Kino Kritik: PRIMATE
Themen: Film, TV & Presse |
Story: Lucy kehrt für die Sommerferien zu ihrer Familie nach Hawaii zurück. Ihre Mutter ist an Krebs gestorben, ihr gehörloser Vater von seiner Schriftstellerei abgelenkt. Mit ihren Freundinnen und ihrer Schwester will sich Lucy ein wildes Wochenende im Haus an der Klippe gönnen. Dazu gehört auch Ben, ein hoch intelligenter Schimpanse, den ihre Mutter zu Forschungszwecken in die Familie integriert hatte. Doch etwas stimmt nicht mit dem üblicherweise verspielten und freundlichen Primaten…
Kritik: Sofern ich das richtig überschaue, habe ich seit 2011 satte sieben Filme (this one included) von Johannes Roberts besprochen. Das dürfte ein Rekord sein. Gehen wir meine Fazits (Fazitte?) durch, vielleicht ergibt sich ein stimmiges Bild.
F (2011): Sozialdrama-Slasher, der trotz starker Inszenierung und guten Darstellern am Ende weder Antworten noch eine befriedigende Auflösung bieten kann.
STORAGE 24 (2012): Verkorkste Monsterhatz im Mietkeller, die mit permanenten Nahaufnahmen und Unschärfen nervt und so ziemlich das langweiligste Alien diesseits von "Naked Space" präsentiert. Wer ein Genre nach 20 Jahren wieder aufleben lässt, sollte man wenigstens etwas zu sagen haben – oder die inszenatorischen Spielregeln beherrschen.
47 METERS DOWN (2017): Hai-B-Horror, der sich endlich mal wieder erfreulich ernst nimmt, aber an einem unorganisierten und schlecht umgesetzten Drehbuch krankt. Darsteller und die technische Expertise von Kamera und Effekten hätten Besseres verdient.
THE STRANGERS: PREY AT NIGHT (2018): Der dritte „must see“-Film des Festivals und neben REVENGE ein Streifen, der das ramponierte Image des Fantasy Filmfest ein wenig aufpoliert. Mr. Roberts, John Carpenter und die 80er wären stolz auf sie. Vermutlich.
47 METERS DOWN: UNCAGED (2019): Sauber gemacht und mit vielen neuen Ideen, so dass man Logiklöcher und eine gewisse Hysterie durchaus verzeiht.
RESIDENT EVIL: WELCOME TO RACCOON CITY (2021): Ein auf B-Trash-Niveau für die DVD-Schütte bei Müllers Drogeriemarkt herunter gebrochener eierloser Reboot der Franchise, der statt einer Wiederbelebung eher einer Leichenfledderei gleichkommt.
Daraus lässt sich keine einheitliche Handschrift von Roberts extrapolieren, aber wir erkennen, dass der Mann ein Faible für klassischen B-Horror im Stil von John Carpenter und Stephen King hat. Dass er – wenn losgelassen – auch banale Storys mit Schmackes inszenieren kann. Und dass Musik in seinen Filmen eine wichtige Rolle spielt. Das ist doch schon mal was.
Und siehe – PRIMATE ist so ziemlich die perfekte Essenz dieser Merkmale, ein in seinen Schwächen und Stärken typischer Roberts-Film, der zugleich eine deutliche Weiterentwicklung als Suspense-Regisseur der Carpenter-Schule zeigt.
Man könnte PRIMATE vieles vorhalten und hätte damit Recht: Die Story ist – wie bei Roberts' früheren Filmen – kaum eine Story, mehr ein Setup, das dann über die Laufzeit geschleppt wird. Es werden Charaktere und Beziehungen eingeführt, die im Laufe des Film weder vertieft noch relevant werden. Auch deshalb müssen in der zweiten Hälfte noch ein paar Schwachmaten als Kanonenfutter in den Plot gedengelt werden, weil das magere Konstrukt sonst nicht mal 90 Minuten rechtfertigen würde.
Die Dialoge sind ausschließlich banal(st)e Exposition, die man als Senior-Fan dieser Sorte Film bis aufs Komma vorhersagen kann. Da ist kein genuiner Satz zu finden, der irgendeinen Charakter definiert – und Roberts gönnt sich sogar einen Kopfpatscher von "somehow, Palpatine returned"-Ausmaßen.
Die wenige CGI ist zudem nicht mal auf aktuellem TV-Niveau und ich würde Geld drauf wetten, dass der Prolog vom Ende des ersten Akts vorgezogen (wenn nicht gar ganz neu gedreht) wurde, um den Film schneller in die Puschen zu bringen.
Der Witz an der Sache? All das ist komplett egal, weil PRIMATE ein Tierhorror-Schocker mit lange nicht mehr gesehenen Qualitäten ist, der nach einer kurzen Anlaufphase eine Suspense-Sequenz an die nächste tackert, beim Gore nicht spart, und auch mit seinem Carpenter-esken Synthie-Score das Haus rockt.
Während in dieser Generation viele Filme gute Ideen mitbringen, aber die Umsetzung mit fußlahmer Inszenierung, CGI-Prostitution und Editing-Overkill vergeigen, dreht Roberts den Spieß um: er mag wahrlich nicht viel zu erzählen haben – aber er weiß verdammt genau, WIE man es erzählen muss. Fettfrei, beinhart, geradeaus. Das sitzt einfach.
Die Frage ist legitim, was Roberts mit einem wirklich guten Drehbuch machen könnte. Er scheint allerdings nicht mal nach einem zu suchen.
Wortvogel-Leser wissen, dass ich dem Urteil von Kritikerkollege Mark Tinta fast blind vertraue – seine vier Sterne und sein Fazit zu PRIMATE finde ich allerdings etwas zu überschwänglich:
"I don’t know, guys…if you can’t get behind this one, I’m not sure what it is that you want."
Dennoch: wer mit dem Horror der 80er aufgewachsen ist und Filme vermisst, die schamlos dem Genre huldigen, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern, der darf sich zu PRIMATE gerne eine Bierdose öffnen und die Füße hochlegen.
Fazit: Ein rasanter Remix von CUJO und LINK, der gänzlich oldschool auf die Kacke haut und sich in den Nachspann verpisst, bevor man wirklich mitbekommt, wie dusselig er eigentlich ist. Von dieser Sorte Horror-Schocker gibt es heutzutage einfach zu wenig.
P.S.: In meiner Kritik zu Roberts' RESIDENT EVIL habe ich einen Absatz gefunden, der zu PRIMATE wie die Faust aufs Auge passt:
Ein auch nur brauchbares Skript hätte das miteinander verbunden, hätte ihr irgendein Herrschaftswissen gegeben, irgendeine Abfolge von "A ergibt B und führt zu C". Nix da. Claire kommt, Dinge passieren, Bumm, Affe tot, Klappe zu. Keine Charakterentwicklung, kein Storybogen, keine Twists.
Dafür keine Spoiler-Warnung? :-p
Der gute Ruf von Schimpansen ist ja pure Unser-Charly-Propaganda. In den USA wurde schon mehreren "Besitzern" das Gesicht weggefressen. Eigentlich erstaunlich, dass es 10000 Filme mit "böser Hai" gibt, aber nur so wenige mit "böser Killer-Schimpanse"
Alles eine Image-Frage. Siehe auch Delfine.
Nicht zu vergessen der Ur-Schimpanse im TV: Tarzans Cheetah. Selbst in Planet der Affen waren die Schimpansen die aufgeschlossenen Wissenschaftler. Unser Charly schwimmt da nur so mit.
Da stecken bestimmt Lobbyisten dahinter!
BelYves, der den Film übrigens grandios scheiße findet (der erste "Januar-Stinker" des Jahres), hat erzählt, der Affe ist kein CGI.
Das is’n Typ im Kostüm und der Kopf ist eine Animatronik. Sieht man angeblich daran, dass der Affe immer ein und denselben Geschichtsausdruck in die Kamera hält.
Kompletter Kappes. Ja, der Affe ist KEINE CGI (steht auch in Tintas oben verlinkter Kritik) – und das ist absolut ein Plus, denn man hat nie das Gefühl, dass die Beteiligten mit Pixeln kämpfen.
Na da bin ich mal gespannt, ob und wie lange der bei uns tatsächlich läuft.
Diese Woche erstmal „28 Years later 2“ – da kommt nichts mehr von dir zu, oder?
Nein, die ganze Franchise war nie so meins.