Kino Kritik: THE TESTAMENT OF ANN LEE
Themen: Film, TV & Presse |
Story: Ann Lee wächst arm aber gottesfürchtig im Manchester des späten 18. Jahrhunderts auf. Sie schließt sich einer Splittergruppe der Quäker an, die wegen ihrer seltsamen Gesänge und Veitstänze bald Shaker genannt wird. Gegen alle Widerstände und durch viele persönliche Krisen steigt Ann zur "Mutter" der kleinen Kongregation auf. Eine Vision inspiriert sie, mit ein paar Gefolgsleuten nach Amerika zu reisen, um dort eine neue Gemeinde zu gründen. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihnen…
Kritik: Ich gestehe, dass THE TESTAMENT OF ANN LEE nicht zu der Sorte Film gehört, wegen der ich sonst bei frostigen Temperaturen mit der Vespa durch München rase. Ein Bio-Pic über die religiös verblendete Gründerin einer christlichen Splittersekte des 19. Jahrhunderts, die 2025 noch satte zwei Mitglieder hat? Not my idea of entertainment. Allerdings wurde ich zu einem Screening ins firmeneigene Kino von Disney eingeladen. Wortvogel is in da house – of da mouse!
Besser ist das.
THE TESTAMENT OF ANN LEE ist, das muss ich voraus schicken, kein "crowd pleaser". Es ist ein sperriger und sturer Film, gerne grausam und dann in seiner Grausamkeit plötzlich wieder absurd, eine Art religiöses Singspiel, das mitunter hart an der gänzlich unpassenden Grenze zum Musical vorbei schrappt. Ich würde auch sagen, dass es seit UNDER THE SKIN keinen Film mehr gegeben hat, bei dem es so wenig Spaß macht, mit den Geschlechtsteilen einer der schönsten Frauen Hollywoods konfrontiert zu werden.
Aber mag die Story auch noch so wahr wie wahnwitzig sein, so ist das Thema von THE TESTAMENT OF ANN LEE erheblich universeller und durchaus von aktueller Relevanz. Es geht darum, dass das Leben jenseits der Oberklasse in den vergangenen Jahrhunderten oft eine Qual war, geprägt von Hunger, Not, und frühem Tod. In solchen Zeiten war die bedingungslose Anbetung Gottes die einzige probate Möglichkeit, nicht zu verzweifeln oder sich den Strick zu nehmen. Die heute offensichtlich erscheinende Hirnrissigkeit des religiösen Dogmas war damals ein Rettungsring, Trost und Rechtfertigung.
Mona Fastvold gelingt es erstaunlich gut, Ann Lee weder zu idealisieren noch zu dämonisieren. Klar sind ihre Gebote der unbedingten sexuellen Enthaltsamkeit erkennbar nur Verlängerungen ihrer eigenen gescheiterten Ehe mit vier toten Kindern – aber wir verstehen die Inbrunst, mit der sie als gottgewollt rechtfertigt, was sie als individuelles Trauma nicht zu tragen vermag. Es stellt sich auch die Frage, ob trotz aller Verblendung der Shaker nicht einzig die Tatsache zählt, dass sie durch ihren Glauben tatsächlich zu einem besseren Leben fanden.
Tritt man vom konkreten Film einen Schritt zurück, dann realisiert man fast zwangsläufig, dass die amerikanischen Christen-Sekten wie Methodisten, Amish, Quäker und Baptisten ihren Ursprung in konkreten Notwendigkeiten ihrer Zeit hatten, aber deswegen auch heute nicht mehr zu rechtfertigen sind. Sie haben nur das Glück, zur Tradition gewachsen zu sein, bevor die Wohlstandsgesellschaft sie als überholte Bewältigungsstrategie erkannt und entsorgt hat – wie die Shaker.
Das klingt jetzt alles sehr trocken und theoretisch, aber tatsächlich entwickelt THE TESTAMENT OF ANN LEE nach einem etwas zu didaktischen ersten Akt mit unnötig viel Exposition aus dem Off eine erstaunliche Sogwirkung, was primär und wieder einmal an Amanda Seyfried liegt, deren Furchtlosigkeit als Schauspielerin die Furchtlosigkeit von Ann Lee spiegelt. Das Jahr 2026 ist kaum drei Monate alt und schon haben wir die zweite sensationelle Performance von ihr. Mad Skillz.
Ist THE TESTAMENT OF ANN LEE ein wichtiger Film, weil man dringlich die Geschichte der Shaker aufarbeiten musste? Nein. Er ist auch kein Blockbuster, kein "must see"-Kino. Aber in seinem unbedingten Willen, mit einer sehr komplizierten Figur fair umzugehen und Ann Lee nicht dem billigen Kintopp preiszugeben, ist er ein respektvoller erwachsener Beweis, dass das Leben und vor allem die Not die besten Geschichten schreibt.
Fazit: Ein beeindruckend differenziertes Drama über Aberglauben und Sektiererei, über die Notwendigkeit des unbedingten Glaubens in gnadenlosen Zeiten. Keine leichte Kost, sicher kein "fun for the whole family", aber mutig und erneut von einer herausragenden Performance von Amanda Seyfried getragen.
Als kleine Pointe sei noch angemerkt, dass die echte Ann Lee wohl eher nicht wie Amanda Seyfried ausgesehen hat:
Gott sei Dank: Ein falsch gesetztes Komma.
Also kein Wortvaigel (oder doch die extended Version, die Fehler einstreut, um sich zu tarnen?).
Die Pandora kriegste nicht mehr eingebüchst.
Interessant. Ich war vor Jahren im Hancock Shaker Village und habe dort vieles über diese "Bewegung" erfahren, und warum sie fast ausgestorben ist.
Cool!