Premium-TV Sammelreview: Red Eye II, Dept Q, Remnick, Pluribus, Nine Bodies in a Mexican Morgue, Thursday Murder Club, Woman in Cabin 10, Down Cemetery Road
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Es ist mir mittlerweile unmöglich, zu jeder neuen Miniserie einen kompletten Review zu schreiben. Wir erleben eine unfassbare Schwemme an hochwertigen, mit hochkarätigen Stars besetzten Produktionen nicht nur von den Streamern, sondern auch von den klassischen TV-Sendern.
Es etabliert sich, dass abgeschlossene Miniserien bei Erfolg zu ersten "Staffeln" fortlaufender Serien umgedeutet werden – wie Bücher einer Reihe. Das macht den Konsum sehr angenehm, weil man jede "Staffel" separat schauen kann und es kein Problem darstellt, wenn es bis zu den nächsten Folgen mal dauert.
Andererseits bleibt unübersehbar, dass praktisch jede Serie mittlerweile der Unsitte von "Füllepisoden" huldigt, mit denen über Flashbacks oder Recaps noch ein oder zwei Episoden mehr rausgequetscht werden. Mitunter scheint es, als würden Stoffe, die nur für einen Spielfilm langen, gewaltsam auf sechs oder acht Folgen geprügelt. Es ist z.B. möglich, bei PLURIBUS den Inhalt einer kompletten Folge in zwei Zeilen zu beschreiben – mehr passiert nicht. Cliffhanger dran, fertig.
Wie dem auch sei: An dieser Stelle stelle ich gleich acht relativ neue Miniserien und Filme vor, die ich mit der LvA in den letzten Monaten geschaut habe. Standesgemäß sind die meisten davon natürlich britischer Provenienz. Trotz der geäußerten Kritikpunkte kann ich (fast) alle davon vorbehaltlos empfehlen.
RED EYE II
Was es ist: Fortsetzung der britischen Thriller-Serie RED EYE, in der DS Hana Li erneut in einen hochbrisanten Fall verwickelt wird. In der zweiten Staffel gerät sie in ein tödliches Komplott rund um einen Angriff auf die US-Botschaft in London und einen drohenden Sprengstoffanschlag. Zusammen mit einem ehemaligen SAS-Soldaten muss sie Geheimnisse aufdecken und eine Katastrophe verhindern.
Wie es ist: Ähnlich wie HIJACK eine Produktion, die über die originale Story hinaus sicher nie als Serie geplant war. Das macht aber nix, denn auch RED EYE II baut einen hoch spannenden Plot mit vielen Twists in den Korridoren der Macht. Allerdings gilt hier schon wie für die meisten folgenden Titel: es passiert immer exakt, das was passieren muss. Hinweise, Zufälle, Eingebungen bestimmen den Fortgang. Die hohe Dynamik und die dauernde Hochspannung werden mit teils hanebüchenen Taschenspielertricks des Drehbuchs erkauft.
DEPT. Q
Was ist es: Eine britische Krimi-Serie nach Jussi Adler-Olsens Romanreihe, in der Detective Carl Morck eine neue Cold-Case-Einheit aufbaut. Morck und sein Team untersuchen ungelöste Verbrechen und stoßen dabei auf dunkle Geheimnisse. Im ersten Fall geht es um eine verschwundene Staatsanwältin.
Wie es ist: Auch hier wird jedes Klischee des Skandi-Thrillers bedient, vom gebrochenen Ermittler über die düsteren Kleinstadt-Geheimnis bis hin zum Kriminalfall, der jeder Glaubwürdigkeit spottet. Aber deshalb und auch trotzdem ist DEPT. Q hoch spannend. Matthew Goode ist mal wieder eine sichere Bank und es wäre gelacht, wenn Detective Morck nicht weiter zum Einsatz käme.
REMNICK (aka THE LAST FRONTIER)
Was es ist: Thriller-Serie über U.S. Marshall Frank Remnick, der den Einsatz koordiniert, als ein Gefangenentransport in Alaskas Wildnis abstürzt. Bei der Jagd durch die eisige Wildnis wird Remnick von einer CIA-Agentin unterstützt, die ihr eigenes Ziel verfolgt. Die beiden müssen herausfinden, warum die CIA diesen bestimmten Häftling will – und was hinter dem Absturz steckt.
Wie es ist: Schon das Setting im bitterkalten Alaska hebt diese Miniserie aus der Masse hervor. Die klare Animosität zwischen den beiden Ermittlern ist ebenfalls erfrischend – Remnick und Scofield trauen einander aus gutem Grund nicht. Allerdings streckt man die eh schon etwas haarsträubende Handlung mit Nebensträngen über diverse Flüchtlinge auf deutlich zu lange 10 Episoden.
Bemerkenswert ist, wie real die Serie nach Eis und Schnee aussieht – und wie fake das doch alles ist:
Bonus für diese großartige Version des Popklassikers "Classical Gas" – die ist mittlerweile als mein neuer Klingelton installiert:
PLURIBUS
Was es ist: Ein globaler Virusausbruch versetzt die Menschheit in einen kollektiven Bewusstseinszustand. Jeder weiß alles, alle sind glücklich, es gibt keine Individuen mehr. Die Autorin Carol Sturka entdeckt, dass sie und einige wenige andere immun sind und versucht, ihre Liebsten und die Welt zu retten. Während sich die „Others“ ausbreiten, kämpft Carol mit ihren eigenen moralischen und emotionalen Konflikten.
Wie es ist: DIE gefeierte Hitserie des Jahres 2025. Und ja, ich verstehe warum: PLURIBUS erzählt die INVASION OF THE BODY SNATCHERS mit völlig anderen, ungewohnten Blickwinkeln – wir können letztlich nicht mal sicher sein, dass die sperrige Carol die "Gute" der Geschichte ist. Das ist sehr sophisticated und komplett frei von den üblichen Klischees der effekt- und actionlastigen SF-Serien der Streamer. Allerdings wird dieses einzigartig kontemplative Konzept mit 9 Folgen auch sehr gedehnt erzählt und ist nicht immer nahrhaft, zumal der Cliffhanger mich etwas unterwältigt zurückgelassen hat.
Disclaimer: Der LvA hat PLURIBUS gar nichts gegeben. Die Serie wird damit zu den wenigen gehören, die ich ab Staffel 2 alleine schauen muss.
NINE BODIES IN A MEXICAN MORGUE
Was es ist: Mystery-Thriller über neun Leichen, die nach einem Flugzeugabsturz im Dschungel Mexikos in einer Leichenhalle landen. Die Serie erzählt in Rückblenden und wechselnden Perspektiven, wie jede dieser Personen starb. Mit jedem Rückblick werden Verbindungen, Motive und Geheimnisse zwischen den Opfern enthüllt.
Wie es ist: Wieder ein einzigartiges Setting und ein faszinierendes Konstrukt – wenn alle Beteiligten tot sind, wer war dann der Mörder? Ich bewundere das Geschick der Autoren, uns permanent auf falsche Fährten zu führen, während im Hintergrund die Ereignisse recherchiert werden, die zum Absturz führten.
Aber auch hier hätte locker eine Folge weniger gereicht. Den Schauplatz im Dschungel hätte man etwas weniger artifiziell im Studie bauen und beleuchten können – das sieht teilweise nach dem RTL-Flop VERSCHOLLEN aus:
THE THURSDAY MURDER CLUB
Was es ist: Krimikomödie über eine Gruppe pensionierter Hobbyermittler im Rentenheim, die ungelöste Fälle besprechen. Als ein Mord geschieht, nehmen sie die Ermittlungen selbst in die Hand. Mit einer Mischung aus Witz und Herz decken sie ein Netz aus Verbrechen und persönlichen Geschichten auf.
Wie es ist: Hier wird es hakelig. Ja, der Netflix-Film ist hochkarätig besetzt und es ist wirklich eine hoch sympathische Rentnertruppe, die hier in die Fußstapfen von Mrs. Marple tritt. Aber der relativ müde Plot und die sehr biedere Inszenierung rechtfertigen weder den Cast noch den Auftakt einer neuen Filmreihe. Von der BBC und mit etablierten Seriengesichtern hätte ich das vermutlich erheblich besser gefunden. Ein klarer Fall von "zu hohe Erwartungen".
THE WOMAN IN CABIN 10
Was es ist: Eine Journalistin glaubt, während einer Kreuzfahrt auf einer Luxus-Yacht eine Frau in einer Kabine gesehen zu haben, die angeblich nicht existiert. Niemand glaubt ihr, was sie in eine gefährliche Suche nach der Wahrheit treibt. Je näher sie der Aufklärung kommt, desto mehr gerät ihr eigenes Leben in Gefahr.
Wie es ist: Anders als die meisten hier präsentierten Produktionen ist THE WOMAN IN CABIN 10 nicht zu komplex und verwirrend, sondern zu dünn geplottet. Man ahnt nach 20 Minuten, was kommt – und das kommt dann auch. Die gelackte Produktion kann nicht darüber hinweg täuschen, dass hier eine ziemlich dünne Suppe gekocht wird – zumal Knightley eine derartig makellose und integre Superjournalistin spielt, dass ich mitunter die Augen gerollt habe. Die letzte Szene, in der die ganze Redaktion ihr versichert, wie sensationell sie das mal wieder gehandhabt habe, ist "pure cringe".
Da freue ich mich lieber auf die zweite Staffel BLACK DOVES mit Knightley.
DOWN CEMETERY ROAD
Was es ist: Sarah Tucker sucht nach einer Explosion und dem Verschwinden eines Mädchens obsessiv nach Antworten. Sie beauftragt die eigenwillige Privatdetektivin Zoë Boehm, mit der sie bald auf eine tiefgreifende Verschwörung stößt. Gemeinsam decken sie Geheimnisse auf, die weit über einen scheinbaren Nachbarschaftsfall hinausgehen
Wie es ist: That’s more like it! Zwar ist die Handlung von DOWN CEMETERY ROAD auch nicht sensationell, aber diese Serie lebt von zwei herausragenden Darstellerinnen, die ihre schrägen Figuren mit erstaunlich facettenreichen Manierismen spielen. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einem guten und einem exzellenten Cast. Thompson und Wilson heben das Material auf ein gänzlich neues Level. Ich freue mich auf weitere Abenteuer von Zoë und Sarah.
Wir sind für heute durch. Aber es hört ja nicht auf – überraschenderweise steht auf dem TV-Plan für die nächsten Wochen tatsächlich mal wieder eine deutsche Produktion.
Next up:
HIJACK II
THE NIGHT AGENT III
THE NIGHT MANAGER II
AGATHA CHRISTIE’S SEVEN DIALS
UNDER SALT MARSH
FABIAN UND DIE MÖRDERISCHE HOCHZEIT
Nicht eingerechnet, weil als Dauerprogramm fest gebucht: CALL THE MIDWIFE, ALL CREATURES GREAT AND SMALL, LUDWIG, THE GREAT BRITISH BAKE OFF, GRAND DESIGNS, THE BEAR, SLOW HORSES, SHETLAND, und viele andere.
A golden age, indeed…
Wir sehen uns bei Chips & Cola!
Danke für die vielen Tips! "Nine Bodies" habe ich als einzige der erwähnten Serien gesehen. Mir hat es gefallen, eine Art "whodunnit" zum miträtseln, natürlich nicht mit dem Anspruch einer Agatha Christie, aber sehr unterhaltsam. Auf Remnick hab ich jetzt richtig Bock, aber leider kein Apple TV.
Der Überblick zeigt mir, dass ich doch mal wieder Zugang zu Apple TV brauche – würde jetzt gut passen, weil demnächst die neue Staffel von "For All Mankind" startet.
"The Thursday Murder Club" fand ich auch etwas unterwältigend, besonders in Anbetracht des tollen Casts. Gleichzeitig konnte ich mir vorstellen, dass das Ding als Roman wahrscheinlich sogar besser funktioniert. Wie steht der Wortvogel eigentlich zu "Wake up Dead Man", dem neune "Knives Out" Film?
Der Wortvogel hat den zweiten und dritten Knives Out nicht gesehen.
Den Thursday Murder Club-Roman habe ich mir mal spontan als Reiselektüre gekauft, dann aber nie zu Ende gelesen. Der war mir zu gewollt auf schrullig und schmunzelig getrimmt.
Geht mir ähnlich – wenn auch eigentlich nur wegen PLURIBUS. Ich kann die neue Serie von Vince Gilligan nicht liegen lassen. Nur scheue ich mich grade etwas, einen neuen Streamingdienst nur wegen einer Serie zu abonnieren…
Tatsächlich habe ich nur die beiden von Dir besprochenen Filme gesehen.
Deinem Urteil zum Donnerstagskränzchen stimme ich vorbehaltlos zu.
"The Woman in Cabin 10" lässt Du in meinen Augen aber noch viel zu gut weg kommen – ein absolut ärgerliches Machwerk. Nachdem das – ja tatsächlich völlig vorhersehbare – Mysterium bereits zur Mitte des Films gelüftet ist, folgt nur noch eine Aneinanderreihung sinnloser Szenen, um irgendwie die Laufzeit voll zu machen. Dazu kommen die plakativ dümmlichen Geschlechtsstereotypen und die karikaturhafte Überzeichnung sämtlicher "Charaktere". Da reißt auch die Knightley nix mehr raus.
Allgemein halte ich den von Dir angesprochenen Trend, aus jedem Stoff unbedingt eine Miniserie zu machen, für ziemlich unerquicklich und eher kontraproduktiv. Das wirkt oft künstlich gestreckt und mehr nervig als bereichernd. Das liegt zugegebenermaßen auch an meinen Sehgewohnheiten: Ich habe schlicht zu wenig Zeit, mich ständig auf endlose Formate einzulassen – und wenn ich mir schon diese Laufzeit antue, dann will ich wenigstens ordentlich Handlung statt Leerlauf. Außerdem vermisse ich Serien, bei denen eine Folge noch eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt.
Aber wahrscheinlich bin einfach nicht mehr Zielgruppe…
PLURIBUS fanden wir auch nicht so toll und haben abgebrochen bin auch verwundert über die teilweise überschwängliche positive Kritik im Netz. Aber gut Geschmäcker sind verschieden und das ist ja auch gut so.
Also der "Thursday Murder Club" Kritik kann ich so grosso modo zustimmen. Das war alles sehr "paint by numbers" oder wie per Planungskommittee. Aber da hab ich auch Stimmen gehört, daß die zugrundeliegenden Bücher nicht viel anders und schwer overhypet sind, schlichtwegs weil sie vom – zumindest in der Sendung großartigen – Pointless-Co-Presenter Richard Osman sind.
"Dept. Q" fanden wir auch trotz der abgehandelten Klischees toll. Goode iist in Höchstform und sein irakischer (oder iranischer?) Kollege ist uns richtig ans Herz gewachsen. Die zweite Staffel wurde auch direkt von Netflix bestätigt.
Dagegen gefil mir "Thursdays Murder Club" so gar nicht, jede Folge Matlock ist spannender. Das war in meinen Augen komplett vertane Lebenszeit
In den Büchern ist Hafez el-Assad Syrer.
Stimmt, ist er in der Serie auch, hatte ich nur vergessen, weil es schon wieder Monate her ist, dass ich die Serie angeschaut hatte
Wat? So wie der 2000 gestorbene syrische Diktator?
Dept Q fand ich gut, obwohl es eher fleixbel an die Bücher angelehnt ist.
Hat mit den Spielfilmen, ausser den Hauptfiguren nichts zu tun