Kino Kritik: COLD STORAGE
Themen: Film, TV & Presse |Regie: Jonny Campbell
Darsteller: Georgina Campbell, Joe Keery, Sosie Bacon, Vanessa Redgrave, Lesley Manville, Liam Neeson, Darrell D’Silva, Daniel Rigby u.a.
Offizielle Synopsis: Das Prinzip ist aus dem Umgang mit vielen Lebensmitteln bekannt: Eine adäquate Kühlung ist essentiell, um eine unkontrollierte Ausbreitung von Parasiten zu verhindern. Hat man es jedoch mit einem hochgradig infektiösen Killer-Pilz-Parasiten zu tun, kann eine ununterbrochene Kühlung schon mal über den Untergang der Menschheit entscheiden – und wer sollte diesen besser abwenden als zwei ahnungslose Mitzwanziger in der Nachtschicht?
Kritik: Ich nerve euch jetzt mal wieder mit Hintergrund-Info, die mit dem Film nichts zu tun hat – because I can and because that’s what you are here for.
Vor über 15 Jahren stieß ich im Internet auf den Teaser für einen geplanten deutschen Horrorfilm namens… COLD STORAGE:
Das fand ich konzeptionell interessant und weil ich damals noch als Drehbuchautor und Entwickler unterwegs war, kontaktierte ich einen der Produzenten. Vielleicht gab es ja die Möglichkeit, irgendwie zusammen zu arbeiten. Er schickte mir das Drehbuch, ich machte mir Notizen – wir trafen uns tatsächlich in einer Autobahnraststätte.
Leider war das Treffen ein Debakel: Kritik wollte der Produzent nicht hören, den massiven Ballast mit gleich drei Ebenen an Backstory in der ersten Hälfte fand er super, und statt das Projekt um der Produzierbarkeit ein wenig zu schleifen, wollte er es sogar weiter aufpumpen – der neuste Idee war es, komplett in 3D zu drehen.
Ich habe in meiner Zeit als Entwicklungschef diverse "first timer" getroffen, manche erfolgreich, die meisten nicht. Der Grund ist eigentlich immer gleich: wenn jemand sich Kritik nicht mal anhört, sondern sofort auf Rechtfertigung und Selbstverteidigung schaltet, ist das Projekt für mich schon gestorben. Gerade im Low Budget-Bereich sind Anpassungsfähigkeit und Flexibilität eine Kardinaltugend.
So gaben wir uns am Ende des Treffens die Hand, beide wissend, dass wir miteinander nicht konnten. Dieser COLD STORAGE wurde nie produziert.
Und damit zum NEUEN COLD STORAGE, der für einen B-Monsterfilm mit erstaunlichen Schwergewichten aufwartet: Liam Neeson hat gleich noch seine ehemalige Schwiegermutter Vanessa Redgrave mitgebracht, Autor David Koepp hat JURASSIC PARK, MISSION: IMPOSSIBLE, SPIDER-MAN, und DIE MUMIE geschrieben, und Jonny Campbell hat mit WESTWORLD, DRACULA, DOCTOR WHO und SHAMELESS einige der hochkarätigsten Serien der letzten Jahre inszeniert.
Das ändert nichts daran, dass COLD STORAGE sehr augenscheinlich auf Sparflamme gedreht wurde: trotz der globalen Gefahr und der Involvierung des US-Militärapparats benötigt das Skript gerade mal ein halbes Dutzend Figuren (plus Kanonenfutter) und gerade mal eine "main location", um die Story eines pilz-induzierten Zombie-Ausbruchs zu erzählen. Das ist ein sehr beeindruckendes Beispiel von "world building".
Die Tatsache, dass hier nichts wirklich neu ist und die bekannten Versatzstücke und Klischees bestenfalls einen Remix durchlaufen, kontert COLD STORAGE sehr clever mit Humor, comic-esk überzogenen Figuren und einer kindlichen Spielfreude in Sachen Splatter. In diesem Kontext sind kleinere Schwächen in Sachen CGI verzeihlich.
Den Satz "öffne deinen Mund, ich will hinein kotzen" habe ich außerhalb unappetitlicher Fetisch-Pornos auch noch nicht gehört.
Was COLD STORAGE von dem ganzen Monster-Müll abhebt, der auf dem Fantasy Filmfest gerne den Mitternachts-Programmplatz belegt, ist die schiere Geschwindigkeit: der Film wirkt, als habe man eine dreiteilige Miniserie um jede überflüssige Dialogzeile und jede Füllszene bereinigt, bis nur noch das "best of" übrig war. Action, Gags, Action, Action, Gags, Action, Action, Action. Ein Sprinter mit Bestzeit. Goldmedaille.
Im Zeitalter überblasener, die Laufzeit strapazierender Fake-Blockbuster und räudiger Amateurfilme, die es auf irgendwelche Streaming-Plattformen schaffen, überzeugt COLD STORAGE mit geradezu altmodischen Qualitäten: er ist gut gedreht, gut gespielt, bleibt beim Thema, und überstrapaziert die Geduld des Zuschauers nicht. In dieser Beziehung erinnert er an die goldenen Jahre des B-Horrors von 1978 bis 2000, an Filme wie MUTANT, DEEP RISING, RELIC, KOMODO, SCREAMERS, PITCH BLACK.
Eine ganz andere Frage ist, ob man für so etwas 10 Euro im Kino bezahlen sollte. Da bin ich hin- und hergerissen. Normalerweise würde mein Urteil lauten: nein. COLD STORAGE ist genau die Sorte Film, die Streamer wie Netflix oder Amazon auf einer Arschbacke produzieren könn(t)en. Der funktioniert in 4K auf 65 Zoll ganz prima, ob im Streaming oder von der Scheibe. Im Rahmen des FFF würde der sicher abgefeiert. Aber im Kino, so ganz regulär mit ganz regulärem Publikum?
Andererseits: Wenn wir solche Filme nicht unterstützen und den Verleihern zeigen, dass wir sie zu würdigen wissen, dann werden sie mittelfristig nicht mehr produziert und wir müssen unser Popcorn zu RETURN TO SILENT HILL mampfen. Dass kann doch auch nicht die Lösung sein!
The choice is yours.
Fazit: Ein ungeheuer rasanter Monster-Actionfilm, der zwar das Genre nicht neu erfindet, aber mit sympathischen Figuren und ebensolchen Darstellern 99 Minuten in Rekordzeit rum bringt.
Der Trailer trifft Ton und Tempo genau:
P.S.: Dass man so ein Konzept gut und schlecht umsetzen kann, lässt sich auch schön am Vergleich mit Johannes Roberts STORAGE 24 sehen.
An Storage 24 musste ich auch beim schauen des Trailers denken – mit all den miesen Gefühlen, die ich deswegen habe. Schön zu hören, das der Film scheinbar doch kein Volldesaster ist, wie ich erwartet hatte durch meine Erfahrung. Aber ob ich dafür ins Kino gehe – sorry.
Das ist übrigens die Verfilmung des Romans "Cold Storage" von David Koepp selbst. Den Trailer fand ich amüsant, wenn der zu vernünftigen Zeiten im Kino läuft, sehe ich ihn mir an
Ja, das passte in den Review nicht mehr rein. Steht auch so im Vorspann. Meine These: Koepp hat das Drehbuch sehr günstig geschrieben, um eine Verfilmung seines Romans zu ermöglichen.
Der Roman war super. Liest sich wie ne Tüte Chips und war schon sehr filmisch angelegt. Schön, dass Koepp seinen Wille jetzt bekommen hat.
Mit Joe Keery hat der Film einen der beliebtesten Stranger Things Stars an Bord, der "die jungen Leute" ins Kino locken könnte.
Ich glaube weiterhin (based on empirical evidence), dass TV-Karrieren sehr selten Kinofilme pushen.
Absolut. Einerseits spricht man eh schon eine Weile vom Tod des Filmstars und davon, daß Filme kaum mehr über Stars vermarktet werden können, weshalb die Kinocharts von Fortsetzungen und Franchises dominiert werden. Andererseits schaffen noch immer TV (bzw Streaming) Stars es, sich als Kinostars zu etablieren. Jüngstens eventuell Zendaya oder Chris Pratt, davor hatten wir eineinhalb Friends und der letzte richtig große Kinostar, der aus dem TV kam, war Clooney.
Trotzdem ist Keery offensichtlich der Star – er wird ja in Poster und Trailer-Thumbnail zentral platziert und nicht etwa Neeson (obwohl der in letzter Zeit auch viel Dutzendware produziert hat).
Datt is natürlich mal wieder kompletter Kappes. Weil: Chris Pratt war durch Parks & Rec kein Star geworden und GUARDIANS OF THE GALAXY wurde kein Hit, weil die Leute sagten "hey, der Typ aus Parks & Rec". Ähnlich wie Zendaya, die bestimmt nicht das Zugpferd von Spider-Man war/ist. Clooney hat Jahre gebraucht, um gegen den Nimbus des TV-Stars anzukämpfen – und das ist fast 30 Jahre her. Keery wird zentral platziert, weil er die Hauptrolle spielt.
Sorry, da hab ich im Satz oben ein Wort vergessen. Sollte eigentlich heißen
"Andererseits schaffen noch immer TV (bzw Streaming) Stars es kaum, sich als Kinostars zu etablieren."
Ich gebe bei Zendaya und Pratt absolut recht – das waren aber so ziemlich die einzigen möglichen Beispiele der jüngeren Geschichte, die mir irgendwie einfielen. Cumberbatch vielleicht? Wobei Sherlock mit herkömmlichen US-TV-Serien wenig zu tun hatte.
Breaking Bad, Mad Men, Lost, Seinfeld oder Game of Thrones haben alle keine echten Kinostars hervorbringen können. Und vom Stranger Things Cast arbeitet Millie Bobbie Brown mittlerweile auch fast exklusiv für Netflix…
Ich wollte eigentlich widersprochen, dass Zendaya ihren Euphoria-Ruhm erfolgreich in eine Kinokarriere umgemünzt hat.
Dann hab ich gegoogelt und baff festgestellt, dass der erste Spider-Man 2 Jahre älter als Euphoria ist. Ups.
Was aber auf jeden Fall stimmt, ist, dass bisher ihr Celebrity-Status ihren Filmstar-Status überstrahlt – so einen richtig großen erfolgreichen Film alleine getragen hat sie bisher nicht.
"Den Satz "öffne deinen Mund, ich will hinein kotzen" habe ich außerhalb unappetitlicher Fetisch-Pornos auch noch nicht gehört"
Bedeutet das, dass du in innerhalb dieser Pornos schonmal gehört hast?
Nein, aber da kann ich ihn mir zumindest vorstellen. Es gibt ja nix, was es nicht gibt.
Ich denke, ich werde da reingehen. Aber die Schwelle dafür ist bei mir eh immer niedrig. 😁
Und ich würde sagen, dass Vanessa Redgrave immer noch Neesons Schwiegermutter ist. Er hat sich ja nicht scheiden lassen, sondern Natasha Richardson ist gestorben. Und die gemeinsamen Kinder gibt es ja auch noch.