Kino Kritik: GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE
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Story: Ein seltsam gekleideter Mann stürzt in ein nächtliches Diner und verkündet den Gästen, dass er aus der Zukunft gekommen ist, um die bevorstehende Apokalypse durch die KI zu verhindern. Es ist bereits sein 117. Versuch, genau die richtigen Mitglieder für ein Team auszuwählen, mit dem er es in die Vorstadt schafft, wo in wenigen Stunden das Schicksal der Welt entschieden wird. Oder ist er doch nur ein verrückter Penner?
Kritik: Wir leben in einer Zeit, der die Aufhebung der klassischen Laufzeitgrenzen von Kino und Fernsehen nicht unbedingt gutgetan hat. Stoffe werden aufgeblasen, Filme zu Serien ausgewalzt (WESTWORLD, 12 MONKEYS, DEAD RINGERS, TRUE LIES), Miniserien verlieren sich in Flashbacks, die ganze Episoden füllen, und selbst drei Stunden Kino sind längst kein abschreckender Gedanke mehr (OPPENHEIMER, AVATAR: THE WAY OF WATER, THE BRUTALIST). Je stärker sich das Geschäftsmodell von verkauften Tickets zu gehaltenen Abonnements verschiebt, desto dominanter wird die Devise, aus jedem Stoff das Maximum an „Content“ zu pressen – und ja, für mich war die gesellschaftliche Normalisierung dieses Wortes ein ziemlich verlässliches Alarmsignal.
GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE dreht diesen Reflex erfrischend radikal um. 134 Minuten, die sich wie 80 anfühlen; eine Story, aus der Apple+ problemlos drei Staffeln extrahiert hätte; Flashbacks, die bei Netflix als separate Spinoffs gelandet wären. Dieser Film ist „packed“ auf eine Weise, die man im Kino selten geworden ist. Verdichtetes Erzählen, Kino als Essenz: ein Konzentrat, das man ohne Mühe verdünnen könnte – aber gerade deshalb so kraftvoll bleibt.
Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zuletzt einen Film gesehen habe, der nicht nur alles will (Drama, Komödie, Action, Science Fiction, Horror – die Liste ließe sich fortsetzen), sondern tatsächlich alles kann. Jede Figur hat Gewicht, jede Dialogzeile trifft, der Soundtrack ist nie Beiwerk, und selbst die Locations erzählen mit.
GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE ist eine Lehrstunde im Storytelling. Die Rahmenhandlung funktioniert nicht als Klammer, sondern als Motor, der die Flashbacks der zentralen Figuren organisch integriert – keine Pause, sondern Erweiterung des Worldbuildings. Die Twists kommen in schneller Folge, überraschend, manchmal fast absurd, aber nie willkürlich. Man spürt jederzeit: Hier wird nicht getrickst, hier wird konstruiert. Selbst die wildeste Wendung ist vorbereitet, gewollt und rückblickend zwingend. Diese Vielzahl an Themen, Motiven und Motivationen so zu orchestrieren, ohne dass der Film auseinanderfällt, zeugt von außergewöhnlicher Kontrolle.
Sam Rockwell ist herausragend, gerade weil er die Exzentrik seiner Figur nicht ausreizt. Weniger Exzess, mehr Präzision – Nicolas Cage hätte das vermutlich überzeichnet. Rockwell erinnert eher an John Glover. Michael Peña bleibt angenehm zurückgenommen. Und Juno Temple findet diese seltene Balance: gleichzeitig bezaubernd und herzzerreißend.
Ich mache das selten, aber hier bleibt mir nichts anderes übrig: Ich lege meine Reputation als Kritiker in die Waagschale und fordere euch auf – eigentlich fordere ich euch heraus –, GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE im Kino zu sehen. Dort entfaltet er seine Wirkung, dort gehört er hin. Ich bürge für diesen Film und verspreche … nein: Ich garantiere euch ein Erlebnis.
Fazit: 12 MONKEYS meets SCHNEEFLÖCKCHEN und MATRIX. Eine Atombombe von einem Film – kontrolliertes Chaos der besten Sorte. Ein "must see" wie schon lange nicht mehr. Wie Mark Tinta korrekt schrieb:
"The first great movie of the year"
Heißt der gute Mann nicht Sam Rockwell?
Wie es ja auch in den Credits steht. Flüchtigkeitsfehler.
Kein Problem, kann passieren. 😊
Ich vergaß die Frage nach dem obligatorischen Tanz im Film von Herrn Rockwell und schließe mich dem Kommentar von jimmy1138 an.
In den USA an der Boxoffice leider komplett abgesoffen und nicht mal mit einem richtigen wide release (ähnlich, wenn nicht ganz so schlimm wie bei "Cold Storage")
Und die wichtigste Frage: Tanzt Sam Rockwell im Film?
Nein.
Gab es beim Fantasyfilmfest in den letzten Jahren nicht einen asiatischen Film mit ähnlicher Story?
"Ich kann mich kaum erinnern, wann ich zuletzt einen Film gesehen habe, der nicht nur alles will (Drama, Komödie, Action, Science Fiction, Horror – die Liste ließe sich fortsetzen), sondern tatsächlich alles kann. Jede Figur hat Gewicht, jede Dialogzeile trifft, der Soundtrack ist nie Beiwerk, und selbst die Locations erzählen mit."
Für mich war "Everything everywhere all at once" zuletzt ein solches Erlebnis, bei dem Marvel sich mal hätte abschauen können, wie man ein Multiverse richtig erzählt.
That said, ich freue mich auf den Film. Verbinski hat bei mir immer noch für "Mäusejagd" einen Stein im Brett und Rockwell ist halt immer gut.
Der Vergleich mit EEAAO wurde an anderer Stelle in der Tat schon mehrfach gezogen.