23
März 2026

München hat gewählt – und wie!

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Ich äußere mich hier ja immer seltener politisch, weil es mich zu sehr aufregt und zu wenig Konsequenzen hat. Stattdessen ziehe ich mich mit zunehmendem Alter in meine Blase zurück und hoffe, dass die Welt die Füße still hält, bis ich in die Kiste gehe. Man wird bescheiden.

Angesichts der Oberbürgermeisterwahl in München 2026 liegt der Fall allerdings anders, weil es mich hier durchaus betrifft und weil die Wahl ein erstaunlich-erfreuliches Beispiel für ein politisches Erdbeben der genau richtigen Stärke ist.

Für alle, die verständlicherweise keine Ahnung von der Münchner Politik haben: Obwohl im tief schwarzen Bayern gelegen, wird München seit Kriegsende von der SPD geführt. Das Rathaus der Stadt ist dabei eine urgemütliche Variante des Gefängnis-Manhattans von DIE KLAPPERSCHLANGE: einmal drin, kommst du nie wieder raus. Thomas Wimmer 12 Jahre, Hans-Jochen Vogel 12 Jahre, Schorsch Kronawitter mit Pause 15 Jahre, Christian Ude 21 Jahre, Dieter Reiter 12 Jahre.

Der einzige CSU-Bürgermeister stolperte nach ein paar Jahren prompt über eine hässliche "Bauland-Affäre", die geradezu exemplarisch der Verfilzung lokaler Politik und Wirtschaft entsprach, wie sich der Mann von der Straße sie vorstellt.

Nun wollte Dieter Reiter mit der Wahl 2026 die Weichen stellen, um 18 Jahre lang OB sein zu können, auch wenn ich vermute, dass er auf halber Strecke einen Nachfolger installiert hätte, um der SPD weiterhin das Rathaus zu sichern.

Es galt als relativ sicher, dass Reiter erneut gewählt wird. München geht es gut, die AfD hat in der Innenstadt vergleichsweise wenig Rückhalt, und jo mei – wenn man was ändert, besteht halt die Gefahr, dass sich was ändert.

Dementsprechend führte Reiter den Wahlkampf. Während praktisch alle Parteien Versprechungen machten und Reformen verlangten, proklamierte der SPD-OB schlicht "München. Reiter. Passt.". So, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Ein Naturgesetz. Wer München sagt, meint Reiter. Und umgekehrt.

Schon das hat mich angekotzt. Diese Gutsherrenart, dieses "L’État, c’est moi". Kein Programm, nur Persönlichkeit, wie bei Persil: da weiß man, was man hat.

Aber was hatte man denn bei Reiter? Klar, "he looked the part", hatte ein souveränes staatsmännisches Auftreten, teilweise besser noch als der Ministerpräsident. Aber für mich als politisch nur mäßig Interessierten war Reiter auch ein Mann ohne Eigenschaften. Einer, der sich dabei gefiel, eine weitgehend selbstlaufende Stadt ohne wirklichen Reformwillen oder Charakter vor sich hin wurschteln zu lassen. München ist nicht Berlin, da ist Oberbürgermeister kein Stressjob. Viel Zeit für Abende in Luxusrestaurants und in der Allianz-Arena.

Im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren glaube ich nicht, dass Reiter auf dem Weg in die dritte Amtszeit nur über den Posten und das Geld von Bayern München gestolpert. Klar war das so falsch und dumm wie nur was, aber es war auch noch mehr: es war für die Münchner der Beweis, dass Reiter es sich nicht nur im Rathaus bequem gemacht hatte, sondern dass er sich auch nicht mehr an die Spielregeln dieser Bequemlichkeit gebunden fühlte. Man hätte ihn durchgewunken, aber er hatte auf den Teppich gekackt.

Und so war die Wahl vor ein paar Wochen auch eine böse Klatsche für Reiter und er musste unerwartet in die Stichwahl. Sein Herausforderer kam nicht von der CSU, sondern vom Koalitionspartner Die Grünen. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Dominik Krause gar nicht auf dem Wahlzettel gestanden hätte, wenn seine Parteigenossin Katrin Habenschaden nicht 2023 überraschend das Handtuch geworfen hätte, um einen weniger stressigen, dafür aber lukrativeren Job bei der Bahn anzunehmen.

Ich war gespannt, wie Reiter die Stichwahl angehen würde, wie er das Steuer rumreißen würde. Es hat mich dementsprechend überrascht, dass er selbst in dieser Phase jeden politischen Instinkt vermissen ließ und allen Ernstes stur auf ein "weiter wie bisher" setzte:

"Jetzt gilt’s"? JETZT gilt’s? Frei nach dem Motto "bis hierher war’s nur Spaß, aber nun wählt mal schön wieder den OB, wie es sich gehört"?

Gestern morgen sagte ich entnervt zur LvA beim Frühstück "ich glaube nicht dran, aber wäre es nicht allein wegen dieser Arroganz großartig, wenn die Münchner tatsächlich Dominik Krause zum OB wählen würden?"

Da kann man mal wieder sehen, wie viel Ahnung ich habe – gegen 20.00 Uhr stand gestern Abend fest, dass die Münchner mit 56,4 Prozent der Stimmen Dominik Krause zum neuen Oberbürgermeister gewählt haben.

Reiters primäres Statement? "Ich hab’s verbockt". Das kann man wohl sagen.

München hat nun einen grünen, schwulen, jungen Bürgermeister. Die Attribute liste ich nicht nach Relevanz, zwei halte ich auch nicht für entscheidend.

Ehrensache, dass man in der Facebook-Gruppe "I love München" augenblicklich wieder am Rad dreht, als handele es sich um die Wiederkehr des Föhrers:

Es schaudert mich, dass es solche Menschen gibt – und dass sie ihren Hass für eine Meinung halt, die sie stolz und laut äußern. Andererseits begeistert es mich, dass sie nun in ihre Tischkanten beißen, weil sie eben doch nix zu sagen haben.

Und nun?

Ich sehe das als Chance. Ich hatte ja erst letzte Woche geschrieben, dass sich in München was ändern muss. Mehr Wohnungsbau gerade für die mittleren Einkommen. Ein schnellerer Umbau der Innenstadt und des ÖPNV, um dem Wandel der Gesellschaft auch durch das Internet Rechnung zu tragen.

Wachsen, ohne zu wuchern.

Wird Dominik Krause das schaffen? Oder wird er auch nur wieder Klientelpolitik produzieren, diesmal für das Glockenbachviertel und die Uni? Ist die Alternative zu rotem Filz letztlich nur grüner Filz? Ich lasse mich gerne überzeugen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich über die Wahl von Krause freue, obwohl ich ihn selbst nicht gewählt habe: Es kann sich endlich mal wieder was bewegen in München. Das ist die Hauptsache. Die Richtung ist mir vergleichsweise egal. Mich hat nur dieser selbstgerechte Stillstand so angekotzt.

Go, Dominik!



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Michael Hoppe
23. März, 2026 11:13

Kleine Korrektur 🙂 Christian Ude war 21 Jahre Bürgermeister

heino
23. März, 2026 13:55

Ich beneide euch und auch München. Hier hätte es bei der letzten OB-Wahl auch mit einer grünen Kandidatin vielleicht mal etwas mehr Willen zur Veränderung geben können, stattdessen wurde mit Thorsten Burmester (SPD) einer aus der Schröder-Riege gewählt, der die Agenda 2010 mitverbrochen hat und sofort verlauten ließ, dass Henriette Reker ja generell alles falsch gemacht hätte und er das Schiff binnen kürzester Zeit wieder auf Kurs bringen könnte. Die kalte Dusch kam praktisch sofort, als der Stadtrat (von der CDU geführt) ihm direkt mal alles verweigerte und die Landesregierung im selbst mit € 2 Milliarden verschuldeten D-Dorf uns die dritte Haushaltsperre in nicht mal 2 Jahren verpasste

Walter K. aus H.
23. März, 2026 21:29
Reply to  heino

Die Haushaltssperre hat AFAICS die Kölner Kämmerin selbst ausgesprochen. Die Landesregierung in Düsseldorf hat nichts damit zu tun, die Stadt Düsseldorf schon gar nicht.

Gewerbesteuereinnahmen gingen in D runter, und die Infrastruktur wird alt und braucht mehr Investment.

heino
24. März, 2026 06:42

Ich habe nicht gesagt, dass die Stadt Düsseldorf das getan hat, sondern die Landesregierung, die dort ihren Sitz hat. Und das wurde von der Presse so kommuniziert

jimmy1138
23. März, 2026 18:43

"Schon das hat mich angekotzt. Diese Gutsherrenart, dieses "L’État, c’est moi". Kein Programm, nur Persönlichkeit, wie bei Persil: da weiß man, was man hat."

Also die SPÖ bei uns in Wien macht das genauso, aber da nach richtiger Gutsherrenart, weil da gibt’s (noch) was zum Verteilen: Gemeindewohnungen oder Jobs. Gepaart mit großteils kompetenter Verwaltung (auch wenn es im Gesundheits- und Schulsystem etwas kracht) ein deppensicheres Modell.

Feivel
23. März, 2026 18:58

Mal ganz doof als Nicht-Bayer nachgefragt (und nicht als contra zu irgendwas im Beitrag gemeint): Hat der OB in München viel Einfluss? Ich dachte, die Aufgabe eines OB wären hauptsächlich verwaltungstechnischer Natur, eingepfercht in das enge Korsett von Regeln und Gesetzen – darum ja auch die vergleichweise langen Amtszeiten. Der einzige OB, bei dem ich mich an etwas "kreativere" Amtsführung erinnere, wäre Boris Palmer in Tübingen. Und dessen großer Erfolg war, dass es da beim McDonalds jetzt Mehrwegverpackungen gibt.

Also eher so in die Richtung "Man merkt es nicht, wenn sie ihren Job gut machen – aber sofort, wenn sie ihn schlecht machen". Was ja laut Beitrag beim alten OB der Fall gewesen ist.

Sven
23. März, 2026 22:36

Grandioser Tweet von Ricarda Lang: „Ich glaube, ich fahre zum nächsten Oktoberfest, einfach nur, um neben Markus Söder zu stehen, wenn er einem Grünen zuschaut, wie er das Fest eröffnet.“

Was habe ich gelacht;-)

Serienfan
24. März, 2026 10:08
Reply to  Sven

Nicht zu vergessen: Erstmals wird neben dem Bürgermeister beim Anstich nicht die Gattin im Dirndl stehen, sondern ein Ehemann. Vermutlich in Lederhose.

Nachdem gerade ein Arbeitskollege "schwuler OB, das hät’s unter Franz Josef nicht gegeben" von sich gab, freut es mich umso mehr, ganz abgesehen davon, dass ich einen Verein zur "Abschaffung der Demokratie" gegründet hätte, wenn Reiter bei so vielen Böcken und offensichtlicher Lustlosigkeit erneut gewählt worden wäre.

Edin Basic
24. März, 2026 19:48

Andere Zeiten.
Christian Ude war 13 Jahre lang Aufsichtsrat bei 1860 München und gleichzeitig OB.
Wieso ist es bei Dieter Reiter jetzt zum Skandal aufgeblasen geworden.
Ich will die Fehler und Selbstgefälligkeit von Reiter nicht verteidigen.
Erstaunlich ist es aber schon,das wie bei der Wahl in Baden-Württemberg Leaks punktgenau aufploppen.

24. März, 2026 21:09
Reply to  Edin Basic

Der Leak poppte deshalb "punktgenau" auf, weil: "Doch als Dieter Reiter am 23. Februar erstmals an einer Aufsichtsratssitzung teilnahm, tat er das bereits als ordentliches Mitglied des Gremiums oder nur als Gast? Als Gast, erklärte der OB vergangenen Mittwoch auf Befragung durch mehrere Stadträte zunächst – und musste sich noch am selben Tag korrigieren." (Quelle: Zeit.de)

Da muss man keine Verschwörungstheorien andeuten.

sven
25. März, 2026 09:07
Reply to  Edin Basic

Die 20.000 Euro, die er im Jahr bekam und nicht meldete, haben sicher auch nicht zur positiven Einschätzung der Situation beigetragen.

Hairy Ass Truman
28. März, 2026 13:59

Was? Reiter ist ein Mann ohne Eigenschaften?? Damit passt er doch exakt in die politische Landschaft.