Fantasy Filmfest White Nights 2026 (3): THE HOLY BOY
Themen: FF White Nights 2026, FFF: grün, Film, TV & Presse, Neues |
DARSTELLER: Michele Riondino, Romana Maggiora Vergano, Paolo Pierobon, Roberto Citran, Giulio Feltri
OFFIZIELLE SYNOPSIS:
Remis gilt nicht umsonst als das glücklichste Dorf Italiens: Traurigkeit ist hier unbekannt und die Einheimischen sind geradezu verbissen freundlich, auch zu Fremden wie Sergio, der gerade erst als Vertretungslehrer in das abgelegene Örtchen gekommen ist. Doch er spürt vom ersten Moment an, dass hier Unheimliches vor sich geht. Was ist das für ein seltsames Ritual, zu dem man sich jede Woche versammelt? Und welche Rolle spielt der schüchterne Teenager Matteo dabei? Sergio stößt auf eine finstere Tradition, deren Ursprung niemand hinterfragt – und deren Preis er bald selbst zu spüren bekommt. Nicht alle, die lächeln, führen Gutes im Schilde.
KRITIK: Die Inhaltsangabe lässt den Film verführerisch stringent aussehen – als würde Sergio einen bösen Kult entlarven, der die Menschen zu immer grinsenden Zombies macht, die jeden Neuling gnadenlos in ihren Zirkel zerren ("George A. Romeros SÜDTIROL"). Aber damit wird man THE HOLY BOY (der Originaltitel heißt übersetzt effektiver DAS TAL DES LÄCHELNS) nicht gerecht. Er ist, wie das Programmheft und der Veranstalter vorab bereits andeuteten, komplexer und vielschichtiger – eine zweistündige Reise in eine verschworene Gemeinschaft, die sich in einen Zustand permanenter emotionaler Abhängigkeit begeben hat, weil die individuelle Konfrontation mit Schuld und Schmerz zu viel zu ertragen war.
Das ist weitgehend frei von gut und böse, von Protagonisten und Antagonisten. Regisseur Strippoli zeigt perfekt, dass wir nicht nur die Produkte unserer Umwelt sind, sondern von ihr auch in Rollen gepresst werden, die nach außen fragwürdig, aber nach innen zwingend sind. Ausbruch ist destruktiv.
Und so ist Sergio auch nicht einfach der typische filmische Außenseiter, der die düstere Wahrheit der Gemeinschaft entlarvt und damit einen Neuanfang ermöglicht (oder auch nicht – siehe WICKER MAN). Er ist gleichsam ein stumpfes Messer, das in guter Absicht in fremden Wunden säbelt, um die eigenen zu rechtfertigen.
Nach einer guten Stunde glaubt man, die Zusammenhänge verstanden zu haben. Und dann beginnt Strippoli, mit jeder Szene eine neue Facette zu zeigen, eine neue Schale dieser filmischen Zwiebel. Jede scheinbar positive Handlung hat einen düsteren Hintergrund, der auf einem Fundament aus Schmerz steht.
Zugegeben, das braucht seine Zeit und ich war lange nicht sicher, ob diese Form von langsam erzähltem "spiritual horror" meine Synapsen aktivieren kann. Aber tatsächlich entwickelt THE HOLY BOY einen erstaunlichen Sog und das, was am Anfang vage und fahrig scheint, wird zu einem packenden Alptraum zementiert, dessen Ende man trefflich diskutieren kann.
Hmmmm…ist mal vorgemerkt.