13
Jan. 2026

Retro-TV Ultimate Edition: Beste Unterhaltung mit Verfallsdatum

Themen: Film, TV & Presse |

WELCOME TO THE PLEASURE DOME!

Diesen Artikel hätte ich gerne in Ruhe am Wochenende geschrieben, aber mich treibt der Gedanke, dass ich gegen die Zeit arbeite. Wenn nicht jetzt, dann nie?

Ich habe in den letzten Jahren und besonders in den letzten Wochen immer wieder Kanäle vorgestellt, die liebevoll mitgeschnittene Sendungen aus dem deutschen Fernsehen der letzten 60 Jahre bei YouTube online stellen – und dass diese Kanäle früher oder später abgemahnt oder von YouTube stillgelegt werden.

Dass die meisten Links in meinen alten Beiträgen nicht mehr funktionieren, sollte ausreichend belegen, wie konkret das Problem ist.

Nun bin ich in einer Zwickmühle: Wenn ich den perfekten Retro-Kanal gefunden hätte – sollte ich ihn für mich behalten, um durch Diskretion seine Lebensdauer zu verlängern? Oder sollte ich seine Existenz in die Welt posaunen, damit viele Leser teilhaben können, bevor der Spaß ein (fast zwangsweises) Ende hat?

Ihr ahnt, wofür ich mich entschieden habe…

Gestern Abend bin ich über die "Fernseh-Schatztruhe" gestolpert – ein Kanal, der erst seit November existiert und bereits über 500 Videos hochgeladen hat. Ich neige nicht zu Superlativen, aber der Name des Kanals ist Programm und ich glaube kaum, dass man privat eine solche Sammlung perfekter kuratieren kann.

Präsentation: Die Sendungen werden vollständig und in der bestmöglichen Bild- und Tonqualität angeboten. Teilweise erkennbar Aufzeichnungen aus Wiederholungen bei kleineren Nischensendern, oft genug aber augenscheinlich von Originalquellen digitalisiert.

Rückschau: Für Veteranen meines Alters gibt es haufenweise Original-Sendungen. Ein jüngeres Publikum kann sich von diversen "Die 20 besten…" oder "50 Jahre deutsches…"-Kompilationen in die Themen einführen lassen.

Auswahl: "Fernseh-Schatztruhe" präsentiert keine willkürliche Sammlung alter Aufnahmen. Fast immer werden von bekannten Shows die ersten, letzten oder besonders relevanten Episoden gezeigt. Es gibt Folgen mit Skandalen und Tragik, historisch bedeutsame Events und Premieren.

Einordnung: Die Videos sind mit knappen, aber exzellenten Texten zur historischen Relevanz der Sendung und der Beteiligten versehen. So wird die Aufzeichnung von DALLI DALLI am 9.11.1978 dergestalt eingeordnet:

1978 bat Hans Rosenthal das ZDF, "Dalli Dalli" zu verschieben – wegen des Gedenktags zur Reichspogromnacht am 9. November. Doch der Sender blieb stur. Das hatte Folgen.

Der Hinweis ist dezent. "Das war heute am 9. November unsere 75. Sendung", sagt "Dalli Dalli"-Moderator Hans Rosenthal an ebenjenem Tag im Jahr 1978 in die Kamera, winkt noch kurz und verabschiedet sich lächelnd von den Zuschauerinnen und Zuschauern.

Das Datum sagt Rosenthal eigentlich nie an – und auch sonst ist einiges anders in dieser Sendung: Der Showmaster trägt einen schwarzen Anzug, dazu eine dunkle Krawatte mit schwarzen Streifen. Und in den Ratepausen lässt er nicht Schlagersänger auftreten, sondern eine Opernsängerin.

Schließlich ist dieser Tag kein Tag wie jeder andere: Am 9. November 1978 findet zum ersten Mal in der Bundesrepublik eine zentrale, öffentliche Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht statt, dem Auftakt zum Holocaust. Der Zentralrat der Juden hat Repräsentanten aus Politik und Gesellschaft in die Kölner Synagoge geladen, Bundeskanzler Helmut Schmidt spricht, das ZDF überträgt live. Nie zuvor ist landesweit mit Schweigemärschen, Ausstellungen, Vorträgen, TV-Dokus und Radiobeiträgen derart der Opfer der Reichspogromnacht gedacht worden wie 1978. Der Gedenktag war "nicht zu überlesen, nicht zu überhören, nicht zu übersehen", urteilt das Magazin "FUNK-Korrespondenz".

Auch Hans Rosenthal, der beliebteste Quizmaster der Bundesrepublik, wollte an jenem Tag gedenken. 1925 als Sohn einer jüdischen Familie geboren, hatte er als Kind Antisemitismus, Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus miterlebt. Während sein Bruder deportiert und ermordet wurde, überlebte er den Holocaust versteckt in einer Berliner Kleingartenkolonie. Nach dem Krieg engagierte er sich bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, wurde stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden.

Ausgerechnet am Gedenktag des 9. November die spaßige Spielshow "Dalli Dalli" zu moderieren hielt er für wenig angemessen. Deshalb drängte er beim ZDF darauf, so erklärte er später, den Sendetermin zu verschieben – allerdings vergeblich. Rosenthal sei zu empfindlich, entgegnete man ihm in Mainz. "Dalli Dalli" lief nun mal donnerstags, auch wenn dieser auf den 9. November fiel.

Ich habe mir heute Nacht das gesamte Angebot des Kanals angesehen und hätte Tränen der Freude vergießen können. Da sind so viele Perlen dabei, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit dieser Scherzsendung zum 1.April?

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Weil Begeisterung und Paranoia bei mir Hand in Hand gehen, habe ich keine Zeit verschwendet und die 55 Sendungen, die mich am meisten interessieren, auf die Festplatte geladen. 25 Gigabyte, die mir keiner mehr nehmen kann!

Und weil die Sachen gerade noch online sind, zeige ich euch hier ein paar Delikatessen, die mich vor Freude quieken machen wie ein Ferkel.

SPASS AM MONTAG MIT THOMAS UND ZINI: Das Kinderprogramm meiner Jugend. Bunt gemischt, abwechslungsreich, und dank des elektronischen "Wuslons" Zini als hoch modern gelobt. Da vergingen die Nachmittage wie im Flug:

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ABRAMAKABRA: Es gab deutsche Comedy vor NONSTOP NONSENS und SKETCHUP. Diese schwarzhumorige Sendung mit Dieter Hallervorden und Helga Feddersen war bis zu ein paar Komplett-Wiederholungen fast vergessen:

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Besonders spannend diese Fußnote:

Eine erstmalige Neuausstrahlung der Serie erfolgte ab dem 21. März 2021 auf dem Sender One, allerdings wurden in einigen Folgen Kürzungen vorgenommen, um die Inhalte an die heutigen Programmrichtlinien der ARD anzupassen. Einige Sketche wurden vollkommen entfernt, aus anderen wurden Teile entfernt, die laut dem Sender aus heutiger Sicht als rassistisch eingestuft werden können. Das hier ist die Originalfassung.

DIE GIMMICKS: Ähnlich verhält es sich mit den Gimmicks – der Quasi-Nachfolger von KLIMBIM wurde im Fahrwasser des Klimbim-Kults fast vollständig vergessen. Vermutlich fehlten die Brüste von Ingrid Steeger – und Werner Schulze-Erdel (später Moderator u.a. von RUCK ZUCK) war kein angemessener Ersatz:

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VIER STUNDEN VON ELBE 1: Wo wir eben bei Helga Feddersen waren: Ich hatte vor einigen Jahren schon geschrieben, was für eine unterschätzte Autorin und Schauspielerin die auf "schrille Ulknudel" festgelegte Helga war. Nirgendwo kann man das besser sehen als in diesem nüchternen TV-Drama:

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STAR-REVUE 1938: Es macht fassungslos, mit welcher Nonchalance und Süffisanz Peter Weck hier Ausschnitte aus den Unterhaltungsfilmen im Nazideutschland präsentiert. Holocaust hin, Zweiter Weltkrieg her – aber schaut’s mal, wie bezaubernd die Lilian Harvey in engen Hosen aussah:

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Nicht missverstehen – ich bin zutiefst dankbar, wenn auch die Unterhaltung aus der "dunklen Zeit" aufgearbeitet wird. Aber mehr Augenmaß scheint angebracht.

WILLI SCHWABES RUMPELKAMMER: Von dieser DDR-Sendung, die 35 Jahre lang lief, habe ich erst vor ein paar Jahren erfahren. Es ist sehr spannend, wie das ostdeutsche Fernsehen Kulturgut aus vergangenen Zeiten einordnete:

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TALENTSCHUPPEN: Lange vor DEUTSCHLAND SUCHT DEN SUPERSTAR suchte Deutschland bereits den Superstar, wenn auch mit erheblich weniger Aufwand. Dafür langlebiger: "Joy and the hit kids" verdanken wir die großartige Joy Fleming:

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KENNEN SIE KINO?: Der Name der Sendung ist bekannt, aber kaum ein Leser unter 50 dürfte jemals tatsächlich eine Ausgabe gesehen haben. Retrospektiv betrachtet geradezu drollig stoffelig und bieder, aber auch deshalb unterhaltsam:

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PATRIK PACARD: Nun gut, die ZDF-Adventsserien sind nicht sooo selten, aber ich ich war gestern nacht extrem geflasht, wie toll ich PATRIK PACARD immer noch finde. Das war endlich mal kein historisches Abenteuerdrama, sondern eine futuristische Agentenserie mit viel Action und einem tollen Bond-esken Titelsong:

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Ich gestehe, dass ich Jean-Claude Bouillon damals für die Idealbesetzung der John Sinclair-Serie gehalten habe, von der ich nur träumen konnte.

DAS DRITTE REICH: Es geht auch kontroverser. Mit einer umfangreichen 14teiligen Serie versuchte die ARD, den Deutschen 15 Jahre nach dem Kriegsende zu erklären, was schief gelaufen war – und was für eine Scheiße sie zwischen 1933 und 1945 verursacht oder wenigstens zugelassen hatten. Die Kritik sah diese Aufarbeitung kritisch, aber ich finde sie sehr lehrreich und angemessen nüchtern. Vor allem hat das so gar nichts von der überanimierten, knallbunten Doku-Choreographie aktueller Produktionen:

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CLEMENS WILMENROD BITTET ZU TISCH: Gekocht wurde im deutschen Fernsehen in den 50er und 60er Jahren auch. Der legendäre (Schaupieler, nicht Koch) Clemens Wilmenrod brachte uns Tischmanieren bei:

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WIR WARTEN AUF’S CHRISTKIND: Auch bei uns daheim war der Tag vor dem Heiligabend eine eher dröge Angelegenheit. Es gab praktisch nix zu tun, die Eltern waren beschäftigt, vom Plattenspieler dudelte James Last, und wir wollten endlich die Geschenke. Abgelenkt wurden wir mit diesem bunten Programm:

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TREFFPUNKTE: Es gibt auch bezaubernde Kuriositäten zu besichtigen – hier ein Portrait des "neuen" James Bond-Darstellers Roger Moore:

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DIE KRIMISTUNDE: Ein absolutes Novum – eine deutsch produzierte Krimi-Anthologie der Kurzgeschichten des Amerikaners Henry Slesar. Ich war seinerzeit begeistert von der straffen Erzählweise und den (oft) verblüffenden Pointen, auch wenn diese "Amerikaner" irritierend deutsch aussahen:

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STARS IN DER MANEGE: Zum Abschluss eine Sendung, die zur großen Konsens-Unterhaltung für die ganze Familie gezählt werden darf, auch wenn manches davon heute fragwürdig erscheinen mag. Im Grunde genommen DANCING WITH THE STARS, aber mit Zirkusnummern statt Tanz. 2004 wurde ein schönes "best of" präsentiert, bei dem man den "best"-Teil nicht bierernst nehmen sollte:

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All das ist ist Erinnerung für mich, Freude und Schmerz, Spannung und Überraschung. Peter von Zahn erklärte mir die Welt, Rudi Carell machte sich über sie lustig. Fernsehen war mein Leben – und das hier ist wie ein goldenes Album, wie ein Gespräch mit Omas, Tanten und Cousinen: "erinnerst du dich noch…?"

Schaut es euch alles an – auch Hape Kerkelings erste Fernsehsendung und den zehnstündigen BANANAS-Marathon. Schaut euch an, was ich nicht aufgelistet habe, weil es euch mehr interessiert als mich. Vor allem aber: schaut es euch an, bevor es weg ist. Weil ich ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache habe…



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14 Kommentare
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Olaf
Olaf
13. Januar, 2026 13:18

Derjenige hat sicher Zugang zum ARD Archiv. Der ist dumm, dass so zu präsentieren. Die Revision wird in sicher irgendwann erwischen.

Olaf
Olaf
13. Januar, 2026 13:19
Reply to  Olaf

Am besten du löscht auch diesen Post hier wegen der Aufmerksamkeit. Danke.

Esta
Esta
13. Januar, 2026 16:24

Einige Weihnachtsserien wie Patrik Pacard und Nesthäkchen wurden letzten Monat wiederholt und sind deswegen aktuell noch in der Mediathek. Per https://mediathekviewweb.de/#query=patrik%20pacard&everywhere=true gibt es auch Direktlinks für die eigene Kopie.

Thomas Bunzenthal
Thomas Bunzenthal
13. Januar, 2026 21:29

Ich war tatsächlich vor 3 oder 4 Tagen auf dem Kanal, weil ich den Kalle Wirsch von der Augsburger Puppenkiste gucken wollte.

Jetzt bin ich beim Großen Preis.

Ich fand Wim Thoelke immer ungeheuer seriös.

Kosar34
Kosar34
14. Januar, 2026 08:41

Kennen Sie Kino???
Ich dachte alle Folgen wurden gelöscht???
Ich bin echt sprachlos. Habe ich damals immer sehr gerne gesehen.
Unglaublich!!

Kosar34
Kosar34
14. Januar, 2026 08:47

Nachtrag:Kennen Sie Kino:
In meiner Begeisterung habe ich übersehen, das es sich wohl um eine
Videoaufzeichnung handelt. Egal. Echt toll trotzdem.
Die ARD hat wohl alle Folgen mit Helmut Lange gelöscht.
Einige Folgen der Nachfolgesendung mit Rainer Brandt sind wohl noch vorhanden.

Serienfan
Serienfan
14. Januar, 2026 11:01

Den Beitrag würde ich nicht löschen. Löschen würde ich aber das "C" von "Patrick" aus "Patrik Pacard". So viel Respekt sollte vor einem Serienklassiker sein! 🙂

Niquo
Niquo
15. Januar, 2026 10:32

Nun bin ich in einer Zwickmühle: Wenn ich den perfekten Retro-Kanal gefunden hätte – sollte ich ihn für mich behalten, um durch Diskretion seine Lebensdauer zu verlängern? Oder sollte ich seine Existenz in die Welt posaunen, damit viele Leser teilhaben können, bevor der Spaß ein (fast zwangsweises) Ende hat?“…das ist der Hauptgrund warum ich selten Links (hier) weiter gebe.
Doch dein Hinweis darauf „schnell zu sein“, eröffnet mir zumindest eine neue Sicht darauf, in Zukunft dafür offener zu sein.

Wolfgang
Wolfgang
19. Januar, 2026 20:02

Willi Schwabes Rumpelkammer: Die einzige Sendung des Ost-Fernsehens, die bei meinen Eltern (*1927) in West-Berlin regelmäßig eingeschaltet wurde.

Wolfgang
Wolfgang
19. Januar, 2026 20:11
Reply to  Wolfgang

Kam danach nicht etwas mit Karl-Eduard von Schnitz… man musste flink aufstehen, mangels Fernbedienung wurde das Programm ja direkt am Fernsehgerät umgeschaltet.