Der märchenhafte Mythos von der Münchner Miet-Misere
Themen: Neues |Zwei Dinge möchte ich diesem Beitrag vorausschicken.
Ich bestreite nicht, dass München teuer ist, sauteuer, überteuert – die wie auch immer definierte "Lebensqualität" unbenommen. Wohnraum ist knapp und bei der Suche nach einer Bleibe ist sich jeder selbst der Nächste.
Ich bestreite ebenso wenig, dass ich privilegiert bin. Die LvA und ich gehören zu denjenigen, die sich den Münchner Wohnraum (zähneknirschend) leisten können. Wir haben vor langer Zeit entschieden, dass die Stadt es uns wert ist. Noch.
Wogegen ich heute aber anschreiben möchte, ist das fast schon zum Hintergrundrauschen der Stadt gewordene Jammern von den unbezahlbaren Mieten, dem "man bekommt nicht mal eine Wohnung, wenn man sie sich leisten kann" und "echte Münchner haben hier keinen Platz mehr!".
Es ist die Sau, die jedes Jahr durchs Dorf getrieben wird, besonders im Wahlkampf. Solange ich hier lebe (immerhin 1990), nach meinen Recherchen sogar noch länger. Und es ist eine dumme Sau.
Hätten die Schwarzmaler Recht und es würde "immer schlimmer!" bzw. "jetzt endgültig unerträglich", dann müsste München längst entvölkert sein. Die Stadt funktioniert nämlich nicht anders als jeder andere Markt: Angebot und Nachfrage. Die Mieten sind nicht nur, aber auch so hoch, weil es hier boomt, weil es lukrative Arbeitsplätze gibt und der Wohlstand entsprechend ist.
Es wäre bequemer, wenn ich ebenfalls in den Chor der Klagegeister einstimmen würde, weil das tosenden Applaus verspricht: endlich sagt’s mal einer – obwohl es alle und ständig sagen. In der Facebook-Gruppe "München früher vs heute" ist das ein Dauerthema ohne Ende, leider meist auch ohne Kompetenz der Beteiligten. Schimpfen können sie prima, Schuld sind die Grünen und die Zugereisten.
Ich habe gar nicht vor, mich mit einer eigenen Meinung oder anekdotischen Erlebnissen gegen den Mainstream zu stellen. Ich lasse die Geschichte der Stadt für sich sprechen.
Im Zweiten Weltkrieg wurde München stark zerstört. Der Wiederaufbau wurde gefördert, dafür gab es Festschreibungen und Obergrenzen bei den erlaubten Mieten. Diese galten aber schon in den 50er Jahren als Hemmschuhe für das Wirtschaftswunder und die Renditen der Besitzer/Vermieter. Dieses Interview mit dem Präsidenten des Zentralverbandes der Deutschen Haus- und Grundbesitzer von 1958 erzählt davon.
Schon 1961 war man der Meinung, es würde womöglich zu viel und zu schnell gebaut – eine Beschränkung der Baugenehmigungen wurde diskutiert.
Kaum war das Land wieder halbwegs in Schuss und in Schwung, wurde überall nur noch die "Miet-Misere" gesehen – hier in einem Beitrag des BR von 1961, der sehr schön zeigt, wie sich der Lebensstandard gewandelt hat:
Andererseits beeindruckt mich, mit was die Menschen sich damals arrangiert haben. Verzicht und Anpassung waren (überlebens)notwendige Tugenden.
12 Jahre später, im November 1973, war das Thema der Wohnungsnot und des Mietwuchers schon einen TATORT wert. Hier sind bereits alle Eckpunkte der bis heute aktuellen Diskussion zu besichtigen, inklusive skrupelloser Entmietung:
Dem Rundfunkrat des BR hat dieser TATORT gar nicht gepasst:
Der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks kritisierte die „brutale und menschenverachtende Darstellung“ des Vermieters Pröpper so heftig, dass die Folge für fast 20 Jahre mit einem Sperrvermerk belegt wurde und erst nach einem Intendantenwechsel 1992 wieder ausgestrahlt werden konnte.
Auch in den legendären MÜNCHNER GESCHICHTEN von Helmut Dietl wurde bereits in der ersten Episode die Dreckigkeit von Vermietern thematisiert, für die Mieter bestenfalls zahlendes Vieh und verschiebbares Kapital sind:
1984 drehte Gabriele Zerhau die romantische Komödie TAPETENWECHSEL mit der bezaubernden Claudia Demarmels, in der es um nichts anderes geht als die verzweifelte Suche nach einer Wohnung in München. Es sind wirklich alle Varianten zu sehen: Vermieter als Betrüger, Sexualstraftäter, Herrenmenschen. Massenbesichtigungen waren damals schon Standard, ebenso der Kampf um die ersten Ausgaben der SZ mit den Mietangeboten oder der folgende Streit um die Telefonzellen (clever gegen geschnitten mit einem Pulk aus Football-Spielern):
Bonus für Fotostory-Veteranen: bei 12:44 sieht man die Protagonistin der Amalienpassage klingeln:
Dort spielte ein paar Jahre vorher schon eine Szene in EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON – und letzte Woche kamen die LvA und ich dort vorbei:
Egal, weiter im Text.
1992 thematisierte der SPIEGEL den Mietwucher mit krassen Beispielen:
Wie eng der Billigwohnmarkt geworden ist, offenbaren die Bedingungen, die Untervermieter glauben stellen zu können. Im Münchner Stadtmagazin etwa will ein Chiffre-Inserent sein 50-Quadratmeter-Appartement zu 850 Mark nur an einen »attraktiven« jungen Mann, »vorzugsweise schwul«, »bis 23 Jahre« vergeben, der »auf 480-Mark-Basis« in seiner Firma arbeitet. Verlangt werden außerdem eine Bewerbung mit Bild und Lebenslauf und eine Ablösezahlung von 1500 Mark.
In dem Artikel aus der Zeit der Mitwohnzentralen werden auch die Chancen der Wohnungssuchenden klar hierarchisch gegliedert:
"Mann ist nicht gut, Raucher ist überhaupt nicht gut, lange Haare kommen ganz schlecht. Vielleicht noch verheiratet, am Ende mit Kind oder Sozialhilfeempfänger – da kann man fast nichts mehr machen. Am schwierigsten aber sei es mit Schwarzen – je dunkler, desto schlechter."
Wohlgemerkt stammen alle diese Beispiele aus der heute propagierten "guten alten Zeit", als es ja wohl noch viel besser gewesen sein muss auf dem Mietmarkt.
Um die Jahrtausendwende galten diese Kosten als unerhört – heute trauert man dem "verpassten Schnäppchen" nach:
Man merkt: alles Humbug. München ist nicht zu teuer, sondern war immer zu teuer. Und nein, das Ende der Fahnenstange ist noch immer nicht erreicht, nicht mal in Sicht. Man kann darüber diskutieren, man kann es lamentieren, aber es hat keine politische Sprengkraft außerhalb der AfD.
The times, they aren’t a-changing…
Es ist ja nicht so, dass nix passiert: neue Viertel werden hier und hier gebaut, auch wenn die natürlich nicht für die Fleischwaren-Fachverkäuferin erschwinglich sind.
Sollte die Stadt mehr tun? Natürlich sollte sie das. Es müssten mehr Gegenden zur Bebauung freigegeben werden. Die Kommune sollte dringend wieder im großen Maßstab in den geförderten Wohnungsbau einsteigen. Vielleicht kann man auch eine zeitgemäße Variante des Sozialbaus finden, die preiswerter, aber deshalb nicht weniger lebenswürdig ist.
Wofür ich nicht zu haben bin: Mietpreisbremsen und Enteignungen. Auf der einen Seite natürlich, weil ich selber eine Immobilie besitze. Aber auch, weil ich an das Prinzip Eigentum glaube, das zu bewohnen, vermieten, und verkaufen ausschließlich meinem Gutdünken unterliegen sollte.
Man stelle sich das mal bei Autos vor: Du willst deinen alten Golf verkaufen und der Händler sagt: "Tja, der wäre nach Schwacke noch 4800 Euro wert, aber mit Hilfe der KFZ-Preisbremse sollen Autos ja auch für Kleinverdiener erschwinglicher werden, darum dürfen Sie maximal 2000 Euro dafür verlangen."
Aber ich habe leicht und gut reden: was weiß ich schon? Eine unheimlich kompakte und eng bebaute Metropole lässt sich nicht einfach am Reissbrett neu planen. Schon der unfassbare Neubau des Münchner Hauptbahnhofs zeigt exemplarisch, dass man nicht einfach mit dem Bagger loslegen kann:
Davon abgesehen sehe ich mich ja auch als "Opfer" der hiesigen Verhältnisse.
Ich bin 1990 in meine erste eigene Wohnung in München gezogen:
Ich musste mich brav zum Kaffee bei der Hausbesitzerin anmelden, meine Schildkröte verschweigen, und für die 650 Mark warm bekam ich ein Zimmer mit Kochnische und einem Bad. Alles seit 30 Jahren nicht mehr renoviert, kein Keller, kein Abstellraum, kein Parkplatz, kein Fahrrad-Stellplatz, und ein Aufzug aus den späten 40er Jahren, in den man nur zu zweit passte, wenn man die Luft anhielt.
Es war mir egal. Ich habe mir die Wohnung so schön gemacht, wie ich konnte, einen Teppich ausgelegt, meine ersten Möbel reingestellt, und für drei Jahre war das ein geiler "erster Schritt" nach München:
Die Maxvorstadt ist auch heute noch eine gute Adresse.
Ich bestreite nicht, dass ich seither IMMER in München teurer gewohnt habe, als ich für angemessen hielt. Sechs von den sieben in den nächsten 35 Jahren folgenden Wohnungen empfand ich als deutlich überpreist. Die Ausnahme? Die wunderschöne kernsanierte Altbauwohnung mitten in Schwabing, deren Vermieter keine Ambitionen hatte, seine Mieter über die ortsübliche Vergleichsmiete hinaus auszupressen. Hier stand das schönste Arbeitszimmer meines Lebens:
In den Jahren in Speyer und Baden-Baden haben wir deutlich größer und teilweise mondäner gelebt – für über den Daumen gepeilt den halben Preis. Trotzdem sind wir mit fliegenden Fahnen zurück nach München, sobald sich die Gelegenheit ergab. Das sagt ja auch was aus.
Wie gesagt: Ich bin privilegiert und weiß das.
Und dennoch kann ich, wenn ich mir die Geschichte der Stadt anschaue und meine eigenen Erfahrungen aus 35 Jahren, bei den dauernden Diskussionen über die Untragbarkeit der Münchner Verhältnisse nicht in den Chor der Klagenden einstimmen. Die Tatsache, dass es schon immer so war, mag es nicht besser machen, aber sie sollte verdeutlichen, dass jedes Granteln sinnfrei ist. Damit verdirbt man sich nur die Laune – und genau das kann ich an den Münchnern oft nicht leiden.
Abgesehen davon erinnern sich sehr viele von den Nörglern offensichtlich nur ungern daran, dass man in den 60ern oft genug nur ein Klo auf der Etage hatte, die Kohle aus dem Keller schleppen musste, und das WLAN bestenfalls mau war. Es gab kein Magnum Mandel, keine Coke Zero und kein Netflix. Nicht mal IKEA! Wie haben die ihre Wohnungen eingerichtet?! Hässlich, so sieht’s aus.
Aus dem oben verlinkten Interview von 1958 zum Thema Komfortwohnungen:
"Das sind die Wohnungen mit Bad und Zentralheizung. Nur ein bescheidener Teil, nämlich genau sieben Prozent der Altbauwohnungen, weist diesen Höchstkomfort auf."
Da leben wir heute anders und ich für meinen Teil bin sehr dankbar.
Würde ich mir ein preiswerteres, mutigeres, dynamischeres München wünschen? Natürlich. Aber das Leben ist kein Ponyhof – und München bleibt, was/wie es ist.
Ich prophezeie: auch in 10, 20, 30 und 50 Jahren werden die Menschen stöhnen und versichern, dass es nicht nur noch nie so schlimm war, sondern jetzt endgültig untragbar ist. Da müssen "die da oben" doch mal was tun!
Ois Chicago.
Wie sieht’s bei euch aus? Wohnt ihr ebenfalls in Metropolen mit Premium-Preisen oder könnt ihr in der Provinz die Miete aus der Portokasse bezahlen? Würdet ihr eher Einschränkungen bei der Wohnung hinnehmen oder widerwillig eine höhere Miete für eine bessere Wohnung bezahlen? Habt ihr schon mal die Segel gestrichen, weil ihr euch eine Stadt einfach nicht mehr leisten konntet?
Weitestgehende Zustimmung. Zwei Anmerkungen:
Meines Erachtens kommt die Larmoyanz zu dem Thema aus der "linken Ecke". Die AfD spricht sich in ihrem Programm m.W. sogar ausdrücklich gegen Mietpreisbremsen etc. aus (ich lasse mich da aber gerne korrigieren).
Und eine ganz furchtbar unpopuläre Ergänzung: Die Mieten sind in München im Verhältnis zum Kaufpreis zu niedrig. Klingt böse. Ist aber so. Mit Wohnraummieten ist praktisch kaum Rendite zu erwirtschaften. Gewinn (und niemand investiert, ohne dass er sich Gewinn verspricht) ist quasi nur durch Spekulation auf einen weiter steigenden Marktwert möglich – das ist für den Immobilienmarkt nicht gesund.
Staatliche Entlastung wäre natürlich möglich – großflächige Ausweisung weiteren Baugrunds und radikales Zusammenstreichen der baulichen Vorgaben. Und ein hoch probates Mittel (wird natürlich nie einer machen): Würde man auf Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung nur den halben Steuersatz zahlen, hätten wir einen Bauboom, der sich gewaschen hat. Aber auf mich hört ja keiner.
Ich würde weitgehend zustimmen, aber der zweite Absatz geht das Problem von der falschen Seite aus an – die Kaufpreise sind absurd, was die Mieten bis ins Unbezahlbare nachzieht. Wir haben Immobilien in München UND in Düsseldorf, und obwohl Düsseldorf ebenfalls zu den top teuren Städten gehört, liegen die Kaufpreise dort bei der Hälfte. Die Stellschraube ist demnach der Kaufpreis, nicht die Miete. Dafür müsste man aber auch mal über die Grundstückspreise reden. Es ist kompliziert, auch wenn viele Leute das nicht einsehen wollen. Dass mit Wohnraummieten keine Rendite zu erwirtschaften ist, stimmt schlicht nicht. Wir selbst gehören zu den vielen Gegenbeweisen.
Touché, das war unpräzise formuliert. Die Rendite ist im Vergleich zu anderen Anlageobjekten und dem höheren Aufwand, den eine Vermietung mit sich bringt, m.E. nicht attraktiv genug, um die nötigen privaten Investitionen zu generieren.
Wie soll man das Thema der Grundstückspreise angehen, ohne das Angebot radikal zu vergrößern (wenn wir uns einig sind, dass staatliche Eingriffe in den Markt falsch wären)?
"wenn wir uns einig sind, dass staatliche Eingriffe in den Markt falsch wären" – sind wir nicht. Ich sehe das Problem aber nicht bei der Regulierung kleinerer und privater Eigentumsverhältnisse. Wie in vielen Bereichen des Lebens wird der Markt gefressen von internationalen Großkonzernen. Der Staat muss den Bodenbesitz zurück erobern. Das Land gehört dem Land. In München werden wir bald Verhältnisse haben wie in London, wo der größte Teil der Innenstadt an der Themse Saudi-Arabien gehört. Das halte ich für politisch, kulturell und historisch fatal. Was die Lösung ist? Ich habe keine Ahnung.
Der Punkt mit internationalem Kapital ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen (wobei ich glaube, dass der Effekt bei Wohnraum in München noch relativ überschaubar ist). Deinem Punkt zur politischen, kulturellen und historischen Fatalität stimme ich insofern ausdrücklich zu.
Als "marktgläubiger" Liberaler halte ich es allerdings weiterhin für den sinnvollsten Weg, das Angebot auszuweiten und Eingriffe zu minimieren.
Im übrigen ausdrückliche Anerkennung für "Ois Chicago". Hört man viel zu selten.
Alles soweit korrekt. Hier wird ja auch gerade zwischen Trudering und Riem ein (überfälliges) Viertel aus dem Boden gestampft. Es gibt sehr viele Freiflächen am Münchner Rand, die sich (vermutlich) eignen würden. Und da widerspreche ich der liberalen Mentalität: wenn es für die Allgemeinheit gebraucht wird, müssen wir auch über Enteignungen und Entschädigungen sprechen können.
Hier in der tiefen Wallachei (Südwestpfalz in Spuckweite zu Frankreich) bekommst du gelegentlich 4ZBK 100qm für 600.-€ warm, aber auch hier ziehen die Preise Richtung 1000.-€ Kalt bei Neubau oder warm bei Altbau.
Kleine nicht-up-to-date-Häuser mit Garten ab 700.-€ kalt
Das durchschnittliche Nettogehalt bei Vollzeit hier reicht von 1.500 bis 2.000, um die Relation zu sehen
Ein perfektes Beispiel für meine Argumentation. In München verdient ein Straßenbahnfahrer schon brutto 3700 Euro Anfangsgehalt. Klar ist die Spanne hier enger, der Druck größer, aber das ist in London, New York und Tokio nicht anders.
Da hat der StrBa-Fahrer dann 2400€ raus und darf nen Tausi für ein 30m2-Loch ausgeben (bzw. mehr als 50% vom Nettogehalt, wenn es doch schöner sein soll – zumindest was ein kurzer Check bei Immoscout ergeben hat) – na sauber 🫣
Und München würde ich jetzt in der Wertigkeit ehrlich gesagt doch weit unter London, Tokio und Co einordnen.
Als Berliner amüsiere ich mich gern über die Münchener Meckereien. Denn ich stimme dir zu: München war schon immer teuer, München hatte aber auch schon immer eine gute Lohnsituation. Das Verhältnis von Lohn zu Lebenskosten ist gar nicht mal so grundübel – wenn auch sicherlich nicht traumhaft und sicherlich nicht für jeden. Was ich hingegen in Berlin mitbekomme, ist großteils beängstigend. Hatten wir noch vor zehn oder fünfzehn Jahren traumhafte Mietpreise, sind diese explodiert – nicht jedoch die Löhne. Damit ist das Verhältnis für viele Menschen wirklich schwer geworden, und viele meiner Bekannten mussten bereits aus der Stadt an den Speckgürtel. Ich selbst bin froh, eine einigermaßen bezahlbare Wohnung zu haben. Sie befindet sich nicht in einer hippen Ecke, sie ist im Gegenteil sehr ungepflegt, um nicht zu sagen dreckig, es gibt keine guten Bars oder Restaurants in Laufweite. Aber ich kann sagen: Ausziehen? Nein, dann käme nur in Frage raus aus der Stadt, die ich eigentlich nicht verlassen will. Die Wahrscheinlichkeit, etwas zu bekommen, das meinen Lebensstandard nicht wesentlich senkt, aber mir gleichzeitig die Möglichkeit offen hält, meine Hobbys, Reisen und Altersvorsorge betreiben zu können, wie ich es möchte, das ist mittlerweile sehr unwahrscheinlich. Entweder ich müsste mich massiv einschränken oder ich brauche SEHR viel Glück.
Ich wiederum amüsiere mich über die Berliner, die auf Cocktail-Partys über die unbezahlbaren Mieten jammern und dann Preise nennen, bei denen es in München Schlägereien um den Mietvertrag gäbe. Berlin ist erheblich flächiger und bietet mehr Möglichkeiten, eine zum Einkommen passende Mietsituation zu finden. Und die Stadt könnte ja auch den Arsch mal hoch kriegen und mehr bauen. Aber dazu müsste man halt andere Attribute priorisieren als "sexy" und "pleite".
Kurze Anmerkung zum Preisvergleich: Da gilt m.E. das gleiche, was Du oben zum Münchener Straßenbahnfahrergehalt geschrieben hast. Lt. oberflächlicher Google-Suche ist das Durchschnittseinkommen in Berlin ca. ein Drittel niedriger als in München. Da ist es nur folgerichtig, dass auch die Schmerzgrenze für das, was als "hohe Miete" empfunden wird, entsprechend niedriger liegt.
Jo, deswegen ist mEn bei Stadtvergleichen nur das Lohn/Miete-Verhältnis wirklich aussagekräftig.
Mit Arsch hochbekommen hat es die Politik hier leider nicht so seit etwa… ähm… äh… gefühlt immer.
Gebürtiger Düsseldorfer, in Pempelfort großgeworden
(10 min. Fußweg durch den Hofgarten zur Altstadt)
danach Derendorf und Umgebung
Mit 44 nach Hilden gezogen, der Weg nach Neuss zur Arbeit ist eine Katastrophe, aber aus der Maisonettewohnung bekommt meine Katzen und mich keiner 😀
Wenn ich meinen Papa in Pempelfort besuche, vermisse ich nichts, viel zu voll, viel zu laut…
schon damals war Parkplatzsuchen eine Katastrophe, und es ist nicht besser geworden, eigentlich eher schlimmer, weil der Parkautomat ein Heidengeld von Dir haben will…
Ich wollte vor ein paar Monaten mit meinem Bruder in Pempelfort essen gehen. Und ich dachte immer, die Parkplatzsituation in Schwabing sei scheiße. Von Hilden nach Neuss ist aber auch eine Hausnummer. Ich weiß noch, wie ich mit dem Rennrad von Vennhausen nach Neuss geradelt bin, wo ich im HUMA einen Ferienjob hatte. Good times.
Als in Köln Lebender kann ich nur sagen, dass die Situation hier im Laufe der letzten 30 Jahre zwar viel schlechter geworden ist, ich aber bisher immer Glück bei der Wohnungssuche hatte. Wirklich schlimm sieht es bei allen aktuellen Bauprojekten aus, die liegen alle Dank einen Rückzieher machenden Investoren oder Spekulanten, die erworbene Grundstücke nur zum Weiterverkauf erwerben, aber gar nicht wirklich bauen wollen, brach. Genau da sehe ich einen Hebel zur Verbesserung, dieser Handel müsste unterbunden werden
"Ois Chicago."
Kurze Abschweifung. Wo stammt denn dieser Ausdruck her? Ich erinnere mich, dass das ein Chemielehrer an meiner hessischen Schule immer sagte. Der war ein Exilant, gebürtig aus dem Allgäu, und was er im Unterrischt sagte, war für unsere Ohren teilweise schwer zu verstehen. Und dann noch dieser Dialekt! Jedenfalls nutzte er diese Phrase häufig, aber erntete von uns nur Verwunderung und Irritation. Ist der Ausspruch was gutes? Was schlechtes? Ein geheimes Codewort?
Der Standard-Spruch der Helden aus "Münchner Geschichten" von Dietl. Schauspiel-Legende Therese Giese sagte allerdings in einem Interview, dass sie diese Phrase in ihrem Leben nie gehört habe. Dietl hat sie wohl als "City-Slang" erfunden und sie hat sich festgesetzt. Heißt im Endeffekt "passt schon" oder "alles easy".
„Es gab […] keine Coke Zero“
Es war halt nicht alles schlecht.
Das gab’s auch in den frühen 2000ern noch. Da hatte ich in München auch ein Zimmer mit Etagentoilette im vierten Stock unterm Dach. Im Sommer je nach Fensterstellung viel zu heiß oder viel zu laut. Dafür mit 250 € noch bezahlbar für mich und direkt neben der Uni gelegen.
Klar gab es das vereinzelt noch. Nach der Wende in Berlin in vielen Vierteln Standard. Aber es war halt nicht mehr der Normalfall. Mein erstes Hotelzimmer in Manhattan hatte ein geteiltes Bad mit dem Nebenzimmer.
Haushalte die verarmen durch Mietbelastung (3,1 Mio. müssen über 40% ihres Einkommens aufwenden) haben sich verdreifacht seit der Wiedervereinigung. Früher musste man also einen kleineren Teils seines Einkommens für die Wohnung ausgeben. Kein Mythos sondern belegt.
Kein Markt wie jeder andere, weil in Großstädten die Nachfrage stets größer ist als das Angebot und städtisches Wohnen nur noch für Reiche und grenzenloser Profit für Wohnungkonzerne und deren Aktionäre zurecht kritisiert wird. Die wenigsten ziehen nach Düsseldorf weil München zu teuer.
Faktisch natürlich korrekt, aber wie bei dir so oft isoliert und einseitig ausgewählt. Andere Aspekte des Lebens sind deutlich preiswerter geworden und angesichts eines höheren Einkommensniveaus ist der Anteil der Miete meistens nicht mehr kriegsentscheidend. Das Thema ist zu komplex, um es auf Schlagworte zu reduzieren.
Ich finde es nicht unbedingt isoliert oder einseitig betrachtet. Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander. Die Mittelschicht, zu der wir uns ggf. zählen dürfen, wird dadurch auch ausgedünnt. Und selbst ich, der ein völlig auskömmliches Einkommen hat, müsste für eine neue Wohnung unverschämt viel mehr bezahlen. Also überproportional viel mehr, als etwas mehr an Inflation. Sorry, wenn ich es etwas zu unrein formuliere. Dann sehe ich in dem großen Unternehmen, in dem ich arbeite, dass viele gerade mal Mindestlohn verdienen. Und diese Leute sind gefangen in ihren aktuellen Wohnungen, die sie mal zum Normalpreis bekommen haben. Sie sind gefangen darin. Und ich bin mir sicher, dass sich da Dramen abspielen. Vor einiger Zeit hatten diese Leute noch die Möglichkeit, sich ggf. zu trennen und konnten sich für ne gewisse Zeit ne eigene Wohnung alleine leisten. Das ist für diesen Teil der Bevölkerung kaum möglich. Nicht mehr. Und das ist nicht nur anekdotisch gemeint. Diese große Bevölkerungsschicht braucht gar nicht darüber nachdenken. Selbst ne intakte Familie hat aktuell keinen Grund umzuziehen und zu vergrößern (wegen Kind etc.) , da selbst gleichwertige Wohningen einfach mal krass explodiert sind. Ich rede im speziellen von in und um Berlin. Und es ist einerseits traurig, dass diesen Menschen diese Perspektive von Freiheit fehlt. Und es zieht noch ganz andere unangenehme gesellschaftliche Themen hinterher.
Nichts davon würde ich bestreiten. Aber es ging hier im Text ja um München und das alte Lied der unbezahlbaren Mieten.
Ich gönne dem Wortvogel sein Haus zur Vermietung. Den Leuten von Vonovia und co aber nicht. In der Hinsicht sind uns selbst die absolut durchkapitalisierten USA einen Schritt vorraus.
Das läuft etwas konträr zur hier in den Kommentarengeführten Diskussion "Rendite fürs Vermieten ist viel zu gering" und "Es braucht mehr Anreize, zu bauen" – beidem würde ich nicht widersprechen, sehe aber den langfristigen gesellschaftlichen Schaden durch AG-Vermieter als höher an.
Aber das Thema ist ja eigentlich das Meckern über Münchner Mieten. Und dazu kann ich sagen: Blöde Münchner Mieten. Wären die vor 9 Jahren günstiger gewesen, würde ich jetzt Bayrisch ratschen. Stattdessen spreche ich jetzt schlechtes Sächsisch. Ist ok für mich, und am Ende auch eine Art von "Länderfinanzausgleich". Kann ja schließlich nicht das Ziel sein, dass am Ende alle in München wohnen.
Das sind ja zwei Seiten der gleichen Medaille. Hier in Schwaben gab es vor 20 Jahren de facto keine gewerblichen Vermieter außerhalb von Genossenschaften – jeder Schwabe, der sein Eigenheim abgezahlt hatte, hat danach Wohnungen zum Vermieten gekauft. Alle Wohnungen, die ich gemietet hatte, hatten einen in der Regel ziemlichen fairen Privatvermieter. Heute macht das kaum noch jemand, weil es sich nicht lohnt, und praktisch alle MFH-Neubauten gehören einer Immobiliengesellschaft.
Ich habe selber den grössten Teil der 90er in München verbracht, aber nur einige Jahre als Student direkt dort gelebt – es hätte sich einfach nicht gelohnt. Die meiste Zeit bin ich von unserem alten Haus bei Landshut aus gependelt, bis nach München Mitte sind es "Nettofahrzeit" tatsächlich nur etwa 45 Minuten (Natürlich konnte sich das zu Stosszeiten verdoppeln). Immobilienkauf stand nie zur Debatte, das galt damals schon als völlig unbezahlbar. Um so geschockter war ich später über die Immobilienpreise in Wien – für meine 3-Zimmer Wohnung in günstiger Lage habe ich 2009 gerade mal unglaubliche 100.000€ hinlegen müssen. Aus meiner Sicht ist das Geheule über München schon gerechtfertigt, für Normalverdiener bleibt eigener Wohnraum für immer unleistbar – andernorts ist das nach wie vor ein erreichbares, realistisches Ziel.
Wien ist die Stadt, die man als Vergleich eben NICHT heranziehen darf, weil sie ein Unikum darstellt:
https://www.finanzfluss.de/ratgeber/wiener-wohnungsmarkt/
Notizen aus der Provinz !
Die ersten 30 Jahre meines Lebens hab ich in München verbracht.
Bzw. in Kirchheim und Karlsfeld.
1994 sind wir dann nach Deggendorf gezogen, weil die Abzahlung (9,25%) für das dort gekaufte Bauernhaus (168.000 DM) in Alleinlage mit 3000qm Grund genausoviel gekostet hat, wie die Miete (1100 DM) unserer 55qm-Mansarde in MUC.
Seit 2015 lebe ich solo auf 45qm in Passau bzw. 8 km außerhalb für 240+160€ warm. Souterrain, aber 24 qm WoZi mit Südfenster, Bad mit Wanne, Küche mit Esstisch und 10qm Schlafzimmer/Büro. Das ist selbst für Passau günstig.
Außer den 80 Kinos hab ich in den letzten 32 Jahren nix vermisst. Hier gibts nur 11.
Wer in MUC leben will, soll die Mieten hinnehmen. Niemand muss dort arbeiten und leben. Ich hab 5 Minuten ins Büro und 8 Minuten in die Innenstadt und ab 19 Uhr sind die Parkplätze kostenlos. Tanken kann ich in Österreich und die Donau und der Bayerische Wald sind direkt vor der Haustür.
Meine jüngere Tochter zahlt in Straubing 850 für 110qm, die ältere in Berlin 400 für ihr grosses WG-Zimmer mit Südbalkon im 5. Stock in Prenzelberg.
Wer in München bleibt, oder dort hin zieht, hat sein Schicksal selbst gewählt, wie ein Löwenfan.
"Wer in MUC leben will, soll die Mieten hinnehmen." – das ist eine korrekte, aber wertfreie Aussage.
"Niemand muss dort arbeiten und leben." – das stimmt nicht. Es gibt genug Lebensumstände, die bestimmte Lebensmittelpunkte erfordern.
Das sehe ich ein bisserl anders.
Wenn ich Kernphysiker bin, hab ich mir den Beruf ausgesucht und damit bleibt nur Garching. Genauso als Ministerpräsident halt MUC.
Aber Beamte müssen sich bewusst sein, dass es MUC oder Oberfranken werden kann. Verkäufer, Kranfahrer, Büroarbeiter, Gebäudereiniger finden auch in der Provinz Arbeit. Wenn ich die Alpen in Sicht- und Fahrweite haben will, wird es teuer. Das muss es mir wert sein, oder eben nicht.
Von der gesparten Miete kann ich mir als Provinzler teure Hobbies oder weite Reisen leisten. In München hab ich 60 Minuten einfach in die Arbeit gebraucht. Hier fünf Minuten! Zwei Stunden mehr Lebensqualität jeden Tag. Und seit drei Jahren arbeite ich nur noch 30 Stunden. Das geht nur hier, weil meine Miete so niedrig ist. Feierabend um 13 Uhr.
Aba jeda wiara mog 😉
Ich lebe in München und arbeite gar nicht mehr – your point being?
Selbst gewählt, oder?
Themawexel: Hast Du das BLATT noch erlebt?
Auch ein nostalgisches Münchner Medien-Spezialthema 🙂
Die Suche auf Deiner Seite bringt jedenfalls nix.
Keine Ahnung, wovon du sprichst.
https://de.wikipedia.org/wiki/Blatt_(Magazin)
Ich bin 1990 nach München gekommen:
Da hab ich gerade meine Landflucht vorbereitet 😇