"dumm gelaufen"-Drama deluxe
Themen: Neues |Konzentriert euch. Das hier hat viele Beteiligten, die ich nur abkürzen kann.
Nach der Arbeit (ihrer, nicht meiner) fragt die LvA gestern: "Wollen wir noch eine Runde ums Haus gehen?"
Ums Haus gehen. Das ist ihr Euphemismus für einen voraussichtlich 15-20 minütigen Spaziergang. Baustellen gucken, Katzen streicheln, Gärten begutachten. Kein Problem, bin ich immer für zu haben.
Der übliche Ablauf: Ich greife meinen Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbrett, sie nimmt ihren eigenen Schlüssel auch mit, weil sie etwas paranoid ist. Trotzdem fragt sie habituell: "Hast du deinen Schlüssel dabei?". Ja, habe ich.
Wir spazieren, gucken Baustellen, streicheln Katzen, begutachten Gärten.
Wieder daheim ziehe ich den Schlüssel aus der Tasche. Da hängt ein Captain America-Schild als Anhänger dran. Das ist falsch. Das Captain America-Schild hängt am Schlüssel des Motorrollers und wird separat getragen.
Augenblicklich ist mir klar: ich war so ins Gespräch mit der LvA vertieft, dass ich den falschen Schlüssel genommen habe.
"Unangenehm", murmele ich. "Ich habe den falschen Schlüssel dabei."
Ich vertraue entspannt der Tatsache, dass wir alternativ den Schlüssel der LvA nehmen können – sie wird bleich: "Ich habe meinen auch nicht mitgenommen."
Boah, watt’n nerv, wie ich als Rheinländer immer sage. Aber kein Drama, denn wir müssen nur ins Treppenhaus. Von da aus können wir auf die umlaufende Terrasse. Die Tür zu meinem Arbeitszimmer steht auf. Easy.
Erste Option. "wir müssen nur ins Treppenhaus" – das stellt sich als der Haken heraus. Es sind nämlich alle Nachbarn im Urlaub. Alle. Das Haus ist verwaist. Wir könnten jeden Abend AC/DC auf voller Lautstärke blastern, wenn wir dafür nicht viel zu spießig wären und es vermutlich die Katzen stören würde.
Okay, eigentlich keine unlösbare Aufgabe. Wir müssen ins Treppenhaus – oder in die Tiefgarage, denn von dort können wir auch ins Treppenhaus.
Zweite Option. Ich klingele bei U., der netten Nachbarin von gegenüber. Die ist mit Familie D. befreundet, die bei uns im Erdgeschoss wohnt. Vielleicht hat sie einen Ersatzschlüssel für Notfälle, mit dem sie uns ins Haus lassen kann.
Hat sie nicht.
Dritte Option. Ich rufe unseren Vermieter M. an, der in Ottobrunn wohnt und einen Ersatzschlüssel hat. Er ist ein Netter und wird ihn uns sicher bringen.
Ich erreiche M. auf Mallorca. Er ist auch im Urlaub.
Es ist die "perfect shit show", das Ineinandergreifen von allen Unwägbarkeiten zu unserem maximalen Nachteil.
Vierte Option. M. bietet an, seine Tochter zu seinem Haus zu schicken, damit sie den Ersatzschlüssel holt. Dann müssten wir allerdings (per Taxi oder Uber) nach Ottobrunn fahren. Das ist sehr aufwändig, teuer, und belästigt Leute, die wir nicht belästigen wollen.
Fünfte Option. Die LvA sucht schon Schlüsseldienste in der Umgebung raus. Albern, weil wir wirklich nur ins Treppenhaus müssen (Fenster? Leiter?), aber heute scheint der Wurm drin zu stecken. Wir wählen einen alteingesessenen Schlüsseldienst in der Nähe, der auch verspricht, zeitnah zu kommen.
Rumsitzen. Warten.
Sechste Option? Vor 20 Jahren hätte ich noch versucht, die Fassade zu erklimmen, um auf die Terrasse zu kommen. Die LvA versichert mir, dass sie solche Sperenzchen nicht mehr erlauben würde. Besser ist das. Der Wortvogel ist ohne gebrochene Knochen besser dran.
Nachbarin D. ruft aus dem Urlaub im Rheinland zurück. Nein, sie hat auch keinen Ersatzschlüssel irgendwo hinterlegt. Sie wünscht uns viel Glück.
Je öfter ich mir das Schloss der Haustür ansehe, desto mulmiger wird mir. Das ist ein neues Systemschloss. Das lässt sich nicht mit einer Kreditkarte oder einem Schraubenzieher aushebeln. Wenn es beschädigt wird, kann das schnell einen vierstelligen Betrag kosten. Ich bin gerne bereit, für meine Dummheit zu zahlen – aber nicht unangemessen viel.
Ich versteife mich auf die Hoffnung, dass der Schlüsseldienst das augenscheinlich etwas weniger komplexe Schloss in der Tür des Garagentores öffnen kann. Das reicht dann ja auch. Und da ruft der Schlüsseldienst schon an – sein Kollege sei gerade mit allem Profi-Werkzeug auf Montage und er könne wenig mehr als Kreditkarte und Schraubenzieher anbieten. Ob das reichen würde?
Wir bedanken uns beim Schlüsseldienst und sagen den Auftrag ab.
Nun also doch die Tochter von Vermieter M. Ab nach Ottobrunn. Dauert etwas länger. Ich habe Hunger und mein Unterbewusstsein sucht nach Wegen, der LvA die Schuld für das Drama in die Schuhe zu schieben. Ich finde keine.
Selbst in dieser Situation bleibe ich ein Knauser und entscheide, dass wir nie im Leben ein Taxi oder ein Uber nach Ottobrunn zahlen. Wir haben schließlich Freunde! Wofür hat man Freunde?
Auch hier streckt uns Karma keck die Zunge raus. Der Frankster hat seinen Wagen vor einem Monat verkauft und fällt aus. Die gute Freundin DC sitzt gemütlich in der Business Class auf dem Rückflug von Seoul. Der Rest ist "auf Arbeit" oder noch weiter weg als Ottobrunn. Das rechnet sich nicht.
Ein Geistesblitz! Die Katzensitterin S.! Die wohnt nur ein paar Straßen entfernt und hat sicher Zeit, uns mal kurz nach Ottobrunn zu kutschieren.
Ich schlage der LvA vor, S. fix anzurufen – und die LvA wird zum zweiten Mal an diesem Tag bleich: "Die S. hat einen Ersatzschlüssel unserer Wohnung."
Sie hat einen Ersatzschlüssel unserer Wohnung.
Macht Sinn, wenn man drüber nachdenkt. S. ist vier- bis fünfmal pro Jahr für mehrere Tage in unserer Wohnung und es wäre zu umständlich, sie jedes Mal vorher den Schlüssel abholen zu lassen.
Ich bin absolut darauf eingestellt, dass S. auch im Urlaub sein wird. Weil ja alle in Urlaub sind. Aber S. ist daheim und hat den Schlüssel griffbereit. Sie braucht nicht mal kommen – die nette Nachbarin U. fährt sowieso gerade in die Richtung und kann mich bei S. absetzen. Den Rückweg schaffe ich zu Fuß.
Und so ist das Drama nach einer Stunde ohne Kosten und Sachschäden beendet:
Immerhin – auf dem produzierten Adrenalin laufe ich locker noch drei Tage…
Ich kenne die Gegebenheiten nicht. Eventuell würde ein Nuki Schloss für das nächste mal helfen? Stehst du draussen und schließt mit dem Handy die Tür auf.
Das bringt ja nix, weil wir ja nicht in den HAUSFLUR kamen. Die Wohnungstür war nie das Problem.
Auch so eine Haustür könnte man ja mit so einem Nuki Zylinder ausrüsten. Vermutlich eine Abstimmungssache mit den andern Mietern , und Vermieter?
An welchem Punkt siehst du ein, dass mehrere tausend Euro für digitale Schlösser an einem Mehrfamilienhaus vielleicht nicht ganz so sinnvoll sind wie "Schlüssel nicht vergessen"?
Wieso nun pampig?
Es kostet nicht "mehrere 1000"
Es ist ein Schließzylinder, der analog, aber auch per Handy funktioniert.
Selber schuld.
Da es sich um ein Schließsystem handelt, müssten ALLE Schlösser im Haus für alle Mietparteien ausgetauscht werden – ganz abgesehen davon, dass dafür ALLE Eigentümer ihr Okay geben müssten und wir als Mieter kein Mitspracherecht haben. Mag sein, dass das ein bisschen zu kompliziert für dich ist.
Als ich noch zur Grundschule ging (mehrere Jahrzehnte her), habe ich auch mal mich und den Rest der Familie ausgeschlossen. Da es so lange her ist, kann ich mich nicht mehr jeder Einzelheit erinnern.
Es war Sommer. Mein Vater und meine Schwester waren unterwegs. Meine Mutter, mein Bruder und ich waren im Garten. Die Haustür war offen und der Schlüssel steckte von innen, warum auch immer. Ich habe die Haustür zu gemacht. Eigentlich kein Problem, mein V hatte einen dabei und einer der Nachbarn hatte auch einen. Wenn man denn von außen schließen könnte. Das ging damals bei der Tür nicht, wenn innen ein Schlüssel steckte.
Erster Lösungsversuch, direkt neben der Türklinke war der Briefkasten. Wenn da ein Kinderarm durchkommt, könnte man noch die Klinke drücken oder innen den Schlüssel rausziehen. Hat nicht funktioniert, der Kinderarm war zu kurz und längere Arme waren zu dick. Und ein zusätzliches Gelenk im Arm wäre nötig gewesen.
Zweiter Ansatz, irgendwie mit einem Haken/Hebel durch den Briefkasten. Einer der Nachbarn, mittlerweile waren ein paar mehr vor der Haustür, hat dann eine Drahthilfskonstruktion gebastelt. Und gleich bei sich an der Haustür (Reihenhaus mit identischer Haustür/Briefkästen) getestet. Damit konnte man dann den Schlüssel innen rausziehen. Tür offen.
Seitdem wurde nie wieder von innen der Schlüssel im Schloss stecken gelassen.
Viele Leute stecken die Schlüssel innen rein, damit sie beim weggehen nicht vergessen, sie mitzunehmen.
Genauso mache ich das nach Erfahrungen inzwischen auch und schließe mich aus diesem Grund ein. Funktioniert zuverlässig! 🙂
Ja, das habe ich auch mal gemacht. Sogar abgeschlossen.
Bis ich dann mal aufschloss, abgelenkt wurde, den ANDEREN Schlüssel nahm und ging. Beim wiederkommen hatte ich dann zwar einen Schlüssel – aber da von innen auch einer steckte und das Schloss mit dieser Tatsache nicht umgehen konnte musste ich dann trotz Schlüssel in der Hand den Schlüsseldienst rufen.. 250€ später war ich dann in der Wohnung.
Dummheit kostet manchmal. Lerneffekt: ich habe seitdem immer das Schloss getauscht damit es auch dann funktioniert wenn innen ein Schlüssel steckt.
"Dummheit kostet manchmal." – das war keine Dummheit von dir. Das kann passieren.
Ich liebe diese Alltagsgeschichten von dir. Bin vor 100 Jahren auch wegen einer solchen hier hängengeblieben (irgendwas mit einem Besuch beim Bäcker). Das Buch "Der Wortvogel und wie er durch die Welt geht" ist hiermit vorbestellt. (Kleiner Hinweis: *der* Schild.) Hab übrigens was Ähnliches erlebt: https://freilos.blogspot.com/2017/10/zweite-kuriose-geschichte-des-tages.html
Sehr schöne Geschichte! Der Schild, das Schild – es ist ein Schilderwald, fürwahr.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass man trotz Unschärfe anhand des Fotos einen Nachschlüssel anfertigen kann. Ich würde das vielleicht sicherheitshalber bearbeiten.
Niemand kann von einem Sicherheitsschlüssel mit einem Foto eine Kopie erstellen.
Der Begriff "Sicherheitsschloss" ist nicht genau definiert. Da kann man sich in einem Dschungel aus DIN verlieren.
Durch das Bild kann man schon mal die Höhe der einzelnen Pins erkennen. Das macht es schon leichter ein Schloss zu knacken.
Und wie sicher "Sicherheitsschlösser" wirklich sind…. die Illusion kann dir dieser Herr recht schnell nehmen.
https://youtube.com/@lockpickinglawyer?si=MvF77DU4teV9TMiw
All das weiß ich – aber diese Schlüssel haben zwei verschiedene Seiten und das Bild ist nicht präzise genug, um eine Kopie herzustellen.
Das akzeptiere ich natürlich einfach als wahr.
Den Kanal des Lawpickinglawyers empfehle ich trotzdem.
Sehr interessant.
Den Kanal schaue ich seit Jahren. Sehr unterhaltsam.
Mit zunehmendem Alter wird es umso wichtiger, einen Ersatzschlüssel irgendwo zu deponieren, vor allem aber nicht zu vergessen, wo er deponiert wurde. 🙂 Unterhaltsame Geschichte, hätte mir auch passieren können.
Bei mir ist das eher umgekehrt – dank der LvA bin ich vorsichtiger und organisierter geworden. Als Single mit 30 habe ich den Schlüssel öfter vergessen. Damals hatte ich ihn entweder in einer 24/7-Videothek oder beim Radiosender GONG deponiert, weil ich dort rund um die Uhr Zugriff hatte.
Pass auf, bei solch schön rekapitulierten Erfahrung mag beim einen oder anderen Leser deines Blogs der Wunsch entstehen, dass euch öfter solche Missgeschickte widerfahren ;-). Jedenfalls danke für die unterhaltsame Zusammenfassung; und schön, dass sich letztendlich doch noch alles in Wohlgefallen aufgelöst hat (im Übrigen gefällt mir der Gedanke, dass euch eure Katzen indirekt gerettet haben, ausgesprochen gut :-)).
Das ist ja fast so filmreif wie die Kreditkarte in "Der Volltreffer" (Ihr erinnert Euch, Allison und Gibs versuchen händisch, einen Wohnwagen aufzubrechen, im Regen, da sagt sie, warte, ich habe eine Kreditkarte – und er so "du hast eine Kreditkarte??"-Schnitt, Prosten in einem Hotelrestaurant).
Meine Macke ist, das eine Schlüsselset nach dem doppelten Abschliessen der Wohnung stets in derselben Tasche zu verwahren. Und das zweite immer am Arbeitsplatz, das dritte hat eine Nachbarin.
Erinnert mich an die Erlebnisse mit dem Mietwagen-Unfall auf diesem Blog. Wie war das doch gleich? Jedenfalls nochmal gut gegangen…
Du meinst vermutlich das hier.
Ich nehme den Schlüssel stets in die Hand, während ich die Tür zuziehe. Trotzdem passierte es mir die letzten zehn Jahre ein paar mal mich auszusperren.
Ich bin für Türknaufe außen an allen Türen. Wie im Ausland. Doppelt sicherer. Man muss richtig abschließen, dadurch ist die Tür richtig verriegelt (angeblich zahlen Versicherungen nicht wenn man nur die Tür zuzieht) und man kann den Schlüssel nicht vergessen. Total bescheuert dass man in Deutschland blöd dasteht wenn beim Müll rausbringen die Tür zufällt. Dieses unvernünftige Design kann ich nicht akzeptieren oder nachvollziehen. Mir konnte auch noch keiner erklären was das soll. Vielleicht Brandschutz, damit man ohne entriegeln raus kommt. Das geht aber auch mit einem Drehkranz innen.
Zusätzlich hätte ich gerne den Komfort den ich vom Auto gewohnt bin. "Keyless" bedeutet die Anwesenheit des Schlüssels wird über Funk lokalisiert und die Tür öffnet sich ohne dass man den Schlüssel in die Hand nehmen muss.
Ich stand auch schon mal ohne Schlüssel vor der zugezogenen Wohnungstür. Konnte ich damals mit Bordwerkzeug des Moppeds klären. Aber seitdem schließe ich die Wohnungstür IMMER mit dem Schlüssel. Hat also geholfen.