Analoger Abstieg ins Archiv (2): Obskuritäten aus den Zeitschriftenläden dieser Welt
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Okay, ich krame für euch mal wieder in meinen letzten Boxen mit Zeitschriften und anderem Papiermaterial aus aller Welt. Heute kommen so schräge Produkte zu Tage, dass ich teilweise erstmal selber recherchieren muss, was es genau ist.
Ja, es war ein großes Ding, als Jan Böhmermann aus schierer Eierschaukelei 2021 eine Parodie auf Klatschmagazine auf den Markt brachte und dabei allen Verlegern dieser Schand/Schundhefte vor die Füße pinkelte. Das "Freizeit Magazin Royal" verkaufte sich wie geschnitten Brot und besser als die "echten" Vorbilder. Zwar bin ich der Meinung, dass der eitle Böhmermann sich dabei ein arg leichtes Ziel ausgesucht hat, aber aus Sammlergründen habe ich natürlich zugegriffen:
Ich kann es nur vermuten, aber diese Ausgabe der Zeitschrift "Fernsehen + Film" habe ich womöglich auf einem Trödelmarkt erstanden:
Auf Wikipedia gibt es eine lesenswerte Übersicht über die wechselhafte Geschichte der Publikation, die von 1963 bis 1971 veröffentlicht wurde. Man wollte kritisch, aber auch fördernd den Neuen Deutschen Film begleiten und hinter die Kulissen der Branche blicken (lassen). Einen beeindruckenden Teil der Autoren lehne ich als arrogante Fatzkes ab (Peter Handke, Alexander Kluge, Günter Herburger), aber es lässt sich nicht bestreiten, dass diese Form von kritischem Medienjournalismus auch den 80er und 90er Jahren gut getan hätte. Nur HörZu ist ja auch keine Lösung. Heute übernehmen das (nicht immer, nicht immer gut, aber immer lesenswert) die Kollegen von DWDL und Übermedien.
Als ich früher noch häufiger in der Stadt unterwegs war, bin ich gerne in die großen Zeitschriftenläden gegangen, um mir einen Überblick zu verschaffen, was der Markt so hergibt. Wenn es neue Publikationen gab, habe ich blind zugegriffen – der Kauf solcher Ausgaben ist für mich äquivalent mit der Sichtung von Pilotepisoden neuer Serien. Darum landete auch irgendwann (2014, obviously) die "nemo" auf meinem Schreibtisch:
Wohl nur eine Testausgabe des CHIP-Verlags, der kein Periodikum folgte. Inhaltlich ein Leichtgewicht: lauter Retro-Artikel über Themen, die man ausführlicher und multimedialer behandelt im Internet findet, ohne dafür 3,80 Euro zu bezahlen. Die Recherche wurde erschwert durch andere "nemo"-Hefte, die davor und danach erschienen. So veröffentlichte der Auerbach-Verlag bereits 2007/2008 das hier:
Das Heft wurde eingestellt, es kam die Testausgabe "nemo" des CHIP-Verlags, und danach ab 2021 eine Reanimation der überarbeiteten ersten "nemo":
Die gibt es, soweit ich das überblicke, aber auch schon nicht mehr.
Der seltsame Titel der "me.movies" ergibt sich aus der Tatsache, dass es sich um eine Publikation aus der Redaktion des "musik express" handelte:
Tatsächlich habe ich seinerzeit auf Facebook über diese Erstausgabe geschrieben und übergebe das Wort deshalb einfach an mich selbst:
Ich hatte die Filmzeitschrift "me.movies" (die erstaunlich viel über Fernsehen berichtet) nach einigen wohlwollenden Kritiken gekauft, es aber dann nicht über mich gebracht, sie zu lesen. Nach drei Wochen auf dem Wohnzimmertisch habe ich mich nun doch aufgerafft – und bin erstaunt, wie wertig das Heft daher kommt, wie blass und einfallslos es aber inhaltlich ist. Begeisterung über Christoph Waltz, Ryan Gosling, Robert Downey jr.? Zwei bis vier Jahre zu spät. Das kurze Stück über "The Canyons" erwähnt sogar den NYT-Artikel, aus dem es sich komplett speist. Eine Lobpreisung von HBO scheint die von HBO geschaltete Werbung im Heft als einzigen Aufhänger zu haben.
Vor allem aber: wenn ich ein "wertiges" Heft für fast 7 Euro kaufe, erwarte ich Sorgfalt, auch von Kolumnisten wie Arne Willander, der in seinem leb- wie erkenntnislosen Essay über TV-Serien gleich mehrere Böcke schießt. Man muss kein Experte sein, um zu wissen, dass "Die Profis" für die (fiktive) CI5 arbeiteten und "Vegas" nicht "Vegas" hieß, sondern "Vega$".
Acht reguläre Ausgaben erschienen im vierteljährlichen Takt, dann gab es wohl noch letzte unregelmäßige Ableger unter dem "musik express"-Logo.
Ich hätte schwören können, dass ich diese Ausgabe des Film-Magazins LITTLE WHITE LIES auf unseren Amerika-Reisen 2011 oder 2018 gekauft habe:
Es stellt sich aber heraus, dass es sich um ein englisches Heft handelt, das ich mit großer Wahrscheinlichkeit 2017 in Manchester entdeckt habe. Eine hochwertige, essayistisch angelegte Lektüre für Filmfans mit Anspruch. Der vage Titel und der farblich reduzierte und grafisch eigenwillige Stil ließen mich glauben, dass so ein Magazin sich am Markt niemals durchsetzen wird. Falsch gedacht. LITTLE WHITE LIES hat eine sehr lesenswerte Webseite und von der gedruckten Ausgabe ist gerade die Nummer 112 erschienen. Respekt!
Wer reinlesen will, kann das auf archive.org tun.
Zeit für Schweinkram!
Es gibt Verlage, die sich weniger auf journalistische Publikationen verstehen als auf die Ausschlachtung ihrer Fotoarchive. Da wird alles, was sich an verstaubten Dias und Pressebildern finden lässt, zwischen Cover gepackt und mit ein paar launigen Texten dem lüsternen Mannsvolk untergejubelt – Schamhaar aus der Sprühdose inklusive, denn es soll ja nicht als Pornografie unter dem Ladentisch enden:
Das ist teilweise durchaus problematisch, denn nicht für alles, was im Archiv liegt, hat man auch die Rechte. Aber es gilt wie immer: wo kein Kläger, da kein Richter.
Zu den Autoren gehörten durchaus arrivierte Kollegen wie Martin Hentschel und Peter Osteried. Sie waren jung und brauchten das Geld. Wenn ich mich nicht verrecherchiert habe, gab es acht Ausgaben, von denen ich sechs digital vorliegen habe: Laura Gemser, Gloria Guida, Brigitte Lahaie, Ingrid Steeger, Edwige Fenech und Sybille Rauch.
Die Ausgaben 2 und 3 über die SCHULMÄDCHEN-Filme und Traci Lords dürften heute nicht mehr erhältlich und vermutlich sogar strafbar sein.
Auf meinen Reisen ins südeuropäische Ausland habe ich mich mitunter von sehr ansprechenden Covern zum Kauf verführen lassen (pun intended) – das hier ist mir wahrscheinlich auf Ibiza in die Hände gefallen:
Leider zeigt der Blick ins Innere eigentlich immer das, was die Kundschaft erwartet, was mich aber abstößt: grob gezeichnete Ferkeleien in schwarzweiß. Ich tue mich schwer mit der Frage, wer die Zielgruppe für sowas ist. Diese Heftreihe brachte es immerhin auf 141 Ausgaben und läuft womöglich immer noch.
Wer reinlesen will, kann das auf archive.org tun.
Ich habe mich in meiner Teenager-Zeit intensiv mit Grenzwissenschaften beschäftigt, bevor mir klar wurde, wie grenzwertig das größtenteils ist. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, im Urlaub immer mal wieder Ausgaben von Zeitschriften wie "Fate" (seit 1948!) "Fortean Times" (seit 1973) zu kaufen. Die sind gar nicht schlecht gemacht und manchmal sogar gut geschrieben, zeichnen sich aber natürlich durch einen Mangel an Abstand zum thematischen Stuss aus, den sie verzapfen. Für Autoren, die Inspiration für neue "John Sinclair"-Romane oder Mystery-Hörspiele suchen, können solche Zeitschriften ein wahres Füllhorn sein:
Wer reinlesen will, kann das auf archive.org tun.
"New story by Agatha Christie"? You must be kidding:
Ich bin etwas enttäuscht, dass es Zeitschriften wie "Astounding" oder eben auch "The Strand Magazine", in denen Kurz- und Fortsetzungsgeschichten bekannter Autoren veröffentlicht werden, bei uns nicht gibt. Im anglo-amerikanischen Raum waren diese Publikationen immer wieder die Inkubatoren der ganz großen literarischen Talente und man kann argumentieren, dass das Fehlen solcher Outlets auch zur Misere der deutschen Genre-Literatur beigetragen hat. "The Strand Magazine" gab es erstmals von 1890 (!) bis 1950 – hier veröffentlichte Arthur Conan Doyle die Geschichten von Sherlock Holmes. Die Neuauflage seit 1998 ist ebenfalls sehr lesenswert.
Wer reinlesen will, kann das auf archive.org tun.
Ebenfalls eine Pflichtlektüre wäre für mich das Magazin "Future Life" gewesen, das von 1978 bis 1981 veröffentlicht wurde und dessen Zuträger mit die Knie weich werden lassen: Harlan Ellison, Ed Naha, Boris Vallejo.
Mich fasziniert und begeistert die positive Grundeinstellung des Magazins, das sich noch voll dem "sense of wonder" verschrieben hatte und fest daran glaubte, dass moderne Technologien nicht nur alle Probleme lösen, sondern uns auch zu den Sternen bringen würden. Diesen Optimismus vermisse ich heute.
Wer reinlesen will, kann das auf archive.org tun.
Manchmal tauchen Sachen auf, deren Herkunft ich mir nicht erklären kann. Woher habe ich z.B. dieses "Creepshow"-Fanzine von 1996, dessen üppiger Preis von 10 Deutschmark durch die kopierten Farbseiten gerechtfertigt werden soll?
Die Seite mit dem Impressum könnte eine Fundgrube für Abmahnanwälte sein, denn die Macher brüsten sich regelrecht damit, keine Rechte an den Materialien zu haben. Ein paar der genannten freien Mitarbeiter kenne ich sogar:
Wer mehr darüber weiß, soll sich zu Wort melden!
Der Verlag Raptor Publishing ist augenscheinlich (neben dem Horrorfilm-Magazin "Virus") auf die asiatische Popkultur spezialisiert und bringt aktuell viele Hefte zum K-Phänomen heraus. 2004 versuchte man sich an einer Zeitschrift über Cosplayer, was zu jener Zeit womöglich noch ein zu kleiner Markt war, um ein Periodikum zu rechtfertigen. Ich selbst fand Cosplay immer eher cringe, so eine Art Karnevalskostümierung für Nerds, aber ein Urteil über meinen eigenen Geschmack hinaus steht mir nicht zu. Erlaubt ist bekanntlich, was gefällt:
Es mag durchaus sein, dass im neuen Blütezeitalter von Marvel, DC, Star Wars, Star Trek und Disney auch außerhalb der Otaku-Sezene ein Cosplay-Heft seine Leser finden würde. Aber was weiß ich schon? Ich trage Jeans und T-Shirt.
Raptor bezeichnet "Cosplay" heute als ein einmaliges Sonderheft und verkauft es noch immer über seine Webseite – mittlerweile für satte 12,90 Euro plus Versand. Ein schneidiger Preis für ein Heft mit 22 Jahren (ver)alte(te)n Informationen…
Ich gestehe: ich habe auch einige Sonderausgaben der BILD in meiner Sammlung. Es gibt einfach Titelseiten, bei denen ich mich nicht zurückhalten kann. So erfüllt es mich bis heute mit hämischer Freude, dass das Springer-Blatt vor 20 Jahren eine ganz fette Gegendarstellung drucken musste – und es wundert gar nicht, dass man das unter eine Meldung über ein Foto der sterbenden Diana setzte:
Damit soll es für heute gut sein. Ich denke, mein Archiv reicht noch für einen dritten, vielleicht sogar einen vierten Teil. Man wird sehen.
Welches dieser Hefte triggert euch? Welche Zeitschrift würdet ihr unbedingt lesen, was würdet ihr unbedingt im Ofen verfeuern wollen? Zeitschrift (fragt eure Eltern)?
Fernsehen Film war 1970 mit 4,50DM ganz schön teuer…
Nicht wirklich. Fachzeitschrift mit geringer Auflage und teuren Autoren. War nie für den Massenmarkt gedacht. Da sind solche Preise normal (gewesen).
"Neue Spezial" war die ungewöhnlichste Zeitung, die ich jemals gekauft habe, gab es im Rewe. Für eine Ausgabe ganz okay, für einen weiteren Kauf nicht gut genug.
Das war ja eine deutsche Version von National Enquirer. Interessanter fand ich X-News, von der wohl nur eine Ausgabe erschienen ist:
https://www.welt.de/print-welt/article375293/Schrei-Baby.html
Ein oder zwei Ausgaben von "Porträt" habe ich vor Jahren mal zusammen mit ein paar Filmbüchern im Tele-Movie-Shop bestellt und archiviert. Dafür ließen sich jetzt vielleicht Sammlerpreise erzielen.
Ich denke, dass zumindest die beiden aus dem Verkehr gezogenen Ausgaben "unter dem Tisch" auf Filmbörsen ordentlich Gewinn bringen.
Wie immer eine schöne Zusammenstellung.
Die FORTEAN TIMES reizte mich schon letztes Jahr in London, weiss der Teufel warum ich mir keine Ausgabe gekauft habe. Aber nächsten Monat habe ich ja erneut die Chance.
Das CREEPSHOW Heft kenne ich nicht, aber im Impressum taucht ja Yazid Benfeghoul auf. Der stammt bei mir aus der Nähe, und hat nicht nur das Splatterdaynightfever Festival ins Leben gefrufen (hach, seelige Zeiten), sondern hat später Die GORY NEWS veröffentlicht (Titel war Programm). Nach der Einstellung kam dann, das auch heute noch erhältliche, DEADLINE- Magazin auf den Markt. Habe die auch bis vor ein oder zwei Jahren regelmäßig gelesen. Nebenher verdingt(e) sich der gute Mann auch als Produzent diverser Olaf Ittenbach Filme, spielte hie und da in diversen Produktionen (uA auch von Jochen Taubert) mit und produzierte die Filme INBRED und SKY SHARKS.
Apropos Schweinekram.
In den 70ern war es üblich Zeitschriften und Zeitungen neben der Mülltonne zum Entsorgen abzulegen.
Dabei ergatterte ich manchmal Ausgaben der Praline oder der St.Pauli-Nachrichten.
Die Praline (und die Wochenend) habe ich mit 13/14 ausgetragen. Gingen immer an prototypische Frührentner, denen ich lieber nicht die Hand geschüttelt habe.
Mich fasziniert ja, dass viele Tankstellen immer noch Zeitschriften verkaufen, die die Praline wie ein seriöses Magazin erscheinen lassen. Ich meine, wir haben 2026, da gibt es das Internet …
Viele von denen dürfen aber nicht mehr mit offenem Cover frei verkauft werden. Und andere sind nur gedruckte Sammlungen von den Agenturen, die auch das Netz bestücken (DDF, MetArt, etc.). Hatte ich vor 14 Jahren (!) mal drüber geschrieben.