hoch gelobten Fassbinder-Werken, neulich erst in der KAMIKAZE-Fotostory.
Auch bei "Liese und Miese" ging der Schuss nach hinten los. Wikipedia weiß mehr:
Ihre ersten Erfahrungen beim Film sammelte Mira, die nach den NS-Rassegesetzen als „Halbjüdin“ galt, dies jedoch mit falschen Papieren verbarg, in der als NS-Propaganda gedachten Kurzfilmreihe Liese und Miese, die im Beiprogramm zur Deutschen Wochenschau in den Lichtspielhäusern lief. Dabei war die Volksgenossin Liese, dargestellt von Gerhild Weber, die Gute, die sich im Sinne der Nazi-Propaganda richtig verhielt, während die „Miese“, dargestellt von Mira, alles falsch machte, Feindsender hörte, über Lebensmittelknappheit schimpfte und sich mit Spionen einließ. Miras Darstellungstalent sorgte dafür, dass Miese dem Publikum besser gefiel als Liese, sodass das Propagandaministerium die Serie nach zehn Folgen absetzte. Mira wurde 1944 in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen.
Interessieren würde mich, warum Mira der Sprung in die Nachkriegs-Karriere gelang, Gerhild Weber aber (ebenfalls auf der Gottbegnadeten-Liste) wegen ihrer Arbeit für das Regime zeitlebens abgestraft wurde.
"Liese und Miese" wurden 43/44 auch auf Plakaten und in Cartoons als Propaganda-Verstärkerinnen eingesetzt:
Hier soll Göbbels selbst mit der Wirkung der Cartoons unzufrieden gewesen sein.
Die zunehmende Not und der Mangel an Ressourcen zwang die Regierung zum Ende des Krieges, immer rigorosere Maßnahmen zu ergreifen. Die Propaganda dazu sollte die Deutschen sanft unter Druck setzen. Im Gegensatz zu den Lehrfilmen der Nachkriegszeit war hier bei Verstoß allerdings mit harten Strafen zu rechnen.
So war der "Kohlenklaus" eine wieder mal nach "Untermensch" aussehende Personifizierung der Verschwendung von Heizkohle im Haushalt. Es ist bezeichnend, wie die eigentlich gute Aufforderung zum Energiesparen angesichts des Verhaltens des Regimes "hinter den Kulissen" eine zynische Note bekommt:
Nicht anders sieht es bei diesem Kurzfilm aus, in dem Will Dohm brav prüft, ob die Wohnung auch keine Heizwärme verliert. Als ob das 1944 im Bombenhagel der Alliierten das größte Problem der Deutschen gewesen wäre…
Wer war dieser Will Dohm überhaupt? Auch das zu recherchieren bringt Erkenntnisgewinn: Ein arrivierter Theater- und Filmschauspieler, der als Synchronsprecher u.a. in frühen Importen von Laurel & Hardy-Filmen seine Stimme Oliver Hardy lieh. Er kam auch relativ schadlos nach dem Krieg wieder an den Münchner Kammerspielen unter, starb allerdings schon 1948 an einer Herzerkrankung.
Festhalten: Will Dohm war tatsächlich der Vater von Gaby Dohm, einer der bekanntesten und beliebten TV-Darstellerinnen der 70er, 80er, und 90er Jahre – wer kennt sie nicht aus der SCHWARZWALDKLINIK?
Fun fact: Ich habe Gaby Dohm vor 20 Jahren in Schwabing mal versehentlich mit meinem Roller fast über den Haufen gefahren…
Den Kohlenklau gab es auch als Quartett und als Brettspiel:
Die Spielregeln machen kein Geheimnis aus der Frage, worum es geht:
Bei aller Launigkeit zum Abschluss noch der hier als Beleg, wie perfide und menschenverachtend die Nazi-Propaganda sein konnte:
Da bleibe ich doch lieber bei Gabelstaplerfahrer Klaus:
Kann mal einer klatschen, dass ich mir an so einem Thema die Finger schmutzig recherchiert habe?!
Ein Haufen Kram, von dem ich bisher nichts wusste.
Applaus.
Applaus!
Vielen Dank für diese mühsame und etwas eklige Arbeit. Ich hoffe, du hast dir danach gut die Finger gewaschen.
Applaus!
Der Kohleklau ist mir zum ersten Mal in einem Bergwerksmuseum in Essen über den Weg gelaufen. Dazu gab es auch ein Brett- und ein Kartenspiel.
Jagd auf Kohlenklau | Image | BoardGameGeek
Kohlenklau Quartett | Board Game | BoardGameGeek
Propagandaspiele wäre auch mal ein spannendes Thema, aber eher nicht für den Wortvogel, das ist mir klar. 😉
Supertoll, habe ich gleich mal in den Artikel reingenommen!
Klatsch! Klatsch! Klatsch! Klatsch! Klatsch! Klatsch! Klatsch! Klatsch!
Tran und Helle, Liese und Miese. Da sieht man die beiden Puppen Schlaukopf und Schwachkopf aus 'Bioshock Infinite' gleich mit ganz anderen Augen.
Sehr schön, werde ich mir anachauen. Der Förster vom Silberwald war auch eher als touristisches Destinationsmarketing – mit Spielhandkung – für Österreich gedacht, und passt dann ja ganz gut hier rein.
Applaus! Ich erinnere mich an die entsprechende Sektion in der Dauerausstellung vom militärhist. Museum in Dresden (sehr sehenswert übrigens). Gab es nicht auch den Versuch, Cartoons im Disney-Stil zu etablieren? Die jew. Propaganda-Franchises der Achsen und Alliierten sind tatsächlich ein interessantes Feld, aber danach will man sich idR die Hände waschen.
Danke und Applaus!
Ich schließe mich den Beifallsbekundungen gerne an. Danke!
Die Sache mit den Autobahnen ist ja sowieso Propaganda pur – Deutschland hatte vor dem 2. Weltkrieg ein deutlich niedrigeres Verhältnis an Autos pro Einwohner als etwa Großbritannien und Frankreich und das Rückgrat der Kriegslogistik waren Eisenbahn (weshalb Kohle auch so wichtig war) und Pferde.
Auf Threads hat vor ein paar Wochen jemand gepostet, dass bei ihm im Viertel (Leipzig war das, glaube ich) eine alte Frau "irgendwelche alten Bilder" bei wildfremden Leuten in die Briefkästen geworfen habe. Er hat ein Foto von denen angehängt, die bei ihm gelandet sind. Dieser halb-alte Sack hier hat die dann natürlich gleich als Headshots und Autogrammkarten mehrerer "Gottbegnadeter" aus dem Dritten Reich erkannt.
Eine ziemlich wilde Mischung:
Wolf-Albach Retty, der Vater von Romy Schneider.
René Deltgen, der als Nazi-Kollaborateur nach dem Krieg in seiner Heimat Luxemburg in den Bau musste.
Harry Liedtke, der von Sowjet-Soldaten erschlagen wurde, als er die Vergewaltigung seiner Frau verhindern wollte.
Viktor Staal, dessen Zeit als "Leading Man" nach dem Krieg vorbei war, da er in einem Haufen NS-Propagandafilme mitgespielt hatte.
Karl Schönböck und Hans Nielsen hatten das Glück, dass beide relativ unbescholten durch die NS-Filmzeit gekommen sind (Nielsen hatte jedoch in dem Vorbehaltsfilm "Ich klage an" eine kleine Rolle), und in der jungen BRD dann u.a. Karl May, Edgar Wallace oder Schlagerfilme drehen konnten.
Wer sich übrigens mal ein ideologie-freies Werk aus der (frühen) NS-Zeit anschauen will, sollte sich AMPHITRYON – AUS DEN WOLKEN KOMMT DAS GLÜCK besorgen, eine im antiken Theben spielende Komödie von Reinhold Schünzel. Inszenatorisch nimmt der Film ein wenig die späteren Massenszenen des NS-Kinos vorweg., was hier aber wohl ungewollt gewesen sein dürfte. Schünzel war "Halbjude", und gehörte als Darsteller zum Stammensemble von Richard Oswalt (UNHEIMLICHE GESCHICHTEN) mit dem er u.a. ANDERS ALS DIE ANDERN gedreht hat. Irgendwann wurden aber auch ihm die Repressalien der Nazis zuviel, und er setzte sich 1937 wie soviele andere in die USA ab.
Was die geringe Zahl an Vorbehaltsfilmen angeht: Ich habe nicht alle verlinkten Videos angesehen, insofern Verzeihung, falls das da irgendwo schon erwähnt wurde, aber m.W. hat Goebbels bewusst dafür gesorgt, dass nicht jeder Film plakative Propaganda enthielt; aus Sorge, dass die Bevölkerung negativ auf das Übermaß reagieren würde.
Gerade die Unterhaltungsfilme der Kriegsjahre waren als Eskapismus angelegt. Natürlich mussten sie politisch auf Linie sein und sollten nicht wehrkraftzersetzend wirken (daher etwa der Aufführungsstop für den eher melancholischen „Große Freiheit Nr. 7“), aber Parteisymbolik und offene Agitation blieben meist außen vor, weil bereits der Alltag davon geprägt war.
Nun würde ich mich schon freuen, wenn du wenigstens den Text lesen würdest:
"Es ist bekannt, dass Goebbels als glühender Kinofan der Meinung war, die Kunst des Reiches müsse auch das Reich überleben."
Hatte ich gelesen, war sogar der Auslöser für meinen Kommentar. 🙂 Für mich war „die Kunst des Reiches müsse auch das Reich überleben“ als Motivation nicht deckungsgleich mit „die Leute dürfen nicht mit Propaganda überfüttert werden“. Falls das mitgemeint war, hab ich es nicht verstanden.
Na ja, die Implikation war klar, vielleicht hätte ich da ausführen sollen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich in dem Buch "Die Skandalchronik des deutschen Films" vor auch schon 35 Jahren gelesen, dass Goebbels explizit auch keine Hakenkreuze und Hitlerbilder in den reinen Unterhaltungsfilmen wollte, um die Filmkunst gegen spätere Anfeindungen zu immunisieren.
Da klatsche ich doch gerne 🙂 Eine Zusammenstellung von interessanten Fakten, die ich zum großen Teil nicht kannte. Vielen Dank dafür!