Adventures of the Me-Generation
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Es gibt Artikel, die lese ich mit großem Interesse – und ärgere mich dann, weil so gar nicht eingelöst wird, was ich erwartet habe. Nehmen wir den hier:
Grundsätzlich spannend für die LvA und mich, denn wir sind Fans von Australien und Kopenhagen, haben uns in stiller Stunde schon selber die Frage gestellt, ob die uns noch nehmen würden. Brüder, zur Sonne, zur Freiheit?
Ich hadere natürlich mit der Aussage "Jeder fünfte 14- bis 29-Jährige plant konkret, ins Ausland zu ziehen" – wer hat nicht schon mal davon geträumt, in Kanada zu leben oder in Schweden, in Namibia oder in Tokio? Eine Relevanz haben nur die konkreten Zahlen – und außer spackigen Influenzern und steuerflüchtenden Promis, die es alle nach Dubai zieht/zog, sehe ich da keine Völkerwanderung.
Vor allem aber hat mich dieser Artikel kalt erwischt, weil sehr offensichtlich ist, dass hier sympathische junge Menschen ihre individuelle "life story" präsentieren wollen – und ich sie eigentlich durch die Bank unsympathisch finde. Sie sind Vertreter der Me-Generation, die Rollenmodelle, moralische Werte, und Loyalitäten ausschließlich nach dem definieren, wovon sie am meisten profitieren.
Gehen wir das ruhig mal zusammen durch.
Da ist z.B. Jonas. Der ist mit 19 schon nach Zypern ausgewandert und hat dort u.a. 16 Mitarbeiter im Bereich Suchmaschinen-Optimierung. Er genießt das schöne Wetter, den entspannten Kaffee am Morgen. Deutschland? "Die unpünktlichen Züge, die dreckigen Städte, die schlechte Laune der Menschen beim Bäcker."
Zwischen den Zeilen und auch konkret gesteht Jonas: Auf Zypern zahlt er weniger Steuern. Ich bin sicher, die niedrigeren Lohnkosten sind ebenfalls ein Faktor. Dass seine Profite allerdings in genau den Ländern erwirtschaftet werden, die er ablehnt und in denen er keine Steuern zahlen möchte? Geschenkt.
So einfach kann man es sich machen: Von der Wohlstandsgesellschaft profitieren, selber aber in einem Land mit niedrigerem Lebensstandard hocken, um den eigenen Beitrag nicht leisten zu müssen.
Kann man machen. Muss ich nicht gut finden.
Oder nehmen wir Sally. Ihr Herz schlägt für Australien. Das können wir gut verstehen. Sie wollte schon als Teenager in die weite Welt, Karriere machen: digitale Medien dual studiert, in Melbourne ein Masterstudium begonnen, abends für eine deutsche Marketingfirma gejobbt. Beeindruckend.
Dann aber abgebrochen, einen Australier geheiratet, und nun selbstständige Nanny: "es ist gerade mein absoluter Traumjob und erfüllt mich vollkommen". All die Pläne von einer internationalen Karriere – Schall und Rauch, wenn man sich doch wieder in die traditionellen Rollenmodelle zurück ziehen kann.
Vor allem aber: "Wenn wir irgendwann Kinder haben, wären ihre ersten Jahre hier sicher toll: jeden Tag am Strand spielen, im Sand buddeln oder im Meer schwimmen. Aber wenn die Kinder ins Schulalter kommen, würden wir wahrscheinlich zurück nach Deutschland ziehen, weil die Bildung uns dort deutlich besser vorkommt".
Sie redet von dem Schulsystem, in das sie nun jahrelang kein Geld einzahlen mag. Sie finanziert die australische Bildung, die sie ablehnt, aber wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, dann ist Deutschland auf einmal wieder gut genug.
Mein persönlicher Favorit ist allerdings Luisa, die weder ihren echten Namen nennen noch ihr Gesicht zeigen möchte. Ihre Geschichte ist bemerkenswert angesichts der vielen Brüche und Widersprüche, die ihr nur begrenzt aufzufallen scheinen.
Also: "Dass ich als lesbische Frau mit einem Sinn für soziale Gerechtigkeit einmal nach Dubai ziehen würde, hätte ich nie gedacht."
Ich auch nicht. Als "lesbische Frau mit einem Sinn für soziale Gerechtigkeit" in eine muslimische Diktatur ohne Frauen- und Schwulenrechte zu ziehen, fände ich allenfalls okay, wenn man vor Ort für Veränderung kämpfen wollen würde.
Aber ach, es ist mal wieder das liebe Geld. Die Moral wurde günstig verschachert: "Dafür bekam ich umgerechnet etwa 3200 Euro und musste nichts versteuern."
Zu blöd, dass sich Dubai dann sehr schnell als… Dubai herausstellte: "Als lesbisches Paar muss man in Dubai versteckt leben. Dort drohen uns hohe Freiheitsstrafen. Mein Bild von diesem Ort war deshalb ein schlechtes. Auch, weil diese Luxusstadt von ausgebeuteten Gastarbeitern aufgebaut wurde. (…) Als ich hörte, dass es den Schülern nicht erlaubt war, Regenbögen zu malen, starb etwas in mir. (…) Eine Freundin bekam eine Haftstrafe, weil sie auf einer Party mit Drogen erwischt wurde. Whatsapp-Anrufe konnte ich nur mit einem VPN-Zugang machen. Und die ganze Stadt ist videoüberwacht. Als Frau fühlte ich mich dadurch sicherer als in Berlin, als lesbische Frau dafür sehr unsicher."
Wer hätte das denn ahnen können – außer jeder?!
Bezeichnend übrigens, dass es Luisa weniger um das totalitäre Regime geht, um den Mangel an Meinungsfreiheit oder die staatliche Willkür, sondern mehr darum, dass man in Clubs nicht ungestört Drogen konsumieren kann und die Kinder in den Schulen keine Regenbögen malen dürfen. Prioritäten, Leute, Prioritäten!
Hey, aber dafür Sonne, Strand, (illegale) Party und wenig Steuern!
Und als es in der unsicheren Region auf einmal knallte, war der Spaß vorbei: "(…) ich konnte das nicht. Als der Luftraum wieder freigegeben wurde, organisierte ich in Absprache mit der deutschen Botschaft meine Ausreise. Seit wenigen Wochen bin ich wieder in Berlin."
Natürlich ist diese Einstellung keine Erfindung der Generation Z (oder Y? Sind wir schon bei den Umlauten?). Ich erinnere mich an eine Kollegin, die in den frühen 90ern nach Afrika auswanderte und jedem, der es nicht hören wollte, von dem dort viel "wertigeren" und "spirituelleren" Leben vorschwärmte. Bis sie Krebs bekam. Dann flog sie auf Kosten der deutschen Krankenkassen alle Nase lang zur Behandlung in die Bundesrepublik. Besser Chemo als Schamane. Einen Bruch in der eigenen Logik wollte sie darin nicht sehen und hat weiter bei jeder Gelegenheit gegen das "menschenfeindliche" und "deprimierende" Deutschland gewettert – auch an lauen Sommerabenden im Biergarten.
Ich werde auf der Zielgeraden meines Lebens noch erleben, was diese Generation mit diesem Planeten macht. Ich fürchte, sie wird den Karren Kumbaya singend an die Wand fahren und sich dann noch bei den Eltern auf dem Friedhof beschweren, dass diese daran schuld sind, weil sie es irgendwie sein müssen.
Das ist kein Zynismus. Ich würde mich freuen, wenn ich falsch läge.
Ich hatte bei anderer Gelegenheit ähnliche Gedanken…
Es ist zwar unschön den Stab über eine ganze Generation zu brechen, aber dein Eindruck verfestigt sich bei mir zunehmend.
Leider sind solche Geschichten im Spiegel dann natürlich auch Inspiration und Normalisierung für viele weitere.
Inzwischen fängt man bei den Generationen wieder vorne im Alphabet an, Weil aber A und B nicht so toll klingen, heißt es jetzt Alpha und Beta. Gerade die heranwachsenden Männer werden sich mit Alpha identifizieren können.
Korrekt, die erwähnten 14- bis 29-jährigen entsprechen allerdings noch exakt der Gen Z.
Ich muss auch immer häufiger schlucken über die aktuelle Generation, gerade in Social Media. Zum Glück gibt es aber auch sehr vernünftige Beispiele im Freundeskreis. Und der Spiegel hat sich bestimmt für seine Leser ( die sind eher auch Ü40zig ) auch die Härtefälle rausgesucht. Es ist aber echt problematisch, dass so viele alles online stellen und zu allem eine Meinung haben. Das war früher doch viel entspannter ohne Smartphone und Kamera in jeder Lebenslage. Und heute gibt es halt Einzelkinder ( oder max. 2 Kinder pro Familie, zumindest bei den Almans ) und die Eltern sind vielleicht auch noch die besten Freunde. In Schule und Studium geht es nur um Leistung und Druck, Persönlichkeitsbildung kommt viel zu kurz. Das austesten von Regeln und Freiheit wie in den 90zigern kommt wohl leider auch nicht zurück. Wenn ich mir aber so die Leistungen meiner Generation gerade anschaue ( wählt gerne AFD, weiß um den Klimawandel und den meisten ist es trotzdem bei ihren Handlungen egal, in der Politik kommt sie jetzt erst wirklich an die Macht und muss sich auch erstmal beweisen, Führungskräfte sind die ersten die meckern und keine Ahnung habe, ) würde ich die junge Generation trotzdem nicht abschreiben. Wir alle sind heute besser informiert als noch vor 10-20 Jahren ( zumindest wer es will ) dank des Internet. Und haben dann auch mehr zu beklagen was wir früher so akzeptiert hätten. Probleme sind doch Korruption und Machtmissbrauch, und die gibt es in jeder Generation. Natürlich denk man – Mensch, wir haben 2026 und sind noch nicht weiter!? Mich hat der Mauerfall geprägt. Das kann ich der aktuellen Generation aber genauso wenig nahe bringen wie mir meine Oma wenn sie vom Krieg erzählt hat. Und Schwurbler gab es auch schon immer, man denke an die ganzen Bhagwan Discos früher, Erich von Däniken oder das P.M. Magazin, Dinge die im Mainstream stattfanden.
Jede Generation muss alles selber erleben und erfahren um es zu begreifen. Immer wieder, so wie wir auch damals. Oder habt ihr alles so gemacht wie es auch euere Eltern gesagt haben, auch wenn man ahnte das sie Recht haben? Und in jeder Generation gibt es die "Guten" und die "Schlechten". Nur hatten wir einfach weniger Optionen zur Auswahl und viel weniger Publikum.
Wir müssten viel mehr miteinander reden als übereinander. Und dafür fehlt es an passenden Orten (egal ob digital oder analog). Und es hilft, wenn man da ohne Vorurteile reingeht. Man kann halt an jeder Generation viel schlechtes sehen wenn man will. Leider sieht man die guten Beispiele kaum, die sind halt unauffällig. Und Social Media belohnt halt Aufmerksamkeit und provokante Inhalte befeuern den Algorithmus ums so mehr. Das ist aber nicht die Realität. Und der Spiegel macht sich auch mehr Sorge um seine Auflage als um ein echtes Bild einer Generation.
Ich würde einiges unterschreiben, anderes nicht. Ich glaube, dass die Generationen sich stark unterscheiden und dass die jeweils dominante Generation das Weltgeschehen massiv beeinflusst. Von daher möchte ich nicht drauf hoffen, dass der aktuelle Nachwuchs sich von selber justiert. Aber wie ich schrieb: ich mag mich irren. Sicher scheint mir nur, dass die Jugend der Rebellion gehört und "erwachsen werden" oft genug nur bedeutet "konservativer werden" (wertfrei gemeint).
Ich bin so bei dir, Danke
Gerade die positive Inszenierung der Golfstaaten stößt mir ebenfalls seit langem sauer auf. Das gut Image haben die sich mit viel Influencer-Geld günstig(!) erkauft. Da waren wir vor 16 Jahren schon weiter, als die Fußball-WM-Vergabe nach Qatar eine Riesen-Empörung über die korrupte FIFA ausgelöst hat. Und seitdem? Dutzende Weltmeisterschaften in allen erdenklichen Sportarten, und keine Sau interessierts. Und Emirates ist ja soo eine gute Airline, und in Dubai umsteigen so beeindruckend.
Natürlich wähle ich Grün, aber den Umstieg in Dubai lasse ich mir doch nicht nehmen!
(Vielleicht bin ich einfach verbittert, weil vom Qatar money bei mir noch nichts angekommen ist. Qatar, ich bin nicht so teuer, und ich kommentiere echt viel in diesem geopolitisch relevantem Blog. Lasst doch mal was rüberwachsen.)
….
Im Studium musste ich ein Modul belegen mit einem VWLer, der die ganze Zeit davon geredet hat, nach dem Studium sofort in der Schweiz zu arbeiten. Weil, da würde er doppelt so viel verdienen wie in Deutschland. In Deutschland zu arbeiten wären für ihn "zu hohe Oportunitätskosten". Das Studium in Deutschland für Umme hat er aber gern mitgenommen.
…
Der Hausherr weiß, ich lebe dauerhaft im fernwestlichen Ausland. Sollte hier die Luft brennen, was ja von Tag zu Tag wahrscheinlicher wird, habe ich die Möglichkeit, nach Deutschland zurückzukehren – und würde sie wohl auch annehmen. Damit bin ich extrem privilegiert, und auch ein Stück weit ein Heuchler. Ich rede mir das schön, weil ich ja nicht mit einer "Fuck you Germany"-Einstellung gegangen bin, sondern weil ich in Deutschland keinen Job in meiner Branche gefunden habe.
Du bist privilegiert, ja – aber kein Heuchler. In einer Gefahrensituation nach Deutschland zurück zu kehren, ist völlig legitim. Darum heißt es ja auch Heimat. Das ändert sich nicht. Ich verspreche dir stellvertretend für das Land: wir sind hier, wenn du uns brauchst.
Ist das Ragebait, der aus Ragebait gemacht ist? Deine Stärke ist es aus einem Film Stellen rauszuarbeiten, die generelle Stellen zeigen. Aber bei deinen Gesellschaftskritischen Stücken vergisst du immer das bei Fingerzeigen, vier Finger auf die Generation der Eltern zeigt. Also deine Generation, die das Setting und die Erziehung verantwortet. Und wie du sagt, ein bischen unerfahren und gleichzeitig altklug waren junge Leute auch schon in den 80igern und geschimpft haben die Alten auch schon immer. Aber du kannst dich immer noch entscheiden ein optimistischer weltoffener Alter zu werden und nicht den Don Alphonso Weg zu gehen.
"Aber bei deinen Gesellschaftskritischen Stücken vergisst du immer das bei Fingerzeigen, vier Finger auf die Generation der Eltern zeigt." – ein dümmeres Bild ist dir nicht eingefallen?
Vollste und vollumfänglichste Zustimmung.
Da melde ich mich doch mal zu Wort. Ich bin zwar nicht die genannte Generation, sondern über 50. Aber zusammen mit meiner Frau im Januar 2025 ausgewandert, weil wir unser Leben neu ausrichten wollten.
Wir sind nun in Northland, Neuseeland, und sehr zufrieden.
Allerdings hatten wir viel Glück. Ausreichend Geld verdient vorher, und dann zum richtigen Moment das Visum beantragt. Ein Jahr später wäre ein Betrag zu investieren gewesen, den wir nicht hätten aufbringen können.
Warum wir gegangen sind? Viele Gründe.
Deutschland hat sich sehr schlecht entwickelt, und wir glauben nicht mehr an seine Zukunft oder die der EU. Letztere sehen wir als eine tolle Idee, die falsch weiterentwickelt wurde. Gut zum Beispiel Reisefreiheit und der Euro, Niederlassungsfreiheit. Falsch die überbordende Bürokratie und das Hineinregierenwollen in Details der Mitgliedstaaten, zugleich aber keine gemeinsame Wirtschaftspolitik.
Und in D sehen wir uns zwischen zwei Mühlsteinen, einmal dem rechten, stark wachsenden Extrem und dann einer viel zu "woken" Linie. Die Mitte ging verloren.
Aber wir bleiben Deutschland wegen Familie und Freunden ein wenig verbunden, kommen, so lange das noch geht, zu Besuch.
Und ja, für alle die das schreiben wollen, NZ hat genug eigene Probleme. Deshalb leben wir auch nicht in Auckland…