Kino Kritik: SEND HELP
Themen: Film, TV & Presse, Neues |Darsteller: Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Edyll Ismail, Dennis Haysbert, Xavier Samuel, Chris Pang, Thaneth Warakulnukroh, Emma Raimi u.a.
Story: Die unsichere und sozial scheue Linda hat jahrelang darauf hin gearbeitet, im Großkonzern befördert zu werden. Aber als der Junior Bradley nach dem Tod des Firmenchefs die Leitung übernimmt, befördert er lieber seine Kokskumpel aus der Studentenverbindung. Bei einem Trip nach Bangkok kommt es zu einer Katastrophe und der Jet stürzt ab. Nur Linda und Bradley überleben – und die begeisterte Outdoor-Ausflüglerin und SURVIVOR-Bingewatcherin ist ihrem Boss plötzlich weit überlegen…
Kritik: Sam Raimi geht nun auch schon stramm auf die 70 zu. Our heroes, they are getting old. Er hat den Hardcore-Job des Regisseurs in den letzten Jahren auch deutlich runtergefahren: zwischen 2000 und 2010 drehte er noch fünf Filme, in den letzten 15 Jahren gerade mal zwei. Es sei ihm vergönnt – directing is a young man’s game, but don’t tell Clint Eastwood I said that.
Aus diesem Grund habe ich auch von SEND HELP nicht viel erwartet. Ein Kammerspiel vor tropischer Kulisse, ein sattsam bekanntes Konstrukt (STRANDED, SIX DAYS SEVEN NIGHTS), zwei Darsteller aus Mittelklasse-Segment. Kann man als Thriller umsetzen, als Komödie, als Romanze. Bestenfalls eine Fingerübung für einen Regisseur vom Schlage Sam Raimis.
Tatsächlich beginnt SEND HELP sehr konventionell. Linda und Bradley werden als genau die albernen Klischees eingeführt, die wir 2026 eigentlich überwunden haben sollten: sie als das verhuschte Büromäuschen, er als das großkotzige "nepo baby" ohne echte Lebenserfahrung. Dass BEIDE heute so in den "corporate megastructures" nicht mehr überleben könnten? Geschenkt. Hund & Katz. Oder wie Mark Tinta es ausdrücken würde: "… if they don’t kill each other first!"
Mit der Bruchlandung passiert auch genau das, was zu erwarten ist: Linda kann ihr Survivor-Training voll ausspielen, während Bradley langsam begreift, dass er praktisch keinerlei "life skills" besitzt. Aber zwischen Tropenstürmen, Toilettenwein und Tausendfüsslern offenbaren sich dunklere (An)Triebe…
SEND HELP ist ein verführerisch bunter, sonniger, von humorigen Momenten durchsetzter Thriller, der die Erwartungen der Zuschauer immer wieder geschickt manipuliert, der falsche Fährten legt, ominöse Hinweise einstreut, ohne dabei ein generelles "Mystery" aufzubauen, das aufgelöst werden müsste.
Dabei zeigt sich, dass "the Raimi method" immer noch funktioniert und man selbst bei einer derart glatt polierten Edelproduktion die Handschrift ihres Regisseurs erkennen kann. Comic-esk überzogene Charaktere, rüde splatterige Momente, Slapstick, bitterböse Einschübe, haufenweise "easter eggs", EVIL DEAD-Kamerafahrten, begeistert ausgewalzte Hysterie.
Ein Deadite?!
All das kombiniert sich nicht zu einem neuen Kultfilm. SEND HELP ist nicht EVIL DEAD, nicht DARKMAN, nicht mal SPIDER-MAN. Aber er ist ein gereiftes, mit sicherer Hand inszeniertes Kino-Bonbon für eine maximale Zielgruppe und mit einem großen Gegenwert für das Eintrittsgeld.
Allerdings… allerdings… ich hadere mit dem Finale. Wie bei THE HOUSEMAID wirkt es nicht nur unnatürlich angetackert, sondern dem vorher etablierten Geschehen geradezu zuwider laufend. Als hätte man am letzten Drehtag entschieden, das ursprüngliche Ende abzukürzen und dem Film mit einem neuen Epilog eine andere Message aufzuzwingen, die ihm einfach nicht gut tut.
Das hat mich auf dem Heimweg derart beschäftigt, dass ich in ein, zwei Wochen sicher mal eine "Spoilerzone" zu dem Thema schreiben werde.
Fazit: Ein kommerzieller, rasanter Thriller mit vielen Überraschungen und dem typischen Sam Raimi-Touch.
"Das hat mich auf dem Heimweg derart beschäftigt, dass ich
ichein, zwei Wochen sicher mal eine "Spoilerzone" zu dem Thema schreiben werde."IchFreu mich drauf!Ist korrigiert, danke.
Hm, den wollte ich eigentlich auslassen. Nicht zuletzt wegen dem heute beginnenden HERR DER RINGE Marathon in unserem Kino hier.
Aber jetzt bin ich doch etwas neugierig…
So, hab ihn gestern noch nachgeholt und stimme dem Hausherren zu: Es ist bei weitem nicht Raimis bester, aber der Mann hat´s immer noch drauf und hat sich seinen Stil bewahrt – CGI boars be damned. Die beiden Hauptdarsteller können den Film auch perfekt tragen.
Und auch ich bin mir nicht so ganz sicher, was ich von dem Ende halten soll. Es scheint tatsächlich sehr gegen das zu laufen, was der Film uns bis dahin erzählen wollte…
P.S. "Tropenstürme, Toilettenwein und Tausendfüssler" – Nice! Auch wenn ich schlicht nicht umhin kann, zu bemerken: Das, was in dieser Szene durchs Bild krabbelt ist ein HUNDERTfüssler. Da ich aber praktisch garantieren kann, dass es in diesem Biom auch Tausendfüssler gibt, kann ich das so stehen lassen ; P
Ich wusste das sogar, habe die Realität aber skrupellos von der Alliteration knechten lassen.
Der spießige Biologe in mir will euch sagen, dass das keine "Füssler" sind, sondern "Füßer". Hundertfüßer, Tausendfüßer. Aber nach kurzer Googlesuche wurde mir offenbart, dass man heute auch "Füßler" sagen darf. Naja, was erwarte ich auch in einer Zeit, in der die "Erstmal zu Penny"-Werbung es geschafft hat, aus "Erst mal" ein "Erstmal" zu etablieren. Wilde Zeiten.
Das verdanken wir allerdings nicht Penny. Ich hadere auch mit Sachen wie "soviel".