05
Jan. 2026

Flashback auf dem Wahlplakat

Themen: Film, TV & Presse |

Je älter ich werde, desto größer wird die Zahl der Menschen, die ich kennen gelernt und dann wieder aus den Augen verloren habe. Das ist normal. Nicht jeder Bekannte taugt zum Freund, oft kreuzen sich die Pfade kurz und dann nie wieder.

Meine fünf Jahre beim GONG gehören zu den goldenen Erinnerungen, verbunden mit vielen Menschen, an die ich mich teilweise nur vage erinnern kann.

Da war z.B. der Karl, der bei unserer Zeitschrift im Satz gearbeitet hat. Ein netter, robuster Kerl, mit dem man prima ein Bier trinken konnte und der auch ein Faible für Horrorfilme hatte. Er hat mir meinen ersten Kleiderschrank und mein erstes Bett zusammen geschraubt, weil ich handwerklich so unbegabt war. Er wollte keine Gegenleistung dafür, aber ich habe ihm trotzdem eine Dauerkarte für das Fantasy Filmfest (1993?) geschenkt.

Karl kam 1994 (?) zu mir ins Büro, um sich zu verabschieden. Einfach so. Von heute auf morgen. Er hatte von einer Tante, deren Namen er nicht kannte, eine Brauerei in Kanada geerbt. Die wolle er sich jetzt erstmal in Ruhe ansehen. Und weg war er.

Oder nehmen wir Stefan Hofmeir. Ich weiß den Namen noch, hätte ihn aber vermutlich falsch geschrieben. Ein netter, unauffälliger Kollege, Experte für Satelliten-Anlagen, wie sie in den frühen 90ern überall verkauft wurden. Tatsächlich hat Stefan mir damals meine erste Schüssel auf dem Balkon installiert. Das muss 1993 gewesen sein.

Ich kann unsere Bekanntschaft durch einen reinen Zufall fotografisch belegen. Wir sind nämlich schon vorher, vermutlich 1990, als Zuschauer in einer Aufzeichnung der RTL-Sendung DER HEISSE STUHL gelandet. Und als TV-Zeitschrift hatte der GONG natürlich das Equipment, vom Mitschnitt einen Screenshot zu machen, den ich per KI bestmöglich aufgearbeitet habe:

Der dürre Hering mit dem roten Pfeil – das bin ich. Und daneben mit dem grünen Pfeil – das ist Stefan Hofmeir.

Wir haben uns nach meinem Weggang vom GONG relativ schnell aus den Augen verloren. Ein, zweimal mögen wir uns bei Presseterminen über den Weg gelaufen sein. Er hat dann auch für eine Fachzeitschrift zum Thema Satelliten-Anlagen gearbeitet. Mit der Jahrtausendwende ist er endgültig aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich habe seit mindestens 20 Jahren nicht mehr an ihn gedacht.

Bis ich gestern mit der LvA durch Trudering gefahren bin:

Das isser! Der Stefan! Anders als ich sieht er noch EXAKT so aus wie damals. Ich hätte nie gedacht, dass der in die Politik geht. Mit der ÖDP kann ich leben – ich stelle mir mit Grausen vor, wie sein Gesicht auf einem Plakat der AfD ausgesehen hätte. "Öffentlichen Nahverkehr ausbauen" – you go, Stefan!

An dem beliebten Spruch "man sieht sich immer zweimal" scheint was dran zu sein – auch wenn es in diesem Fall ein einseitiges Wiedersehen war.

 



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PabloD
PabloD
5. Januar, 2026 15:52

So jemanden "kenne" ich auch.
In meinem Jahrgang der 3.000-Einwohner-Kaff-Grundschule kurz vor dem Zusammenbruch der DDR (was systemunabhängig bedeutet: jeder kannte jeden inkl. aller weiteren Familienmitglieder 1. Grades der vorherigen und nachfolgenden Generation) war jemand, der wir der Einfachheit halber mal Z nennen.
Z fing als beinahe Einziger aus unserem Jahrgang nicht im örtlichen Sportverein an. Selbst in unserer von Konflikten nicht armen Gruppierung war Z etwas außen vor.
Z ging dann nach der Grundschule nicht wie 99,9% aller Gymnasium-Wechsler auf Gymnasium A sondern auf Gymnasium B und alsbald verlor sich seine Spur. Trotz Mauerfall und den sich bietenden Möglichkeiten (zunächst für die Eltern; später für sich selbst) blieben fast alle aus unserem Jahrgang im ostdeutschen Kaff bzw. der angrenzenden Großstadt. Von Z wusste eigentlich keiner mehr etwas.
Es muss um das Jahr 2010 gewesen sein, als ich nach einem Klassentreffen (Z war nicht da) auch mal nach ihm googelte: Er war mittlerweile (ein?) Vorsitzender der Piratenpartei in Bayern* und hatte sich wohl in bestimmten Internetkreisen unter Pseudonym einen gewissen Namen gemacht.

*was für uns damals nicht weniger exotisch anmutete als Burkina Faso oder die Fiji-Inseln

Last edited 11 Tage zuvor by PabloD
Flossensauger
Flossensauger
5. Januar, 2026 18:46

Anfang der 1990er Jahre:

Um die Zeit zwischen Zivildienstende und Studiumsbeginn zu überbrücken habe ich für sechs Wochen in der lokalen Molkerei gejobt. Als an einem Tag der Betriebstechniker wegen Zahnarzttermin ausfiel hat mich der Geschäftsführer mitgenommen, unter anderem um mir die nächsten Arbeitsaufträge an den Abwasserteichen der Molkerei zu zeigen. In den gut genährten Teichen befanden sich gut genährte Karpfen. Den kleinen Jungen (so 7-8 Jahre), der dort tapfer aber erfolglos am angeln war stellte er mir als seinen Sohn vor, ich habe diesem noch ein paar laienhafte Tipps gegeben.

Nächste Woche gehe ich zum Neujahrsempfang meiner Gemeinde (der ich für meine Wanderjahre 25 Jahre entsprungen war). Der Pimpf ist mittlerweile unser Bürgermeister. Die Molkerei existiert schon lange nicht mehr und an unsere Begegnung wird er sich wohl kaum erinnern können.

McCluskey
McCluskey
5. Januar, 2026 18:54

Weißt du noch, wer damals zu welchem Thema auf dem "Heißen Stuhl" gegrillt wurde? Die Outing-Sendung mit Rosa von Praunheim wird es ja wohl nicht gewesen sein.

Shah
Shah
5. Januar, 2026 19:42

Einfach mal anrufen!

Sonst meine Lieblingsgeschichte dazu:
Ich lerne in Teheran eine Halb-Deutsch/Iranerin kennen. Ein knappes Jahr später sitze ich komplett random in einer Berliner WG und höre von einer Bewohnerin, dass ihre akut absente Mitbewohnerin auch Halb-Deutsch/Iranisch ist und letztens dort war. Long story short: Es war die Bekanntschaft aus Teheran, und kurze Zeit später hat man sich per Videocall den Arsch abgelacht. Teheran oder Berlin, Hauptsache Italien. Oder so.

Sergej
Sergej
5. Januar, 2026 19:48

Zählen auch Todesanzeigen?
Da durfte ich in den letzten rund 14 Monaten diverse Namen lesen, an die ich sehr lange nicht mehr gedacht hatte.
Es fing an mit einem Lehrer aus meiner Mittelstufen-Zeit. Ich selbst hatte ihn nie, einer meiner Geschwister hatte ihn aber an der Oberstufe als LK-Lehrer. Er war Chemielehrer in einer Parallelklasse. Mindestens zwei Halbjahre hatte meine Klassen und die Parallelklasse zur selben Zeit in nebeneinanderliegenden Räumen Chemieunterricht. Manchmal hörte man seine trönende Stimme durch die Wand.
Für diesen Lehrer gab es in der Zeitung verschiedene Todesanzeigen, eine auch von ehemaligen Kollegen. Unter dem Namen waren mindestens 4, die ich selbst als Lehrer hatte bzw. die man halt einfach so kannte.
Einer dieser Lehrer, nennen wir ihn G., was Klassenlehrer der oben genannten Parallelklasse. G. wohnt im selben Ortsteil wie meine Eltern. Diesen Sommer war in der Lokalzeitung ein Artikel über den Förderverein das örtlichen Freibads inklusive Bild der "Vereinschefs", auf diesem Bild war auch Lehrer G.
In die Klasse von Lehrer G. ging ein Schüler, der ebenfalls diesen Sommer verstorben ist. Den Schüler kannte ich so gut oder schlecht, wie man einen Schüler aus einer anderen Klasse kannte. Viel besser kannte ich seine Mutter, die hatte ich nämlich vier Jahre als Lehrerin und sie war auch Klassenlehrerin meiner Schwester.

Jemand aus dem Abiturjahrgang meiner Schwester, dessen Namen ich aus irgendwelchen Gründen behalten habe, war auch bei den Piraten. Der Name ist mir bei einer Bundestagswahl untergekommen. Er war Spitzenkandidat der Piraten in dem Bundesland, indem ich damals lebte. Er gab einer überregionalen Tageszeitungen ein Interview, wie die anderen Spitzenkandidaten auch.

Last edited 11 Tage zuvor by Sergej
Dinozeros
Dinozeros
7. Januar, 2026 02:53

Ihr seht auf dem Foto alle irgendwie creepy aus, BTW.

lostNerd
lostNerd
11. Januar, 2026 13:40

Ich habe vor einigen Jahren mal einen guten Freund aus meiner Grundschulzeit gegooglet. Der Typ hat auf Amazon positive Reviews zu Büchern von Pickup Artists verfasst. Auf eine Kontaktaufnahme habe ich dann lieber gleich verzichtet.