Fantasy Filmfest White Nights 2026 (6): DECORADO
Themen: FF White Nights 2026, FFF: grün, Film, TV & Presse, Neues |
SPRECHER: Asier Hormaza, Aintzane Gamiz, Kandido Uranga, Mikel Garmendia, José Felipe Auzmendi
OFFIZIELLE SYNOPSIS: Arnold empfindet ein Gefühl der Entfremdung. Der Mäuserich steckt in der Krise, seine Welt wirkt seit kurzem wie eine künstliche Theaterkulisse. Während seine Partnerin María als Alleinverdienerin kämpft, irrt der Arme verwirrt durch ein zunehmend düsteres Märchenland aus ZOOTOPIA, THE MATRIX und THE TRUMAN SHOW. Alles scheint fremdgesteuert von der allmächtigen Firma A.L.M.A., in deren Raster man entweder funktioniert oder verschwindet. Als es seinen engsten Freunden an den Kragen geht, fasst Arnold endlich den Mut nachzuforschen, was es mit seiner Paranoia auf sich hat.
KRITIK: Es ist bekannt, dass ich mich vorab so wenig wie möglich über die Filme informiere, um "frisch" ins Kino zu gehen. Das ist noch einfacher geworden, seit ich die Vorlagen für die Reviews mit den Stab- und Inhaltsangaben von KI erstellen lassen. So kam es, dass ich zu DECORADO nur flüchtige Sätze gelesen hatte: Irgendwas mit Mäusen, die das Gefühl haben, dass ihre Welt nicht real ist.
Da hatte ich plötzlich ganz hässliche Visionen von DIE HUNDE SIND LOS und WATERSHIP DOWN – es drängte sich der Verdacht auf, dass die Mäuse Versuchstiere sind, die ihre Laborumgebung erstmals als Käfig begreifen und sich selbst als Testsubjekte. Genau die Sorte Downer, die ich gerne vermeide.
Glücklicherweise irre ich mich manchmal und in diesem Fall habe ich mich geirrt.
DECORADO ist vielmehr eine Parabel über den Kapitalismus, die Industriegesellschaft, und unsere Rolle darin sowie die Mitschuld daran. Wie viel Authentizität erlaubt ein Leben, das ausschließlich aus systembedingten Zwängen besteht? Wie viel Anpassung ist nötig, möglich, tödlich? Oder wie es der Film selber ausdrückt: "Es ist nicht gesund, sich einer kranken Gesellschaft anzupassen."
Das klingt jetzt sehr depri, ist es aber über weite Strecken nicht, denn wir glauben an den Mäuserich Arnold, der sich in einer gleichzeitig dystopischen wie vielfältig bunten Welt auf die Reise macht, um nach dem Verbleib seiner Liebe und seiner Träume zu suchen. Jedes der Tiere, denen er begegnet, ist Nachbar und Stellvertreter, repräsentiert eine Facette von Widerstand oder Unterwerfung.
So wie JOJO RABBIT die Zeit des Nationalsozialismus in eine scheinbar naive Kindergeschichte packt, so erzählt DECORADO von Sinn und Sünden des Kapitalismus nur scheinbar oberflächlich. Wer genau hinschaut, entdeckt Kontext und Subtext, ohne dass er zu einer banalen Erkenntnis oder einem verführerischen, aber verlogenen Happy End geführt wird. DECORADO beschreibt, was ist – er weiß auch nicht, was zu tun ist. Diese Offenheit macht ihn potent.
Man könnte die Kapitalismuskritik antiquiert oder redundant finden, wenn sie nicht gerade jetzt wieder so aktuell und notwendig wäre. Das ist nicht immer angenehm oder bequem, aber im Kern getragen von einem bemerkenswerten Humanismus, der in diesen Zeiten gebraucht wird.
Ah, eindeutig ein Vázquez. Hab seit 14 Jahren den tollen Birdboy von ihm im Blog (https://denkfabrikblog.de/2012/01/24/alles-wird-schlimmer/), aus dem er später nen Kinofilm gemacht hat. Könnte dir auch gefallen.
Hätte mich nicht gewundert, wenn er für den neuen Film Steve Cutts ins Boot geholt hätte.
Puuh, bei dem habe ich mich sehr schwer getan. Objektiv ist es ein guter Film mit notwendigen Fragen und erwartungsgemäß schwierigen Antworten. Subjektiv fand ich ihn schwer zu ertragen – eben weil er in allen Facetten so hochaktuell ist. Hat man, wie ich, den Fehler begannen, kurz vor dem Filmbeginn nochmal die aktuellen Nachrichten zu lesen, kommen einem beim Anblick der Hunde sehr düstere ICE-Bilder in den Kopf. Ich konnte mich deswegen leider nicht auf den handwerklich sicherlich toll gemachten Film einlassen. Ich weiß es nicht, entweder ist es der Film zur rechten Zeit – oder komplett falsch ge-time-t.