18
Apr. 2026

Fantasy Filmfest Nights 2026 Berlin (3): FEELS LIKE HOME

Themen: FF Nights 2026, Film, TV & Presse |

Ungarn 2025. Regie: Gábor Holtai

Darsteller: Rozi Lovas, Áron Molnár, Dorka Gryllus u.a.

Offizielle Synopsis: Die Schuhmarke Liberta verspricht „Freiheit. Komfort. Keine Grenzen.“ Nicht für Rita: Ihr Schuhladen ist pleite und sie nun arbeitslos. Zu allem Übel wird sie von Unbekannten auf offener Straße verschleppt und in eine Kammer gesperrt. Die Täter behaupten: „Du heißt Szilvi und bist von uns, deiner Familie, weggelaufen. Aber wir helfen dir, dich zu erinnern!“ Diese „Hilfe“ funktioniert über Nahrungsentzug und Erniedrigung. Je mehr Rita dagegen ankämpft, vom autokratischen Familienoberhaupt „Papa” und den unterwürfigen Angehörigen gebrochen zu werden, umso tiefer blickt sie hinter die Fassade der maroden Sippe – und fasst einen Plan.

Kritik: Die Drohung der Veranstalter, dass es bei diesem Festival sehr stark um dysfunktionale Familen geht, wird weiter eingelöst – hurra? Allein die ungarische Provenienz und der frühe Slot am Freitag Mittag ließ mich Böses ahnen. Sympathisch aber die Videobotschaft von Gábor Holtai, der uns gut gelaunt versicherte: "Das mag auf Sie wie ein Horrorfilm wirken – bei uns ist das eine ganz normale Familie."

Tatsächlich ist FEELS LIKE HOME ein erheblich cleverer Titel, als man zuerst meinen sollte. Es geht nicht um das Zuhause an sich, sondern um das, was wir als Zuhause empfinden – ob gewollt oder gezwungen. Denn Zuhause ist kein Ort, keine Familie, kein Gegenstand. Es ist ein Gefühl. Und Gefühle können manipuliert, erzwungen und eingebildet werden.

Glaubt man zuerst noch, Rita sei von einem religiösen Kult entführt worden, stellt sich (relativ) schnell heraus, dass der Hintergrund banaler ist, fast schon kindlich spießig. Letztlich spielt die Familie Arpad Theater – und Rita ist eine Zweitbesetzung, die sich erst mühsam in ihre Rolle einlernen muss.

Über eine interne Logik macht sich der Film dabei so wenig Gedanken, dass er sich an ihr auch nicht verschluckt. Wir akzeptieren die Realität der Familie in dem kleinen Rahmen, in dem wir sie zu sehen bekommen – inklusive interessanter Hinweise auf einen größeren Kontext, in dem die Arpads auch außerhalb ihrer vier Wände die Welt so gestalten, wie es ihnen passt.

Psychologisch ist das so folgerichtig, dass wir selbst die absurderen Wendungen absolut nachvollziehen können. Ritas Einordnung in die Familie führt nicht etwa zu pausenlosen Fluchtversuchen, sondern zu einer Instrumentalisierung der Mechanismen und verschwiegenen Konflikte. Sie ist smarter als ihre Umgebung – was aber auch zu einer ständigen Neubewertung dieser Umgebung führt.

Ich bin sicher, dass nicht jeder Zuschauer hier mitgehen wird. Vielen wird der Film zu langsam sein, zu mangelnd in den Schauwerten. Er wirkt wie ein Theaterstück, das sich dem Publikum nicht anbiedert und mit 124 Minuten auch keine Anstalten macht, zügig über die Zielgerade zu kommen. Für mich ist FEELS LIKE HOME allerdings eine dieser "wild cards", die das Publikum beim Festival positiv überrascht und die aus "erwarten se nix, dann werden se nicht enttäuscht" ein "erwarten se nix, kann dann aber doch mal überraschen" drechseln.

Wenn Loriot 1976 einen Horrorfilm gedreht hätte, hätte er vermutlich so ausgesehen. Papa ante portas, indeed.

Fazit: Ein "slow burner im bestens Sinne des Wortes, der mit einem beklemmenden Szenario eine rigide Familienstruktur dem Horror der urbanen Einsamkeit gegenüber stellt. Kein Kracher für ein breites Publikum, aber wie es die TITANIC ausdrückt: Von Könnern für Kenner. 8 von 10 Punkten

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