19
Apr. 2026

Fantasy Filmfest Nights 2026 Berlin (9): MĀRAMA

Themen: FF Nights 2026, Film, TV & Presse |

Neuseeland 2025. Regie: Taratoa Stappard. Darsteller: Ariāna Osborne, Toby Stephens, Umi Myers, Evelyn Towersey, Erroll Shand

Offizielle Synopsis: Mitte des 19. Jahrhunderts reist die junge Māori Mary von Neuseeland nach England, um über ihre Familie nachzuforschen. Kurz nach ihrer Ankunft plagen sie blutige Visionen von gewalttätigen Ereignissen. Doch das Grauen beschränkt sich nicht nur auf ihre Fantasie. Im düsteren Anwesen mit seinen dunklen Winkeln und zahlreichen Verstecken verbirgt sich etwas ganz Reales.

Kritik: Ich glaube, es war dieser Film, bei dem ich die Fantasy Filmfest Nights 2026 verloren gegeben habe – die Hälfte ist rum, und selbst wenn die zweite Hälfte besser wird, rettet das die erste Hälfte nicht nachträglich. 

Es gab immer schon Jahre, in denen der Wurm drin war. Ich habe aber selten so sehr das Gefühl gehabt, dass die Defizite systemisch und nicht mit dem Mangel an Auswahl zu entschuldigen sind. Die Probleme sind nicht lösbar, weil die Veranstalter sie nicht als Probleme sehen, sondern als Programmpolitik.

Zu Beginn bedankt sich Taratoa Stappard brav für unser Kommen – und kündigt an, dass MĀRAMA ein Film über Kolonialismus, cultural appropriation, und Identität ist. Es geht nicht um die Story, weshalb auch keine erzählt wird. Es geht um das Anliegen. Das Genre Horror wird mal wieder gekidnappt, um dem weißen Publikum den erhobenen Zeigefinger und den Mittelfinger gleichzeitig zu zeigen.

Gerade weil ich hinterher mit dem S-Man eine heftige, aber produktive Diskussion zum Thema hatte, fühle ich mich ausnahmsweise genötigt, mich zu erklären. Ich habe kein Problem mit Befindlichkeits-Filmen. Auch Horrorfilme profitieren davon, wenn sie ein unterliegendes Thema haben, einen größeren Kontext über den Axtmörder hinaus. Sie können von Einsamkeit handeln, von Aufbrüchen, von Abschieden. Film ist Aussage und Erkenntnis.

Aber das Thema kann/darf die Story nicht ersetzen. Wie bei den aktuellen Star Trek-Serien sind wir an einem Punkt, an dem die Macher relativ offen eingestehen, dass das Genre ein Feigenblatt ist, weil "eine gothische Schauermär über die Rache einer jungen Maori-Frau" besser klingt als "die Maori wurden von den Drecks-Engländern fies ausgebeutet".

Auf den Punkt gebracht: Eine Story kann ein Thema erzählen, aber ein Thema kann keine Story erzählen. Und wenn die Macher sich keiner Story mehr verpflichtet fühlen, dann kommen so seltsam leer drehende Streifen wie MĀRAMA dabei raus.

Mārama kommt nach England, findet die "Eroberer" als dekadentes Pack vor, das sich die edle Kultur der Maori angeeignet hat – und am Ende sind alle tot. Weil es vermutlich zu viel Mühe machen würde, gemeinsam mit Mārama die Fäulnis hinter den Fassaden aufzudecken, wird der Figur einfach die Eigenschaft der Seherin angedichtet. Was immer es zu wissen gibt, lernt sie aus bequem platzierten Visionen. Da wird nichts gebaut, da wird nur behauptet.

Trotz Toby Stephens, trotz schöner Schauplätze, trotz sichtlichen Einsatzes der Beteiligten – MĀRAMA entwickelt nie so etwas wie einen Drive, eine Spannung, und ist als moralisch-historische Lektion selbst mit 89 Minuten zu lang.

Ich bin absolut dafür, die Kolonialgeschichte zu Ungunsten der Maori filmisch aufzuarbeiten. Aber wenn das in einem fiktionalen Kontext geschieht, dann sollte der fiktionale Kontext mich auch interessieren wollen. Es geht durchaus besser:

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Fazit: Ein die Maori geradezu Winnetou-esk veredelnder Aufschrei gegen die Grausamkeit der britische Kolonialpolitik, der darauf aus ist, uns zu belehren, statt uns zu unterhalten. 4 von 10 Punkten für die Optik.

S-Man sieht das so: Sieht man von der mal wieder deutlich zu langen Laufzeit ab, gibt der Film einen guten Einblick in die wohl perverseste, und leider dennoch vorstellbare Art von kultureller Aneignung.

Der Trailer verkauft als Horror, was kein Horror ist:

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Habe ich womöglich das Paradies entdeckt?!



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3 Kommentare
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Alex
19. April, 2026 11:39

" Ich habe aber selten so sehr das Gefühl gehabt, dass die Defizite systemisch und nicht mit dem Mangel an Auswahl zu entschuldigen sind. Die Probleme sind nicht lösbar, weil die Veranstalter sie nicht als Probleme sehen, sondern als Programmpolitik.". DANKE für diese wohl formulierten Sätze die mir aus allerteifster Seele sprechen. Es hat nur keinen Sinn mit den Befürwortern dieser "Themenfilme" zu diskutieren. Ebenso könnte man versuchen einen Veganer davon zu überzeugen, den Big Mac zu bestellen.


minkymietze
20. April, 2026 10:14
Reply to  Alex

Die italienische Filmemacherin Lina Werttmüller hat das einst sehr treffend so formuliert: "Die Ideologie soll die Kunst illuminieren und nicht sie beherrschen."

Volker
23. April, 2026 12:41

Danke für die sehr gut ausformulieren Gedanken zu dieser Art Horrorfilm. Ich speichere mir das mal ab für den Fall, dass ich mal wieder selber nicht so gut ausformulieren kann, weshalb mich ein Film langweilt.

P.S. Glückwünsche zu 80 Jahre Vesper!