26
Jan. 2026

Fantasy Filmfest White Nights 2026 (8): THE TURKISH COFFEE TABLE

Themen: FF White Nights 2026, FFF: grün, Film, TV & Presse, Neues |

TÜRKEI 2025. REGIE: Can Evrenol

DARSTELLER: Alper Kul, Algi Eke, Özgür Emre Yildirim, Elif Sevinç, Ece Su Uckan, Hatice Aslan

OFFIZIELLE SYNOPSIS: Ein heftiger Ehestreit wird für den frischgebackenen Vater zum größten Albtraum, den er je erlebt hat. Alles beginnt mit einem sensationell scheußlichen Couchtisch, den Ibrahim kauft, obwohl seine Frau strikt dagegen ist. Dies erweist sich als schwerer Fehler. Denn plötzlich geschieht das Undenkbare und Ibrahims trautes Heim verwandelt sich in ein makabres Schlachtfeld. Während er noch verzweifelt versucht, sich an die rapide zerbröselnden Reste seiner geistigen Gesundheit zu klammern und vor seiner Familie eine Fassade von Normalität aufrechtzuerhalten, wartet die blutige Wahrheit nur ein paar Schritte entfernt auf ihre Entdeckung.

KRITIK: Can Evrenol macht es mir nicht einfach. Seinen Regionalhorror BASKIN fand ich beeindruckend, sein Martial Arts-Drama SAYARA vor zwei Jahren hingegen zu platt und seelenlos. Bei seinen Auftritten und Videobotschaften wirkt der Mann auf mich unangenehm angeberisch oder zumindest etwas selbstverliebt.

Nun versucht sich Evrenol an einem Remake des spanischen THE COFFEE TABLE von 2022, inszeniert als Kammerspiel mit den vermutlich kürzesten Credits der FFF-Geschichte. Ehrlich, ihr seid noch nicht am Kinoausgang, bevor der Nachspann rum ist. Respekt?

Ibrahim ist attraktiv und erfolgreich, aber dennoch ein klares Beta-Männchen, domestiziert von seiner zeternden Ehefrau Zehra und sexuell drangsaliert von der frühreifen Nachbarstochter und der überreifen Antiquitätenhändlerin. Seine Antwort auf die permanente Beschallung seines Hirn: abschalten, schweigen, aussitzen. Der "Zwischenfall" mit dem Tisch und dem Baby bringt ihn allerdings in eine Situation, in der er nicht mehr darauf hoffen kann, dass sich das alles irgendwie in Wohlgefallen auflösen wird. Der Rest des Tages ist ein Dampfkocher, der unter dem zunehmenden Druck zwangsläufig explodieren muss.

Ich gestehe: man braucht ein wenig, um reinzukommen, gerade weil uns Evrenol zu Mitleidenden von Ibrahims Qualen macht. Die Weiber um ihn herum sind unsäglich, dauernd plappernde, gierige, jedes Selbst-Bewusstsein mangelnde Schnepfen auf der Suche nach Sex und Status. Man möchte sich mitunter die Ohren zuhalten.

Aber das ist gewollt: Wir sollen verstehen, warum Ibrahim so völlig katatonisch reagiert, warum er sich komplett zurück zieht, als könne er ignorieren, was gerade sein Leben zerstört. Er hat gelernt, dass sich alles weg-ignorieren lässt – und seine Programmierung greift selbst in Extremsituationen noch.

Im Verlauf der erfreulich knappen 90 Minuten wird das gemeinsame Essen mit dem Bruder und seiner schwangeren Freundin zur Qual, denn nur wir und Ibrahim wissen, was sich nicht ewig wird verheimlichen lassen.

Besonders spannend finde ich dabei auch den Einblick in die säkular-muslimische obere Mittelklasse, die der Film erlaubt. Hier werden uralte Rituale, Erwartungen und antrainierte Verhaltensweisen zwischen Netflix und WhatsApp gelebt, was für Außenstehende Brüche signalisiert, die die Beteiligen nicht wahrnehmen (können? wollen?).

Mehr will ich gar nicht verraten, zumal Evrenol dem Film ein anderes Ende angedeihen lässt als die Vorlage, was ihn vermutlich auch für Kenner des Originals interessant machen dürfte.

FAZIT: Ein eskalierendes Dinner-Drama, gleichzeitig zutiefst schockierend und böse lustig. Ein deutsches Remake mit Christoph Maria Herbst und Karoline Herfurth ist vermutlich unausweichlich. 8 von 10 Punkten.

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