Der Deppen-Dopplereffekt
Themen: Neues |Eine meiner bisher unwiderlegten Arbeitsthesen lautet: Die Menschheit wird nicht daran scheitern, dass sie die Lügen durch KI und Propaganda nicht erkennt – sondern daran, dass es ihr komplett egal ist, was KI und Propaganda ist. Der Feind ist nicht die Niedertracht, sondern die Dummheit. Schuld ist nicht der Sender, sondern der Empfänger.
Gestern ist mir wieder ein hübsches Beispiel dafür begegnet.
Es ist eine relativ alte Sau, die immer noch grunzend durch das Dorf getrieben wird: YouTube-, tik tok-, Facebook-Accounts, die sich mit harmlosen, oft nostalgischen Titeln ein Publikum heranziehen, um dann langsam über "früher war alles besser"-Postings latent Fremdenhass und Stammtischgroll zu düngen.
Weil man darauf nicht oft genug hinweisen kann, habe ich meinen Facebook-Lesern gestern ein schönes, weil typisches Beispiel aufgezeigt:
Klar könnten Leute, die mehr als eine Gehirnzelle investieren, sich die Frage stellen, warum ein Account namens NOSTALGIE TV wissen möchte, wer immer noch den Begriff "Zigeunerschnitzel" verwendet. Selbst WENN man gerne solche ausgemusterten und unnötig provokanten Bezeichnungen verwendet, mag es angebracht sein, dies nicht im Brustton der Überzeugung auf Social Media zu tun. Über ein banales "wenn ich ein Zigeunerschnitzel will, bestelle ich mir ein Zigeunerschnitzel!" sind schon Arbeitsverhältnisse beendet worden.
Aber was weiß ich schon? Nach einer Stunde ist der Beitrag bereits 44 mal geteilt und 841 mal kommentiert worden, hat über 7000 likes.
Womit ich nicht gerechnet habe: Die Dummheit spült vom Original-Beitrag sogar in meine Kritik am Original-Beitrag rüber. Einige Leute sind so hohl, dass sie selbst dann nicht kapieren, dass das hier Clickbait für den Stammtisch ist, wenn man sie explizit darauf hinweist. Es reicht der Trigger "Zigeunerschnitzel".
Nicht sauer bin ich dabei auf Manoush Vasquez, auch wenn sie die deplatzierte Diskussion aufmacht, dass die meisten Sinti und Roma gar kein Problem mit dem Begriff "Zigeuner" haben:
Das ist zwar nicht Thema meines Postings, kann man aber durchaus mal festhalten. Und Manoush ist "friend of the Vogel".
Aber je länger der Tag wird, desto mehr Kommentatoren tauchen auf, die den sprichwörtlichen Schuss nicht gehört haben:
Ich bin auch deshalb baff, weil ich den Original-Beitrag ja nur per Screenshot dokumentiert und nicht verlinkt habe. Die können also gar nicht über einen direkten Verweis bei mir gelandet sein. Schuld ist der Algo.
Sofern wir hier nicht von Bots reden, muss ich leider anhand der Namen und Profilbilder konstatieren – die weißen, heterosexuellen Männer meines Alters sind ein erschreckend großer Teil des Problems. Ich schäme mich ein wenig:
Die haben nichts verstanden – vor allem nicht, dass es mich einen Dreck schert, ob sie im Restaurant ein "Zigeunerschnitzel" bestellen würden. Solche Aussagen haben für mich lediglich den Nährwert, dass sie mir helfen, Idioten zu identifizieren. Letztlich der gleiche Grund, aus dem ich für eine Freigabe des Hakenkreuzes in der Öffentlichkeit nach 2045 plädiere. Es vereinfacht den Widerstand, wenn der Gegner Flagge zeigt.
Wo sich die Idioten tummeln, sind auch die Spinner nicht weit:
Ich vermute mal, der hat in der Schule oft die Phrase "setzen, sechs" gehört…
Mein Menschenbild, es wird immer düsterer. Ich akzeptiere widerwillig, dass die Leute weniger Wahrheit wollen, je mehr Fakten sie zur Verfügung haben. Sie sehen das Weltwissen als Büffet, an dem sie immer nur Bratkartoffeln auf den Teller schaufeln und mit brauner Soße übergießen. Wer ein paar Vitamine oder wenigstens ein Thai-Curry empfiehlt, um die Geschmacksnerven nicht vollends veröden zu lassen, wird mit einem "halt’s Maul, ich esse, was ich will!" abserviert.
Das Problem ist nicht der Koch. Das Problem ist der Gast.
Ich bin 58 Jahre alt und erinnere mich, dass ich in meiner Kindheit tatsächlich die Wahl hatte zwischen Zigeunerschnitzel und Jägerschnitzel.
Das eine war ein meist trockenes Schweineschnitzel mit unbekömmlicher Paprika-Fertigsoße, das andere ein trockenes Schweineschnitzel mit unbekömmlicher Pilz-Fertigsoße.
Ich nahm immer das Jägerschnitzel, weil es dazu Pommes gab, während Zigeunerschnitzel mit langweiligem Reis serviert wurde.
Spätestens seit Ende der Achtziger ist mir aber nie wieder ein "Zigeunerschnitzel" auf irgendeiner Speisekarte begegnet. Und das "Jägerschnitzel" auch nicht mehr.
Ich frage mich daher ernsthaft, wer zuletzt tatsächlich das verzehrt hat, was vor vielen Jahrzehnten in Gaststätten unter dem Begriff Zigeunerschnitzel serviert wurde.
Ich vermute niemand.
Aber Hauptsache, es sorgt noch für unbekömmliche Aufreger.
"Aber Hauptsache, es sorgt noch für unbekömmliche Aufreger." – und nur darum geht es.
Die „Jägersosse“ im Pappkarton ist allerdings eine der prägendsten geschmacklichen Erinnerungen an meine Kindheit mit Omas paniertem Schnitzel mit Sosse 😁
Du hast grad schlicht das Business-Modell von Buden wie X, Nius und Fox News beschrieben…
So funktioniert ein Großteil von Social Media, bei Reddit macht das gefühlt auch locker 80% des Inhalts aus.
Genau das. Es ist wirklich erschreckend, wie viele Menschen sich durch solche Postings manipulieren lassen. Kein innehalten, kein nachdenken, oder geschweige denn ein hinterfragen. Man sucht irgendetwas, worüber man sich wieder aufregen und den angestauten Frust über die Ungerechtigkeit der Welt in eben diese – oder zumindest den digitalen Äther – hinausschreien kann. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich eben darin das größte Problem – und die größte Herausforderung – der Gegenwart sehe.
Bin etwas überrascht, Zigeunerschnitzel finde ich noch recht häufig auf Speisekarten und meines Wissens gibt es ja auch die Zigeunersauce von Kühne noch im Supermarkt. Wie lautet denn die korrekte Bezeichnung?
Es gibt keine "korrekte" Bezeichnung. Und Kühne verkauft Paprikasaucen.
… aber wäre die "korrekte" Bezeichnung dann nicht Paprikasauce?
Laut Wikipedia nicht, obwohl es tatsächlich auf die Paprika ankommt. Ganz interessanter Eintrag, ist wohl tatsächlich noch strittig, ob der Begriff ok ist oder nicht.
Nein, gerade vorhin beim Einkauf nachgesehen. Auch bei Google taucht Kühne Zigeunersauce als erster Treffer in der Produktsuche auf, gibt aber auch noch diverse andere Hersteller. Bei Chefkoch und anderen Seiten wird die Bezeichnung auch noch verwendet, denke, gänzlich aus der Luft gegriffen ist mein Eindruck nicht.
Ist vor allem ein ziemlich gelutschter Drops. Ich hab schon vor knapp 20 Jahren maue Comedy-Gags zu dem Thema gehört. Damals war‘s noch nicht so kuturkämpferisch aufgeladen und darum mehr das typische Kopfschütteln der Alten über die Jungen. Die einen haben gelacht, die anderen über den gestrigen Humor gegähnt.
Zum echten Aufregerthema wurde es erst viel später durch medial inszenierte Aufregung über angebliche Sprechverbote.
…und Winnetou frißt nen Mohrenkopp.
Einfach ignorieren, die Scheiße.
Ich muss ehrlicherweise gestehen, dass ich das Grundproblem nie verstanden habe. Also bei den Bezeichungen an sich. Die Bennennung ist ja eigentlich was positives. Es hat schon einen Grund, warum sich der Begriff Scheißkuchen nicht durchsetzt, Zigeunerschnitzel, Mohrenkopf, Eskimo (als Marke) oder Frankfurter schon. Aber vielleicht fehlt mir da auch die kulturelle Sensibilität.
Aber so gesehen habe ich auch das Gefühl, dass das Weiterspinnen der sprachlichen Abneigung zwangsläufig in dem oben nicht zu Unrecht kritisierten Beiträgen mündet. Oder fast münden muss.
Wie gesagt, es mag durchaus sein, dass mir hier Feinheiten oder auch Grobheiten entgehen, aber gefühlt ist das alles mehr selbsterfüllende Prophezeiung und Streißand-Effekt und es wäre relativ egal und schmerzlos, wenn man sich nicht (in beide Richtungen) drauf aufhängen würde.
Ich bin überrascht, wie viele Leute Sinn und Zweck der Übung nicht verstehen. Es geht nicht um die Frage "Zigeunerschnitzel ja oder nein", sondern darum, dass vorgeblich harmlose Accounts solche Fragen nutzen, um Kommentare zu provozieren – und es funktioniert.
Naja, aber sowas gibt es auf Social Media doch schon lange, nennt sich "Rage Bait".
Du diatractierst doch nur, Torsten!
Dass die Diskussion um das illustrierende Gericht geht und nicht um das Thema hat mich auch gewundert, als ich bei den Kommentaren ankam. Aber es zeigt, dass die Funktion des Mechanismus nicht an Facebook oder der dortigen Nutzerschaft liegt.
Die Antwort auf diese Frage ist wirklich nur eine Google-Suche oder nen Geschichte-Grundkurs entfernt. Aber wie der der Hausherr sagt, darum gehts hier nicht.
Ich bin unangemessen begeistert über die Verwendung des Begriffes "Hausherr". Danke dafür.
😒 Mir fallen schon seit ca. 6 Monaten diese komischen "Umfragen" bei Facebook auf:
Halloween verbieten? Ja 👍 Nein 😠
Fleisch zu Weihnachten? Ja 👍 Nein 😠
Silvesterfeuerwerk verbieten? Ja 👍 Nein 😠
Wölfe im Schwarzwald abschießen? Ja 👍 Nein 😠….
Alles so Seiten oder Personen, die ich weder kenne, noch folge. Man klickt den Blödsinn weg, und 5 Minuten später hat man wieder sowas vor der Nase.
Der Hintergrund ist offensichtlich: Facebook hat den Algorithmus extra so eingerichtet, um durch solche Beiträge maximal zu triggern und Emotionen zu erzeugen.
Ich werde mich von Facebook nun auch verabschieden – weil mir der Inhalt allgemein langsam echt auf den Sack geht. Fakes, Clickbaits, KI Schrott, dumme Werbung,…..
Man lebt echt besser ohne den Dreck!
Jein. Man muss ja eben nicht drauf reinfallen. Und ich habe sehr viele gute Diskussionen auf Facebook und bin in diversen spannenden Gruppen dabei, die sich im Griff haben.
Ist halt immer ne Frage der persönlichen Präferenzen. Ich hab' mir z.B. YouTube und Reddit so kuratiert, dass ich da zu gefühlt 99% für mich wirklich sehenswerte Inhalte bekomme. Und das, obwohl da mit Sicherheit mindestens ebenso viel Mist, Clickbait und Propaganda herum schwappt wie auf den anderen Plattformen. (Merke ich ja, wenn ich mir die Seiten versehentlich im ausgeloggten Zustand ansehe.)
Ich bin sicher, dass ich das für Facebook auch könnte, aber dazu fehlt mir im Moment die Motivation. Andere setzen da andere Prioritäten, und das ist auch okay.
Das hier ist KEIN Scherz, sondern Wittenberg:
Mit dem "fahrenden Volk" sind natürlich die Ragnicks gemeint.
Kutchek und Gore lassen grüßen.
Obskure Referenz for the win!
Ist das schön! Wenn ich mal ein Restaurant habe, kommen da die Ragnick-Buletten auf die Karte: zwei identische Fleischklöppse mit Paprikasosse.
Da fällt mir der Song "Wittenberg ist nicht Paris" von Kraftclub ein mit meiner Lieblingszeile "… und Nazis raus ruft es sich leichter, da wo es keine Nazis gibt". Sorry für den Abstecher.
Kraftklub, mit K
Verzeihung, den running Gag rund um die Band konnte ich nicht auslassen.
Wittenberg, bekannt für die Darstellung eines Vertreters eines semitischen Volkes als omnivores Säugetier.
Aber immerhin bieten sie Hering aus der „Bismark“ an,….
Bin kein Fan (mehr) von Dieter Nuhr, aber sein berühmtester Satz "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten", hat eine kleine Einleitung (ich zitiere aus dem Gedächtnis): "Das tolle an einer Demokratie ist, dass man zu allem eine Meinung haben darf. Muss man aber nicht!".
Durch Social Media hat sich das Problem noch verstärkt, indem Leute glauben, nicht nur zu allem eine Meinung "haben" , sondern sie auch "kundtun" zu müssen. Jeder kann senden und hält seine Meinung zu allem für unglaublich wichtig.
Dafür sind solche Rage-Bait-Fragen natürlich ideal. Jeder hat eine Meinung, Anekdote und mal was dazu gelesen und muss das der Welt mitteilen – in 160 Zeichen oder weniger.
Und diese Leute erwarten das auch von anderen. Es scheint mittlerweile inakzeptabel zu sein, zu sagen: "Sorry, da kenn ich mich zu wenig aus" oder "Das tangiert mich einfach überhaupt nicht".
"Better to remain silent and be thought a fool than to speak and to remove all doubt."
Und wenn man zugibt, dass man sich keine Meinung bilden kann und keine Meinung hat wird man auch noch schief angeschaut.
"Wie, du musst doch eine Meinung dazu haben."
Ich habe das vor Jahren zum Thema Corona schon ausgeführt.
Das ist der Stoff, der auf den dopamingeschwängerten sozialen Medien funktioniert. Es geht nur um die Aufregung und das vorsichtige Heranführen an Feindbilder. Facebook ist da mit seinem höheren Altersschnitt für solche "Themen von damals" sicher noch anfälliger. Nutzer die diese Frage empfehlen, empfehlen auch: "Würdest du dir von den Grünen deine Gasheizung verbieten lassen?"
Zusammenfassend kann
manKI schreiben:Perplexity:
Die politische Ausrichtung des Facebook-Kontos "Nostalgie tv" (https://www.facebook.com/p/Nostalgie-tv-100088660701684/
) scheint rechtskonservativ bis rechtspopulistisch zu sein. Es postet kritisch über SPD und AfD-Prüfungen, erwähnt CDU-Strukturen in Ostdeutschland und thematisiert oft migrations- oder gesellschaftskritische Inhalte.
Solche Accounts passen in ein Muster, wo Nostalgie politisch instrumentalisiert wird, um rechte Positionen zu pushen, ähnlich AfD-naher Inhalten. Direkte Parteizugehörigkeit ist nicht bestätigt, aber der Ton deutet auf Sympathie für AfD oder Konservative hin.
Nachtrag:
das war über die Seite an sich, auf Nachfrage, wie die Kommentare aussehen:
Die Kommentarspalten unter Posts des Facebook-Kontos "Nostalgie tv" (https://www.facebook.com/p/Nostalgie-tv-100088660701684/
) sind typisch für rechte Nostalgie-Seiten: emotional aufgeladen, zustimmend und oft polarisierend. Sie spiegeln Vorurteile wider, die durch den Content (z. B. AfD-Kritik, Ostdeutschland-Themen) verstärkt werden.
Charakteristika
In solchen Spalten herrscht eine Kultur der Bestätigung rechter Narrative, mit wenig Gegenrede – typisch für Nostalgie-Gruppen auf Facebook. Direkte Beispiele sind öffentlich einsehbar, aber toxisch und emotional.
Nicht meine Ecke des Internets 🙂
Dazu passt ein schöner Kommentar, der mir mal bei YouTube begegnet ist und an den ich immer häufiger denken muss: „ Say "no" to weaponized nostalgia.“
Sehr interessant, dass viele dieser Engagement-Posts mittlerweile so funktionieren, dass man eine Abstimmung in den Raum stellt und die nicht erwartete Reaktion ein Like, die andere ein Herz ist.
Prominent grad: Sollte Schweinefleisch in den Kantinen verboten werden?
Like: Ja
Herz: Nein
Und natürlich vergeben die Leute ihre Herzen wie verrückt. Da muss ja wirklich fast davon aussgehen, dass die Leute sowas bewusst machen.
Lieber Torsten,
Ich lese Deinen Blog schon seit Ewigkeiten und hatte regelrecht Angst davor, den Artikel zu lesen.
Der Grund?
In meinem RSS-Reader wird immer nur ein quadratisch beschnittenes Vorschaubild gezeigt — und dort war nur der „Anreisser/Zitat“ mit dem Zigeunerschnitzel zu lesen. Ich hatte wirklich die Befürchtung, Du wärst in diese gruselige „Ich-lass‘-mir-mein-Schnitzel-nicht-verbieten“-Richtung abgedriftet und habe erstmal eine mehrtägige Lesepause eingelegt, um mich darauf vorzubereiten, was dann glücklicherweise doch nicht kam.
Danke, dass ich falsch lag, es wäre traurig gewesen.
Beste Grüsse, Christoph
Danke für die netten Worte. Ich verstehe deine Besorgnis – ich kann ja durchaus manchmal stur und etwas chauvinistisch sein. Ich versuche allerdings, mich klar vom Stammtisch abzusetzen, was Douglas Adams schön mit "kradolfen" umschrieb.
Auf hoffentlich noch mehrere gemeinsame Jahre…!
Man wird mich hier mit den Füßen voran raustragen müssen.