07
März 2026

Streaming Kritik: HIJACK II

Themen: Film, TV & Presse, Neues |

GB 2026. Regie: Jim Field Smith. Darsteller: Idris Elba, Christine Adams, Toby Jones, Clare-Hope Ashitey, Alec Newman, Lisa Vicari, Max Beesley, Christiane Paul, Albrecht Schuch u.a.

Story: Sam Nelson ist in Berlin und landet in einer U-Bahn, die augenscheinlich entführt wurde, um einen Gangster freizupressen. Aber die Rollen sind nicht klar und auch Sam ist deutlich tiefer in die Sache verstrickt, als es zuerst den Anschein hat.

Kritik: Über die erste Staffel schrieb ich vor mittlerweile fast zwei Jahren:

Das wird beinahe in Echtzeit erzählt, mit hohem Druck, ständigen Tempowechseln, und packenden Cliffhangern. Die Regie ist dynamisch, der Look authentisch. Zwei, drei weitere Handlungsschwerpunkte am Boden erzeugen immer neue Twists und ändern die Spielregeln. Wer steckt hinter der Entführung? Wer ist beteiligt? Welches von den diversen Schreckensszenarien kann noch verhindert werden?

Dabei gibt sich HIJACK große Mühe, bis in die Details glaubwürdig zu bleiben. Die Funksprüche mit den Flugleitzentralen, die Bedenken verschiedener Behörden, die Übernahme von Verantwortung, all das fühlt sich auch für den Laien "echt" und niemals für eine billige Dramaturgie hingebogen an.

Die zweite Staffel von HIJACK ist… das Gegenteil. Ich bin unsicher, wie ich adäquat ausdrücken soll, was für ein abstruser Strunz hier erzählt wird. Ich bin auch unsicher, wie so etwas zustande kommen konnte.

Charaktere werden mit bestimmten Eigenschaften eingeführt, die dann an keiner Stelle mehr aufgegriffen werden. Sam Nelson verbringt 80 Prozent seiner Zeit damit, im Triebwagen einer U-Bahn zu stehen und mit Christiane Paul zu telefonieren, die auf eine albern futuristische bling bling-Darstellung des Berliner Nahverkehrssystems starrt. Ein Kommissar ermittelt, ohne auch nur einmal mit einer anderen Figur zu interagieren oder für den Ausgang der Story irgendwie relevant zu sein. Es gibt keinen erkennbaren Antagonisten, kein erkennbares Ziel, keinen erkennbaren Einsatz.

Was HIJACK II dem Zuschauer an "suspension of disbelief" abverlangt, sprengt schon mit der ersten Episode jeden Rahmen: eine U-Bahn wird gekapert, der gesamte Berliner Untergrund wird evakuiert, aber es bricht null Panik aus. Die Straßen sind weitgehend menschenleer, und die Passagiere an Bord der U5 reagieren bestenfalls mit milder Unruhe, als ihnen mitgeteilt wird, dass sie auf einem halben Dutzend Sprengsätze durch den Tunnel rappeln. Klar, der Berliner ist ein harter Knochen, aber DAS?!

Am härtesten trifft es aber die Berliner U-Bahn selbst. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass der Autor bestenfalls ein rudimentäres Verständnis dafür hat, wie der ÖPNV in Deutschland funktioniert. Alles wird so hingebogen, dass es in die flaue und nur von hanebüchenen Zufällen und Rückschlüssen vorangetriebene Story passt. Man evakuiert nicht nur (ohne jegliche Zwischenfälle) die Berliner U-Bahn, sondern lässt auch alle anderen Züge augenscheinlich in Luft auflösen, denn die U5 kann ungehindert und unkontrolliert durch die Tunnel ruckeln, ohne jemals von einem anderen Zug blockiert zu werden.

An einer Stelle habe ich meiner Frau zugeflüstert: "So lange, wie die mit Vollgas durch den Tunnel fahren, müsste die nächste Station der Marienplatz sein – in München."

Und wir waren ja nicht die einzigen Zuschauer, denen Fehler aufgefallen sind.

Mein "liebster" Moment: Die U-Bahn biegt in einen stillgelegten Tunnel ein und verschwindet damit von der computerisierten Anzeige in der Leitzentrale. Ich soll demnach glauben, dass man die alten Tunnel "vergessen" hat – diese aber immer noch voll elektrifiziert sind. Und selbstverständlich findet sich dann ein alter Mitarbeiter, der aus einer Schublade noch die alten Papierpläne zieht und den Rest der Mannschaft belehrt, wie ein tonnenschwerer Zug von 80 Metern Länge mal eben Versteck spielen kann. Ehrlich? Fuck you too, HIJACK II.

Es kommt keinerlei Spannung auf, Sam Nelson hat keinerlei direkten Kontakt zu seinen Gegnern, die "Cliffhanger" werden zumeist als Fakes aufgelöst – und am Ende sind wir immer noch nicht sicher, um was es genau gehen sollte. Die Miniserie wirkt, als habe man eine KI mit 100 vergleichbaren Thriller/ Spionage/ Action-Produktionen gefüttert und dann willkürlich remixen lassen.

Hier passt nichts.

Ich kann mich nicht erinnern, wann eine überzeugend gestartete Produktion sich jemals in der zweiten Staffel derart auf die Fresse gelegt hat. HIJACK II ist der HIGHLANDER II unter den Apple-Miniserien.

Fazit: Ein katastrophaler Totalausfall, der sich keiner Logik in Sachen Story oder interpersonellen Konflikten verpflichtet fühlt. Man müsste drüber lachen, wenn es nicht so ärgerlich wäre. What the hell?!

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9 Kommentare
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Marcus
7. März, 2026 13:01

Ich würde all das verzeihen, wenn am Ende einer der Passagiere aussteigt und in das Mikro eines wartenden Reporters berlinert "janz toll, wie die die Strecke freijemacht haben, so wenig Verspätung hatten wer noch nie!". 😆

Chris
7. März, 2026 17:02

Ich habs noch nicht gesehen, da kein Apfel+-Abo, aber ich werde mir das wohl dann doch mal geben…aus einem bestimmten Grund:

Am 27. Januar letzten Jahres fanden direkt vor meinem Wohnzimmerfenster Dreharbeiten hierfür statt. Ich hatte zufällig frei und konnte somit den ganzen Tag interessiert dem Treiben zugucken. Ich fand es schon relativ seltsam, dass man sich gerade meine 08/15-Wohnstraße in Charlottenburg für sowas ausgesucht hat, auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass hier im Kiez Filmcrews anrollen ("Drei Damen vom Grill", "Lola Rennt" und vor einigen Jahren für eine Netflix-Serie, die, soweit ich weiß, nie das Licht der Welt erblickte…).
Gedreht wurde, soweit ich das überblicken konnte, eine Evakurierungsszene aus der U-Bahn bzw. der Polizeieinsatz und wichtig aussehende Leute in Anzügen und Wintermänteln fuhren mit schwarzen S- und G-Klassen vor um dann auf der Straße herumzulaufen und busy in Handys zu sprechen…Leider waren nur mir unbekannte Nebendarsteller vor Ort, außer am Abend dann Toby Jones, der auch mal kurz aus einer Limousine aussteigen und ins Handy sprechend in den Bahnhof hinabsteigen durfte.

Ab morgens um 6 Uhr fingen die SFX-Crews an, die Straße "einzuschneien", leider verwandelte der daraufhin einsetzende Regen den Kunstschnee schnell in eine nass-graue Pampe, nunja, doch recht realistisch für den üblichen Berliner Winter.
Der Ausgang von meinem U-Bahnhof Mierendorffplatz wurde kurzerhand nach Kreuzberg versetzt und mit etwas Set Dressing (realistisch mit Graffiti!) in den nicht existenten Bahnhof "Bergmannstr." verwandelt und später war dann alles voll mit Polizei- und Fahrgaststatisten, falschen Polizeiautos, falschen Rettungswagen und richtigen TV-Übertragugswagen mit Reporterstatisten…mit einem konnte ich in einer Drehpause kurz sprechen, er macht sowas oft nebenbei und meinte, das wäre hier angeblich "für Netflix oder so"…mehr wusste ich zu dem Zeitpunkt auch nicht, denn in der Anwohnerinfo der Produktionsfirma war noch der Arbeitstitel "Gelb" genannt, sonst keine weiteren Einzelheiten.

Die Dreharbeiten zogen sich bis ca. 21 Uhr hin, der Abbau dann bis gegen 1 Uhr. Das muss man den Crews lassen, alles wurde besenrein und blitzeblank hinterlassen, so sauber wie danach war die Straße hier noch nie!

Mal schauen, wie das dann nachher in der Serie aussieht, vermutlich nur ein paar Sekunden, wofür ein ganzer Drehtag draufging…!

Baumi
7. März, 2026 18:32

Als jemandem, der leidlich interessiert ist an allem, was mit Luftfahrt zu tun hat, ging es mir schon mit der ersten Staffel so. Es ist schon zu lange her, als dass ich mich noch an Details erinnern könnte, aber ich glaube, ich habe nicht einmal die erste Folge durchgehalten, weil das alles so hanebüchen und weit entfernt von jeglicher Realität im Falle eines Hijackings war.

Fällt halt nur beim deutschen ÖPNV mehr Leuten hierzulande auf, weil es als Thema weniger exotisch ist.

andreas
9. März, 2026 14:18

Oha. Keine Ahnung warum aber ich hatte bei der ersten Ankündigung eine zweiten Staffel irgendwie gleich so ein Ziehen im Magen

Sven
11. März, 2026 12:32

Ich sehe es wie Andreas.
Als die zweite Staffel angekündigt wurde, hatte ich sofort ein ungutes Gefühl. Ich fand die Erste zwar ok, aber nicht mehr und die Handlung war komplett durch.
Bei diesem Serienplot kam mir dann schnell Speed 2 ins Gedächtnis.

Zu der ersten Staffel frage mich immer, wie man in einem Flugzeug über drei Reihen leise flüsternd eine Taktik, gegen wen auch immer, in allen Details besprechen kann. Ich verstehe nicht einmal die Flugbegleiterin, wenn ich einen Mittel- oder Fensterplatz habe;-)

Rudi Ratlos
13. März, 2026 11:57

Hatte mich noch gefragt, warum Apple mit einer alten Serie wirbt, weil mein Hirn anscheinend nicht darauf klargekommen ist, wie man die Story aus Season 1 hätte fortsetzen können. Die Antwort ist ja anscheinend „gar nicht“, danke für die Warnung 😀