Filmverbrechen-Fotostory (4):
BOH EH… MANNI! oder:
Die große Schlager-Panade
Themen: Film, TV & Presse, Fotostory |
Was macht ihr denn noch hier?! Der Film ist aus. Geht nach Hause, vergesst eure Jacken nicht, und gebt die leeren Flaschen am Counter ab. Husch husch!
Ach was – BOH EH… MANNI! ist noch gar nicht rum, trotz Nachspann?
Tjahaaa! Regissseur Ferry Schlüter gönnt uns die fetteste Post Credits-Sequenz aller Zeiten. Satte 23 Minutes Bonus-Content, wie man heute sagen würde!
Marvel, eat your heart out!
Leider müsst ihr für den Nachschlag ordentlich schmerzfrei sein. Ich vermute, dass nach dem Unfall von Marc David und den damit verbundenen "Anpassungen" des Films nicht mehr genug Material von den beteiligten Musikanten untergebracht werden konnte. Also klebt man einfach eine Art "Offener Kanal"-Version der bunten Schlager-Parade hinten dran. Ich nutze die Gelegenheit, die Beteiligten noch mal etwas genauer vorzustellen.
Was wurde aus den movers & shakers, den dreamers & makers?
Fangen wir mit "Roy Sanders" an, der sympathischsten Figur und dem sympathischsten Typ aus dem Film. Er bringt seinen Hit "Sugar Baby" noch einmal und in voller Länge zu Gehör:
Exakte 3 Minuten – it’s the Rock’n’Roll way!
Roy hieß eigentlich Dirk Konzack und wurde in und um Dortmund als "der singende Feuerwehrmann" berühmt – wenn man den Begriff "berühmt" relativ weit fasst. Zum Rock’n’Roll kam er durch ein Shakin' Stevens-Konzert in den frühen 80ern. 2000 wurde er bei einem Wettbewerb als einer der zehn besten Elvis-Imitatoren Deutschlands ausgezeichnet. Ein Mann, der die 50er l(i)ebte.
Seine Facebook-Seite gibt es noch – in seinem letzten Eintrag von 2017 berichtet er von einer überstandenen Herzkrankheit. Leider nein: er starb kurz darauf.
Ich kann über den Mann nichts Schlechtes sagen – der gab alles:
Ich wünschte, ich könnte Vergleichbares über Phil Martin aka Öczan Tarakcil sagen, der nun mit ebenfalls gut 3 Minuten nochmal "Oh Baby" schmachten darf:
Das ist eine unsäglich suppige Nummer, die im Schluchzton die Liebe zur mit gesundheitlichen Problemen geborenen Tochter beschwört und sich auch nicht schämt, am Ende das Brabbeln des Kindes einzuspielen. Das ist mir zu manipulativ, zu anbiedernd, und auch zu privat, um in die Mehrzweckhalle gesungen zu werden.
Knorke finde ich aber schon wieder, dass Tarakcil anscheinend heute bei einer internationalen Spedition in Krefeld arbeitet. As is the Ruhrpott way!
Übrigens scheinen die Kompositionen von "Marc David" sich im Zweifelsfall und auf der Reimsuche gerne auf das generische "Baby" zurück zu ziehen, was ein Kind, eine Frau, oder einen Mann meinen kann. Vielleicht auch einen Manta.
Googelt man "Phil Martin" unter seinem echten Namen, findet man ihn primär auf Compilations mit Karnevalsschlagern – u.a. im Duett mit Ralf Möller, den wir bereits als die Person hinter "Marc David" identifiziert haben. Der Song "Apfelmus" ist unschwer als Variante von "Früh-Stück" der Gebrüder Blattschuss zu erkennen:
Ralf Möller selbst ist in den Jahren seit BOH EH auch nicht untätig geblieben und hat seine Kunst in vielen Hotels dem Publikum vorgestellt. Neben Bierzelt-Schunklern hat er sich aber auch durchaus mal an Amigo-esken Seicht-Schlagern versucht – mit erwartbar gänsehautigen Ergebnissen:
So etwas mag seine Zielgruppe haben, aber ich denke da immer nur: "Alder, selbst Pur würde sich für die Nummer schämen!"
Das Duett von "Phil Martin" und Patrischa haben wir bereits als Probe und bei der "TV-Sendung" gehört, aber für die ganze Version investieren wir noch mal 4:30:
Die ganze Bandbreite des Ruhrpott-Weltbilds offenbart sich in der ersten Zeile:
"Allein über die Landstraße zu fahren,
das gibt uns ein Gefühl von Freiheit…"
Das ist zugegebenermaßen etwas flotter und rockiger als die vorher und nachher präsentierten Nummern, aber ich finde keinen Hinweis, dass es jemals auf Platte veröffentlicht wurde. Das Leben ist nicht fair.
Über die Sangeskollegin Patrischa konnte ich auch keine weiteren Infos finden.
Was gedreht wurde, muss auch unter die Leute gebracht werden – das komplette Video zu Mudder Kowalkskis "Ich wohn an der Autobahn" (aka "nanu nanu nanu") ist mit zweieinhalb Minuten erfreulich knapp:
Man darf sich schon mal an den Kopf fassen – die haben die arme Frau echt an einer befahrenen Autobahn Vollplayback singen lassen! Haben die denn aus dem Unfall von Manni rein gar nix gelernt?!
Ich habe mit "Mudder Kowalski" Kontakt aufgenommen. Die Darstellerin/Sängerin erinnert sich an die Aufnahmen wie folgt:
Einmal musste ich an der Autobahn tanzen, so dass einige Zuschauer sogar die Polizei riefen, weil eine Verrückte dort unterwegs war 🙂
Im Nachspann des Film hieß Mudder Kowalski mit Echtnamen noch Erika Tassius – für die angestrebte Karriere als Schlagersängerin legte sie sich das einfacher zu merkende Pseudonym "Lisa Martin" zu. Und ich kann mich nur respektvoll verbeugen – die Frau ist immer noch auf der Bühne zu finden!
Wer sich wundert, dass Erika Tassius/Lisa Martin im YouTube-Video viel besser singt als im Film, der kann sich das von der Dame selbst erklären lassen:
Ich spielte eine Dame, die immer falsch singen musste, denn sie hatte das Ziel, eine große Sängerin zu werden. Ehrlich gesagt, fiel mir das schwer, denn ich habe eine richtige Gesangsausbildung genossen.
So gut schlecht zu sein – eine reife Leistung. Dolle Sache!
Das große Konzert der BOH EH… MANNI!-Stars wäre nicht vollständig ohne erneute diverse "oh baby oh baby"’s von Lydia Menn. Dreieinhalb Minuten Popmusik für die Sekretärinnen und Boutique-Besitzerinnen im Publikum:
Und ja, auch Lydia Menn ist nicht aufgegeben. Die in Polen geborene Sängerin hat ihrer Bio zufolge Gesang in Düsseldorf studiert und das Talent von ihrem Vater geerbt. Dem Aufruf dieses Covers möchte ich jedoch keinesfalls nachkommen:
Ich hätte hier natürlich eins ihrer "originals" präsentieren können, aber da reicht "Du bist mein Stern" völlig aus. Um ihr Talent vollumfänglich einordnen zu können, lohnt sich der direkte Vergleich mit Jennifer Rush:
Wer zu ihr Kontakt aufnehmen will, kann das bei Facebook tun.
Den Rest schaffen wir auch noch! Zugabe von Roy Sanders, der zu dem von "Manni Kowalski" komponierten "In einer Bar" eine Blondine anschmachtet:
Das zweite Duett bringt Marc David und Patrischa zusammen – together at last! Nach "Grenzenlos" ist jetzt alles irgendwie "Atemlos". Ein gesungenes Beziehungsdrama, dem sich Marc David nicht angemessen hingibt, wie ich finde.
Sein Text beginnt übrigens so:
"Atemlos fahr ich durch die Straßen…"
Wir können mittlerweile konstatieren: Das gesamte Weltbild des Ruhrpotts besteht aus Auto, Babys, ist atemlos und grenzenlos, und alle wollen immer ganz schnell wo hin. Man könnte sich aus diesen Versatzstücken einen "Ruhrpop"-Baukasten bauen, der auf Knopfdruck neue Songs oder gar ein "best of" raushaut:
"Atemlos auf der Autobahn,
warum hat mein Baby
mir das angetan?
Ich trete aufs Gas
und überhole rechts,
mir fährt einer drauf,
und ich so – ächz.
Gottseidank ist meine Kasko
wirklich grenzenlos,
den Schaden zahlen andere,
und ich bin froh."
Und damit, DAMIT sind wir endlich raus aus dem Film. Abschalten ist aber nicht, denn eine Texttafel lädt zum Verweilen ein:
Und ja – nach dem, was wir nun zu sehen bekommen, biedert sich hier ein granatenstarker Kandidat für eine weitere Fotostory an:
Die werden das ja nicht ohne Grund schreiben:
Man beachte: man muss den Film nicht sehen, aber gesehen haben!
Das Problem: Dieses Schätzchen, dessen Titel ich euch aus guten Gründen vorenthalte, ist momentan nur unter einem anderen Titel in einer miserablen Hardcore-Fassung erhältlich, die sich für einen feucht-fröhlichen Fernsehabend mit Frank nicht eignet. Wenn ich die Softcore-Fassung ausfindig gemacht habe, sehen wir weiter.
Alle, die bis hierher durchgehalten haben, verdienen eine Belohnung in Form des Fazits dieser Filmverbrechen-Fotostory.
Es lautet: Mein lieber Scholli.
BOH EH… MANNI! ist ein absolutes Novum. Ein Film, bei dem man die ganze Zeit versucht, den Film zu finden, der geplant war – nicht der, der auf dem Bildschirm abläuft. Es ist schmerzhaft offensichtlich, dass die VHS-Version nur eine Art "Notschnitt" darstellt und weitgehend mit heißer Nadel gestrickt werden musste. Der Autounfall von "Marc David" hat alle Möglichkeiten, die beabsichtige Story zu erzählen, ebenso torpediert wie die Möglichkeit, in einem Manta-Film ausreichend Manta zu zeigen.
Andererseits hatte der Manta in Schweigers zweitem MANTA MANTA auch nur einen Gastauftritt, da befindet sich BOH EH also in "guter" Gesellschaft.
Glaube ich, dass BOH EH in der ursprünglich geplanten Fassung ein "besserer" Film geworden wäre? Seien wir brutal ehrlich: nein. Man erkennt in jeder Szene, dass Ferry Schlüter keine Ahnung hatte, was das Wort "Regie" überhaupt bedeutet. Die Kamera besitzt die Kompetenz von auf Video gedrehten Privatpornos der 80er und die meisten Darsteller können uns an keiner Stelle täuschen: hier hat man Amateure gecastet, die noch nie vor der Kamera standen und da auch nicht hin gehören.
Erika Tassius (Mudder Kowalski) beschreibt den Casting-Prozess so:
Ich kam zu diesem Film durch eine Zeitungsannonce, in der eine Hauptdarstellerin gesucht wurde. Daraufhin bin ich zum Casting gereist, der Saal war voll und ich hatte noch meinen kleinen Dackel dabei. Es hatten sich viele Leute angemeldet, auf einmal stand der Regisseur Ferry Schlüter auf und zeigte mit dem Finger zu mir hin. Dabei rief er "Schluss, alles vorbei, ich habe die Hauptdarstellerin gefunden!" So kam ich zu diesem Film 🙂 – ich bekam die Rolle als verkappter Star.
Das ist so hanebüchen wie bezaubernd, irgendwie.
Was aus dem Regisseur Ferry Schlüter wurde, wusste sie allerdings auch nicht.
Ich gestehe aber, dass ich als Düsseldorfer Jong BOH MANNI genossen habe, dass er mich in meine Jugend zurück versetzt hat, und dass er eine geradezu kindliche Begeisterung fürs Filmemachen ausstrahlt, die jedem LISA-Streifen abgeht. Er ist doof, aber ehrlich. Und er ist an keiner Stelle schmierig oder berechnend.
Kann ich ihn deshalb empfehlen? Natürlich nicht. Aber das konntet ihr euch nach dem Review vermutlich schon denken. I watch it so you don’t have to.
Kommentieren dürft und sollt ihr aber gerne. Überschreitet das hier eure Schmerzgrenze? Kann das Entertainment sein? Oder doch lieber wieder LISA?
Ich muss gerade an den Doc denken, der mal meinte, dass solche Filmen den normalen Durchschnittsmenschen und seine Zeit oft viel besser konservieren, als es so mancher Arthaus-Streifen gerne würde…
Das ist korrekt, gerade weil diese Filme kein Geld und kein Talent haben, irgendeine Wirklichkeit zu faken. Die filmen, was ist. Siehe auch den Unterschied der großen UFA-Filme zu den Produktionen von Harry Piel in den 30ern.
Ich sag mal so: Ich lese wirklich alle Filmverbrechen-Beiträge komplett durch und versuche der dargestellten Handlung zu folgen, um an deinen Ausführungen zur oft verquerten Szenerie (Warum jetzt der…wo doch eigentlich…) Spaß zu haben. Aber hier war ich zum ersten Mal nach kurzer Zeit aus Schauspieler- und Rollennamen raus und hatte keine Lust; mir zu merken, wer jetzt wer ist und wer jetzt was aus welchem Grund macht.
Dann lieber LISA 🙂
Also, ich hatte viel Spaß an dieser Obskurität, gerne mehr davon.
Auf LISA habe ich allerdings auch Bock.
Besonders auf RUDI, BENIMM DICH!
Rudi Carrell als Tüftler erfindet einen Roboter, voll funktionstüchtig, aber mit eigenem Metall/Alufolie/Plastikkopf, der gerne mal Ärsche tritt.
Also Gags am laufenden Band sozusagen.
Egal was kommt, ich bin am Start, hehehe.
Einerseits hat mein Kumpel Lukas RUDI, BENIMM DICH! schon sehr schön auf Video besprochen. Und der Film ist ja gewollter Nonsens, da mag viel Kritik einfach abprallen. Andererseits: Lukas' Webseite existiert nicht mehr. Der Platz ist also frei…
Würde vermutlich wegen der "Frisur" gesperrt.
Bitte sag mir, dass der Film den man unbedingt sehen muss Fortune of Flames ist. Damit würde sich der Kreis zu meiner Diskorecherche schließen! nach der Frage zur Diskothek M kam nämlich ziemlich schnell die Antwort, dass sie eigentlich M1 hieß und ich weiß mittlerweile sogar wo sie war und wer der Inhaber war. Und sofort kamen Kommentare, dass da nicht auch Fortune of Flames gedreht wurde…und was soll ich sagen: Ich hätte den Titel nicht in die Suchmaschine eingeben sollen.
Meinst du Flames of Fortune von Sascha Alexander? Der ist es nicht.