Qual der Wa(h)l
Themen: Neues |Bis zum Wochenende hatte ich nicht vor, mich zu dem Thema zu äußern – auch weil der Typ von Ankerherz völlig Recht hat:
Aber es beschäftigt mich, das hier ist mein Blog, und los geht’s.
Kurz zur Einführung: Es ist ein Buckelwahl in der Ostsee gelandet, wo er nicht hin gehört. Alle Versuche, ihn in tieferes Gewässer zu lotsen und dann in Richtung Ozean waren nicht erfolgreich. Mittlerweile steckt das erschöpfte Tier wieder fest.
Das tut weh. Es ist Tierleid im XXL-Format. Man kann es nicht übersehen, kann es nicht ignorieren. Die Größe der Kreatur macht ihre Hilflosigkeit umso tragischer. Dazu kommt der Frust, dass wir Menschen auf den Mond schicken, aber nicht mal einen Wal wieder ins Meer verbringen können. What the hell?
Meine auf Empathie und nicht auf Expertise beruhende Meinung ist heute schon etwas offensichtlicher als letzte Woche, aber ich hatte sie instinktiv von Anfang an:
Tötet das Tier.
Tötet das Tier, weil das schon von Anfang an die richtige Lösung gewesen wäre. Der Wal gehört nicht in diese Gewässer. Wir wissen nicht, warum er dort gelandet ist. Er leidet. Seine Überlebenschancen sind extrem gering. Und ja, das auch: ich sehe keine Rechtfertigung, für die Rettung eines einzigen Tieres eine sechsstellige Summe auszugeben. Nicht, wenn Japan, Norwegen und Island jedes Jahr zwischen 1000-2000 Wale aus verschiedenen (und teils vorgeblichen) Gründen töten.
Die versuchte Rettung des Wals ist ein Placebo, ist der Versuch, uns besser zu fühlen, weil wir "alles versucht" haben, während wir habituell Millionen Tiere lebensunwürdig halten und dann herzlos schlachten. Es ist in meinen Augen gelebte Heuchelei, die nichts mit dem Zustand des Wals zu tun hat, aber alles mit einer Zeit, in der symbolische Gesten mehr gelten als tatsächliche Veränderungen.
Es ist virtue signalling auf Kosten des Wals – und aller anderen Tiere, die wir nun mit einem besseren Bauchgefühl weiter ignorieren und/oder töten können.
Vor 12 Jahren schrieb ich in einem Grundsatzartikel über den Panda:
Lasst die Pandas sterben!
Ich bin Tierfreund, Tierschützer, Mitglied des WWF. Nach meiner Überzeugung tut der Mensch erst ein Bruchteil dessen, was gegenüber den anderen Kreaturen dieses Planeten seine gottverdammte Pflicht wäre. Eine globale Allianz ist nötig, um die Kollateralschäden von Industrialisierung und Bevölkerungsexplosion gering zu halten. Jeder ist verantwortlich.
Gerade deshalb: Lasst die Pandas sterben. Und die bengalischen Tiger. Wir müssen uns auf Tiere konzentrieren, deren Überleben für die Ökosysteme unerlässlich ist. Wir müssen in Quantitäten UND Qualitäten denken. Die Beseitigung der gigantischen Müllteppiche im Pazifik und die Rettung von bestimmten Käfersorten mögen nicht so sexy sein wie der Erhalt von Knuddelbären – aber sie sind der vernünftigste Einsatz des Geldes, das wir zur Verfügung zu stellen bereit sind. Organisationen wie WWF kitzeln Millionen Spenden aus dem Schuldgefühl der Menschen angesichts der traurigen Pandagesichter – aber der Panda ist global gesehen wertlos und angesichts seiner notorischen Paarungsfaulheit vielleicht einfach dazu auserkoren, nur noch in Gen-Datenbanken und aufwändigen BBC-Dokumentationen fortzuleben.
Umwelt- und Tierschutz müssen pragmatischer werden, ergebnisorientierter, unsentimentaler. Weil sie nur dann auch effektiver werden.
Der Wal ist wie der Panda.
Ich habe in meinen 57 Jahren auf diesem Planeten immer wieder von gestrandeten Walen gelesen, ganzen Schulen, die (aus immer noch ungeklärten Gründen) an Orten landen, an denen sie nicht überleben können. Ich habe die verzweifelten Helfer gesehen, die sie mit Wasser bespritzen und versuchen, sie ins Meer zurück zu zerren. Ich kann keine Zahl nennen, meine mich aber zu erinnern, dass die "Erfolgsquote" solcher Rettungsaktionen verschwindend gering ist.
Hinzu kommt, dass der Buckelwal wahrlich nicht vom Aussterben bedroht ist.
Die Natur ist empathielos und wirkt auf uns oft grausam. Es gehört zur Aufklärung und zur Reife, das zu erkennen und ertragen. Die Natur werden wir nicht ändern. Wir können aber ändern, wie wir mit ihr umgehen.
Die Einsicht, dass der Wal uns nicht dehalb braucht, um ihn wieder ins Meer zu scheuchen, sondern um ihn zu erlösen, mag sehr schmerzhaft sein. Aber es ist die erwachsene Entscheidung und die richtige. Es vergeht keine Woche, in der die LvA und ich nicht an den Tag denken, an dem wir sie auch treffen mussten.
Man muss sich immer klar machen, dass Tiere kein Bewusstsein im menschlichen Sinne besitzen. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft können sie kein Empfinden in die Zukunft projizieren, sie haben keine Erwartungen über die unmittelbaren Notwendigkeiten hinaus. Der gestrandete Wal leidet und er denkt nicht "vielleicht kommt ja wer, der hilft". Er sieht den Menschen auch nicht und denkt "hoffentlich tun die mir nix". Er liegt nur da und leidet. Wenn man ihn so schnell und "human" wie möglich tötet, beendet man dieses Leid.
Das hier mag schmerzhaft sein, aber es ist auch die Realität:
Vielleicht schreibe ich das auch, weil es einen größeren Kontext hat. Weil es nicht nur um den Wal geht. Ich sehe in den letzten 10, 20 Jahren einen immer größeren Rückfall der Menschheit in die Irrationalität, die Unmündigkeit. Die breite Masse lässt sich mit "Brot & Spielen" ablenken und verzücken, während die Machthaber gnadenlos die Weichen stellen, um uns abhängig und dumm zu halten.
Darum formuliere ich mein Fazit auch drastisch und polemisch: scheiß auf den Wal. Es gibt ein Klima zu retten, die Demokratie, die Menschenrechte. Die Schlagzeilen, das Mitgefühl und die sechsstellige Summe sind in jeder Armenküche, jedem Frauenhaus, jedem Kinder- und Altenheim, bei jeder Schulspeisung und jeder Notunterkunft besser angelegt.
Prioritäten, Leute. Prioritäten.
Der Wal am Strand ist wie das aus dem Nest gefallene Vogelküken, nur größer und nasser.
Ein bisschen viel Sarkasmus, aber durchaus treffend.
Man stelle sich vor, es würde sich um einen Waller in einem bayrischem Weiher handeln!
Danke, das Du in Worte fasst, was ich nicht ausdrücken kann.
Mittlerweile hat er sogar einen Namen: Timmy!
(Ob dem Namensgeber das Zitat "Wir brauchen einen neuen Timmy!" bekannt ist, entzieht sich meiner Kenntnis)
Das ist erschütternd erwartbar und stützt meine These.
Wenn ich mich recht entsinne, hat Extra3 da mal einen passenden Clip gemacht: in einem Dorf wird ein Eichhörnchen von einem Baum gerettet. Es gibt grossen Auflauf, Kräne, Feuerwehr, Anwohner. Alle fiebern mit den Versuchen mit, weil man ja Tiere so schützenswert erachtet.
Irgendwann verteilt ein netter Nachbar massenweise Hotdogs an die Helfer und Glotzer, während emsig an der Rettung des kleinen Tierchens gearbeitet wird. Und schliesslich hauts auch hin, alle klopfen sich begeistert auf die Schultern, während im Hintergrund ein Massentiertransporter durch die ganzen Fahrzeuge durchzukommen versucht…
Torsten. Ich lese dieses Blog schon lange Zeit. Und dieser Artikel ist so wunderbar in Worte gefasstes empfinden, das ich jetzt auch mal kommentieren muss: Bravo! Genau so denken meine Frau und ich darüber. Mit diesem ganzen Brimborium wird das Leid dieses Geschöpfes nur verlängert. Und in meinen Worten: Was mich ankotzt in diesem Land, das es auch da wieder die Spinner gibt die nicht nah genug dran sein können, um sich daran zu ergötzen.
Können wir ausschließen, dass ein gewisser Torsten D. am Wels-Mord beteiligt war? Hat schonmal jemand Torsten und den Wels im selben Raum gesehen?
Prust! Bester Satz in einem Wiki-Artikel ever: "Im Anschluss wurde der Fisch zerlegt und in einem regionalen Gasthof in etwa 120 Filetportionen mit Beilagen serviert. Der Verkaufspreis pro Gericht lag bei 22,50 Euro."
Ich schaue normalerweise kein Fernsehen mehr. Aber gestern hat mein Bruder die Glotze in der Früh laufen lassen und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, die 9-Uhr-Nachrichten auf n-tv zu sehen. Der Aufmacher der Sendung war der Wal.
Aus diesem Grund schaue ich kein Fernsehen mehr.
Das scheinen wir nicht zu können.
Quelle: https://de.whales.org/2026/03/30/buckelwal-in-der-ostsee/
Anderswo auf der Seite wird zurecht noch darauf hingewiesen, dass es ein grosses Risiko wäre, sich dem riesigen Tier anzunähern. Man müsste diese Methoden also aus großem Sicherheitsabstand ausprobieren.
Sterben lassen ist in meinen Augen keine humane Alternative, aber ich weiß auch nicht, wie der Wal das sieht. Ich bin für Sprengung.
Hast du das eingebettete Exploding-Whale-Video vielleicht falsch verstanden? Das ist ein verwesender Kadaver auf einem Sandstrand, der dort gesprengt wird. Es ist keine Methode, einen im Wasser vereendenden Wal zu töten. Jeder, der versucht, Sprengstoff am Tier zu befestigen, begäbe sich in Lebensgefahr.
Du unterstellst, dass ich das Video als Beispiel für diese Situation eingestellt habe. Offensichtlich nicht. Es geht nur darum, was mit Walen passiert, die in eine solche Situation geraten.
Hat schon mal jemand in Betracht gezogen, daß der Wal sich seit Tagen in einem natürlichen Sterbeprozess befindet und am Besten einfach in Ruhe gelassen werden will?
Ja. Man kann den sterben lassen. Aber sterben bedeutet immer auch Leid und Schmerz. Wenn wir das abkürzen können, bin ich dafür.
Dafür benötigt man vermutlich das Militär.
Dann auch das.
Ganz passend zum Thema hier, tagesaktuell ein Zwischenfall der Sorte Frau beißt Hund in Hamburg Altona.
Dass da jetzt tagelang ein Wolf tiermedizinisch versorgt wird, obwohl es eine Binsenweisheit ist, dass ein Tier, dass aktiv einen Menschen angegriffen hat, eingeschläfert werden muss, ist doch auch etwas absurd..
soweit ich das verstanden habe, hat die frau sich dem wolf genähert. sie wollte dem vom parkplatz vertreiben oder so. der hat also nicht aktiv angegriffen, sondern sich verteidigt.
so dumm muss man auch erst mal sein, dass man sich einem solchen wildtier nähert.
Ich grübele immer noch nach einem Walwitz mit Tiefgang.
Hat etwas gedauert, aber ich finde ihn grandios.