Ich bin mein Schönheitsideal
Themen: Film, TV & Presse, Künstliche Intelligenz, Neues |In diesem Artikel geht es um Selbstverständnis, um KI, um Schönheitsideale und um die Frage, wie das eigene Altern wahrgenommen werden soll/darf.
Es ist kein Geheimnis: ich werde älter. Krähenfüße um die Augen, durchgehend graue Haare, welkes Fleisch ((c) Harold & Maude). Die Schönheit und die Frische der Jugend – sie halten nicht ewig:
Darum ist es umso wichtiger, dass die LvA weiterhin in der Lage ist, Fotos von mir zu schießen, auf denen ich mir selbst gefalle. Sie hat ein Händchen dafür, weil ich ihr – angeblich – ja auch gefalle.
Vor zwei Wochen waren wir in der Skybar des Andaz-Hotels in Schwabing. Auf dem Weg von den Cocktails zum Abendessen in einem asiatischen Restaurant in der Nähe hielten wir an einer Treppe in der Hotellobby und die LvA meinte: "Setz dich da mal hin, ich mache ein Foto von dir."
Mit dem Ergebnis zeigte ich mich sehr zufrieden, obwohl die Lichtsituation nicht ideal war: zu grelles weißes Licht von oben überstrahlte meine Stirn, legte meinen Oberkörper in Schatten, und meißelte jede einzelne Falte harsch ins Gesicht.
Kein Problem: Da kann die KI helfen. Ich bat ChatGPT
please sharpen, focus, adjust exposure, balance colors, reduce glare, and lighten the shadows on the face and body. Do NOT alter face, hair, posture, or facial features.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen – es entspricht exakt dem Original, nur etwas besser ausgeleuchtet und mit einer wärmeren Atmosphäre.
Kein Zweifel: das bin ich, so sehe ich aus. Nicht immer, aber an guten Tagen und wenn ich mich mal anständig angezogen habe.
Mit dem Bild war ich so zufrieden, dass ich es für eins meiner ersten Experimente in Sachen Animation verwendet habe. Ich bat Gemini, den Mann im Bild freundlich winken und dann die Treppe hinauf gehen zu lassen.
Das Ergebnis ist geradezu erschreckend perfekt:
Dann ging ich aber einen Schritt zu weit. Weil ich die Falten auf dem Foto ein bisschen zu betont fand, bat ich ChatGPT, das Gesicht minimal zu glätten, um dem näher zu kommen, was ich morgens im Spiegel sehe.
Das Ergebnis? Dewi in der Dressman-Version. Ein Silberfuchs, fürwahr:
Ich war über meine eigene Reaktion schockiert, denn ich war… schockiert. Klar kann man argumentieren, dass dieser Mann nochmal attraktiver, jünger und viriler wirkt als ich. Aber genau das ist das Problem: dieser Mann bin nicht ich. Ich erkenne jemanden, der mir sehr ähnlich sieht, aber ich kann mich mit ihm nicht identifizieren.
Nun könnte man das abhaken. Ich brauche das Bild ja nicht verwenden. Tue ich auch nicht. Aber es brachte mich zum Nachdenken darüber, dass ich – und vielleicht ein Großteil meiner Geschlechtsgenossen – eine verblüffend unzeitgemäße Einstellung zur Selbstdarstellung haben.
Liegt es am Alter? Am XY-Chromosom?
Fakt ist: Gerade online ist es nicht nur geläufig, sondern fast Standard, dass man sich "aufhübscht". Der "beauty filter" wird von vielen Frauen als das wichtigste Feature empfunden, damit man in Influenzer-Videos und auf tik tok so attraktiv wie möglich rüber kommt. Auch wegen dieser Echtzeit-Manipulation gilt heute die Maxime "60 is the new 40". Sagte man früher "man ist so alt, wie man sich fühlt", wandelt ein nicht unbeträchtlicher Teil der weiblichen Öffentlichkeit das in "man darf so alt aussehen, wie man sich fühlt" um. Forever21. Man kann auch 16 mal den 29. Geburtstag feiern.
Ein krasses Beispiel dafür lief mir kürzlich über den Weg. Im Rahmen der Charles Band-Bücher, bei denen ich Ko-Autor war, habe ich über das Erotik-Label des Produzenten geschrieben, Surrender Cinema. Dort gab es vier oder fünf Darstellerinnen, die immer wieder Hauptrollen bekamen, weil sie "fan favorites" waren: Jacqueline Lovell, Taylor St. Clair, Gabriella Hall – und Mia Zottoli.
Damals, Ende der 90er, war Zottoli ein gefragtes Softsex-Model und ich habe dieses Bild aus offensichtlichen Gründen entsprechend beschnitten:
Sie begann Anfang der 2000er eine Beziehung mit Thomas Haden Church (SPIDER-MAN 3), bekam zwei Kinder von ihm. Obwohl sie nie verheiratet waren, firmiert sie seither als "Mia Church". Sie zog sich aus der Filmbranche zurück. Als Alternative startete sie eine erfolgreiche Karriere als Fotografin.
Vor ein paar Tagen hat Mia Church auf Social Media ein neues Foto von sich online gestellt, bei dem ich dreimal hinschauen musste:
Abgesehen davon, dass ich hier an keiner Stelle mehr die Mia Zottoli aus z.B. SHANDRA: THE JUNGLE GIRL erkenne, fällt mir vor allem die Diskrepanz zwischen der Haut im Gesicht und der Haut an Hand und Hals auf.
Fun fact: die Frau wird in zwei Monaten 58. Die ist älter als ich (siehe oben).
Ich will kein age shaming betreiben. Ich will es nicht auf Eitelkeit und Gefallsucht schieben. Ich will gar nichts beurteilen oder erklären. Ich möchte nur klarstellen, dass ich es nicht nur nicht verstehe – sondern dass ich es nicht verstehen kann. Noch weniger, seit ich es selbst versucht habe (siehe oben).
Warum ist mir als Mann so fremd, was für Frauen so selbstverständlich scheint – mich mit einer optimierten Maske zu präsentieren, die bestenfalls eine idealisierte Version von mir darstellt? Warum empfinden Frauen anscheinend keine Diskrepanz zwischen dem, was sie morgens im Spiegel ansieht, und dem, was sie der Welt zeigen?
Je länger ich drüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Frauen einen ganz anderen Umgang mit ihrer Außenwirkung pflegen (müssen). Schon das tägliche Ritual der Kosmetik ist eine Verwandlung, das Anlegen einer Maske. Die analoge Version eines Beauty-Filters. Erwartet, ermuntert, erkauft. Im Beruf, beim Dating, auf Social Media – die Frau verkauft ein Stück weit immer auch sich selbst, nutzt ihr Aussehen als den Träger und Vermittler ihrer Botschaft.
Ich meine das nicht abfällig, im Gegenteil. Als jemand, der sich nie über sein Äußeres definiert hat, möchte ich mir den daraus resultierenden Druck nicht vorstellen.
Vielleicht ist auch das der Grund, warum Frauen weniger Probleme haben, Beauty-Filter und optimierte Avatare zu verwenden – sie sind die Entfremdung durch die Maskierung gewohnt, vielleicht genießen sie sie sogar (?).
Wenn für die Frauen das Makeup eine analoge Vorstufe zum digitalen Beauty-Filter ist/war, dann müsste die Unsicherheit der Männer eigentlich auch den logischen Weg zurück gehen können. Und in der Tat: schon die Vorstellung, mich mit Lippenstift, Eye Shadow und Rouge zu verschönern, verursacht Frösteln – aus dem gleichen Grund wie die KI: ich sehe mich dahinter nicht mehr.
Das hängt für mich auch elementar mit Fragen nach dem Selbstbild zusammen, dem Selbstvertrauen, der Notwendigkeit einer manipulierbaren Außenwirkung.
Ich glaube nicht, dass wir Männer es grundsätzlich einfacher haben, weil unser "natural look" alles ist, was erwartet wird. Frauen haben durch Makeup sicher auch die Möglichkeit einer Camouflage, sie können damit Aufmerksamkeit erzeugen, aber auch von sich ablenken. Das Makeup ist eine Aussage, eine Absichtserklärung.
Was aber kaum zu bestreiten ist: wir Männer müssen im Ringen um die Gunst des anderen Geschlechts weniger auf die Äußerlichkeiten achten, was zumindest ich als entkrampfend empfinde. Ich bin heilfroh, dass "sauber und rasiert" alles ist, was von meinem Gesicht erwartet wird. Und dass ich gegen das Altern nicht kämpfen muss, weil es kein Vorgang ist, den ich als Malus empfinde. Ich besitze keine der Jugend geschuldete Anziehungskraft, die es verzweifelt zu erhalten gilt. Ich darf altern, anders als Mia Church und viele andere, wie es scheint.
Ich fühle mich mit 57 wohler in meiner Haut als mit 27, innen wie außen.
Ist schon komisch, über was man alles nachdenkt, nur weil man ein ChatGPT-Bild ein bisschen übertrieben aufgehübscht findet…
Ich bin eigentlich jemand, der sehr vorsichtig sein sollte mit Kommentaren zu diesem Thema, denn Aussehen und Erscheinung waren mir noch nie wichtig und ich habe das bei anderen auch noch nie verstanden.
Dennoch ist das Thema "Maskerade" bei mir sehr spannend: Vor gar nicht allzu langer Zeit bekam ich meine eigene Mutter mal ungeschminkt zu Gesicht. Und mein Gedanke war: Wer bist du?
Im Ernst, selbst vor der eigenen Familie schminkt sich meine Mutter so sehr, dass ich über die Jahre nicht gesehen habe, wie sie real aussieht. Das finde ich schon sehr seltsam.
Das Gegenteil ist bei meiner LvA. Sie ist meistens ungeschminkt. Wenn sie dann doch mal MakeUp aufträgt, empfinde ich das irgendwie als falsch und unschön.
Aber am Ende ist es so: Jeder soll seiner Facon nach glücklich werden, ich kann zwar persönliche Meinungen haben, aber Urteile kann, darf und will ich mir nicht erlauben.
Ich treffe ja auch keine Wertung. Ich stelle nur fest.
Ja, habe ich auch nicht so verstanden.
Die von dir angebrachten Gedanken kamen mir genauso, Frauen wurden schon immer viel stärker an ihrem Aussehen gemessen als Partnerin, als das bei Männern der Fall war. Hinzu kommt das in den Medien dargestellte Schönheitsideal, das völlig unerreichbar ist für Frauen mit einem normalen Leben. Das ungesunde Ende dieses Bildes sind dann Magersucht und Depressionen. Frauen haben da aber leider nur "Vorsprung".
Hier ziehen Männer stark nach, praktisch jeder Bewerber, den ich beruflich zu sehen bekomme unter 30 geht ins Fitnessstudio als Hobby und unterzieht sich einer kontinuierlichen Protein Diät um unter 10% Körperfett zu kommen. Es gab da bei Youtube eine interessante Reportage welches Maß an Muskelmasse als idealbild angesehen wurde im Laufe der letzten 50 Jahre.
Wenn man Bruce Willis in Stirb Langsam, Brad Pitt in Fightclub und einen x-beliebigen Schauspieler aus dem Marveluniversum nebeneinander legt sieht man den Unterschied sofort.
Der Konsum verschiedener Steroide ist unter Jugendlichen in den letzten 10 Jahren ist wohl sprunghaft angestiegen, das sind die Auswirkung des Drucks eines nicht erreichbaren Schönheitsideals bei Männern.
Aber echt. Heutzutage machen sich Gen Z-Küken in Social Media über die "Dad bods" von William Shatners Kirk, Adam Wests Batman und Sean Connerys 007 lustig. Damals in den 60ern waren das Inbegriffe schneidiger Mannsbilder.